Hubert Geißler, Gastautor / 17.07.2020 / 16:30 / Foto: Pixabay / 3 / Seite ausdrucken

Meine italienische Reise

Jetzt, Mitte Juli, kann man sich kaum noch die Befindlichkeiten vor der Lockerung der europäischen Reiseverbote Mitte Juni vorstellen. Damals schien eine Fahrt nach Italien fast wie ein Aufbruch ins „Herz der Dunkelheit“. Würde man beim geringsten Huster in Quarantäne geschickt oder liefe man Gefahr, auf die gasmaskenbewehrten ABC-Trupps von Putins Heer der Rechtgläubigen zu stoßen? Würden einen die Schweizer schikanieren und müsste man am Strand zwischen Plexiglaskästen liegen? Die Berichte damals ließen Schlimmes ahnen, Telefonate mit italienischen Bekannten aus dem Piemont ebenso.

Ich habe drei Wochen lang eine Freundin bei der Expedition zu ihrem seit fast einem halben Jahr coronabedingt verwaisten Ferienhaus in Ligurien begleitet und war sehr gespannt, was uns erwarten würde. Um es einfach auszudrücken: Probleme gab es fast überhaupt nicht. Die Schweizer haben sich nicht um die durchfahrenden Deutschen gekümmert (auf der Rückfahrt war schon die Maskenpflicht aufgehoben), auch die italienischen Grenzbeamten schienen beim Pastaessen zu sein. Das größte Problem – und darauf werde ich kurz zurück kommen – war der katastrophale Zustand der Autostrada dei Fiori mit ihrer Unzahl von Tunneln.

Auffällig immerhin war die fast komplette Abwesenheit ausländischer Urlauber in Ligurien. Strände, Cafes und Restaurants waren fest in italienischer Hand, die Stimmung schien eher entspannt. Maske musste nur beim Betreten von Geschäften und Bars getragen werden. Strenger wurde das nur in öffentlichen Gebäuden gehandhabt. Einmal vergaßen wir beim Betreten des Bahnhofs von Imperia sofort die Maske aufzusetzen, prompt tauchten, quasi aus der Tiefe des Raums, zwei Carabinieri auf, die unsere Pässe und Fahrkarten kontrollierten, aber alles durchaus freundlich.

Weniger Urlauber, aber Megastaus

Gespräche mit Bewohnern der Gemeinde meiner Freundin zeigten, dass für die Italiener der Lockdown schon durchaus unangenehm gewesen sein muss: Man durfte Haus und Hof nicht verlassen, lediglich im Dorf einkaufen, für alles andere war eine Sondergenehmigung abzuholen. Ältere Personen trugen auch auf der Straße noch Maske, obwohl die Opferzahlen in der Region minimal waren.

An den Stränden war es eher ruhig und keineswegs überfüllt. Wie gesagt, Deutsche sah man kaum und ob der Probleme der Verkehrsanbindung Liguriens, schienen auch die Wochenendurlauber aus dem Piemont und der Lombardei kaum mehr zu kommen. Konnte man früher von Mailand aus in gut zwei Stunden Ligurien erreichen, so war die Anfahrtszeit teilweise bis auf acht Stunden angewachsen, eine Situation, die manchem Norditaliener offensichtlich den Ausflug an die Küste verleidet hat und die wir auf der Rückfahrt selbst erlebt haben: Tunnel bei Genua gesperrt, umgeleitet zum nächsten Tunnel, der wiederum gesperrt, umgeleitet durch ganz Genua ohne, bzw. mit falscher Beschilderung, um dann endlich auf die Autobahn zu kommen und in einem Megastau zu landen. Die Details spare ich mir. Ähnliches galt für den Bahnverkehr: Auf einer Rückfahrt von Genua wurde die Verspätung des Zuges nach Nizza peu a peu von einer halben Stunde auf drei angehoben. Bemerkenswert war die Ruhe der italienischen Reisenden.

Der Brückeneinsturz in Genua scheint nur die Spitze eines Eisbergs gewesen zu sein. Das Hauptproblem sind offensichtlich die unzähligen Tunnel, in denen, wie die Fama berichtet, es schon mal eine „caduta sassi“ gibt, das heißt, ein Wackerstein auf die Fahrbahn fällt. Interessant: Die Presse berichtete, dass praktisch alle Institutionen Liguriens, von der Genueser Hafenbehörde über die Transportunternehmen bis zu den Gewerkschaften, die Zentralregierung auf Schadenersatz wegen ausgefallener Einnahmen verklagen will.

Salvini im Hintergrund immer dräuend anwesend

Damit komme ich zu meinem Eindruck der politischen Lage allgemein. Am 20. September finden Regionalwahlen in sieben Regionen Italiens statt. Die Salvinikoalition (Lega, Fratelli di Italia, Berlusconipartei) will davon fünf Regionen gewinnen, in Umfragen scheint sie eine knappe Mehrheit zu haben. Interessant ist, dass Salvini zumindest in der Presse, die ich gelesen habe (“La stampa“), kaum vorkommt. Man hat den Eindruck, dass er im Hintergrund immer dräuend anwesend ist, aber totgeschwiegen wird. Sollte Salvini sein Ziel erreichen, hat er offensichtlich vor, Neuwahlen zu erzwingen, weil seine Koalition dann die Mehrheit der Regionen dominiert.

Das eigentliche Problem scheint mir aber ein anderes zu sein. Das „Movimento 5 Stelle“ verliert permanent an Wählerzuspruch: Vordem eine Bewegung gegen das italienische Politestablishment, ist das M5S jetzt Mehrheitsbeschaffer einer im Kern europafreundlichen Regierung, die ersten Korruptionsfallen tauchen zudem auf, und Teile der Bewegung wandern ins rechte Lager ab. Ich vermute, dass, wenn die Ergebnisse für das M5S bei den Regionalwahlen genügend katastrophal ausfallen, dieses vor der Frage steht, ob es mit der Regierung Conte weitermacht bis zu den regulären Parlamentswahlen 2022 und dann mit fliegenden Fahnen untergeht, oder ob das Ruder herumgerissen wird und man wieder auf Salvini zugeht. Auf jeden Fall ist der 20. September ein interessanter Termin für Italien und auch für Europa.

Vor diesem Hintergrund ist auch Contes Drängen auf nicht rückzahlbare, bedingungslose Kredite verständlich. Er muss den wilden Mann markieren, um sich gegen die Salvinisten zu profilieren. Wie dieses Spiel ausgeht, kann ich nicht sagen. Kriegt er die Coronageschenke der EU nicht, hat er auf jeden Fall ein Problem, weil seine Unterstützer, die Partido Democratico gespalten ist (Herr Renzi führt eine eigene Truppe und kann sich mit den Mehrheitssozis schwer auf gemeinsame Kandidaten einigen und, wie gesagt, das M5S ist auf Talfahrt). Für Madame Merkel dürfte das alles nicht einfach werden: Gelingt es ihr als Ratspräsidentin nicht, die Italiener zu beruhigen, könnten die innereuropäischen Fliehkräfte steigen. Dabei ist noch nicht berücksichtigt, dass Franzosen und Spanier auch die Schnäbel aufsperren wie die Schwälbchen im Nest. Von den Osteuropäern ganz zu schweigen.

Zum Schluss noch ein bemerkenswerter Eindruck: Wir haben einmal einen landschaftlich spektakulären Ausflug über das Küstengebirge nach Cuneo gemacht. Cuneo liegt ca. 100 km südlich von Turin am Fuß der Seealpen. Die Stadt zerfällt deutlich in einen sehr homogenen älteren Teil mit einer Bausubstanz im Wesentlichen aus dem 18. Jahrhundert und eine „Neustadt“.

Nun kommt’s: Cuneo war die sauberste Stadt, die ich in meinem doch nicht ganz kurzen Leben gesehen habe. Kein Kippe am Boden, kein Fetzchen, Mülleimer alle 20 Meter, regelmäßige Polizeistreifen. Und das in Italien. Auch meine italophile Freundin konnte es nicht fassen. Erst dachte ich, dass hier die Lega mit eisernem Besen gekehrt hat, aber Recherchen ergaben, dass der Bürgermeister von der PD ist und viele Magistrate von einer Bürgerliste, was immer das bedeuten mag. Auf jeden Fall ist Cuneo eine sehenswerte Stadt, nicht zuletzt wegen der veganen Wildschweine, die von den Alpenhängen in die Wursthäute rollen und darin mit Steinpilzen, Barolo oder Trüffeln gewürzt werden. 

Foto: Pixabay

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Frances Johnson / 17.07.2020

Die Alpenüberquerung ins Piemont habe ich auch gemacht. Das ist zwar schön, aber es muss gesagt werden, dass es bessere gibt, beispielsweise beide Bernhards, den einen in die Schweiz, den anderen nach Frankreich nahe Chamonix. Cuneo innen und außen sind in der Tat zwei Welten. Aber nördlich davon gibt es die wunderschöne hügelige Weingegend mit Weinen, die unter den besten der Welt rangieren. Die ligurische Küste ist eine Reise wert. Leider regnet es sich hier öfter ab. Italien - meine Prognose - wird alles schneller ad acta legen als Deutschland, denn Italien bedeutet, das Leben zu genießen. Ob sie noch einmal ihre Alten zum Sterben in Heime legen und dann mit einem Virus als Virusopfer bezeichnen, muss man abwarten. Italien kann leben, lieben und lügen. Ich hoffe, sie drehen chinesischen Touristen reichlich Fisch an, der pro Gewicht verkauft wird - das können sie brillant. Das Geld muss wieder rein. O pioggia mia (Ligurien).

Rolf Lindner / 17.07.2020

Kann von meinen beruflichen und touristischen Reisen nach Italien bestätigen, dass sich die Italiener zumindest südlich von Südtirol alle Mühe geben, die für oder gegen sie sprechenden Vorurteile zu bestätigen. Das betrifft vor allem die Art zu kommunizieren und sich dem Ziel von Aktivitäten auf chaotische Weise zu nähern. Meistens empfand ich die flexible Handhabung von Ordnungsvorschriften als angenehm, was möglicherweise an meiner angeborenen Renitenz liegen mag. Ich habe ein schönes Foto, auf dem zu sehen ist, wie ca. zwölf Autos ein Parkverbotsschild mit Abschleppwarnung zugeparkt haben. In Deutschland undenkbar.

Heinrich Schöneseifen / 17.07.2020

Wieder einmal einen ungewöhnlicher Text auf der Achse. Sehr lebendig, gut formuliert - ein interessanter Blick auf eine so nahe, aber auch - besonders im Corona-Labyrinth -  so „fremde“ Welt. Achgut ist immer wieder frisch und überraschend. Was wären wir ohne Achse oder Tichy? Wahrscheinlich Lemminge auf dem letzten Schritt vor der Klippe.    

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