Sissy Hewson / 17.06.2013 / 17:46 / 0 / Seite ausdrucken

Menschen, die auf Wolken starren

Mit Sissy auf Reisen: Diesmal Finnland

Lufttemperatur: heiße 15°, Wind: ja, Wassertemperatur: 7 bis 8°. Also ein absolut verlockendes Szenario für ein Flussabenteuer. Vielleicht nicht bei uns, aber in Finnland. Genauer: nahe Tampere, nördlich von Helsinki. Dort kann der fröhliche Gast ein Diplom als Riverfloater, auch Koskikellunta genannt, machen - der fröhliche und unerschrockene Gast, der als sich-zu-wohl-fühlender-Esel gerade kein Eis findet. Aber die Wassertemperatur kommt dem ja ziemlich nahe.

Nun denn. Die „Weicheier“ verweigern und steigen in ein Schlauchboot, nicht ohne vorher unseren Verkleidungsakt hämisch begrinst zu haben. Dazu zieht man die Schuhe aus, legt möglichst allen Schmuck (Ohrringe!) und auch die nicht wasserdichte Uhr ab und schlüpft in einen Fliesoverall. Dann kommt die Außenhülle dran, ein oranges Monstrum, wie man es auf Bohrtürmen trägt, und an dem hinten ein kleines Polsterl für den Kopf hängt. Sämtliche Zipps werden verzurrt, eine Gummihaube, die einem die letzte Würde nimmt, wird übergestülpt und würgt wasserdicht, und schließlich ein Helm darübergesetzt und ebenfalls würgend festgeschnallt. Handschuhe und Schwimmweste vervollständigen das elegante Aussehen. Und dann wankt man ins Wasser.

Und siehe da, es ist gar nicht kalt, nur leicht kühl, und man „schwebt“ auf den Wellen, blickt gen Himmel und findet sich höchst mutig, verachtet die noch immer grinsenden Bootfahrer, die stromabwärts gleiten, während man wie ein Korken auf den Wellen schaukelt, denn man hat keine Ahnung, wohin und warum.

Wir waren zu dritt, umkreist von einem kleinen Bötchen, mit dem ein Finne, außer unklaren Handbewegungen keiner verständlichen Sprache mächtig, für unsere Sicherheit zu sorgen hatte. Wir trieben (uns) also herum, von der nicht sehr eindeutigen Strömung einmal dahin und einmal dorthin gezogen, während der Rettungsmann fröhlich lächelnd in verschiedene Richtungen zeigte, die man mit den Händen paddelnd und mit mühsam hochgerecktem Kopf, um zu sehen wohin man da Füße voran trieb, anzusteuern versuchte. Für uns alle drei eindeutige, aber offenbar missinterpretierte Zeichen (Finnisch ist auch als Handbewegungen schwer zu verstehen) brachten uns in einen ufernahen Kreisstrudel, wo wir dann wie drei orange Mistkäfer Ringelreihen spielten. Und hilflos in Wolken starrten.

Doch da war er wieder, der fuchtelnde Finne, und zog uns mit einer Leine in die richtige Richtung. Was der Eleganz des Floatens nicht gerade zuträglich war, sehr hingegen dem Unterhaltungswert für die beobachtenden Bootfahrer. Diese Memmen!

Irgendwie schaffte er es, uns wieder von der Leine abzuschütteln, die wir doch recht dankbar umklammert hatten, und weiter ging das Wassergleiten. Wunderbares Wackeln, manchmal etwas unangenehm schwappende Wellen, die verschluckt werden mussten, verursacht durch dieses widerliche Zuschauerboot, von dem aus auch noch Fotos und Videos gemacht wurden. Und dann die erste Brücke. Mit Brückenpfeilern.

Alle drei orangen Mistkäfer, voneinander nur peripher mitbekommend, schafften es quietschend und paddelnd und plätschernd, nicht auf die Betonhindernisse zu knallen, von den aufmunternden Zurufen des fidelen Finnen und der immer dümmer grinsenden Bootsinsassen begleitet. 

Nach gefühlten zwei Stunden, die angeblich nur 40 Minuten dauerten, nach weiteren zwei Brücken, langen Wolkenbetrachtungen, mit klammen Händen und feuchtem Genick (trotz Würgegummi schafft Wasser es auch durch engste Kappen) wird man dann vom Beobachterboot aufgefischt, wälzt sich an Bord und glaubt, in den Augen der Warmduscher eine gewisse Hochachtung aufblitzen zu sehen. Aber das kann auch Mitleid gewesen sein.

Apropos Warmduscher: Diese Möglichkeit gibt es dann am Ziel, auch Sauna und Gegrilltes und Wein und Bier und finnischen Tango in der langen rosa Abenddämmerung. Und die Verleihung des Diploms „on suorittanut koskikellunnan Lempäälän Kuokkalankoskessa“, was immer das bedeuten mag.

Da die Finnen aber mit ihren (durchaus sympathischen) Spinnereien nicht beim Koskikellunta Halt machen, gibt es überall in dem Seenland, wie auch auf unserer Terrasse, den Finnischen Tango zu erleben, der seit 1900 die finnische Seele zum Kochen bringt. Warum die Montevideo-Erfindung gerade in diesem Land die Beine zum Zucken und die Körper zum Wiegen bringt, weiß niemand wirklich, aber es ist so. Jährliche Tango-Weltmeisterschaften in Finnland, finnische Volksdichtung im Tangorhytmus, ein vielbesuchtes Tangofestival mit Gesangswettbewerb und Krönung einer Tangokönigin und eines Tangokönigs zeugen davon.
Tango hat hier in den Charts die Beatles überrundet! Und unzählige Tango-Clubs bringen die langen nordischen Nächte zum Schwingen. Uns übrigens auch, zwei nette Ehepaare aus der Umgebung, schnell mitsamt CDs organisiert, schwebten rassig über die Bretter. Und dann – sogar ich! Mit einem der beiden Tangoherren. Ich, das Tanz-Antitalent. Und so schwebe ich heute noch in Gedanken an diesen langen rosa Frühlingsabend in Tampere.

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