Wehrpflicht oder nicht: Persönlich hat mir das Jahr als Soldat viel für meine Entwicklung gebracht, auch wenn ich es nicht nochmal haben möchte. Für Deutschland hat es sich wohl nicht gelohnt.
Damals, 1994, gab es noch die Wehrpflicht mit der verpflichtenden Musterung, die über die Eignung entschied. Natürlich hätte ich auch verweigern können, ich hatte aber kein grundsätzliches Problem mit der Armee und fand, gerade bei der Marine, für die ich mich entschied, die Aussicht auf etwas Abenteuer fern der bekannten Umgebung reizvoller als irgendeinen für mich langweiligen Zivildienst in einem Heim oder Krankenhaus zu machen. (Mein Respekt denjenigen gegenüber, die dies gemacht haben, etwa Georg Etscheit hier). Noch dazu meinte ich damals, und meine es heute noch, dass ein Jahr bei der Armee, auch wenn es für einige pathetisch klingen mag, zur Mannwerdung beiträgt. Natürlich kann auch ein wie immer geartetes Übergangsjahr dazu beitragen, aber direkt vom Klassenraum in den Hörsaal zu wechseln, da bleibt man dann im Wesentlichen in der bekannten Komfortzone.
Nach drei Monaten der herrlichen Freiheit nach dem Abitur, die ich im südlichen Afrika verbrachte, musste ich im Oktober 1994 zurück ins kalte und mir inzwischen fremd gewordene Deutschland. Nach wenigen Tagen zu Hause ging es dann mit der Bahn von Darmstadt nach Emden in Ostfriesland und weiter mit der Fähre nach Borkum, wo sich die Kaserne der Seemannschaftslehrgruppe befand. Da ging es gleich für die Rekruten zur Sache: Lange Haare runter, Ohrringe raus, Dreitagebart ab, Uniformen an, strammstehen. Wir wurden von Maten, kaum älter als wir selber, getriezt und herumgescheucht.
Warum habe ich mir ausgerechnet die raue Seemannsgruppe ausgesucht, wo vor allem Hauptschüler dominierten, statt Navigation oder Funker, wohin die meisten Gymnasiasten gingen? Erstmal wollte ich auf ein Schiff, und da waren die Chancen als Seemann am besten (auch bei der Marine sind viele an Land tätig), außerdem hatte ich nach 13 Jahren Schule erstmal genug vom Sitzen und Lernen (und die Uni folgte ja sowieso ein Jahr später) und wollte den größtmöglichen Kontrast dazu.
Grundausbildung auf der Nordseeinsel
Die Zeit auf Borkum war der härteste Teil, auch, weil alles neu und ungewohnt war: Von Unteroffizieren mit Minderwertigkeitskomplexen angebrüllt und teilweise schikaniert zu werden; mit zufällig zusammengewürfelten Kameraden auskommen zu müssen, auch wenn man kaum etwas mit ihnen gemein hatte; machen, was einem gesagt wurde, nicht, was man wollte. Nachts mussten wir immer bereit sein für einen Nachtalarm oder sogar Nachtmarsch. Frühmorgens wurde die kurze Flucht in die Welt der Träume von der schrillen Bootsmannspfeife und dem rumpelnden Feuereimer, den ein Maat durch den Gang trat, jäh unterbrochen und unter Beschimpfungen wurden wir durch den Waschraum gejagt, worauf ein langer Tag folgte. Der typische Tagesablauf war Marschieren, dann Theorie oder Praxis zu Schiffsthemen, Ausbildung an Waffen und Geschützen, Sport, wieder Marschieren, hin und wieder die gefürchtete Kampfbahn, über die man im schlimmsten Fall mit Gasmaske gejagt wurde. Dafür wusste man aber die wenigen Auszeiten, etwa das Abendessen oder Sonntagsausflüge nach Borkum-Stadt oder den Besuch in der Sauna, wiederum sehr zu schätzen. Am schönsten waren natürlich die Heimfahrten jedes zweite Wochenende, auch wenn viel Zeit fürs Fahren draufging. Mit der schicken Matrosenuniform zog man immer die Blicke auf sich, wurde hin und wieder von einem Veteranen angesprochen.
Bei der Grundausbildung war es das erste Mal, dass ich mit allen Schichten der Bevölkerung aus allen Gegenden Deutschlands zu tun hatte und mal aus meiner gymnasialen Mittelschicht-Filterblase herausgerissen wurde. Dabei lernte man prima Leute kennen, aber auch menschliche Abgründe und Problemfälle, die man bisher nur aus Filmen oder Büchern kannte.
Interessant war auch die Gruppenformung und der Stolz rundum Berufe (die meisten hatten bereits ihre Lehre hinter sich) oder Regionen. Schwaben und Bayern waren überrepräsentiert, ebenso die Ostdeutschen, Norddeutsche gab es relativ wenige, vielleicht zog es sie wieder in die Berge. Für die ostdeutschen Jugendlichen versprach die Bundeswehr (viele wurden Zeitsoldaten) oft eine sichere Zukunft in Zeiten des wirtschaftlichen Umbruchs und hoher Arbeitslosigkeit (die blühenden Landschaften entstanden erst ganz langsam), für Bayern und Schwaben bot die Marine die Chance, ihren Käffern zu entkommen und die große, weite Welt zu schnuppern. Gewisse landsmannschaftliche Stereotype fand man oft bestätigt: Redselige Schwaben, unterkühlte Norddeutsche, unauffällige Hessen, laute Rheinländer, wortkarge Westfalen, dünnhäutige Ostdeutsche.
Gorch Fock und Zerstörer Rommel
Nach der dreimonatigen Grundausbildung war ich erstmal zwei Monate auf der Gorch Fock. Was jetzt nach dem Marine-Jackpot klingt, war es nicht: Das berühmte Segelschulschiff war im winterlichen Kieler Hafen und wurde für die Werft vorbereitet, das heißt, wir mussten im Wesentlichen alles abbauen, nicht einmal eine kurze Fahrt in der Ostsee gab es. Das Schlafen in den Hängematten war sehr gewöhnungsbedürftig, zu essen gab es häufig kalte Heringssalate. Dafür hatte man mehr Freizeit, konnte abends die Großstadt Kiel mit den zahlreichen Studenenkneipen entdecken (Billiard und Dart waren bei uns beliebt).
Ich ließ mich nach zwei Monaten auf der Gorch Fock auf eine fahrende Einheit, den Zerstörer Rommel, versetzen, der ab Ende Februar 1995 zum Jugoslawien-Einsatz im Rahmen der NATO- Embargo-Überwachung aufbrach. Wir mussten, mit zahlreichen Partnerschiffen der Nato-Länder, die adriatische Küste patrouillieren und Waffenlieferungen für den Jugoslawien-Krieg verhindern. Es war eine aufregende, intensive, aber auch harte Zeit. Privatsphäre gab es nicht, ich schlief mit über hundert anderen Seeleuten in einem Deck, in einer engen Stapelbett-Koje. Die Seeleute mit Mannschaftsrang waren die Alleruntersten. Unsere Aufgabe war Brückendienst, das heißt, im Wechsel Ausguck, Rudergänger, Läufer oder MG-Posten sein, wir halfen beim An- und Ablegen, der Betankung während der Fahrt, standen Wache im Hafen, außerdem gab es immer wieder physische Arbeiten, etwa streichen, putzen („Reinschiff“) oder Materialübernahme. Später verbesserte sich meine Position, als ich das Angebot annahm, Pantry (Offizierskellner) zu werden. Dadurch war ich im angenehmen Ambiente der Offiziersmesse, ab und zu unterhielt sich auch der Kommandant oder der Erste Offizier mit mir. Ich half auch dem Bordpfarrer bei der Gottesdienstvorbereitung und hatte dadurch auch wieder geistige Anregung.
Sehnlich wurden die Häfen erwartet, und da wir im Mittelmeer/in Südeuropa waren, hatten wir da wirklich Glück: Palma de Mallorca, Lissabon, Bari, Brindisi, Korfu, Kreta und Ancona waren die Ziele, wo man dann zumindest ein paar Stunden an Land gehen und den Alltag vergessen konnte. Für die meisten bedeutete das, in der ersten Hafenkneipe aufzuschlagen oder die Haupteinkaufstrasse zwischen McDonalds und Tätowierstudio auf- und abzulaufen. Allein oder mit einigen anderen nutzte ich die Hafentage allerdings für mehr: Besichtigungen und Ausflüge zu kulturellen Höhepunkten wie den Schlössern von Sintra, der Ruinenstadt Knossos und sogar Rom (per Zug von Ancona aus). Auch der zuständige „Tourismusoffizier“ und der Pfarrer organisierten Ausflüge, wo ich gerne mitkam.
Nach vier Monaten war dann die Rückkehr ins sommerliche Deutschland, das ich als kalt und abweisend in Erinnerung hatte. Erstmal gab es ein paar herrliche Urlaubstage bei der Familie, dann ging es zurück in die Kaserne nach Kiel, es folgte die Kieler Woche an der die Rommel auch teilnahm, viele ausländische Offiziere kamen zu Besuch und wir Pantries mussten uns bei diversen Gala-Dinners ins Zeug legen. Im letzten Viertel passierte wenig, die Rommel wurde langsam für den Werftaufenthalt vorbereitet, aber ich nutzte die Sommermonate in Kiel, wo ich damals auch eine Freundin hatte, für Ausflüge in die schöne Umgebung und verbrauchte meinen aufgesparten Urlaub.
Insgesamt gesehen war die Wehrdienstzeit ein intensives „Gap year“ mit Höhen und Tiefen, auf jeden Fall eine Erfahrung, die ich nicht missen, aber auch nicht wiederholen möchte. Die Frage nach Patriotismus und ob man bereit wäre, für Deutschland (oder die Nato) die Waffe zu ergreifen, wurde natürlich hin und wieder beim „Lebenskundlichen Unterricht“ während der Grundausbildung behandelt, auch wurde ich gefragt, ob ich an Wehrübungen teilnehmen und meinen Dienstgrad als Reservesoldat erhöhen wollte. Für mich stellten sich die Fragen nicht, meine Zukunft lag in Südafrika, wo ich bereits zum Studium angemeldet war und wohin ich sofort nach Beendigung der Wehrdienstzeit im Herbst 1995 auswanderte. (Anders als geplant, war es dann doch nicht für immer, aber das ist eine andere Geschichte).
Sebastian Biehl, Jahrgang 1974, arbeitet als Nachrichtenredakteur für die Achse des Guten. Vor Kurzem erschien von ihm „Ein Volk sucht seinen Platz. Die Geschichte von Orania und dem Freiheitsstreben der Afrikaaner.“ Dieses kann hier oder hier bestellt werden.
Beitragsbild: Tvabutzku1234 - Eigenes Werk, Gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Beim Anblick des Dreimasters am Horizont vor St. Petersburg wird selbst Putin bedingungslos kapitulieren.
Ja, ich habe die Gorch Fock gesehen, im Hafen von Stralsund, gerade eben vor wenigen Tagen. Sah irgendwie so aus, als wenn die Seite schon wieder etwas eingedrückt wäre. Was machen die da immer für das viele Geld? Is sie denn jetzt bei der Kieler Woche? Und ist sie aus eigener Kraft da hin gekommen?
Ich war auch bei der Marine, allerdings ein paar Jahre früher und auf einer Fregatte. Im Groben würde ich sagen, dass Deutschland damals noch ein Staat war mit nationaler, sprich ethnischer Kultur und Gesellschaft. In solchen Staaten funktioniert die Wehrpflicht, siehe Israel, die müssen sogar 36 Monate (!) hin und dann bis 59 Reserveübungen machen. Aber bei uns ist das halt vorbei. Für die heutige „bunte Republik“ würde ich keinen Finger rühren. Nicht weil ich andere Ethnien geringschätze, sondern weil ich mir von denen nicht vorschreiben lasse, wie wir zu leben haben. Deren Einbürgerung lehne ich rundweg ab. Ebenfalls lehne ich ab, dass mir sexuell anders orientierte (linke) Aktivisten vorschreiben wollen wie ich zu sprechen und zu schreiben habe. Kurz gesagt sind wir als Staatsbürger nur noch Verfügungsmasse interessierter Kreise, eine Wehrpflicht in einem solchen Staat ist sinnlos.
Sehr gut beschrieben. Danke für diesen ziemlich aufrichtigen Bericht. Ich habe das ähnlich erlebt. Bei aller Kritik, man hätte bei „der Schule der Nation“ bleiben sollen. Aber die Zersetzung unseres Landes war reine, kristallklare Absicht. Die Verteidungsfähigkeit ist unwiderbringlich verloren. Kein junger Mann bei Verstand wird für einen Obrbefehlshaber wie Pistorius sein Leben und seine Knochen einsetzen. Von anderen Führungsfiguren gar nicht zu reden. Auch das Geld wird nie und nimmer reichen; und dann das Millionenheer von Feinden im Inneren. Ein paar Nerds für die Cockpits von Kampfjets und Schiffen mag es geben. Aber Kriege gewinnt noch immer die Infanterie.
Also die Laufbahn des 11 er.
Aber auch 1994, das war noch eine ganz andere Marine. Da die Obrigkeit auch dort das Arbeitszeit Gesetz eingeführt hat, hat sich das was zu allen Zeiten an Bord usus war, im Hafen an Bord schlafen auch erledigt.
Und keine Bordschläfer mehr, keine Wachgänger mehr. Das machen jetzt andere. Um dem die Krone aufzusetzen kehrt man jetzt zu Altbewährtem zurück,
nennt es nun aber als „Pilotprojekt“. Einfach Herrlich. Grüße von einem „dünnhäutigen“ Ossi. Aber ich hab meine aktive Zeit noch in der Volksmarine verbracht. Da war ohnehin alles anders.
Ja, gar lustig so ein Militärdienst, außer man wird beschossen. Im übrigen ist eine Armee eine Falle für junge Männer mit Knete im Kopf. Verlorene Zeit. Sie prägt und schafft charakterliche Tatsachen, oft nicht zum Besseren. Besser man hatte das nicht, diese Erziehung zum Gehorsam und zum Schummeln.
Wer jetzt den Zeiten unter Dönitz nachtrauert, die kommen nie wieder. Damals war die Marine noch eine Marine. Später hatte der Westen in Deutschland, so wie heute nur noch Leichtmatrosen.