28.08.2026
Ich lasse mich per Expresslift auf den Federation-Tower in Moskau-City fahren, um mich von Moskau zu verabschieden. Von der Aussichtsplattform in der 89. Etage auf 374 Metern Höhe, der höchsten Europas, hat man einen fantastischen Rundblick auf die Metropole. Irgendwo unter mir soll Bashar al Assad, der einstige Machthaber Syriens, ein luxuriöses Penthouse besitzen.
Auf dem Rückweg zum Hotel schaue ich nochmal im Sretenskij-Kloster vorbei. Dort wird gerade der Freitagabend-Gottesdienst gefeiert. Es gibt in der russisch-orthodoxen Liturgie gewissermaßen einen öffentlichen und einen nichtöffentlichen Teil - irgendwann verschwinden die Geistlichen hinter der Ikonostase, die Königstür schließt sich. Ein Arkanum, vergleichbar mit dem Arkanum der russischen Staatsmacht hinter den Kremlmauern.
Am Freitagabend um zehn Uhr brodelt Moskau. In Kitaigrord sind die Straßen voll junger Menschen, es wird musiziert, diskutiert, gefeiert. Moskau - the city, that never sleeps. Und sicher um einiges „cooler“ als Paris, London, New York. Die achtspurige Ausfallstraße zum Flughafen Wnukowo ist voll wie zu Stoßzeiten, die Stadt ein gleißendes Lichtermeer.
Ich verlasse Moskau und Russland nicht fluchtartig und voller Groll gegen dieses Land wie der französische Reiseschriftsteller Custine im September 1839. „Ich werde nie vergessen, als ich über den Niemen (Memel) nach Tilsit fuhr… Ein Vogel, der seinem Käfige entflieht oder der unter der Glocke einer Luftpumpe hervorschlüpft, kann nicht glücklicher sein.“ Anders als Custine fühlte ich mich keinen Augenblick lang wie in einem Käfig gefangen, obwohl man mich in Deutschland eindringlich davor gewarnt hatte, in „Putins Terrorstaat“ zu reisen. Die Menschen im modernen Russland erschienen mir als ein erstaunlich freies und freiheitsliebendes Volk, vielleicht manchmal auf eine etwas anarchische Weise, die wir Deutschen nicht verstehen können.
Eine Korrektur zum Schluss
Aber ich will kein abschließendes Resümee ziehen. Urteilen Sie selbst, liebe Leser, auf Grundlage meiner Eindrücke und Erlebnisse auf einer dreiwöchigen Reise in ein aus westeuropäischer Sicht heute (wieder) so fernes und, wie ich meine, gründlich missverstandenes Land. Bewohnt von einem Volk, das Deutschland immer bewundert, wenn nicht geliebt hat, wenngleich der Kredit aus Jahrhunderten gemeinsam durchlebter und durchlittener Geschichte langsam aufgebraucht scheint.
29.08.2026
Eine Korrektur zum Schluss: Natürlich bezog sich die sogenannte „Gorki-Spende“ im Zuge des Krieges gegen Nazideutschland nicht auf den Dichter Maxim Gorki (1868-1936) persönlich, sondern auf die Stadt, die seit 1932 seinen Namen trug und erst seit 1990 wieder Nischnij Nowgorod heißt. Ich bedanke mich für die diesbezüglichen Leserhinweise. Gorki galt zu Sowjetzeiten als „geschlossene Stadt“. Dort musste auch der „Vater“ der sowjetischen Wasserstoffbombe und spätere Dissident Andrej Sacharow unter Aufsicht des KGB leben, bis er von Michail Gorbatschow rehabilitiert wurde.
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„obwohl man mich in Deutschland eindringlich davor gewarnt hatte, in “Putins Terrorstaat„ zu reisen.“ – Dazu wüßte ich gern mehr. Danke für die Tagesberichte aus dem „Reich des Bösen“.
Man wundert sich nur, daß in dieses wunderbare Land mit seiner coolen Metropole noch keine Massenmigration eingesetzt hat.
Besten Dank für die Artikelserie, auch wenn Sie an den Alleswissern und Endsiegsbeseelten gegen Rußland vorbeiging.
Zum Schluß ihrer interessanten Berichte ein großes Dankeschön. Sie konnten uns als Reisender ein Bild vom Lande und den Leuten (und Kulinarik) vermitteln, Nicht nur hierzulande werden die Russen und ihre (zweifelhafte) Führung dämonisiert. Mit ebenso zweifelhaften und anscheinend weitgehend wirkungslosen Sanktionen überzogen. Nicht nur im Weinbau oder der Käseherstellung werden sie aber letztendlich profitieren und uns irgendwann Konkurrenz machen. Dieses gebeutelte Volk hat mein Wohlwollen (obwohl mein Vater dort 5 Jahre als Kriegsgefangener verbracht hat und überlebte).
Danke Herr Etscheit. Und Danke an die Kommentatoren für die Anmerkungen. Verbringe ab Donnerstag 4 Tage in Bayern mit einem in Berlin lebenden Moskauer, den ich schon länger kenne. Dessen Faible für Berlin langsam aber sicher schwindet.
Nein. Moskau ist nach meinen Erfahrungen NICHT „um einiges >>cooler<< als Paris, London, New York“. Da ähneln sich die Metropolen. Anders ist es beim weiten Umland. Fährt man z.B. in den USA aus Metropolen heraus, so beginnt nach spätestens 30 Meilen Entfernung Elend: Holzbuden, kaputte Straßen abseits der Highways, baumelnde Kabel an Masten aus den 1950-er Jahren. Gezeichnete Menschen, Suff, Monsterdrogen, Wohnwagensiedlungen mit zahnlosen Gestalten und alten völlig verwahrlosten Frauen. Unmengen armer Teufel, die in keiner Statistik mehr auftauchen. Vergessene. Das ist schlimm. Die Verelendung ist erschütternd. Jedenfalls um Moskau und Sankt Petersburg herum ist das nicht der Fall. Russen – gesamt – sind auch nicht zu 30 % Analphabeten mit einem Bildungsstand von 12-jährigen wie leider – gesamt – Amerikaner. Möge die Weisheit Hoffnung schenken.
Ich habe jetzt Lust bekommen Russland zu besuchen.