Burkhard Müller-Ullrich / 12.10.2014 / 23:22 / 4 / Seite ausdrucken

Menschen sind mehr als Maschinen! Wow!

Wenn es keinen Jaron Lanier gäbe, hätten ihn Frank Schirrmacher selig, die FAZ, der Börsenverein des deutschen Buchhandels und der ganze deutsche Medien- und Kulturbetrieb erfinden müssen. Und das haben sie ja auch getan. Denn dieser Preisträger, dieser massige Dreizentnermann mit Rastalocken, bunter Brille und türkisem Amulett, der da am Rednerpult der Frankfurter Paulskirche stand und für eine Tätigkeit namens Digitalaktivismus geehrt wurde, ist keineswegs der Miterfinder des Internets, der Vordenker des Online-Zeitalters und der Computer-Guru, als den ihn alle ausgeben respektive betrachten. Stattdessen hat Lanier an ein paar Dingen gearbeitet, die unsere Sinne täuschen und eine virtuelle Realität erlebbar machen sollen, Dinge, die bis jetzt nicht richtig klappen und nicht erfolgreich sind, weshalb seine Firma fallierte und er sich bei Microsoft anstellen ließ. In dieser Funktion schrieb er einige Bücher, aus denen nichts als Ärger darüber spricht, daß es mit der virtuellen Realität bis jetzt nicht richtig klappt.

Daß dieser Mann den antiamerikanischen Angstapparat der deutschen Kulturszene bedient, ist ein riesiges rührendes und zugleich rabiates Mißverständnis. Natürlich müssen die von der technischen Entwicklung längst abgehängten alteuropäischen Bedenkenträger unendlich dankbar sein, daß ein scheinbar vom Saulus zum Paulus gewandelter Insider sich ihnen als Verbündeter im Kampf gegen Google und Amazon anschließt. Vom Friedenspreispodium ruft er ihnen zu, daß „Menschen mehr als Maschinen und Algorithmen“ seien, und darüber klatschen sie sich die Hände wund. Dabei ist Lanier einfach eine total sanfte und sympathische Banalitätenschleuder und kann sich vermutlich nicht ansatzweise vorstellen, was es bedeutet, wenn sein Laudator, der Präsident des Europäischen Parlaments Martin Schulz, sagt: „Die Moral der Machbarkeit entspricht nicht unserer Ethik.“

Natürlich entsteht ohne diese Moral der Machbarkeit kein Google und kein Amazon, kein Apple und kein Facebook, und das Drama unseres alten Kontinents, der die Moral gepachtet hat, besteht darin, auch noch stolz darauf zu sein, daß hier die Fortschrittsfreude fehlt. Ausgerechnet das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, das publizistische Epizentrum des deutschen Geisteslebens, hat sich voll und ganz dem Kampf gegen die digitale Zukunft verschrieben und in Lanier einen Avatar ihrer Untergangspropaganda gefunden. Eigentlich hat also die FAZ den Friedenpreis bekommen.

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Leserpost

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Jochen Seib / 13.10.2014

Wie wahr, wie wahr! Treffender kann man es nicht kommentieren. Mir tut es in der Seele weh, wenn ich mir in die Entwicklung der FAZ der letzten Jahre anschaue. Wenn man der Redaktion schreibt, dass einem die Zeitung fremd wird, keine Antwort. Unterschiede zwischen FAZ, süddeutsche, ZEIT, Taz usw. verschwinden immer mehr. Derzeit bin ich nicht bereit auch nur 1€ für diese Zeitung zu bezahlen. Leider!

Franz Roth / 13.10.2014

Machen Sie sich erst mal ein bißchen sachkundig, Herr Autor, bevor Sie hier Ihre unhaltbaren Thesen vom erfolglosen und frustrierten Jaron Lanier zum Besten geben. Lanier entwickelte u.a. den Data Glove, den Datenhandschuh, den ersten Avatar, die virtuelle Kamera fürs Fernsehen und 3D-Grafiken fürs Kino. Das war nicht viel “failing” und “Nicht-Klappen”. Im Gegenteil. Und wenn er für ein Ende der Umsonst-Mentalität ist, die letztlich nur den Konzernen nutze, und fordert, dass jeder Nutzer für seine Daten auch Geld bekommen solle, so ist das fürwahr sinnvoll.

Waldemar Undig / 13.10.2014

Ähm, wofür brauchen wir diesen Friedenspreis? Der Deutsche Fernsehpreis wurde vor kurzem das letzte Mal verliehen. Das sollte den deutschen Buchhandel als Beispiel dienen.

Caroline Neufert / 13.10.2014

Stimme Ihnen zu, dass es ein Preis für Herrn Schirrmacher und die FAZ ist, kommentierte auch die vorgezogene “Laudatio” Herrn Schirrmachers im Juni ... aber wann sind Preise schon verdient ;-) ?

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