20.08.2026
In Susdal am Goldenen Ring, so etwas wie das russische Rothenburg ob der Tauber, gibt es ein gelbes, deutsches Straßenschild, das den Weg ins Fachwerkparadies nach Unterfranken weist. 2634 Kilometer steht darauf. Gefühlt dürften es heute 10 000 Kilometer sein. Susdal und Rothenburg sind seit 1988 Partnerstädte, doch dürfte die Partnerschaft unterdessen nur noch auf dem Papier stehen. Warum hat mit Russland das nicht funktioniert, was mit Frankreich funktioniert hat?
Das alte Russland mit seinen prächtigen Klöstern, Kirchen, Handelsreihen und holzgeschnitzten Wohnhäusern, in Susdal kann man es noch finden. Und dieses Städtchen am Flüsschen Kamenka, das randvoll mit Kunstschätzen ist, kommt gar nicht mal so touristisch daher, wie man denken könnte. Dabei hat es, strenggenommen, viel mehr zu bieten als Rothenburg, wo man sich vor Busladungen nicht retten kann. Vielleicht war es hier vor dem Ukrainekrieg voller, ich kann es nicht sagen. Auf jeden Fall sollte man die Gelegenheit beim Schopf packen und jetzt hierher reisen, auch wenn man damit gegen den in Deutschland herrschenden Common Sense verstößt. Venedig zu selig-leeren Coronazeiten zu besichtigen, habe ich leider versäumt.
Bei der Susdaler Altstadt höre ich plötzlich vaterländische Gesänge. Auf dem Platz mit dem Grabmal des unbekannten Soldaten, lässt sich eine Gruppe Veteranen fotografieren. Sie tragen Flaggen der „Spezialoperation“ und der „Gruppe Wagner“, jener Söldnertruppe, derer sich die russische Führung zu Beginn des Ukraine-Krieges bediente und deren Chef im Juni 2023 einen Aufstand gegen die russische Militärführung vom Zaun brach. Die Meuterei brach bald zusammen und Wagner-Kommandeur Jewgeni Prischogin kam wenig später bei einem Flugzeugabsturz ums Leben, bei dem der russische Geheimdienst möglicherweise etwas nachgeholfen hatte. Auf dem Platz sehe ich auch eine Gruppe junger Leute in einheitlichen T-Shirts mit der Aufschrift „Weniger wollen, mehr tun“, und dem Signet des „Russisch-Patriotischen Zentrums“, einer staatlichen Einrichtung, die sich um Vermittlung patriotischer Werte kümmert. Putins junge Garde.
Der grandiose Blick vom Turm des Klosters zur Gewandniederlegung, Anfang des 19. Jahrhunderts im Empirestil gebaut, hätte sogar dem Dauernörgler Astolphe de Custine gefallen. Und kein Windrad weit und breit. Rothenburg ob der Tauber ist von Windmonstern regelrecht umzingelt.
Kloster und Konditorei
Immer wieder holt einen in Russland die gemeinsame Geschichte ein. Im Erlöser-Eutymois-Kloster mit seiner mächtigen Wehrmauer aus rotem Klinker und seinen 13 trutzigen Wachtürmen befand sich seit der Zeit Katharinas der Großen ein Staatsgefängnis. Hier wurde nach der verlorenen Schlacht von Stalingrad, die den Anfang vom Ende des deutschen Russlandfeldzuges und des Hitlerregimes einleitete, auch der Kommandeur der untergegangenen 6. Armee, Friedrich Paulus, interniert.
Um zwölf Uhr wieder ein heiliges Spiel vom Glockenturm des Klosters. Wieder das Ostinato der größten Glocken, in das sich der wirbelnde Diskant der kleineren Glocken mischt. Doch dieses Spiel ist anders als das in Moskau, fast modern mit einem in Wellen auf und abschwellenden, polyrhythmischen Sound. Ich kann mich nicht satt hören an diesem reinsten Ausdruck der russischen Seele.
Die Macaron-Mode hat auch Russland erreicht. Ich bin zwar kein ausgesprochener Fan der Baiserhappen aus Frankreich, doch diese hier im Cafe des Erlöser-Eutymios-Klosters, einer von zwei Welterbestätten in Susdal, kommen dem französischen Original sehr nahe. Sie stammen aus einer innovativen Konditorei im nahen Wladimir, die immer wieder neue Geschmacksrichtungen nach russischer Tradition kreiert wie „Borodinski Brot mit Honig“ oder „Sauerkirsch-Pirogge.“
Am Fuß der Klostermauer führt eine kleine Holzbrücke über die Kamenka. „Baden untersagt“, steht auf einem Schild, das an einem Baum im Uferschilf hängt. Irgendein Witzbold hat es auf den Kopf gestellt. So geht man in Russland mit staatlichen Verboten um.
Kirchen und Klöster sind in Russland immer heilige Orte, Andachtsorte, wo sich die Menschen schon vor dem Eingang bekreuzigen. Niemand schlendert hier teilnahmslos vorbei an den Zeugnissen eines Glaubens, der bei uns für die allermeisten seine Bedeutung längst verloren hat. Und in keiner Kirche fehlt ein kleines Lädchen, wo man Kerzen, kleine Ikonen oder andere Devotionalien kaufen kann.
Es geht ans Eingemachte
Spätsommeridylle am Flüsschen Kamenka, das sich durch Susdal schlängelt. Menschen baden, angeln, fahren mit dem Treetboot oder treiben Stand-up-Paddeling. Darüber treiben weiße Häufchenwolken am seidenblauen, nördlichen Himmel und im Wasser der Kamenka spiegeln sich die Glaubenzeugnisse aus Jahrhunderten. Wird man dieses friedliche Bild im nächsten Jahr noch erleben können? Oder sind wir dann schon im großen Krieg?
21.08.2026
In der Nacht auf Telegram eine Drohnenwarnung für die Oblast Wladimir. Erst gegen zehn Uhr morgens wird offiziell Entwarnung gegeben.
Nach Schach ist das Sammeln von wilden Beeren und Pilzen der zweite Volkssport der Russen. Die feuchten, „naturnahen“ Wälder hoch im Norden - Moskau liegt auf der Höhe der Südspitze Norwegens - sind voll davon und selbst Walderdbeeren gibt es so viele, dass man daraus Marmelade kocht. In Susdal stehen immer ein paar Babuschkas, so heißen in Russland die Großmütter, die die Überschüsse ihrer heimischen Produktion an Touristen verkaufen.
Der Taxifahrer, der mich nach Wladimir an den Bahnhof bringt, will gar nicht glauben, dass ich für den Hin- und Rückflug nach Moskau mehr als 1000 Euro gezahlt habe. In Rubel umgerechnet, ein durchschnittliches Monatsgehalt. Hernach schäme ich mich etwas, weil ich ihm wohl zu wenig Trinkgeld gegeben habe.
Wenn es ums Eingemachte geht, gibt es im Russischen viele „falsche Freunde“: „Kompot“ ist so etwas wie eine sehr dünnflüssige Rote Grütze, die man aus einem Glas trinkt, nicht löffelt. Bei „Marmelad“ handelt es sich um eine geleeartige Fruchtpaste, eine Süßigkeit, und Marmelade oder Konfitüre ist im Russischen schlicht „Warenje“ - „Gekochtes“. Sie ist auch ziemlich flüssig und wenn man sie Butterbrot streichen will, ist eine mittlere Sauerei programmiert. Man gibt sie als Süßungsmittel in schwarzen Tee, isst sie um Tee oder benutzt sie als „Topping“ für Quark, Jogurt oder Speiseeis.
Statt mit dem komfortablen Lastotschka-Zug bin ich mit einer einfachen Elektritschka zurück nach Moskau gefahren. Das Ticket für die dreistündige Fahrt kostet gerade mal neun Euro. Dafür hält der Zug aber an jeder Station und die Toilette vermittelt noch echtes Sowjetflair. Statt Snacks vom Trolley, serviert von adretten Mitarbeitern der Russischen Staatsbahnen, versorgen Marketenderinnen, Frauen vom Land, die Fahrgäste mit Getränken, Speiseeis und Piroggen, die sie in Kühltaschen durch den Zug tragen. Wie in Berliner U-Bahnen gibt’s manchmal Darbietungen von bettelnden Musikern. Viele Fahrgäste zeigen sich barmherzig und werfen dem Mann ein paar Rubel in seine Plastiktüte.
Wenn ich die vielen jungen Männer hier im Zug sehe, denke ich unwillkürlich daran, ob sie sich nicht bald als Soldaten an der Front wiederfinden werden.
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Schach matt in Susdal ob der Tauber.
Danke für diese Berichte. Guter Journalismus ohne „Haltung“. Daß Herr Etscheid kaum massierte antiukrainische Hetze im öffentlichen Raum vorfand, besagt zweierlei. Erstens daß eine solche in der russischen Bevölkerung nicht gegeben ist, und zweitens, daß implizit klar ist: Rußland wird diesen Krieg nicht verlieren.
Moin Herr Etscheit, die historische Erbfreundschaft mit Frankreich basiert auch heute noch vordergründig auf einem Eliten-, wie ethnischen Konflikt, ähnlich dem aktuellen mit den Russen, seit über 100 Jahren Ziel US Amerikanischer Außenpolitik. Die Nationalsozialisten saßen da zwischen mit Stalin auf der einen & den Kuhtreibern auf der anderen Seite zwischen Scylla & Charybdis. Der jeweilige Mob, wie Sie & ich, haben da weniger Berührungsängste. Wobei der intellektuelle Gallo-Römer uns es bis heute übel nimmt, daß wir ihn von Clodwig I bis Napoleon III beherrschten & sein Land einen Deutschen Namen trägt.
Wundervoll und sehr berührend, vielen herzlichen Dank Herr Etscheid. Hoffentlich kommt der Voda noch zur Vernunft und stoppt diesen entsetzlichen und sinnlosen Krieg, sonst könnte es zu einer Reportage aus Deutschland von 1938 werden. Dort spielte der Grödaz die alten Saalschlachten im XXL-Masstab nach, hier der andere die 90er Revierkämpfe seiner Tombovskaya.