Burkhard Müller-Ullrich / 26.09.2011 / 12:22 / 0 / Seite ausdrucken

Menschenrechts-Logo

Ein beliebtes politisches Gesellschaftsspiel geht so: mehrere Teilnehmer streiten sich, und wer zuerst „Menschenrechte“ sagt, hat gewonnen. „Menschenrechte“ ist das ultimative Universalschlagwort, die Wunderwaffe im Kampf um die moralische Vormachtstellung. Mit der Berufung auf Menschenrechte kann man alles erreichen, zum Beispiel die Zahlung von Schmerzensgeld an einen Kindesmörder, der beim Polizeiverhör psychisch unter Druck gesetzt wurde. Oder das unbehelligte Töten von Homosexuellen und Steinigen von Ehebrecherinnen nach den Vorschriften der Scharia, weil der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen von islamischen Diktaturen wie dem Iran oder Saudi-Arabien dominiert wird.

Gerade Letzteres ist so skandalös, daß man von der Uno in Sachen Menschenrechte lieber nichts mehr hören wollte, aber genau in solchen peinlichen Momenten kommt Guido Westerwelle angetrottet und zündet auf der leeren Weltbühne seinen nächsten außenministeriellen Knallfrosch. Einen Menschenrechts-Designwettbewerb rief er vor knapp fünf Monaten aus, denn wenn zur Förderung der Menschenrechte auf der Erde noch etwas Wesentliches fehlte, dann war es ein Logo, ein Signet, ein Piktogramm, ein grafisches Zeichen, das jedem, dem die vier Silben oder vierzehn Buchstaben von „Menschenrechte“ zu viel oder zu lang sind, auf Anhieb signalisiert, worum es geht.

So wie der Begriff „Menschenrechte“ selbst nur ein Zeichen für absolutes politisches Rechthaben ist, so kann das Menschenrechtslogo die absolute Superiorität dessen, der es verwendet, dokumentieren. Aber wie sollte dieses Logo aussehen? Alle Völker waren aufgefordert, sich per Internet mit Vorschlägen zu beteiligen, und trotz des eher bescheidenen Preisgeldes von 5000 Euro kniete sich die globale Designerszene tief in die Aufgabe hinein. Denn natürlich ist es für jeden Grafiker reizvoll, etwas zu kreieren, das Uno-weit verbreitet und als Zeichen des schlechthin Guten angesehen wird.

So gab es angeblich mehr als 15.000 Einreichungen, unter denen sich auch der siegreiche Entwurf des in Belgrad lebenden Predrag Štaki? befand. Es ist eine Hand mit abgewinkeltem Daumen und gespreizten Fingern, die auf den ersten Blick „Stop“ signalisiert. Zugleich ist es ein Vogel, vermutlich die dem Islam fremde Friedenstaube des Alten Testaments, denn die gespreizten Finger können ebenso Flügelfedern sein, und der abgewinkelte Daumen erscheint als Kopf des Tieres, dessen Bauch der Handballen bildet – ein grafisch elegant ausgeführtes Vexierbild, das allerdings einen schwerwiegenden praktischen Nachteil hat: ohne Schablone kann es niemand nachmachen – im Gegensatz beispielsweise zum dreibeinigen „Peace“-Symbol der Friedensbewegung, das jedes Kind zu malen imstande ist. Und gerade das wäre wichtig, wenn das Logo denn wirklich einen (wie es heißt) „Beitrag zur weltweiten Verbreitung und Durchsetzung von Menschenrechten“ leisten soll.

Wie soll das denn gehen? Diese Formulierung ist das eigentlich Anstößige an dem ganzen Projekt. Sie zeigt die ganze Plattheit der dahinterstehenden Gesinnung. Sie besteht aus genau jenem politischen Sprachschaum, den Leute wie Westerwelle problemlos aus Vokabeln wie Beitrag, Verbreitung, Durchsetzung und Menschenrechte erzeugen, sodaß auch etwas so völlig anderes wie ein Stück Gebrauchsgrafik da noch obenauf schwimmt. Daß die Menschenrechte weltweit mit Füßen getreten werden, liegt ja nicht zuletzt an Politikern, die die Inkommensurabilität zwischen einer Sache und einem Symbol, zwischen einem Piktogramm und einer Freiheitsbewegung gar nicht erkennen, sondern Politik mit irgendeiner Form von Schick verwechseln und Ethik locker mit Ästhetik. Diese Vermischung von Menschenrechtsindustrie und Kulturwirtschaft hat jetzt ein neues Logo: es ist blau, es riecht nach Vereinten Nationen und es hat ein durchaus nihilistisches Feeling – den echten Touch des Nichts.

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Paypal via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Burkhard Müller-Ullrich / 29.12.2021 / 12:00 / 104

Hausverbot für Reitschuster, Platzverweis für Broder

Ein kurzer Blick hinter die Kulissen der Bundespressekonferenz, einer Berliner NGO mit der Lizenz zum Ausgrenzen. Jetzt hat sie zwei Querulanten gemaßregelt, Reitschuster und Broder.…/ mehr

Burkhard Müller-Ullrich / 23.02.2020 / 10:00 / 13

Rücken im Museum - Risiken und Nebenwirkungen von Kunstausstellungen

Das schöne Wort Idiopathie bedeutet: Der Arzt weiß einfach nicht, an was für einer Krankheit Sie leiden. Rückenschmerzen beispielsweise können von klapprigen Bandscheiben kommen, aber…/ mehr

Burkhard Müller-Ullrich / 19.01.2020 / 06:29 / 56

Zum Tod von Roger Scruton: Wie man einen Denker erledigt

Für einen 24-Jährigen, der 1968 mitten im Pariser Quartier Latin die Mai-Revolte miterlebte, gehörte eine riesige Portion geistiger Eigenständigkeit dazu, die Ereignisse als das zu…/ mehr

Burkhard Müller-Ullrich / 30.12.2019 / 06:24 / 236

Kommunikations-Desaster beim WDR – Der Originaltext im Wortlaut

Die deutsche Rundfunkgeschichte bekommt in diesen Tagen ein neues Kapitel, das man noch lange studieren und diskutieren wird. Wie so oft, kam alles unverhofft. Ein…/ mehr

Burkhard Müller-Ullrich / 10.11.2019 / 06:14 / 35

Wikikafka und ich – Ein Korrekturversuch

Kürzlich bekam ich eine E-Mail von Wikipedia-Gründer Jimmy Wales mit folgendem Wortlaut: „Mit Ihren sechs Spenden seit 15. November 2012 haben Sie ermöglicht, dass Wikipedia…/ mehr

Burkhard Müller-Ullrich / 17.05.2019 / 14:00 / 2

Er ist wieder da. Eine kleine Sozialgeschichte des Heuschnupfens

Krankheiten sind immer demütigend, aber es gibt Unterschiede. Was ist zum Beispiel mit einem Leiden, das so unseriös erscheint wie eine Blütenpollenallergie? Im Gegensatz zu…/ mehr

Burkhard Müller-Ullrich / 23.03.2019 / 10:00 / 32

Genderzip Präsens

Das Zeitalter des Partizips ist angebrochen, liebe Lesende! Das Partizip, auch Mittelwort genannt, gehört zu den subtilsten Elementen in der Sprachtrickkiste. Denn das Partizip ist…/ mehr

Burkhard Müller-Ullrich / 13.03.2019 / 06:15 / 43

Der Treibhausgas-Feminismus

Jeder Mensch weiß, was für eine Plage Kinder sein können. Sie rauben Schlaf, Nerven und Geld, mitunter sind sie aufsässig und undankbar; schon sie zur…/ mehr

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com