Es gibt diese Momente im Leben, die sind so ehrlich, dass sie einem erst im Nachhinein peinlich werden. Und genau deshalb bleiben sie. Ich arbeite mit Jugendlichen. „Schützlinge“ sagt man offiziell. Ein Wort, das so klingt, als hätte jemand versucht, Wärme in ein Formular zu pressen. Nennen wir einen meiner „Schützlinge“ Maria. 15 Jahre alt, klug, wach, mit einer Leidenschaft für Latte Macchiato, der so viel Zucker enthält, dass er eigentlich unter das Betäubungsmittelgesetz fallen müsste.
Ihre Familie stammt aus Ungarn. Fleißig, freundlich, unaufgeregt. Der Vater ist Handwerker, einer von denen, die nicht nach Arbeit suchen müssen – die Arbeit findet ihn. Die Mutter sehe ich selten, beide Eltern arbeiten viel. Aber wenn wir uns begegnen, dann immer mit einem Lächeln. Kein höfliches, kein deutsches Pflichtlächeln. Ein echtes.
Und ich dachte lange: Gut, ich komme halt gut an. Ich habe ja, wenn wir ehrlich sind, ein einnehmendes Wesen. Gleichzeitig lief in mir ein ganz anderer Film. Ich bin spät Vater geworden. Mit 47. Und ich erinnere mich noch genau an dieses nagende Gefühl: zu spät. Ich habe damals einem Freund gesagt: „Wenn ich zum Elternsprechtag gehe, halten die mich für den Opa.“ Er hat nur gelacht und gesagt: „Am Anfang vielleicht. Und dann kommt der Tag, da ist dein Sohn stolz. Weil du mehr gesehen hast als die anderen.“
Ich habe ihm damals nicht ganz geglaubt. Heute weiß ich: Er hatte recht. Wenn mein Sohn mich umarmt und sagt: „Das ist mein Vater“, dann ist da nichts mehr von „zu spät“. Dann ist da nur noch richtig. Und ich drücke ihn zurück. Wahrscheinlich zu fest. Aber wer spät Vater wird, liebt nicht weniger – er liebt konzentrierter. Ich liebe Kinder. Wirklich. Ich bin auch einer von denen, die fremde Eltern auf der Straße ansprechen. Meine Frau zieht mich dann am Arm. Mein Sohn verdreht die Augen: „Baba, bitte nicht.“
Und ich gehe trotzdem hin: „Entschuldigung, ich wollte nur sagen: Ihr Kind ist großartig.“ Dann erzähle ich irgendeine kleine Beobachtung. Einen Satz, den sie vielleicht mitnehmen. Und sie gehen weiter – und lächeln. Ich nenne das: Menschen daran erinnern, was zählt. Mein Sohn nennt das: peinlich.
Eine kleine, ungarische Wahrheit
Und dann kam dieser Nachmittag mit Maria. Wir saßen in der Stadt. Sie mit ihrem Latte Macchiato, ich mit meinem Kaffee. Wir sprachen – wie immer – über alles und nichts, aber irgendwie immer intensiv. Plötzlich hatte sie drei riesige Tüten dabei. Sechs Kilo Vogelfutter. Ich schaute sie an: „Was hast du vor? Eine private Vogelrepublik gründen?“ Sie lachte: „War im Angebot.“ Ich fand das so herrlich absurd, dass ich ein Foto machte. „Das schicke ich deiner Mutter“, sagte ich. Ich öffnete mein Handy. Sie schaute drauf – und begann zu lachen. Richtig zu lachen. Ich: „Was ist?“ Sie zeigte auf mein Display: „Da steht: Anya.“ Ich: „Ja. Deine Mutter.“ Sie lacht noch mehr. „Meine Mutter heißt gar nicht so.“ Ich: „Du hast mir den Kontakt doch geschickt.“ Sie wischt sich die Tränen weg und sagt: „‚Anya‘ heißt einfach Mutter auf Ungarisch.“
In diesem Moment fiel alles zusammen. Die Blicke. Das Lächeln. Dieses leichte, nicht ganz erklärbare Grinsen der Eltern. Ich hatte eine erwachsene Frau jedes Mal mit „Mutti“ angesprochen. Mit voller Überzeugung. Mit Respekt. Mit Wärme. Wie ein Sohn. Nur dass ich älter bin als sie. Ich habe mich gekrümmt vor Lachen. Maria auch. Und plötzlich ergab alles Sinn.
Das Interessante ist: Niemand hat mich korrigiert. Nicht die Mutter. Nicht der Vater. Sie haben einfach gelächelt. Vielleicht, weil sie gemerkt haben: Der meint es nicht falsch. Und genau da liegt der Punkt. Nicht, dass ich mich blamiert habe. Nicht, dass ich ein Wort falsch verstanden habe. Sondern, dass ich es richtig gemeint habe. Und Kinder spüren das. Maria spürt das. Diese Familie spürt das.
Und mein Sohn? Der war an diesem Tag nicht dabei. Aber er kennt mich. Er kennt diese Momente, in denen ich irgendwo stehen bleibe, jemanden anspreche und plötzlich alle lachen. Er kennt diesen kurzen Augenblick, bevor ich etwas sage, was man „eigentlich nicht macht“. Und er kennt auch seinen Standardsatz: „Baba… bitte nicht.“ Später habe ich ihm die Geschichte erzählt. Mit der „Anya“. Mit meinem Auftritt als … ältester Sohn einer ungarischen Mutter. Er hat mich angeschaut. Kurz geschwiegen. Dann hat er gelacht. So richtig. Und gesagt: „Baba … das passt zu dir.“
Vielleicht ist das der ganze Trick im Leben. Du musst nicht alles richtig machen. Du darfst sogar komplett danebenliegen. Aber wenn dein Herz richtig steht, dann lachen die Menschen nicht über dich. Sondern mit dir. Und manchmal bekommst du dann sogar etwas geschenkt, womit du nie gerechnet hast: Eine Familie, die dich anlächelt. Ein Kind, das dich versteht. Und irgendwo zwischen Latte Macchiato und Vogelfutter eine kleine, ungarische Wahrheit: Dass „Anya“ nicht nur „Mutter“ bedeutet. Sondern manchmal auch: Vertrauen.
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Schön geschrieben. Und: So einen Papa kenne ich auch …
Eine wunderbare Story – und wie immer charismatisch wiedergegeben von „unserem“ Ahmet Dener. Möge er uns noch lange erhalten bleiben!
Herr Dener – ich genieße jeden Ihrer Texte! Ich wünschte mir Sie als Bundespräsident – nicht, um dieses Amt wieder aus dem Dreck zu ziehen, sondern weil unser Land dringend richtig gute Typen braucht!
Danke für eine ganz unglaublich nette und liebe Geschichte, die einfach nur menschlich im besten Sinne ist, nämlich im täglichen Leben. Einfach so. Danke dafür.
Wir leben in Ungarn und sie passt zu den wunderbaren Menschen, die wir hier täglich erleben und die täglich ihr Bestes geben, aus dem schlau zu werden, was wir mit unseren bescheidenen Ungarisch-Kenntnissen zum Besten geben.
Wir lernen gerade Ungarisch … Ganz offiziell ist es die „Édesanya“ – wortlich übersetzt „Süßmutter“, worüber die Ungarn selber staunen. Und merkwürdigerweise ist die Großmutter – Nagy (gesprochen nadje) = groß – im Ungarischen die „Nagymama“.
Sehr geehrter Herr Dener, bitte mehr Dener! Sie machen die Welt rund.
Vielen, vielen Dank.
Nico Schmidt
„Édesanya“ – süße Mutter (Mutterschaft). Das ungarische Wort des Jahres 2025. Die Wörter der Jahre 2020 bis 2024 in Ungarn: einander, Familie, Frieden, Kind und Glaube. Die Wörter Deutschlands der Jahre 2020 bis 2025 zum Vergleich: Corona-Pandemie, Wellenbrecher, Zeitenwende, Krisenmodus, Ampel-Aus, KI-Ära.
„Du musst nicht alles richtig machen.“ – Neben „Leben und leben lassen“ die universalen Lebenstipps.