26.06.2026
Allzu viel ist von den Sanktionen im Moskauer Stadtbild nicht zu sehen. Viele internationale Marken sind weiterhin präsent, nur ein paar schicke Läden in den Nobelquartieren nahe des Roten Platzes sind geschlossen, Hermes, Dior, Tiffany („technische Gründe“). Die Oligarchen werden es verschmerzen können.
Der Arbat war eine von Moskaus ersten Fußgängerzonen. Zu eher grauen Sowjetzeiten waren die Moskauer stolz auf das pariserisch anmutende Flair der „Künstlerstraße“ mit ihren Bouquinisten und Straßenmalern, heute tummeln sich hier vor allem die Touristen. In den grellen Souvenirläden gibt’s die größte Auswahl an Lebkuchen aus Tula, der russischen Lebkuchenhauptstadt, und russischem Kunsthandwerk, darunter Matrioschkas („Puppe in der Puppe“) in allen Variationen, sogar Väterchen Stalin darf sich hier „entpuppen“.
Auf dem Arbat präsentiert sich auf Fotowänden ein „Komplex“ aus Armee und Bauindustrie, der unter anderem den Wiederaufbau der neu eroberten und stark zerstörten Gebiete „Neurusslands“ vorantreibt, darunter das lange umkämpfte Mariupol am Schwarzen Meer.
Abschiedsessen in einem der nobelsten Restaurants der russischen Hauptstadt, dem „Beluga“ direkt am Kreml, 2022, kurz vor Kriegsbeginn, noch mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet. Ich weiß, es gibt Leute in Deutschland, die mich dafür kritisieren werden, dass ich hier Kaviar mit einem Perlmuttlöffel esse, während an der Ukrainefront junge Menschen sterben. Aber bringt es uns dem Frieden näher, wenn ich mich stattdessen nur an einer mit Kohl gefüllten Pirogge labe? Auf jeden Fall ist der Blick aus dem prächtigen Gastraum mit seinen modernen Glaslüstern auf den angestrahlten Kreml kaum zu toppen. Dass ich mich in Gesellschaft des einen oder anderen Oligarchen befand, dürfte sicher sein angesichts der voluminösen Kaviarportionen, die von weiß behandschuhten Servierkräften unablässig durchs Lokal getragen werden. Außerdem sehe ich auffallend viele robust aussehende, stiernackige Männer in Begleitung aufgetakelter Frauen und ständig am Handy klebender Gören - bekanntlich rekrutierte sich die heutige russische Oberschicht nicht aus Intellektuellenkreisen.
Ich bestellte mir eine mittelgroße Portion schwarzen Osietra-Kaviars mit kleinen Pfannkuchen zum Preis von umgerechnet rund vierzig Euro, danach eine Schale Borschtsch mit Smetana und knusprigen Briochebrötchen und als Hauptgang eine mit Störfleisch gefüllte Kohlroullade in Morchelsauce. Alles schnörkellos-klassisch zubereitet ohne asiatisches Chichi wie bei uns. Ich hätte auch etwas mit Bärenfleisch haben können, doch ich habe in letzter Zeit leider zu viele süße Bärenvideos aus Sibirien auf Instagram gesehen.
Geheimtipp für Alkoholverächter
Das Dessert, Variationen vom Honig mit dem Titel „Mehr als Honig“ war ein schöner, süßer Abschluss in einem Land, in dem der Honig fast etwas Heiliges ist. Zu diesem Festmahl orderte ich eine Flasche sehr anständigen russischen Chardonnay von einem Weingut am Schwarzen Meer mit dem klangvollen Namen Chateau de Talu. Knackige Säure und Mineralität, guter Körper dank teilweisem Ausbau in neuen Barriquefässern. Erstaunlich, was russische Winzer mittlerweile auf die Flasche bringen. Der Service wirkte nicht ganz so unbeholfen wie andernorts in Moskau, doch wurde ich nicht gerade besonders zuvorkommend behandelt. Vielleicht muss man hier erstmal goldene Uhren ans Personal verteilen. Freundlich und fachkundig war der Sommelier. Nur hätte ich mir gewünscht, wenn man ihn mir gleich zu Anfang geschickt hätte, als ich orientierungslos auf die Weinkarte stierte. Glücklicherweise traf ich offenbar intuitiv die richtige Wahl. Alles in allem ein denkwürdiger Abend, den ich mit einem Wodka stilecht beschloss. Das Glas an die Wand zu werfen, wäre hier wohl unschicklich gewesen.
27.08.2026
Die Russen, zumindest die Moskoviter, sind zwar freundlich und hilfsbereit, aber in der Öffentlichkeit extrem distanziert. Blickkontakte oder Smalltalk unter Fremden auf der Straße, in Restaurants und Geschäften oder in der U-Bahn gibt es nicht und im Hotelflur geht man meist grußlos aneinander vorbei. Andere Länder, andere Sitten. Die nach außen zur Schau getragene Teilnahmslosigkeit mag auch mit dem Höllentempo zu tun haben, das in dieser Megacity herrscht, wo viele Menschen jeden Tag manchmal stundenlang unterwegs sind, um an ihren Arbeitsplatz und wieder nach Hause zu kommen. Für einen gebürtigen Hessen, der die kommunikative Atmosphäre eine Frankfurter Äppelwoi-Wirtschaft gewöhnt ist, eine zwiespältige Erfahrung.
Nachmittags rufe einen deutschen Freund über Whatsapp an. Der fällt aus allen Wolken: „Das ist das erste Mal, dass man mich aus Moskau anruft.“ Nein, nicht vom Mond, möchte ich erwidern.
Kurz vor Toresschluss führt mich ein Moskauer Bekannter zum traditionsreichen Sretenskij-Kloster mitten im Stadtzentrum. Angeblich soll Präsident Putin besonders enge Kontakte zu diesem Kloster mit seinem renommierten Priesterseminar unterhalten. Hier gibt es auch eine Art Kantine, wo man allerlei kalte und warme Speisen bekommt, zu sehr günstigen Preisen, allerdings strikt fleischlos und alkoholfrei. Ein echter Geheimtipp für deutsche Fleisch- und Alkoholverächter. Merke ich mir fürs nächste Mal.
Ein letzter Absacker
Ich frage meinen Bekannten, zwanzig Jahre jünger als ich, ob er zur Dumawahl gehen werde. Er zögert. Beim letzten Mal habe er die (liberale) Jabloko-Partei gewählt, die diesmal jedoch nach einer Entscheidung des Obersten Gerichtshofes nicht zur Wahl antreten darf. Er wertet das als Zeichen von zunehmender Nervosität in der russischen Führung.
Bei einem letzten Absacker in einem angesagten Lokal namens „Awtomoika“ in Kitaigorod (das trashige Ambiente diente früher als Autowaschstation) interessiert mich noch, ob Homosexuelle, wie im Westen kolportiert wird, im heutigen Russland ein gefährliches Leben führen. Mein Gesprächspartner, selbst hetero, doch offensichtlich ohne Scheuklappen, verneint das, natürlich gebe es einschlägige Clubs und Treffpunkte, die auch bei jungen Frauen sehr beliebt seien, denen das Machogehabe vieler russischer Heteromänner auf die Nerven falle. Doch „queeres“ Leben ist im heutigen Russland mehr oder weniger unsichtbar, es spielt sich im Privaten ab. Vielleicht ist das vergleichbar mit den Verhältnissen in Deutschland in den sechziger Jahren vor der mit den Unruhen in der New Yorker Christopher Street beginnenden „gay liberation“, wobei homosexuelle Beziehungen in Russland, anders als seinerzeit in Deutschland, formell nicht strafbar sind. Sehr wohl aber jede positive Darstellung „nicht traditioneller Lebensformen“ nach dem 2022 massiv verschärften Gesetz gegen „Homosexuellen-Propaganda“. Ich glaube, die russische Gesellschaft ist zumindest in den Großstädten mittlerweile weitaus liberaler und offener als es der offizielle politische Kurs glauben lässt.
Im Achgut-Buchshop erhältlich:
„Kochen für Unbeugsame – Genuss ohne Zeigefinger“ von Georg Etscheit, Achgut Edition 2025, hier bestellbar.


Niemand kritisiert Sie dafür, dass Sie Kaviar statt einer mit Kohl gefüllten Pirogge essen. Aber sehr wohl dafür, dss Sie alle pauschal als Russlandhasser oder russophob bezeichnen, die Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine verdammen.
Erst einmal vielen Dank für den Bericht und die Stimmungsbilder aus Russland. Es ist aufschlussreich zu lesen, wie jemand Russland sieht, der sich dem Land unvoreingenommen nähert. Auch interessant zu lesen, was sich in den letzten vierzig Jahren verändert hat, und was (nahezu) gleich geblieben ist.
Zu den Dingen, die gleich geblieben sind, gehören auch die von uns Westlern wahrgenommene Mürrigkeit und Verschlossenheit der Russen, die im besten Fall als Griesgrämigkeit, im schlimmsten Fall als Relikt stalinistischer Unterdrückung gelesen wird. Der Russe lächelt gegenüber Fremden. Es ist schon seit Jahrhunderten so, dass grundloses Lächeln als Zeichen für Blödheit gewertet wird. Was man auch in russischen Märchenfilmen sehen kann: Der Tölpel ist blond und blauäugig, grinst ständig und trägt ein besticktes Hemd. Dafür kann man einigermaßen sicher sein, dass der Russe es ernst meint, wenn er einem freundlich begegnet. In Moskau ist das alles noch viel schlimmer, und das auch seit sowjetischen Zeiten. Moskauer gelten als missmutig, weitgehend empathielos und ein stückweit arrogogant. Moskau war und ist eine schnelle Stadt, eine harte Stadt und in einem gewissen Sinne auch eine unbarmherzige Stadt. Der bekannte Ausspruch „Moskau glaubt den Tränen nicht“ (auch Titel eines sehr empfehlenswerten Films) bedeutet, dass die große Stadt Mitleid oder Klagen nicht belohnt. Man muss sich durchbeißen, anstatt zu jammern. Das Völkchen in anderen Großstädten lebte da anders, je weiterer man nach Süden kam, umso unbeschwerter wurden die Leute. Aber das soll es ja auch im Westen Europas geben.
Danke Herr Etscheit für die unvoreingenommenen und realen (weil von Ihnen selbst
erlebten) Berichte aus Russland. Mal keine Hetze gegen Putin (oder Trump und AfD).
Putin (und bis vor kurzem sein Schüler Orbán) bemüht sich in die Fußstapfen Konstantin d. Großen zu treten und seinem Reiche eine einheitliche Identität zu geben:
Christlich, konservativ, patriotisch, traditionell, familienbezogen, heterosexuell… Disneyland als Staatskonzept.
Disneyland, funktioniert nur im Märchen, ist nur im Märchen schön, Märchen wahr werden zu lassen mündet im Albtraum.
Jede Diktatur träumt von einer Art Disneyland.
Das Konzept Konstantin d. Großen ist nicht mehr zeitgemäß. Der aufgeklärte Mensch ist weiter.