06.08.2026
Beim Morgengrauen weckt mich der Ruf eines Muezzins. Da es auf Uschis Geheiß keine Direktflüge von Deutschland nach Russland mehr gibt, bin ich über Istanbul gereist, wo Erdogan noch einen Schlupfwinkel ins Reich des Bösen offenhält, nicht zuletzt deswegen, weil viele Russen in der Türkei Urlaub machen und Geld ins Land bringen. Leider war der Flieger, der mich von München an den Bosporus brachte, verspätet, sodass ich meinen Anschluss nach Moskau verpasste. Selbst schuld, werden die Russlandhasser sagen, Du hättest ja nach Thailand fahren können oder nach Neuseeland, wie jeder gute Deutsche. Jedenfalls strandete ich um Mitternacht im Flughafen Sabiha Gökcen auf der asiatischen Seite der Stadt. Wer an die Übersichtlichkeit von München „Franz Josef Strauß“ gewöhnt ist, gerät hier augenblicklich in Panik, zumal einen die autochthonen Türken mit einer mir bislang unbekannten, uninteressierten Herablassung behandeln. Um drei Uhr nachts öffnete ich schließlich die Tür eines Hotelzimmers. Und schon bald drang der Gebetsruf an mein Ohr.
Im Flieger lernte ich einen jungen Russlanddeutschen kennen, dessen Eltern als Spätaussiedler aus Kasachstan nach Deutschland gekommen waren. Jetzt ist er nach Russland zurückgekehrt, lebt in Moskau und fühlt sich dort sehr wohl. In Russland bekomme eine Mutter zur Geburt eines Kindes vom Staat eine halbe Million Rubel und ein Paket mit Spielzeug geschenkt, erzählte er. In Deutschland dagegen gäbe es einen Brief vom Finanzamt mit der Steuernummer für den Neuankömmling und dem Hinweis „Bitte aufheben“. Er sagte mir, dass er sich von seinem Geld in Russland viel mehr leisten könne als in Deutschland. „Wo es mein Arsch warm hat, bin ich zuhause“ zitiert er ein russisches Sprichwort.
Der Flughafen Moskau Wnukowo ist das genaue Gegenteil von jenem orientalischen Chaos, das ich in Istanbul angetroffen hatte. Alles sauber, übersichtlich, europäisch. Die Passkontrolle erweist sich als unproblematisch. Besonders berührt hatte mich eine Flughafenangestellte mittleren Alters, der ich zu verstehen zu geben versuchte, wie schlimm ich es fände, dass Russen und Deutsche wieder Feinde seien. „Nein“, herrschte sie mich an, „wir sind nicht Eure Feinde, glauben sie das nicht!“
Die roten Sterne auf den Kremltürmen drehen sich noch
Die russische Metropole ist riesig, die größte Stadt Europas. Mit gut 13 Million Einwohnern im Zentrum und fast zwanzig Millionen in der Agglomeration ist Moskau größer als London oder Paris. Von denen leben allerdings nur wenige Prozent in der „Altstadt“ innerhalb des sogenannten Gartenrings - der Rest in jenen mehr oder weniger komfortablen Wohnsilos, die beim endlos scheinenden Anflug auf Moskau unter einem vorbeiziehen. Auf dem Leninprospekt - der heißt wirklich noch so - nähert man sich der Innenstadt und staunt über die Weite und Großzügigkeit dieser Metropole, die aus dem Blickfeld der Westeuropäer fast völlig verschwunden ist. Am Ende der Magistrale steht der Revolutionsführer überlebensgroß in Bronze mit in die Zukunft weisendem, ausgestreckten Arm. Auch die roten Sterne auf den Kremltürmen drehen sich noch. Mit den wieder an den Zarenpalast angebrachten zaristischen Doppeladlern in friedlicher Koexistenz vereint.
Natürlich sucht man im Straßenbild sofort nach Hinweisen auf den Ukrainekrieg, doch mehr als gelegentliche Werbeplakate für die russischen Streitkräfte sind nicht auszumachen. In der Nähe des Kremls kommt man an einem Gedenkort für Gefallene der „Spezialoperation“ vorbei - Fotos von Soldaten, die fürs Vaterland ihr Leben ließen. Frauen kümmern sich um Blumen und Kerzen, die hier niedergelegt werden. Um ihre Kinder trauernde Soldatenmütter sind in Russland eine nicht unbedeutende politische Kraft, die man vor allem mit großzügigen Geldzahlungen zu beschwichtigen versucht.
07.08.2026
Down Town Moskau heißt Moskau City, der neue Stadtteil der russischen Hauptstadt in Sichtweite des Kremls. Von den konservativen Moskowitern erst abgelehnt, aber heute als Symbol neuer, russischer Modernität nicht mehr wegzudenken. Hier ragen von internationalen Architekten geplante Wolkenkratzer bis zu 373 Meter in den Himmel. Da müssen sich selbst die unter Stalin im Zuckerbäckerstil erbauten „Sieben Schwestern“ verstecken.
Zwischen den glitzernden Türmen kurven Lieferroboter von Yandex, dem russischen Google, herum und versorgen die gestressten Büromenschen mit Pizza, Pasta und Sushi, dem auch bei vielen Russen überaus beliebten Einheitsfraß der Globalisierung. Direkt gegenüber auf der anderen Seite der Moskwa liegt das Moskauer Luschniki-Stadion, wo 2018 das Auftakt- und Endspiel der Fußball-WM abgehalten wurde. Ein Völker verbindendes Fest, bei dem sich Wladimir Wladimirowitschs Russland von der besten Seite zeugte. Erstaunlich, dass diese WM überhaupt stattfand, wo die Russen die Krim doch schon 2014 annektiert hatten.
Auf dem Roten Platz posiert eine Gruppe junger Russen fürs Handyfoto vor dem Mausoleum des Revolutionsführers Wladimir Illitsch Uljanow, genannt Lenin. Sie rufen „Slawa Kommunism“, was so viel heißt wie „Ruhm dem Kommunismus“. Als ich daraufhin ironisch mit dem Daumen nach oben zeige, brechen sie in schallendes Gelächter aus. Ich glaube der Stalinismus, den Putin angeblich wieder einführen will, ist in Russland bis auf weiteres chancenlos. Lenins Mumie kann übrigens noch besichtigt werden. Diesen Anblick gönne ich mir später.
Gegenüber im Kaufhaus GUM gibt es eine der Sowjetzeit nachempfundene Kantine mit (fast) original sowjetischer Küche. Ostalgie auf russisch.
Im GUM soll es das beste Speiseeis der Stadt geben in kleinen Waffelbechern, die es schon zu Sowjetzeiten gab und die man mitessen kann. Vanille-Sahneeis ist der Klassiker. Ich stelle mich in der langen Schlange an und will, als ich schließlich meine Bestellung abgegeben habe, bar bezahlen. Leider werden hier nur Bankkarten akzeptiert. Doch da meine Karten in Russland infolge der Sanktionen nicht (mehr) funktionieren, muss ich unverrichteter Dinge wieder abziehen.
Die Russen sind noch Handy verrückter als die Deutschen
Die Moskauer Metro ist ein Wunder an architektonischer Pracht, Sauberkeit, Übersichtlichkeit und Pünktlichkeit. Allerdings ziemlich laut, weil es in den riesigen unterirdischen Gewölben stark hallt. Viel mehr als eine Minute wartet man hier nie auf den nächsten Zug, auf manchen Linien rollen die Züge sogar alle dreißig Sekunden. Die Rolltreppen fahren im Expresstempo, weil viele Stationen sehr tief liegen. Am schönsten sind die alten Holzrolltreppen aus den dreißiger Jahren. Mit deutschem Rolltreppenschneckentempo würde man hier wohl nie ankommen, wenn sie überhaupt funktionierten. Der Vollständigkeit halber: in vielen Zügen gibt es an jedem Platz einen USB-Port, wo man das Handy aufladen kann.
Die Station Kiewskaja ist mit Bildern aus dem Leben des Brudervolkes geschmückt. Deshalb läuft der Ukrainekrieg in Russland bis auf weiteres unter „Militärischer Sonderoperation“. Gegen ein Brudervolk führt man keinen „Krieg“.
Zu Sowjetzeiten las fast jeder Metropassagier in einem Buch, das zum Schutz mit Zeitungspapier eiungeschlagen war. Heute daddeln auch in Russland alle auf ihren Handys herum. Die Russen sind noch Handy verrückter als die Deutschen. Damit der Saft nicht ausgeht, findet man in fast jedem Restaurant und Supermarkt Handy-Aufladestationen oder mietbare Powerbanks. Als es in jüngster Zeit zu Abschaltungen des mobilen Internets kam und manche westlichen Seiten kaum noch erreichbar waren, war der Unmut beim Volk groß. Daraufhin wurden Apps entwickelt, mit denen man die Sperren umgehen kann. Es soll Strömungen innerhalb der in Russland herrschenden Klasse geben, die den Chinesen nacheifern und den Internetverkehr der Russen streng kontrollieren wollen. Wie das Spiel ausgehen wird, weiß niemand.
Abends Stammtisch deutscher Russlandauswanderer in einem englisch angehauchten Bierrestaurant. Die meisten Teilnehmer haben russische Frauen oder Männer und beschlossen nach dem Corona-Schock, ihr Glück im Heimatland des jeweiligen Partners zu suchen. Mit Rückkehrgedanken nach Deutschland trägt sich (noch) niemand, obwohl sich die Verhältnisse verschlechtert hätten – wirtschaftlich und politisch. Ich lerne auch einen jungen Moskauer kennen, der vor der ersten Mobilisierungswelle im Zuge der „Spezialoperation“ einen Job in Wien angenommen hat und schon perfekt wienerisch spricht. Er habe Heimweh, gesteht er, aber immer ein mulmiges Gefühl, wenn er die russische Grenze überquere.
Lesen Sie in der nächsten Folge: Ganz nah am Zentrum der russischen Macht und Hamburger am Puschkinplatz

Richtig wohltuend, mal einen Bericht zu lesen, der von einem Augenzeugen vor Ort erstellt wurde. Die Mainstream-Medien meiden ja das Thema Russland konsequent wie der Teufel das Weihwasser. Man liest ja auch sonst nichts weiter mehr über Länder, mit den die EU über Kreuz liegt. Bestes Beispiel ist auch Ungarn. Früher las man immer mal etwas über das Land und die Leute, heute nur noch selten etwas.
Außer wenn es um die „Palästinenser“ geht, da fließen die Tränen und die Zeitungsspalten können gar nicht voll genug sein.
Wenn in Russland der Arsch warm ist und jedes Kind eine AK47 als Spielzeug bekommt, anstatt 2 Jahre Elternzeit und Bürgergeld in TakaTukaLand, dann ist ja alles bestens. Twajo sdorowje, Etscheit.
@Lutz Herrmann … warum stellen Sie Herrn Etscheit diese Fragen? Was ist denn die Alternative zu Rußland?
Sie nehmen das Ganze auf sich, um das Offensichtliche zu entdecken? Stark!
@Mandy Pannter: Sie gestatten mir aber am Ende doch schon eine eigene Meinung über den Artikel, die von der Ihren abweicht, oder?
Hallo Herr Etscheit, Russland schafft es eher als die Ukraine, den Islam in Schach zu halten. Aber das will die EU ja nicht.
@ Baader @ Gerd Maar: „Terrorstaat Ukraine“ Geht es Ihnen noch gut? Wissen Sie, was russische Raketen in der Ukraine anrichten? – meine Güte, Baader, wenn Maar-Klar-Herrmann schal einen auf Spötter machen, dann sollte man das doch checken. Ich bin enttäuscht von Ihnen. Zum Wesentlichen: Etscheits Artikel ist top. Kein Palaver, kein 2nd-hand-Käse, sondern Wiedergabe von Erfahrungen. Erfahrungen aus eigener Anschauung zählen (Peter Handke).