16.08.2026
Heute Berichte über einen der größten bisherigen Drohnenangriff der Ukraine auf die russische Hauptstadt oder, genauer gesagt, die Oblast (Gebiet) Moskau, die etwa so groß ist wie Niedersachsen. 600 Drohnen sollen im Anflug gewesen und großenteils schon weit vor ihrem Ziel abgefangen worden sein. Im Zentrum merkte man nichts davon, doch wurden nach offiziellen Quellen am Stadtrand unter anderem wieder einmal ein Logistikzentrum des russischen Onlinehändlers „Wildberries“ in Brand gesetzt. Von Defätismus allerdings ist bislang nach einem Eindruck nichts zu bemerken. Viele Russen befürworten sogar ein härteres Vorgehen gegen die Ukraine. Dass der Konflikt weiter eskaliert und noch lange nicht zu Ende ist, halten die meisten Menschen für ausgemacht. „Wir werden uns daran gewöhnen“, sagte mir eine Russin. Vor allem Mütter fürchten sich freilich vor einer möglichen, neuen Mobilisierungswelle, weil sie ihre Söhne nicht an der „Kontaktlinie“, vulgo Front sehen wollen.
Ich habe heute den Sonntagsgottesdienst in der Kirche vom „Heiligen Großmärtyrer Demetrius von Thessaloniki im Nordwesten Moskaus besucht. Um dorthin zu gelangen, muss man durch ein riesiges Baustellenareal wandern. Hier werden im Akkordtempo protzige Wohnhochhäuser hochgezogen, deren Appartements für Normalverdiener unerschwinglich sind. Hier kaufen sich dem Vernehmen nach wohlhabende Russen aus allen Teilen des Landes ein, um ein Standbein in der Hauptstadt zu haben. „Nach Moskau, nach Moskau, nach Moskau“, heißt es schon bei Anton Tschechow.
Die Kirche ist erst rund zehn Jahre alt und, wie gehabt, im traditionellen Stil gebaute. Tausende solcher Gotteshäuser wurden seit dem Untergang des Kommunismus und seiner atheistischen Ideologie in Russland gebaut, ein historischer Boom des Kirchenbaus in der Russischen Föderation. Vorher war an der Stelle des neuen Kirchleins ein Parkplatz und der Gemeindepope Alexander Wasjutin berichtete mir, dass sich die Anwohner über sein Verschwinden sehr geärgert hätten. „Parkplätze sind wichtiger als Gott.“
Priestermangel wie in Deutschland gibt es in Russland nicht, ob das unter anderem daran liegt, dass russisch-orthodoxe Priester heiraten dürfen, ist schwer zu sagen. Vater Alexander ist weit gereist und spricht mehrere Sprachen, darunter sehr gut deutsch. Ein weiterer Geistlicher seiner Gemeinde war früher in der Militärforschung tätig und wandte sich erst nach dem Ende der Sowjetunion dem geistlichen Leben zu. Wie seine Kollegen in Westeuropa sorgt sich der hünenhafte Pope um die sinkende Zahl der Kirchenbesucher und ein immer weiter um sich greifendes, bloßes Kulturchristentum. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass die Religion im heutigen Russland noch eine weitaus größere Rolle spielt als bei uns.
Kirche mit „niedrigschwelligem Angebot“
Die Kommunion wird in Russland auch an Kinder ausgegeben, eine besondere Zeremonie der Erstkommunion gibt es nicht. Überhaupt ist die Bindung der Gläubigen an die Kirche als Institution in Russland schwach ausgeprägt. Eine Mitgliedschaft gibt es nicht, eine staatlicherseits erhobene Kirchensteuer schon gar nicht. Jeder kann kommen und gehen, wie er will, auch während des zweistündigen Gottesdienstes herrscht reges Treiben im Kirchenraum. Kirchenbänke gibt es keine, die Gläubigen stehen, bekreuzigen sich häufig nach orthodoxer Sitte, fallen gelegentlich zu Boden oder berühren den Boden mit der Hand. Ikonen werden geküsst oder berührt, um sich ihrer Wirkung zu versichern, danach wischen Gemeindemitarbeiterinnen das Glas sauber. Nach dem Gottesdienst gibt es vor der Kirche Tee aus dem Samowar, Kekse und Melonenscheiben. Im deutschen Neusprech würde man von einem „niedrigschwelligen Angebot“ sprechen. Ein Traum für die Anhänger des „Synodalen Wegs“.
Ganz im Gegensatz zum drückenden Personalmangel in der deutschen Gastronomie ist der Service in Russland oft hoffnungslos überbesetzt, meist mit netten, aber unerfahrenen jungen Leuten. Drei stehen am Empfang, fünf hinter der Theke und nochmal so viele bringen einem die Speisen - leider oft die falschen oder, wie mehrfach geschehen, Vorspeise und Hauptgang gleichzeitig, was einen zu zügiger Essenseinnahme zwingt, soll das warme Gericht nicht kalt werden. Aber man soll nicht immer nur meckern, die Qualität der Speisen ist in der Regel mehr als zufriedenstellend.
17.08.2026
„Lastotschka“ (Schwalbe) heißt eines der Lasttiere des russischen Schienenfernverkehrs. Der ursprünglich von Siemens entwickelte und jetzt von einem russischen Eisenbahnwerk in Ural gebaute Elektrotriebzug, braucht für die 400 Kilometer lange Fahrt von Moskau nach Nischnij Nowgorod vier Stunden. An russischen Eisenbahnzügen fällt neben ihrer Sauberkeit und Pünktlichkeit die übergroße Spurweite auf. Deshalb haben russische Waggons viel mehr Platz als westeuropäische, was das nervige Gedränge im Mittelgang verhindert und auch den Imbisstrolley problemlos passieren lässt. Ich kam ins Gespräch mit einer älteren Pensionistin, die ihren Sohn in Moskau besucht hatte und jetzt auf der Rückfahrt in ein Städtchen entlang dieser viel befahrenen Bahnlinie war. Sie besitzt dort ein Häuschen mit einem Garten und einer Katze, ihr Leben ist nicht üppig, aber offenbar zufriedenstellend. Ins Ausland ist sie noch nie gereist. Nur einmal war sie mit ihrem Sohn in Abchasien, das ein Teil Georgiens war, bevor es Russland besetzt hatte. Dort an einem bildschönen Gebirgssee hatte sich Stalin eine Datscha bauen lassen, in der später auch Breschnew urlaubte. Stolz zeigt sie die Hinterlassenschaften der beiden Sowjetführer in einem kleinen Museum. Ob sie stolz auf Stalin war oder auf ihre Reise, lasse ich offen.
An diesem Tag liegen graue Regenwolken über der unspektakulären Landschaft zwischen Moskwa, Oka und Wolga. Birken- und Kiefernwälder, sumpfige Wiesen, kleine Siedlungen und wasserreiche Flüsse. Wer hier von der bei deutschen Naturschützer so beliebten „Wiedervernässung“ redete, würde zu Recht für verrückt erklärt. Absolut keine Dürre, auch mal schön.
Für Moskauer ein Provinzstädtchen
Die verrotteten Sowjetaltlasten sind hier vor allem im Umkreis der Bahnhöfe unübersehbar. Und auch die meisten Wohnsilos im Plattenbaustil stammen noch aus der Sowjetzeit. Dazwischen immer wieder proper angestrichene Privathäuschen wie wohl jenem, das meine Gesprächspartnerin im Zug ihr Eigen nennt. Vor allem bei Regen und wahrscheinlich in den langen russischen Wintern gewöhnungsbedürftig. Kurz vor Nowgorod hält der Zug in der großen Chemiestadt Dserschinsk, benannt nach dem Gründer der berüchtigten sowjetischen Geheimpolizei, dessen Denkmal vor der Lubjanka im Zuge der Wende geschleift wurde. Ob man hier leben wollte, lasse ich mal dahingestellt.
In Nischnij Nowgorod, was „Untere Neustadt“ heißt, im Gegensatz zu „Weliki Nowgord“ (Obere Neustadt) im hohen Norden bei Petersburg, geht gerade ein veritabler Starkregen nieder, der alle Straßen zu kleinen Flussläufen und Plätze zu Seen macht. Die Russen „glauben“ an den Klimawandel, aber sie meinen, nichts dagegen tun zu können, Eine gesunde Einstellung. Leider hüllt sich die Wolga, der russischen Schicksalsfluss, den schon so viele Tränen herabgeströmt sind, in Nebel. Morgen soll das Wetter besser werden. Vielleicht sehe ich sogar einen der berühmten Sonnenuntergänge über dem riesigen Strom.
Bei den Pfadfindern sangen wir ein Lied, in dem die Russen und andere Nationalitäten durch den Kakao gezogen werden. Der Refrain lautet: „In Nischnij Nowgorod, in Nischnij Nowgorod, da gibt es Salz aufs Brot, das macht die Wangen rot...“ Der Ulksong stammt von dem jüdischen-österreichischen Librettisten Fritz Löhner-Beda , der auch das Libretto für Franz Lehars Operette „Land des Lächelns“ schrieb. Im Chemiewerk Monowitz, Teil des Vernichtungslagers Auschwitz, musste er Zwangsarbeit leisten, bis er auf jämmerliche Weise ermordet wurde.
Nischnij Nowgorod mit rund 1,2 Millionen Einwohnern, am Zusammenfluss von Wolga und Oka, ist für Moskauer ein Provinzstädtchen. Mein Gastgeber, ein junger Psychologe mit eigenem Unternehmen, fühlt sich hier mit seiner kleinen Familie sehr wohl, zumal er per Zug ziemlich schnell in der Hauptstadt ist und, zusammen mit seinem Sohn, seinen Lieblingsfussballverein ZSKA („Zentraler Sportklub der Armee“) anfeuern kann. Trotzdem macht er sich Sorgen, wie viele Menschen. Zunächst einmal nicht vor direkten Kriegseinwirkungen, sondern wegen der zunehmenden Wirtschaftsprobleme. Die Rüstungsindustrie arbeitet auf Hochtouren, es mangelt an Arbeitskräften, die Löhne steigen. Weil aber das Angebot an Konsumgütern unter anderem auch wegen der Wirtschaftssanktionen nicht mithalten kann, steigt auch die Inflation, zur Zeit liegt sie offiziell bei sechs Prozent, und raubt Kaufkraft. Bei vielen Menschen, sagt der Psychologe aus eigener Erfahrung mit seinen Klienten, mache sich Unsicherheit breit. Und dann drohe möglicherweise eine weitere Einberufungswelle.
Das Umgehen der Internet-Sperren
Auch im Zug nach Nischnij wurde wieder an heroische Werte appelliert. Bei jungen Leuten komme das nicht mehr an, höre ich. Eher schon die hohen Soldzahlungen und Prämien, die an jene ausgeschüttet werden, die sich freiwillig an die Front melden. Es ist vor allem die oft unterbeschäftigte jüngere Landbevölkerung, die sich davon noch anlocken lässt. Es war in jedem Krieg so: Die Ärmsten beißen die Hunde.
Apropos Hunde. Die Corgi-Mode seligen Angedenkens an die Queen, die diese Rasse zeitlebens gezüchtet hatte, ist auch in Russland angekommen.
Von der Benzinkrise ist hier augenscheinlich nichts zu bemerken. Mein Gastgeber erklärt mir, die Stadtregierung habe das Problem der Schlangen „entzerrt“, indem Treibstoff einstweilen nur noch tageweise nach definierten Autonummern ausgegeben werde. Schlangen an Tankstellen habe ich auch in Moskau bislang keine gesehen. Es gibt jedoch geschlossene Tanken und solche, die nur bestimmte Sorten ausgeben. Etwa 40 Prozent der russischen Raffineriekapazitäten, lese ich in russischen Medien, sollen von den Angriffen betroffen sein.
Auf der Straße spricht uns ein Bettler an. Mein russischer Bekannter zückt sein Handy und wischt darauf herum. Was er gemacht habe, wollte ich wissen. Er habe dem Mann etwas Geld überwiesen.
Immer wieder habe ich Probleme mit dem mobilen Internet. Endlich installiert man mir eine VPN-App auf meinem Handy. Hat jeder Russe, um die Sperren etwa von unerwünschten Messengerdiensten wie Whatsapp und Telegram zu umgehen. Die App täuscht den Staatskontrolleuren vor, dass man von einer nicht-russischen IP-Adresse auf die besagten Dienste zugreift. Funktioniert prächtig. Selbst Putin, so wird gewitzelt, lese Telegram via VPN.
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Die russischen Bahnen haben eine Spurweite von 1520 mm, die hiesige eine solche von 1435 mm. Wenn die Wagen geräumiger sind, dann, weil die Russen ein größeres Lichtraumprofil haben und damit auch eine größere Wagenbreite als in Mitteleuropa.
Härteres Vorgehen und zugleich die Söhne weg von der Front? Humor haben sie ja, die Russen.
Die Befürwortung des härteren Vorgehens gegen die Ukraine ist kein Phänomen der Armen, Abgehängten, Bildungsfernen oder sonstwie für Propaganda anfälligen, es ist ein in der russischen Gesellschaft weit verbreitetes. Noch 2021 stellten Meinungsforschungsinstitute fest, das Russen in der Ukraine deutlich beliebter waren als Ukrainer in Russland. Das hat vor allem kulturelle Gründe – Ukrainer gelten als Menschen mit mangelnder Bildung, zweifelhaften Benehmen und einer kümmerlichen Sprache ohne Geschichte und Kultur. Deshalb ist der Ant-Ukrainismus auch eher ein Phänomen der gebildeten Schichten. Man lese nur einmal, wie sich Michail Bulgakow (in Kiew geboren und aufgewachsen) über „Ukrainer“ und die ukrainische Sprache äußert. Und es ist auch kein Problem des postsowjetischen Raumes, sondern seit etwas mehr als 150 Jahren in der russischen Kultur tief verwurzelt.
Aus Sicht vieler Russen stören Ukrainer nur, und auf Grund ihrer mentalen und kulturellen Zurückgebliebenheit könne man mit denen nicht vernünftig reden.
Diese Serie ist äußerst Interessant! Wunderbar unaufgeregt und Informativ. Vielen Dank!
„Viele Russen befürworten sogar ein härteres Vorgehen gegen die Ukraine“. Da isser wieder, der Wattekopp: „Kurz gesagt steht der Watnik für einen bestimmten archetypischen Russen, der aus Angst, Hass gegenüber anderen oder meist einer Kombination aus beidem bedingungslos das Regime unterstützt.“(Quelle Wikipedia). Sehr beliebt bei AfD- und BSW- Fans.