14.08.2026
Schriftsteller sind in Russland so etwas wie Nationalheilige. In der Sowjetzeit gab es im Süden Moskaus mitten im Wald eine Datschensiedlung, die nur für die berühmtesten von ihnen reserviert war. Wer sich loyal zum System verhielt, konnte in diesem goldenen Käfig ein angenehmes Leben führen. Einer der auch im Westen nicht zuletzt durch eine Hollywoodschnulze weltberühmt gewordenen Bewohner von Peredelkino war Boris Pasternak, der mit seinem Roman „Doktor Schiwago“ in Ungnade fiel, weil er darin die Oktoberrevolution nicht ins allerbeste Licht gerückt hatte. Er wurde aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen und konnte den ihm 1953 zuerkannten Literaturnobelpreis nicht in Empfang nehmen. Seine eigenwillige Behausung – eine Datscha ist so etwas wie ein Gartenhaus – entworfen von einem deutschen Architekten, ist heute ein Pilgerort. Direkt gegenüber auf der anderen Straßenseite präsentiert sich das neue Russland mit hoch umzäunten, Kamera bewehrten Siedlungen vermögender Moskauer.
In Peredelkino gibt es auch eine nagelneue russisch-orthodoxe Kirche, ein Zentralbau, mit prächtigen Zwiebeltürmen, so farbenprächtig angemalt, wie orthodoxe Kirchen überall in Russland aussehen. „Moderne“ Gotteshäuser kennt man nicht, man baut unverdrossen in der Tradition, die seit Jahrhunderten gepflegt wird, wenn auch mit modernen Baustoffen und Bautechniken und insgesamt etwas reduzierter, was die Ornamente betrifft. Die berühmt-berüchtigten „Seelenabschussrampen“ aus Beton, Stahl und Glas wie in Deutschland, die jetzt mangels Gläubiger reihenweise profanisiert oder gleich abgerissen werden, sind hier unbekannt. Nur selten gibt es Kritik an der traditionellen Bauweise. Die neue Hauptkirche der Russischen Streitkräfte im Patriot-Park im Norden Moskaus mit ihren vier unterschiedlich hohen, goldüberkuppelten Türmen erschien vielen Menschen dann doch zu präpotent. Laut Wikipedia (deutsch) sprachen manche von einem „Raketenwerfer“.
Heute ist der Tag, an dem die Russisch-orthodoxe Kirche die neue Honigernte weiht. In einem Lädchen in Peredelkino werden Plastikbecher mit Honig auf einen Tisch gestellt, damit sie der Pope mit Weihwasser besprenkeln kann. Dabei liest er, die russisch-orthodoxe Kirche geht mit der Zeit, die Gebete vom Handy ab. Auch die Umstehenden, darunter der Autor dieser Zeilen, werden in die feuchte Zeremonie einbezogen.
In der U-Bahn gibt es Reklame der Russischen Streitkräfte, auf denen Bürgern, die sich freiwillig für die „Sonderoperation“ verpflichten, zuzüglich zum Sold eine Einmalzahlung von mehr als fünf Millionen Rubel geboten werden, immerhin rund 50.000 Euro. Für eine Wohnung in einem guten Moskauer Stadtviertel reicht das allerdings bei weitem nicht.
Allein in Moskau sollen Millionen illegaler Migranten leben.
Wenn man mich mit verbundenen Augen an diesen Ort beamen würde, ich würde denken, ich sei in Berlin-Prenzelberg oder München-Schwabing. Denn viel trendiger geht es dort auch nicht zu. Die Rede ist von einer Bäckerei namens „Masa Madre“ mit Café in Kitaigorod, wo sich überwiegend junges Volk bei wummernden Bässen um die in der offenen Backstube ständig frisch gebackenen internationalen Brotspezialitäten wie Ciabatta, Baguette und Briochebrot reißt, obwohl die Preise gesalzen sind. Den Service versehen Studenten, nett aber etwas unbedarft. Zuerst kommt mein Dessert, ein wunderbarer Schokoladen-Cheesecake, dann will man mir den „Hauptgang“ in einer Plastiktüte mit nach Hause geben, obwohl ich ihn eigentlich vor Ort verzehren wollte: ein Borodinski-Sandwich mit Pastrami (marinierten Rindfleischscheiben) und Gemüsen. Borodinski Chleb ist ein leicht süßlich schmeckendes russisches Gewürzbrot, das eigentlich nur darauf wartet, irgendwann in westlichen Hipster-Bäckereien aufzutauchen.
15.08.2026
Im Frühstücksraum meines kleinen Dreisternehotels trifft man die russische Mittelschicht, Familien mit einem oder zwei Kindern, Gruppen von Freunden, Alleinreisende. Ab und an auch mal ein paar Araber oder Italiener. Deutsche habe ich noch keine gesehen.
Ich kostete heute erstmals den Käse, den ich auf dem Markt gekauft hatte. Der baltische „Parmesan“ aus Argentinien erinnerte nur entfernt an einen sehr, sehr jungen Parmiggiano. Der „Gorgonzola“ aus Brasilien dagegen war ein Genuss und kam dem Original recht nahe.
In der Küche und im Service meines Hotels schuften asiatisch aussehende Menschen. Jede Gesellschaft hat ihre „Sklaven“. In Russland sind es meist Kirgisen, Usbeken, Tadschiken. Die Regierung müht sich, die illegale Immigration aus den mittelasiatischen Ländern einzudämmen, doch allein in Moskau sollen Millionen illegaler Migranten leben. Soviel zur Effizienz des angeblich allmächtigen russischen „Polizeistaates“.
Dass die Russen ein entspanntes Verhältnis zur Kunststoffkultur pflegen, habe ich schon angedeutet. Doch warum ist oft jedes Backwerk wie die beliebten, mit Weißkraut gefüllten Hefepiroggen, einzeln in eine dünne Plastiktüte verpackt? Übrigens stehen in jedem Supermarkt und vielen Cafés Mikrowellenautomaten, in denen man pikant gefülltes Backwerk als Zwischenmahlzeit kostenlos aufwärmen kann. Nachahmenswert wie die köstlichen Piroggen.
„Die Geschichte des Landes ist die Geschichte seiner Armee“, steht in roten Lettern über dem Eingang des Zentralmuseums der Russischen Streitkräfte in Moskau. Von der Zeit der Rurikiden an werden hier alle militärischen Niederlagen und Siege der russischen Nation dokumentiert. Der größte Saal im Zentrum des Gebäudes an der „Straße der Sowjetarmee“ ist dem Sieg über Nazideutschland im „Großen Vaterländischen Krieg“ gewidmet. Dort liegt der bronzene Adler mit Hakenkreuz, der einst über dem Haupteingang von Hitlers Neuer Reichskanzlei hing und von Sowjetsoldaten nach Moskau gebracht wurde – nebst originalen NSDAP-Parteistandarten und Flaggen der geschlagenen Wehrmacht. Ganz am Ende der Dauerausstellung zur russischen Militärgeschichte geht es um die „Militärische Sonderoperation“. Auch die Waffenbrüderschaft mit Kim Jong Un wird dort beschworen.
Ohne die Orthodoxie war Russland nie zu verstehen
Fahrradboten und E-Scooterfahrer sind die Herrscher der Moskauer Bürgersteige. Unbarmherzig kurven sie um einen herum oder scheuchen einen rabiat zur Seite. Niemand sagt etwas. Vielleicht sollte ich zu Hause auch etwas nachsichtiger sein.
Am Moskauer Gartenring, einer Schnellstraße, die rund ums historische Zentrum verläuft, stolperte ich zufällig in ein Restaurant, das sich „from Berlin“ nannte. Obwohl in einem Neubau untergebracht, war es auf Berliner Trash getrimmt und es gab Gerichte wie Currywurst mit Pommes, Döner, Heringssalat und „Hoppelpoppel“. Ich versuchte mich an einer Currywurst, die vom Original aber doch ziemlich weit entfernt war. Die Sauce ähnelte mehr einem italienischen Tomatensugo, die Wurststücke schmeckten wie gekocht statt gebraten und die Pommes waren wattig statt kross. Außerdem war die Portion so klein, dass echte Berliner stante pede Gerhard Schröder zu Hilfe rufen würden, damit dieser mal ein ernstes Wort mit Putin spricht. Das „Spatenhaus“ an der Lubjanka mit angeblich bayerischer Küche schenke ich mir jetzt. Ich mag auch Münchner Spatenbier nicht, das russische Helle schmeckt mir besser und ist billiger.
Apropos Berlin: Ich habe in Moskau noch keinen einzigen Hundehaufen gesehen, allerdings auch keine Hundehaufenplastiktütenspender. Und immer noch kein Lstenfahrrad.
Mir begegnen viele Menschen hier mit einer fast naiven Zutraulichkeit, einer entwaffnenden Arglosigkeit, die all jene Lügen straft, die von den Russen nur Hinterlist und Gewalt erwarten.
Schach ist Volkssport in Russland. In einer zentral gelegenen Grünanlage hat die Stadt im Rahmen des Festivals „Moskauer Sommer“ Schachbretter und Schachfiguren aufstellen lassen. Zwei Steppkes liefern sich hier offenbar eine Denksportschlacht. Als eine Figur im Eifer des Gefechts zu Boden fällt, wird sie sofort von einem Servicebediensteten aufgehoben und an ihren Platz zurückgestellt. Bei den Steppkes könnte es sich ja um künftige Schach-Großmeister handeln.
Am frühen Samstagabend wurde ich nahe der Lubjanka Zeuge eines ganz besonderen Glockenkonzertes. Im offenen Glockenturm einer kleinen Kirche läutete eine Frau, offenbar Meisterin ihres Fachs, die Abendliturgie ein. Sie machte das, indem sie mit Händen und Füßen Stricke schlägt oder zieht, mit denen die Klöppel in Bewegung gesetzt werden. Das ist alte orthodoxe Sitte und wird auch in jedem Kloster so praktiziert, seit Jahrhunderten.
Zuerst erklingen zwanzig, dreißig Schläge der tiefsten Glocke, deren Klang einem durch Mark und Bein geht. Fast meint man, das Jüngste Gericht sei angebrochen. Dann wird dem endzeitlichen Ostinato der hellere Klang höherer Glocken beigemischt, die in lebhaften Rhythmus eine unbekannte Melodie intonieren. Zum Schluss steigert sich das Glockenspiel zu einem wilden, fast orgiastischen Furor und endet abrupt mit einem einzelnen Schlag aller Glocken auf einmal. Wenn ich russische Glocken höre, habe ich immer den Eindruck, dass in ihnen ein unbekanntes, Gott ergebenes Leiden mitschwingt, vielleicht ein Teil jener Eigenschaften, die man der „russischen Seele“ zuschreibt und weit entfernt von dem fröhlich-zuversichtlichen Getöse unserer heimatlichen Sonntagsglocken. Ohne die Orthodoxie war Russland nie zu verstehen und ist es bis heute nicht.
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Foto: Das Haus von Boris Pasternak in Peredelkino.

Habt ihr auch schon mal zwanzigtausend französische Rentner gesehen, die morgens um halb acht das Hotelbuffet stürmen? Ich schon. Das war im Moskauer Hotel Ukraina (ein stalinistischer Betonklotz). Jeden Morgen das gleiche Schauspiel. Es fühlte sich an, als müsste gleich eine Hungersnot ausbrechen. Ist aber schon mehr als zwanzig Jahre her. Auch bemerkenswert: In einem Restaurant im Moskauer Zentrum wurde mir tatsächlich russischer Salat vorgesetzt. Offenbar kennen und schätzen den auch die Einheimischen. Nicht so wie den Irish Coffee in Irland: Aufschrift vor einem irischen Pub: „For tourists: Irish Coffee available“ (!). Für ein stimmungsvolles Glockenspiel empfiehlt sich auch das Alexander-Newski-Kloster in Sankt Petersburg zu Beginn einer Messe. In der Kirche geht dann zwei Stunden lang die Post ab. Manche Leute werfen sich nieder bis sie mit der Stirn den Boden berühren. Atmosphärisch ist auch der Friedhof vor dem Kloster, wo Dostojewskij und Tschaikowsky begraben sind. Locker mithalten kann da aber auch die Ukraine mit ihrem Kiewer Höhlenkloster. Man spaziert mit einer Kerze in der Hand durch die engen und schummrigen Katakomben tief unter dem Kloster, an geschmückten Särgen vorbei. Leute bekreuzigen sich und küssen den Sargdeckel. Ähnliches habe ich seither nie mehr gesehen.
„Zentralmuseums der Russischen Streitkräfte“
Die Sonderausstellung zum Hitler-Stalin-Pakt ist gerade geschlossen und wird überarbeitet.
„Mir begegnen viele Menschen hier mit einer fast naiven Zutraulichkeit, einer entwaffnenden Arglosigkeit, die all jene Lügen straft, die von den Russen nur Hinterlist und Gewalt erwarten“. Sogenannte Wattejacken, ideale Staatsbürger also: „>Watnik< wird als Schmähwort für verblendete, begriffsstutzige Hurrapatrioten verwendet, die unreflektiert die Propaganda der russischen Staatsmedien und Internettrolle nachplappern“(Quelle Wikipedia).