Aus dieser Reihenfolge ergibt sich ungefähr die Bedeutung der Mitwirkenden bei unserer bevorstehenden Reise nach Hamburg. Wir wohnen im Westerwald, wo sich Fuchs und Hase noch persönlich gute Nacht sagen. Meine heißgeliebte Schwiegermutter Wilhelmine dagegen wohnt in Hamburg mit Blick auf die Elbe und wünscht unser vollzähliges Erscheinen. Kein Geburtstag, keine Hochzeit, kein medizinischer Notfall. Einfach nur so. Die vermögende Herrscherin möchte ihre künftigen Erben wieder einmal sehen. Sie will sicher sein, dass wir ihr Häuschen nebst Park in Blankenese auch verdienen.
Schwiegermütterchen, die herzallerliebste aller Schwiegermütter, ruft. Widerrede zwecklos. Das kenne ich von Brutus, unserem Vierbeindackel. Das Herrchen gehorcht aufs Wort. Wau wau. Meine Frau behauptet, bei ihr sei das anders. Darüber möchte ich mich an dieser Stelle nicht äußern. Schließlich müssen wir gemeinsam nach Hamburg.
Mit Tante Google schnell zu Wilhelmine
Bei ihr schlafen können wir nicht. Das Haus ist zwar groß genug, aber Wilhelmine hat keine Dienstboten mehr. Wir brauchen also ein Hotel. Zum Glück gibt es Tante Google, ebenfalls weiblich. Seit fast drei Jahrzehnten kennt man sich. Man fragt, sie antwortet. Meistens jedenfalls. Ich tippe: „Hotel Hamburg, zwei Personen plus Hund, vier Tage im November.“
Wer freiwillig auf die Idee käme, im November im Alsternebel herumzustochern, weiß ich nicht. Wir jedenfalls nicht. Wilhelmine hat November gesagt. Basta. Brutus schaut mich an. Wau. Bis vor kurzem war die Hotelsuche ziemlich bequem. Tante Google zeigte Hotels, Preise, Bewertungen und Möglichkeiten zur Buchung. Google betreibt nämlich selbst eine Hotelsuche und vermittelt Kunden weiter. Und natürlich stellte Google die eigene Hotelsuche nicht irgendwo hinter die Besenkammer, sondern ganz nach oben. Genau das störte Tante EU, ebenfalls weiblich.
Brüssel warf Google vor, seine eigene Suchmaschine zu bevorzugen. Nicht nur bei Hotels, sondern auch beim Einkaufen und bei Urlaubsreisen. Im Juli verdonnerte die EU Google allein wegen dieser Bevorzugung bei der Suche zu 460 Millionen Euro Strafe. Google muss nun Besserung geloben und seine Suchergebnisse in Europa anders anzeigen.
Seit dem 8. September ist es so weit
Tante Googles Suchergebnisse sehen bei uns EU-Angehörigen anders aus. Google darf seine eigene Hotelsuche nicht mehr so dominant in den Vordergrund rücken. Schließlich gibt es noch andere Vermittler, die ebenfalls gern zwischen mir und meinem Hamburger Hotel sitzen und Provision kassieren möchten. Booking zum Beispiel. Expedia. Und andere freundliche Unternehmen, die mir bei meiner schweren Entscheidung helfen möchten, wo ich vier Nächte mit Frau und Vierbeindackel verbringen soll.
Der Amerikaner sucht also weiterhin auf die alte Art nach seinem Hotel. Ich bekomme die europäische Ausführung. Meine Frau steht inzwischen hinter mir und fragt: „Hast du jetzt endlich ein Hotel?“ Ich antworte: „Ich bin beim Wettbewerb.“ Sie sagt: „Wir brauchen keinen Wettbewerb. Wir brauchen ein Hotel.“
Frauen verstehen Wirtschaftspolitik manchmal sehr praktisch.
Ich klicke weiter. Ein Vermittler bietet dieses Hotel an, ein anderer jenes. Dazwischen Hotels, Internetadressen und Telefonnummern. Irgendwann beginne ich mich zu fragen, warum ich eigentlich einen Vermittler brauche, um zu einem Hotel zu gelangen, das vermutlich auch selbst eine Telefonnummer besitzt.
Brutus schaut ebenfalls auf den Bildschirm. Wau. Vielleicht hat er denselben Gedanken. Wilhelmine ruft an. „Wann kommt ihr denn nun?“ Ich sage: „Ich suche noch ein Hotel.“ Sie fragt: „Das machst du doch schon seit einer Stunde.“ Stille. „Ruf beim Hotel an.“
Manchmal sind 84 Lebensjahre jedem Digitalgesetz überlegen. Ich suche schließlich die Telefonnummer eines Hotels und rufe dort an. Eine freundliche Dame meldet sich. Zwei Personen? Kein Problem. Vier Nächte? Kein Problem. November? Da sei ohnehin genug frei. Hund? „Wie groß?“ Ich schaue Brutus an. „Dackel.“ „Dann ist das auch kein Problem.“
Zimmer gebucht. Ganz ohne Vermittler. Meine Frau ist zufrieden, Wilhelmine ist zufrieden, Brutus ist zufrieden. Damit bin laut der eingangs genannten Rangfolge nun auch ich an der Reihe. Darauf jetzt ein Alsterwasser. Zum Wohle. Brutus hebt den Kopf. Wau wau.
Meinrad Müller ist ehemaliger Unternehmer und betrachtet das Zeitgeschehen gerne mit etwas Abstand.
Beitragsbild: nao-cha Flickr CC BY-SA 2.0 via Wikimedia Commons