Henryk M. Broder / 19.05.2016 / 14:04 / 2 / Seite ausdrucken

Merkel, das gelöste Rätsel

Das Rätsel ist gelöst. Seit Monaten, genauer: seit dem 4. September letzten Jahres, als Angela Merkel die deutschen Grenzschützer anwies, alle hereinzulassen, die Einlass begehrten, wird darüber spekuliert, was die Kanzlerin zu dieser Entscheidung bewogen hat. War es das Gefühl des Mitleids für die Schutzsuchenden, ein sehr christlicher Impuls?

Was es ein Ausrutscher wie der von Günter Schabowski vor 27 Jahren, der zum Fall der Berliner Mauer führte? War es die nachgeholte mütterliche Geste einer kinderlosen Frau?  Inzwischen wissen wir es. Es war weder das eine noch das andere. Es war reines Kalkül.

Letzte Woche fand in Berlin zum 19. Mal das „Europa-Forum“ des WDR statt, in sehr prominenter Besetzung.

Mit dem Präsidenten der Europäischen Kommission, Juncker, dem Präsidenten des Europäischen Parlaments, Schulz, und dem Präsidenten des Europäischen Rates, Tusk. In dieser Runde derjenigen, die in Europa das Sagen haben, durfte auch die Kanzlerin nicht fehlen.

Sie hielt einen halbstündigen Monolog, der nur von Fragen ihrer Stichwortgeber, dem Intendanten des WDR, Tom Buhrow, und dem Generaldirektor der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft, Roger de Weck, unterbrochen wurde. Dabei sagte die Kanzlerin unter anderem einen seltsamen Satz: „Mit 80 Millionen kommen Sie auch nicht besonders weit in dieser Welt.“ Sie meinte damit nicht 80 Millionen Euro. Franken oder Dollar, sie meinte 80 Millionen Deutsche. Wenn die sich aber mit den anderen Europäern „auf eine gemeinsame Position einigen“ würden, dann wäre das „immerhin doch eine schlagkräftige Truppe“, die sich „in einer globalen Welt“ behaupten könnte.

So ähnlich hat es Kaiser Wilhelm II vor 116 Jahren formuliert, als er in Bremerhaven ein deutsches Expe-ditionskorps verabschiedete, das die Boxeraufstände in China niederschlagen sollte. Nie wieder sollte es ein Chinese wagen, „einen Deutschen auch nur scheel anzusehen!“

Damals galt es, den verloren gegangenen Respekt gegenüber Deutschland wiederherzustellen, heute soll die EU unter deutscher Führung zu einer „schlagkräftigen Truppe“ ausgebaut werden. Weil wir aber nur 80 Millionen sind, brauchen wir Zuwanderung.

Das ist der neue deutsche Kolonialismus a la Merkel.

Zuerst erschienen in der Züricher Weltwoche 

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Leserpost

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Stefan Zander / 20.05.2016

Na ja, Sie Hr. Broder unterstellen Kalkül. Allerdings, und das wissen Sie auch, kann die Aussage „Mit 80 Millionen kommen Sie auch nicht besonders weit in dieser Welt” auch durchaus als wirtschaftliche Argumentation in einer globalisierten Welt gesehen werden. Damit läge Frau Merkel ja auch nicht falsch. Es gibt viele Gründe die Bundesregierung und speziell Frau Merkel zu kritisieren. Gründe die auch nachvollziehbar und plausibel erklärbar und mit Argumenten belegbar sind. Das gehört aber nicht dazu. Sorry.

Marianne Hansen / 19.05.2016

Mit dieser Ideologie ist Merkel aber nicht alleine. Auch Altkanzler Helmut Schmidt hatte immer wieder die Notwendigkeit einer noch größeren Verschmelzung der Nationalstaaten in der EU betont, damit wir uns global gegen China usw. “behaupten” könnten. Ich habe das nie verstanden. Zum Einen erinnerte es mich an Großmachtdenken und zum Anderen fragte ich mich, was denn eigentlich passieren soll, wenn Deutschland sich als Nationalstaat so wie Japan verhielte, das auch nicht einem Staatenbund angehört. Droht Japan permanent die militärische Invasion, weil es alleine zu klein ist? Falls ja, gibt es dafür in Europa ja die NATO, nicht die EU. Auch wirtschaftlich überlebt dieses Land mit eigener Währung, die es nicht mit anderen teilt. Die EU mag bestenfalls große politische und wirtschaftliche Vorteile bringen, aber warum soll Deutschland sich überhaupt “behaupten” müssen (gegenüber wem und worin?)? Die Schweiz zeigt, dass es anders geht.

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