Thomas Rietzschel / 20.09.2016 / 14:35 / 6 / Seite ausdrucken

Merkels gefühlte Sicherheit

Hurra! Angela Merkel hat jetzt die menschliche Größe besessen, eigene Fehler einzugestehen. Man kann, man darf ihr doch vertrauen. Und wie groß muss erst das Vertrauen der Kanzlerin zu uns sein, da sie frei heraus zugab: „Wenn ich könnte, würde ich die Zeit um viele, viele Jahre zurückspulen.“ Wer hätte das noch vor wenigen Tagen geglaubt. Wer hätte sich vorstellen können, dass die mächtigste Frau der Welt nicht mächtig genug ist, nach Belieben über den Lauf der Zeit zu verfügen. Wahrlich, hier hat sich eine Seele offenbart, ein Mensch wie Du und Ich.

Wir sind zu Tränen gerührt. Es ist zum Heulen, mit welchem Schmus wir da abermals für dumm verkauft werden. Denn tatsächlich hat die Bundeskanzlerin keinen Zweifel daran aufkommen lassen, dass auch weiterhin alles beim alten bleibt, in der Flüchtlings-, in der Energie- und in der Europapolitik. Von politischen Fehlern, die sie korrigieren müsste, war nicht die Rede. Kein Gedanke daran, dass die Regierung zukünftig mehr darauf achten müsste, was das Volk von seinen politischen Angestellten erwartet. 

"Wir müssen uns selbst übertreffen, auch ich."

Ganz im Gegenteil soll es gelingen, die Bürger fortan widerspruchsloser auf Linie zu bringen, den kleinen Dummerchen besser zu „vermitteln“, was sie zu schlucken haben, weil es die Politik so will. Dass man es daran, an der nötigen Gehirnwäsche, habe fehlen lassen, gab die Kanzlerin gern zu. Mit anderen Worten, bei der Indoktrination und der Propaganda ist nicht alles so gelaufen, wie es hätte laufen müssen. Da ist die einstige FDJ-Aktivistin mehr Zucht und Ordnung gewöhnt. Zukünftig will sie sich „gerne darum bemühen“, Versäumtes auf diesem Gebiet nachzuholen.

Zweifel an ihrer Berufung quälen sie heute so wenig vor einem Jahr. Weiter spricht sie, als habe sie die Vorsehung zum Medium des Weltgeistes erkoren, so wenn sie uns etwa versichert: „Ich habe das absolut sichere Gefühl, dass wir aus der zugegeben komplizierten Phase besser herauskommen werden, als wir in diese hineingegangen sind.“ Oder wenn sie sagt: "Wir müssen uns selbst übertreffen, auch ich." Nun ja, dann brauchen wir uns wohl weiter keine Sorgen machen, nur fest an die heilige Angela glauben. Mit ihrer gefühlten Sicherheit steht sie für unser aller Zukunft ein.

Wer mit solchem Gesumms auf Stimmenfang geht, muss entweder die Bürger bereits für völlig verblödet halten oder selbst schon bis zur Unzurechnungsfähigkeit geistig verarmt sein, so angeschlagen wie der Genosse Honecker, als er im Sommer 1989 klarstellte: „Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf.“  Auch dabei handelte es sich schließlich um den Ausdruck eines Gefühls. Lange getragen hat es nicht mehr; nur der doofe Rest wollte es noch teilen. So wenig wie sich die Zeit zurückspulen lässt, lässt sie sich aufhalten, schon gar nicht durch demagogische inszenierte Gefühlsduseleien. Mit jedem Tag, der vergeht, Frau Bundeskanzlerin, rückt auch ihre nächste Wahl einen Tag näher.

Bei Philippi sehen wir uns wieder.

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Leserpost

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Klaus Peter / 21.09.2016

Ich befürchte, den letzten Satz hat “Frau Bundeskanzlerin” gar nicht verstanden! Vielleicht muss ihr deshalb diesen noch jemand “besser erklären”, sowie sie uns ihre “Politik” noch besser erkären muss, damit wir Dummies diese endlich verstehen.

Rainer Kaufmann / 21.09.2016

Fehlt nur noch: “Ich liebe doch alle” aus dem Mund von Merkel. Dann ist es soweit.

Karla Kuhn / 20.09.2016

“Zukünftig will sie sich „gerne darum bemühen“, Versäumtes auf diesem Gebiet nachzuholen.” Aha und wie bitteschön will die Dame das bewerkstelligen? Hinter jeden, der diese “wunderbare Wortwahl und die angekündigten Taten nicht ernst nimmt eine IM Victoria stellen ? Lieber Gott, laß es nur ein Albtraum sein. Da kommt mir ja direkt der Gedanke, Herrn Kohl, der auch nicht gerade mein “Liebling” war um Verzeihung zu bitten. Er hatte wenigsten das eigen Volk im Auge !! Irgendwann fällt der letzte Vorhang.

Andreas Horn / 20.09.2016

Philippi, Herr Rietzschel ? Ja, wahrscheinlich wird sich diese tiefgreifende Problem nicht anders lösen lassen. Doch ob der Bürger noch die dafür notwendigen Legionen zusammenbekommt, bzw. sich selbst bei Philippi einfindet, ist wohl bei der gegenwärtigen Trägheit zu bezweifeln. Liebe Grüsse

Herbert Wolkenspalter / 20.09.2016

Köstlich! Danke für den schönen Artikel. Mit so viel Einfühlungsvermögen geschrieben!

Herbert Dietl / 20.09.2016

“Bei Philippi sehen wir uns wieder.” Wer soll den der Brutus sein, bitteschön?

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