12.08.2026
Wenn man Russen auf den Ukrainekrieg anspricht, hört man immer wieder: „Wir sind müde“. Trotzdem erwarten viele eine weitere Eskalation, weil die NATO massiv aufrüste. „Wenn am Beginn eines Theaterstückes ein Gewehr an der Wand hänge, werde es am Schluss auch gebraucht“, lautet ein Sprichwort, das jetzt gerne zitiert wird. Viele befürchten nach den Dumawahlen eine neue Mobilisierungswelle. Russische Offizielle sprechen von „Feindpropaganda“.
Am Kursker Bahnhof erstand ich eine Fahrkarte für den Schnellzug nach Nischnij Nowgorod, der alten Messestadt an der Wolga. Die Bahnangestellte war freundlich, schnell und genau, obwohl man beim Kartenkauf den Reisepass vorzeigen muss und sie wusste, dass ich aus Deutschland komme. Ihre Leistungen kann man auf einem kleinen Apparat direkt am Schalter bewerten. Ich gab ihr ein „otlitschno“, was so viel wie „hervorragend“ heißt. Auf der großen Anzeigetafel eine rote Laufschrift: „Wir beglückwünschen die Teilnehmer der Militärischen Spezialoperation für ihren Heroismus.“ Wer Fragen habe, möge sich an den Militärkommandanten des Bahnhofes wenden. Hier gehen viele Züge ins Kriegsgebiet ab, etwa nach dem unter Drohnendauerbeschuss stehenden Belgorod nahe der ukrainischen Grenze.
In einem Buchladen in einem schicken und belebten Einkaufszentrum gegenüber dem Kursker Bahnhof mit dem lustigen Namen „Tschitaij Gorod“ (ein Wortspiel: „tschitaij“ ist der Imperativ Singular von „lesen“ und erinnert an das Wort „kitai“ für den erwähnten Moskauer Stadtteil) erstand ich einen Stadtplan und eine Straßenkarte der Russischen Föderation. In Deutschland sind solch elementaren Dinge für eine Reise nach Russland nicht mehr zu bekommen, weil der freiheitliche Staat die Reise- und Informationsfreiheit seiner Bürger massiv eingeschränkt hat. Russland ist Feindesland und zum Feind fährt man nicht, basta.
Das mobile Netz in Moskau ist instabil, mal funktioniert alles, mal nicht. Das liegt nicht an mangelnder Netzabdeckung, die ist hervorragend, sondern an staatlichen Eingriffen. Die Russen dürfte das am meisten aufregen und Putin bei der Wahl Stimmen kosten. Viele „aufgeklärte“ Russen liebäugeln mit einer Partei, die sich „Neue Leute“ nennt und ein bisschen Opposition spielt, wobei man nicht weiß, inwieweit der Kreml bei der Parteigründung seine Hände im Spiel hatte.
Tee im Saftglas
Antwort einer Russin auf meine Frage, warum Putin nicht überall auf Wahlplakaten zu sehen sei: “Wir kennen ihn doch.“ Noch ein Kalauer, diesmal zur deutschen GEZ: Ihr bezahlt für die Propaganda, bei uns ist sie gratis.
Abends traf ich einen russischen Sänger, der lange in Deutschland lebte und in einem südwestdeutschen Rundfunkchor arbeitete. Wegen der Weiterleitung eines patriotischen Posts auf seiner russischen Facebookseite, der von Journalisten skandalisiert wurde, kündigte ihm der Sender fristlos. Seiner Klage vor dem Arbeitsgericht wurde zwar stattgeben, doch hatte Sacha J. die Nase voll von Deutschland, verkaufte sein Haus und zog nach Moskau zurück. Besonders habe es ihn geschmerzt, dass ihn auch langjährige Freunde fallen gelassen hätten wie eine heiße Kartoffel. „Europa wird an seinem eigenen Irrsinn zugrunde gehen“, meinte er.
13.08.2026
Ich wollte mich am Frühstücksbuffet im Hotel russischen Gepflogenheiten anpassen und meinen Tee aus einem Glas trinken, so wie man ihn auch in den Zügen der russischen Bahn bei der Fahrt mit der Transsib serviert bekommt - im ziselierten Metallhalter. Leider war das Glas offenbar nur für kalten Fruchtsaft geeignet und zersprang. Die anderen Gäste schauten ungläubig, welch komischer Vogel Tee aus dem Saftglas trinkt.
Das russische Frühstück steht diametral zu meinen morgendlichen Ernährungsgewohnheiten. Alles viel zu reich, eher etwas für schwer schuftende Leibeigene. Ihren Quark süßen die Russen mit Honig oder eingedickter, zuckriger Kondensmilch, die es überall zu kaufen gib. Der Importjoghurt von „Alpenland“, einer Marke der bayerischen Molkerei Ehrmann, ist enorm süß und schmeckt künstlich, ungenießbar. Übrigens sollen noch rund 1 600 deutsche Unternehmen in Russland aktiv sein, vor allem aus der Lebensmittel- und Konsumgüterbranche.
Von den Moskauer Elektrobussen sprach ich schon, aber es gibt hier auch „autonome Straßenbahnen“. Mich wunderte allerdings, dass trotzdem in der Steuerkabine vorne ein Fahrer saß, bis mir klar wurde, auf was sich „autonom“ bezieht. Es handelte sich um eine Batteriestraßenbahn!
Im Donskoi-Kloster (Foto oben) schieben zwei junge Soldaten mit Schirmmütze in der Hand und unbeweglicher Miene Ehrenwache neben einer Ikone, während ein orthodoxer Geistlicher seine Litanei liest. Ein Zeichen für die traditionell enge Verbundenheit der (russischen) Orthodoxie mit der Staatsmacht. Die „Symphonie“, das historische und theologische Modell eines harmonischen Zusammenwirkens von Staat und Kirche in Russland wird in Deutschland immer kritisiert, verbunden mit dem Hinweis, dass die russisch-orthodoxen Kleriker ja bereits Stalin die Füße geküsst hätten. Mag sein. Allerdings frage ich mich, wie es um die Staatsferne der deutschen Kirchen bestellt ist. Man erinnere sich, wie bereitwillig katholische und evangelische Kirchenobere die Coronamaßnahmen exekutierten und jetzt die Brandmauer predigen.
Friedhofs-Melancholie
Wie man seine Toten bestattet, sagt viel aus über die Kultur einer Gesellschaft. Orthodoxe Friedhöfe wie der Danilowski-Friedhof im Süden des Stadtzentrums, sind verwunschene Nekropolen inmitten dichter Wälder, die den Lärm der Vielmillionenstadt nur als leises Flüstern an diesen Ort der Stille durchsickern lassen. Eng aneinander gereiht liegen die mit Metallgittern umfriedeten (Urnen)-Gräber, oft von wildem Grün überwuchert, aus dem bunte Plastikblumen und -gebinde hervorstechen, die bei ehemaligen Militärangehörigen in den Nationalfarben prangen. Manchmal liegen in Süßigkeiten auf dem Grab oder sogar eine Flasche Schnaps als Wegzehrung für die Reise ins Totenreich. Und vor vielen Gräber steht ein Bänkchen, wo man sich im wortlosen Gedenken niederlassen kann. Die in Deutschland so beliebten (echten) Friedhofsblumen gibt es hier nicht, auch der Beruf des Friedhofsgärtners scheint unbekannt zu sein. Und die Schilder der Friedhofsverwaltung, man möge doch diesen oder jenen wackelnden Stein befestigen oder um Verlängerung der Liegezeit nachkommen, sucht man vergebens. Auf den meist aus schwarzem Marmor gefertigten, eher schlichten Grabsteinen erinnern Fotos an die Verstorbenen. Meist wurden sie in jüngeren Jahren aufgenommen - man möchte die Toten so in Erinnerung halten, wie sie zu ihren besten Zeiten ausgesehen haben. Russische Friedhöfe mögen „ungepflegt“ aussehen, doch sie atmen jene sanfte Melancholie, für die das russische Volk bekannt ist. Die Deutschen lieben es exakt und poliert, was viele unserer eigenen Friedhöfe buchstäblich tot wirken lässt.
Meine Straßenbahn zurück ins Zentrum hatte schon ihre Türen geschlossen und wollte gerade abfahren, als ein Mann angerannt kam und lautstark an die Tür hämmerte. Irgendwann ließ sich die Fahrerin erweichen und den Sturkopf einsteigen, nicht ohne ihn kräftig zu beschimpfen. Ich habe gehört, dass man auch Polizisten mit zähem Insistieren manchmal umstimmen kann. Die Russen sind es seit Jahrhunderten gewöhnt, die Staatsgewalt durch passiven oder aktiven Ungehorsam ins Leere laufen zu lassen und immer irgendwelche Schlupflöcher aufzuspüren. Sie sind vielleicht so etwas wie die Italiener des Ostens.
Ich schmökere etwas in dem russischen Straßenatlas, den ich mir gekauft habe. Westeuropa wirkt darauf im Vergleich zur riesigen Russischen Föderation zwergenhaft, was durchaus lehrreich sein kann.
Lesen Sie morgen in der nächsten Folge: In der Schriftstellersiedlung Peredelkino und im Zentralmuseum der russischen Streitkräfte.
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Beitragsbild: Sergey A. Demidov CC BY 4.0, via Wikimedia Commons
