24.08.2026
In Russland werden Frauen immer noch vorzugsweise mit Blumen beschenkt. In einem Blumenkiosk in der U-Bahn erstand ich ein fertig gebundenes „Buket“ ganz in rosa. Es war in eine hübsche Tragetasche verpackt und sogar mit einem kleinen Wasserreservoire versehen. Alternativ hätte ich auch hellblau wählen können. In Deutschland gelten diese Farben als „Perpetuierung frauenfeindlicher Klischees“, hier freuen sich die beschenkten Damen einfach. Ich habe in Russland bislang nur selbstbewusste Frauen kennengelernt, die sich dennoch ihre Weiblichkeit erhalten haben und sich von Männern gerne hofieren lassen.
Die beiden großen russischen Onlinehändler „Wildberries“ und „Ozon“ haben überall in den Städten zahlreiche Niederlassungen, wo man seine Bestellungen abholen kann, auch am Wochenende. Hier gibt es Umkleidekabinen, wo man Kleidung anprobieren und, wenn sie nicht passt oder gefällt, gleich wieder zurückschicken kann. Lange Schlangen vor den Postagenturen wie in Deutschland gibt es nicht. Dass mehrere große Lagerhäuser von „Wildberries“ und Ozon von ukrainischen Drohnen angegriffen und zerstört wurden, hat bislang nur dazu geführt, dass man länger auf eine Lieferung warten muss. Statt einem Tag seien es nun bis zu fünf Tagen, höre ich.
An der noblen Einkaufsstraße Twerskaja gibt es das wahrscheinlich einzige nordkoreanische Restaurant außerhalb Nordkoreas. Am Eingang wird man von einer jungen Frau in landestypischer Tracht empfangen. Das Interieur, sogar die Toiletten, wirkt nicht fernöstlich volkstümelnd, sondern stylisch-reduziert. Eigentlich hatte ich hier irgendwo ein Porträt des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong-un erwartet, doch Politisches sucht man vergebens. Leider verstehe ich nicht viel von koreanischer Küche, ich weiß nur, dass alles Fermentierte, etwa Kimchi, hoch im Kurs steht. Im Gegensatz zur südkoreanischen Küche soll die des Nordens infolge Jahrzehnte langer Isolation ursprünglicher sein. Ich kann das nicht beurteilen. Auf jeden Fall hat es mir ausgezeichnet geschmeckt. Die Preise allerdings waren gesalzen, selbst nach deutschen Maßstäben.
Immer noch eine Schlange vor dem Lenin-Mausoleum
25.08.2026
Wollte heute beim alten Wladimir Iljitsch Uljanow vorbeischauen, Lenin genannt. Doch vor seinem Mausoleum am Roten Platz, das ich für einen außerordentlich qualitätsvollen Bau halte, zieht sich eine mindestens 500 Meter lange Schlange die Kremlmauer entlang. Es muss also immer noch eine ganze Menge Fans von ihm geben. Oder sind das alles Nekrophile? Ich habe mir angesichts der Wartezeit den Anblick der wächsernen Mumie im beleuchteten Glaskasten erspart. Konnte ihn ja schon vor beinahe vierzig Jahren bewundern und seither wird er sich kaum verändert haben. Lenin ist im russischen Straßenbild immer noch allgegenwärtig. Straßen und Plätze sind nach ihm benannt, öffentliche Gebäude wie die Lenin-Bibliothek in Moskau und überall stehen Denkmäler, hängen bronzene Tafeln, die davon künden, dass der Revolutionsführer an diesem oder jenen Ort einmal vorbeigeschaut hat. Selbst am Bahnhof von Wladimir - wahrscheinlich musste er sich auf der Durchreise kurz erleichtern. Ich las, dass etwas mehr als die Hälfte der Russen laut einer Umfrage befürworten, Herr Uljanow möge endlich begraben und nicht mehr öffentlich zur Schau gestellt werden. Doch dieses Fass will die Regierung derzeit offenbar nicht aufmachen. Es gibt andere Baustellen.
Im Dreifaltigkeits-Sergios-Kloster in Sergejew Possad, 70 Kilometer nordöstlich von Moskau gelegen, trank ich erstmals Kwas, das russischste aller russischen Erfrischungsgetränke. Es wird auf Basis vergorenen Brotes hergestellt und kann als einziges Getränk zurecht als „flüssiges Brot“ bezeichnet werden. Nicht mein Fall. Ich halte mich dann doch lieber an unser deutsches „flüssiges Brot“: Ein kühles Helles.
In der Dreifaltigkeitskathedrale prangt die berühmteste aller russischen Ikonen, die Dreifaltigkeitsikone von Andrej Rubljow. Und zwar, ich erwähnte es schon anlässlich meines Besuchs in der Tretjakow-Galerie, im Original. In der Ikonostase aus dem frühen 15. Jahrhundert sticht das Meisterwerk rechts von der „Königstür“ sofort ins Auge, weil es dank sorgfältiger Restaurierungen nicht von dunkler Patina überzogen ist, wie die anderen Ikonen. Die Gläubigen wandern an dem Bild vorbei, wenn sie sich dem Sarkophag des heiligen Sergios nähern. Ich kann natürlich verstehen, dass sich die Museumsleute protestierten, als man ihnen per Präsidialerlass das bedeutendste Werk ihrer Sammlung wegnahm und der Kirche zurückgab. Trotzdem finde ich es gut, dass das Bild an seinen angestammten Platz zurückgekehrt ist und wieder in einem spirituellen Kontext zu erleben ist, nicht als bloßes Kunstwerk.
Leere Regale?
Es heißt immer, dass man in russischen Supermärkten infolge der ukrainischen Angriffe auf die Energie- und Logistikinfrastruktur leere Regale sehe. Ich bin in Sergejew Possad mal in ein von außen eher unscheinbar wirkendes Einkaufszentrum spaziert und habe mir den dortigen Supermarkt angesehen. Von leeren Regalen keine Spur, im Gegenteil. Einen Supermarkt mit einem solchen Angebot muss man in einer mittelgroßen Provinzstadt in Deutschland lange suchen. Riesige Auswahl an Obst und Gemüse, Molkereiprodukten, Käse, fast alles aus russischer oder weißrussischer Produktion, Fisch, Wurst, Fleisch, Kaviar (!), mehrere Regalmeter Wein, Wodka und Cognac, letzterer oft aus Armenien stammend und von hoher Qualität. Immer noch viele internationale Marken: Merci, Milka, Ferrero, Persil, Coca-Cola, Pampers, deutsches Bier, wenn auch, infolge der Sanktionen, zu stolzen Preisen. Mittelprächtiger Chablis für umgerechnet 48 Euro, trockener Spätburgunder vom namhaften Weingut Knipser aus der Pfalz rund 46 Euro. Jim Beam Whisky gibts für 16 Euro, die Packung Merci (250 Gramm) für 6,60, Camembert President für 3,70 Euro, die Geschenkbox Ferrero Roche fast zehn Euro. Barilla Spaghetti sind im Angebot: ein Euro für 650 Gramm. Aber offenbar gibt es auch hier Leute, die sich das leisten können. Und für fast alles gibt es russische Entsprechungen zu weitaus niedrigeren Preisen. Wer im Internet bestellt, zahlt oft noch einmal deutlich weniger, wie man mir sagt.
Im Achgut-Buchshop erhältlich:
„Kochen für Unbeugsame – Genuss ohne Zeigefinger“ von Georg Etscheit, Achgut Edition 2025, hier bestellbar.

Beitragsbild: A. Volkov / А. Волков - Electronic stamp catalogue "Stamps of the Land of Soviets". / Электронный каталог "Марки страны советов", Public Domain, via Wikimedia Commons

Die Küche der Neandertaler war auch ursprünglicher als die von Bocuse und Witzigmann. Dennoch würde ich bevorzugt bei letzteren einkehren, wie Herr Etscheid wohl auch.
Immer wieder sehr schön, etwas von jenseits der neuen „Mauer“ zu lesen. Da es wenig mit den „uns“ verordneten Informationen zu tun hat, darf man gespannt sein, ob im Hintergrund schon brüsseler Boykottmaßnahmen erdacht werden. Auffällig die hier wenigen Kommentare. Und die üblichen Russophoben scheinen auch schon ihr „Pulver verschossen“ zu haben, sich alt. woanders hin zu orientieren.
Sehr interessant und kenntnisreich, auch fair – bis auf die Erleichterung am Bahnhof von Wladimir. Die reproduzierte Briefmarke bezeugt den besonderen Baustil.
„das wahrscheinlich einzige nordkoreanische Restaurant außerhalb Nordkoreas“. Keineswegs, googeln Sie mal „Pyongyang (Restaurantkette)“.