18.08.2026
Ich habe mir eine Erkältung zugezogen und Gelegenheit, einen Blick ins russische Gesundheitssystem zu werfen. Apotheken haben mehr oder weniger rund um die Uhr offen und sind gut sortiert, die Preise für rezeptfreie Medikamente sind niedriger als bei uns. Ich erstehe Halstabletten der Marke „Ctrepsils“, erhältlich in den Geschmacksrichtungen Honig und Zitrone, Apfelsine mit Vitamin C, Minze und Anis, Erdbeere (für Kinder), Menthol und Sauerkirsche.
Nicht erst seit den Zeiten des angeblich wundertätigen Mönches Rasputin, der am Hof des letzten Zaren sein Unwesen trieb und vor allem von der aus Deutschland stammenden Zarin Alexandra protegiert wurde, ist der Glaube an Übersinnliches in Russland fest verankert. Besorgt um meine Gesundheit, empfahl mir ein Bekannter ein Medikament der Marke Tamiflu. Es sei zwar im Prinzip rezeptpflichtig, aber trotzdem meist problemlos zu kaufen. Mit einer einzigen Tablette sei ich geheilt. Ich recherchierte ein wenig im Netz und fand heraus, dass Tamiflu ein relativ neues Mittel gegen Viren ist, mit einem nach den Regeln der evidenzbasierten Medizin eher überschaubaren Wirkung. Bei bakteriellen Infektionen helfe es überhaupt nicht. Dann doch besser Ctrepsils und eine Tasse schwarzen Tee mit frisch geweihtem Honig.
Das Hotel „Oktjabrskaja“ in Nischnij Nowgorod stammt noch aus der Sowjetzeit. Ein schöner, moderner Bau direkt an der Wolga. Mein „Standard“-Zimmer wurde glücklicherweise noch nicht dem neuesten Geschmack angepasst. Gepflegter Retro-Schick aus den 80ern.
Eigentlich darf man in diesen Zeiten ja keine Werbung für Russland als Reisedestination machen. Doch der Kreml von Nischnij ist ein Weltwunder, vor allem die gewaltige, zwei Kilometer lange mit 13 Türmen bewehrte Mauer, die man auf dem holzüberdachten Wehrgang in einer knappen Stunde umrunden kann. An manchen Stellen kommt man sich vor wie auf der Chinesischen Mauer.
Ein Riss durch die russische Gesellschaft
Nischni ist viel weniger hektisch und anstrengend als Moskau und viel weniger streng bewacht, obwohl es hier bedeutende Rüstungsbetriebe gibt. Schwarze Luxuslimousinen sieht man auch seltener. Und die Preise sind deulich niedriger als in Moskau.
Am großen Schiffsterminal an der Wolga legten einst mit Deutschen vollgepackte Flusskreuzfahrtschiffe an. Diese Zeiten sind einstweilen vorbei, dafür kommen immer mehr inländische Touristen, für die Auslandsreisen wegen der Sanktionen und der hohen Inflation, etwa in der Türkei, unerschwinglich geworden sind. So viele, dass dauern neue Hotels gebaut werden müssen, um den Ansturm zu bewältigen.
Im Kreml von Nischnij Nowgorod zeigt ein militärisch-patriotischer Gedenkort namens „Gorki für die Front“, Kriegsgerät, dass der aus Nischnij stammende Dichter Maxim Gorkij zum Kampf gegen die Nazis an die Front geliefert hatte, darunter ein in einer einheimischen Werft gebautes U-Boot. Kinder turnen auf Panzern herum - Wehrkundeunterricht im Freien.
Vor dem Eingang zum Kreml-Museum inklusive Mauerrundgang eine lange Schlange. Eine Kreml-Mitarbeiterin bittet die Wartenden per Megafon-Durchsage, sich vorher zu überlegen, welche Attraktionen sie interessieren würden, um an der Kasse zügig entscheiden zu können. Das würde die Wartezeit verkürzen. Gute Idee. Vielleicht könnte man so etwas in deutschen Eissalons einführen, wo die Leute immer endlos darüber nachgrübeln, ob es nun Mango-Pistazie, Zitrone-Basilikum oder Rucola-Walnuss sein soll.
Apropos: Ein junger Vater sagte mir, dass die seit kurzer Zeit obligatorische militärisch-patriotische Erziehung an den Schulen und die verschärfte patriotische Erziehung bei vielen Eltern ausgesprochen unbeliebt sei. Wie ich die Russen kenne, werden sie Wege finden, ihr Kind davon fernzuhalten, so weit wie möglich. Mir scheint, dass seit Beginn des Ukrainekrieges ein Riss durch die russische Gesellschaft geht. Jüngere lehnen den Krieg oft ab und verweigern sich auch dem allerorts abverlangten Heldenkult, während Ältere die traditionellen Werte nicht in Frage stelle. Trotzdem sind die Russen über alle Generationen hinweg ein patriotisches Volk geblieben. Wenn es hart auf hart käme, sagte mir der junge Vater, würde niemand abseits stehen: Right or wrong, my country.
Die Internetüberwachungsbehörde Roscomnadsor versucht die Menschen mit allerlei Schikane von schwer zu kontrollierenden ausländischen Messangerdiensten wie Telegram und Whatsapp auf die inländische Plattform „Max“ umzuleiten. Viele Russen haben jetzt mehrere Mobiltelefone, darunter eines ausschließlich für Max, auf dem man nur absolut Unverfängliches kommuniziert. Es heißt im Volksmund „Maxphone“.
Sonnenuntergang über der Wolga
„Starbucks“ heißt in Russland jetzt „Stars Coffee“ mit fast identischem Logo, KFC wurde in „Rostics“ umfirmiert. Der Ansturm ist ungebrochen, doch die Gewinne bleiben jetzt in Russland.
Sonnenuntergänge haben in Nischnij Nowgorod Kultstatus wie die „Weißen Nächte“ in Petersburg. Das liegt daran, dass die Sonne immer über der weiten Fläche der Wolga untergeht und ihr langsames Verschwinden hinter dem Horizont durch nichts verstellt wird. Und die Flusslandschaft sucht ihresgleichen. Einmal hier die Wolga sehen und sterben.
Absacker in einem gepflegten Café-Restaurant mit russisch-französischer Prägung. Auf der Weinkarte entdecke ich einen deutschen Riesling aus Rheinhessen, ohne Jahrgang, für umgerechnet 27 Euro die Flasche. Eine kurze Recherche führt mich zu einem der größten russischen Wein- und Schaumweinhandelshäuser, gegründet von zwei Geschäftsleuten mit armenisch klingenden Namen. Der Wein stammt laut Karte von einem gewissen Hans Bär. Das ist jedoch kein schnuckeliges Familienweingut, sondern die Marke einer der größten deutschen Kellereien in Mainz-Hechtsheim. Deren Produkte werden teilweise sogar in Dosen verkauft. Die Trauben kommen aus dem größten deutschen Weinbaugebiet Rheinhessen südwestlich von Mainz. Vermutlich finden die Flaschen jetzt über Armenien ihren Weg nach Russland und werden dort für mehr als das Doppelte verkauft, was sie ab Kellerei kosten. Ich habe den Wein nicht probiert, kann mir jedoch kaum vorstellen, dass er von besonderer Qualität ist. Ich würde das als Gewinn bringende Verklappung des deutschen Weinüberschusses bezeichnen. Der blöde Russ versteht ja nix davon.
19.08.2021
Yandex ist die russische Datenkrake - so etwas wie Google, Uber, Gorilla und YouTube in einem. Das Yandex-Taxi, das mich vom Hotel zum Bahnhof von Nischnij-Nowgorod bringen sollte, komm nach drei Minuten zum Festpreis von 400 Rubel, umgerechnet rund vier Euro für eine zwanzig-minütige Fahrt. Der Fahrer wirkt allerdings nicht sehr glücklich. Ich hörte, dass es auch in Russland viele arbeitslose Akademiker gebe, die nach Lust und Laune studiert, dann aber keinen Job gefunden hätten. Mittlerweile hat die Regierung den Zugang zum Studium erschwert, damit weniger gut ausgebildete Menschen Beschäftigungen nachgehen müssen, für die sie überqualifiziert sind, was eine eklatante Verschwendung öffentlicher Bildungsressourcen darstellt. Darüber könnte man auch in Deutschland nachdenken, um dem Fachkräftemangel vor allem im Handwerk abzuhelfen.
Baustellenchaos am Bahnhofsvorplatz
Im Wartesaal des Hauptbahnhofs von Nischnij Nowgorod hat ein Obdachloser auf einer Sitzbank sein Quartier aufgeschlagen. Manchmal wandert er im Bahnhofsgebäude herum und jemand anders setzt sich auf seinen Platz. Als eine junge Frau auf seine Aufforderung hin nicht weichen will, wird er handgreiflich, woraufhin die Menge um ihn herum mit Empörung reagiert. Irgendjemand verständigt die Polizei. Die rückt gleich mit drei Mann an und verlangt, seine „Papiere“ zu sehen, die er im Zeitlupentempo aus einer fleckigen Reisetasche grabbelt. Dann ziehen die Beamten unverrichteter Dinge wieder ab, wünschen sogar noch „Alles Gute“. Das Handeln der Polizei schien mir völlig korrekt, doch die fast hasserfüllten Reaktionen der Menschen, die Zeugen dieses Vorfalls wurden, machten mir Angst.
Seinen Pass muss man in Russland bei fast jeder Gelegenheit vorzeigen, auch beim Kauf eines (personalisierten) Eisenbahntickets für Fernverkehrszüge. Beim Einstieg in den Waggon wird streng kontrolliert, ob man wirklich jener ist, der die Fahrkarte gekauft hat. Im Zug gibt es eine weitere Kontrolle.
Was es nicht gibt in russischen Schnellzügen sind die ulkigen bis peinlichen Durchsagen von Zugbegleitern, die der englischen Sprache nur rudimentär mächtig sind. In Russland laufen die Durchsagen automatisiert vom Band, in der Landessprache sowie in bestem Native-Englisch. Das geht aber nur deshalb, weil sich die Züge nie verspäten und deshalb keine improvisierten mündlichen Ansagen über „erreichte oder verpasste Anschlusszüge“ nötig sind. Thank you for träwweling.
Aus einem am Bahnhof ausliegenden „Flyer“ der russischen Streitkräfte: Wer eine Verpflichtungserklärung für den Kriegsdienst unterschreibe, habe Anspruch auf „professionelle und erfahrene Kommandeure“, „herausfordernde militärische Aufgaben“, „qualitätsvolle Ausrüstung“ und leiste „einen wirksamen Beitrag zur Geschichte des Landes“. Überschrift der Broschüre: „Werde ein Held unserer Zeit!“
In Wladimir am „Goldenen Ring“, auf halber Strecke zwischen Nischnij und Moskau, packt mich zum ersten Mal ein Anflug von Russlandfrust. Der Bahnhofsvorplatz versinkt im Baustellenchaos; mit dem Rollkoffer kommt man kaum zum gegenüberliegenden Busbahnhof, wo die Busse nach Sudal abfahren sollen. Der Koffer muss mehrere Treppen hochgewuchtet, eine Fahrkarte erstanden werden, so weit so gut. In zwei Minuten fährt der Bus, es ist Eile angesagt. Dann stellt sich heraus, dass ich noch eine Gepäckkarte hätte lösen müssen. Also wieder zurück durch die auch hier obligatorische Gepäck- und Personenkontrolle, wieder Anstehen an der Kasse? Und der Bus wäre natürlich ohne mich abgefahren. Doch Russland ist zum Glück Russland, denn man erlässt dem „Nemez“, wie Deutsche auf russisch heißen (nach einem älteren Wort für „Stumme“, also Sprachunkundige), großzügig die Gepäckkarte. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass die Menschen hier weniger offen und umgänglich sind als in der Großstadt. Auf Fragen reagieren sie genervt, fast gereizt, obwohl der „Goldene Ring“ eine von Russlands bekanntesten Touristendestinationen ist.
Flach und eintönig
Wir fahren auf einer gut ausgebauten, vierspurigen Straße zuerst durch den noch reichlich sowjetisch anmutenden Speckgürtel von Wladimir inklusive „Globus“-Einkaufszentrum, dann hinaus auf Land. Flach und eintönig ist es hier, da gebe ich dem französischen Reiseschriftsteller Astolphe de Custine, der 1836 eine Reise nach Russland unternahm und nachher kein gutes Wort an dem Land und seinen Bewohnern ließ, ausnahmsweise einmal recht. Was Custine noch nicht missfallen konnte, sind die großen, leergeräumten Ackerschläge, die auf die Zeit der Kolchosen zurückgehen. In den Siedlungen entlang der Straße sieht man die typischen, mit Schnitzereien verzierten, russischen Holzhäuser, mal proper herausgeputzt, mal ungepflegt oder verfallen sowie neue Häuser in den unterschiedlichsten Baustilen von Marke Eigenbau bis luxuriös. Nur selten setzt ein orthodoxes Kirchlein einen Farbakzent. Nein, die Menschen hier auf dem Land leben nicht in Slums, aber auch nicht in manchmal zu Tode gepflegten schwäbischen Wüstenrot-Ghettos.
Das ist die Crux bei Ländern, die eigentlich Kontinente sind: Alles ist hier schier endlos, mitteleuropäische Kleinteiligkeit unbekannt. Um so viele unterschiedliche Landschaften wie in Deutschland an nur einem Tag zu erleben, muss man in Russland Tausende von Kilometern zurücklegen. Andererseits lässt sich hier das Gefühl von Weite auskosten. Bei uns heimelige Begrenzung, die sich auch in den Köpfen widerspiegelt, dort eine fast furchteinflössende Endlosigkeit.
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@ Lutz Herrmann – „Warum das die Ukraine ausbaden muss, bleibt trotzdem schleierhaft. “ – Doch nicht ernst gemeint, oder ? „Tagesschau“ findet die Gründe dafür eher nicht, aber . . Tipp: In unabhängigen Medien NATO-Ost-Erweiterung googeln. Und vorher vielleicht „Kuba-Krise“ lesen, so zum Einstieg.
Gerd Ruge reloaded. Und jetzt noch der Sonnenuntergang am Baikalsee, wo der alte Fischer mit einer toten Forelle und drei Klötzen Holz vor der Hütte, so zufrieden ist, wie sonst niemand auf der Welt. Dann hoffen wir doch, dass die Germanen bald auch so glücklich sind. Die Regierung arbeitet hart daran. Und das Rezept für die Forelle Baikal Art muss ins Survival Kochbuch.
„… Kriegsgerät, dass der aus Nischnij stammende Dichter Maxim Gorkij zum Kampf gegen die Nazis an die Front geliefert hatte… “
Maxim Gorki, der „Sturmvogel der Revolution“, starb 1936.
Danke, Herr Etscheit, für diese interessanten Einblicke, die so wichtig sind in einer vorurteilsgefüllten Zeit. Herr Scholl-Latour hätte Freude daran gehabt. Gerne mehr davon!
In der Provinz ist halt anders als in der Hauptstadt. Die Lutschpastillen heissen übrigens Strepsils (kyrillisch Стрепсилс).
>>Als eine junge Frau auf seine Aufforderung hin nicht weichen will, wird er handgreiflich…Dann ziehen die Beamten unverrichteter Dinge wieder ab, wünschen sogar noch „Alles Gute<<. Das Handeln der Polizei schien mir völlig korrekt“. Völlig korrekt schien ja auch das Wegsehen der Polizei in der Kölner Silvesternacht 2015. Den Frauen „alles Gute“ in 2016.
Maxim Gorki dürfte gar nichts an die Front geliefert haben – schon deshalb nicht, weil er bereits fünf Jahre vor Ausbruch des Deutsch-Sowjetischen Krieges verstarb.
Wohl aber wurde sein Geburtsort 1932 nach ihm benannt. Im Laufe der dreißiger Jahre entstanden in der Stadt Automobil- und Rüstungsbetriebe, so u. a. das Automobilwerk Gorki, abgekürzt GAZ, das Werk Nr. 92, welches Artilleriewaffen produzierte, oder das Werk „Krasnoje Sormowo“, zu dem auch eine Werft gehört, die U-Boote baute. Die von diesen Fabriken hergestellten Rüstungsgüter kamen dann eben aus Gorki. Im Russischen können beide Aussagen zu grammatikalisch gleichen Sätzen führen, der Unterschied läßt sich dann nur aus dem Kontext erkennen.