22.08 2026
Ende der achtziger Jahre war das Leitungswasser in Moskau so stark gechlort, dass sogar Coca-Cola nach Schwimmbad schmeckte. Davon ist heute nichts mehr zu spüren, trotzdem würde kein Russe auf die Idee kommen, Leitungswasser zu trinken. Entweder kauft man sich Wasser im Supermarkt oder Kiosk in der ökologisch vorteilhaften Wegwerfplastikflasche oder man versorgt sich aus den überall herumstehenden Wasserspendern, die sogar heißes Wasser (für Tee) ausspucken.
Selbst in der Weltstadt Moskau hört man fast ausschließlich Russisch auf den Straßen. Dabei gibt es auch in Russland eine woke Gesellschaftsschicht, die sehr gut englisch spricht und sich an westlichen Werten orientiert. Nur das muttersprachlich-angelsächsische Kauderwelsch, das vor allem junge Leute und Geschäftsleute in Deutschland pflegen, hat sich hier noch nicht durchgesetzt. Dies liegt auch an entsprechenden Gesetzen. So müssen englische Namen von Unternehmen oder Geschäften in der Regel zumindest in kyrillischer Schrift geschrieben werden, was mitunter zu, für Ausländer, schwer entzifferbaren lautmalerischen Entsprechungen führt.
Besuch bei Gorbi auf dem Nowodewitschi-Prominentenfriedhof, meinem Idol der frühen Jahre. Als ich Mitte der achtziger Jahre mein Studium der Journalistik und Geschichte Osteuropas aufnahm, grassierte die Gorbimania, der Russischkurs an der Uni war überfüllt und in manchen Supermärkten gab es eine „russische Ecke“ mit Keksen, Schokolade und Konfitüre aus dem sinistren Reich hinter dem Eisernen Vorhang, der dank Gorbi ein paar Risse bekommen hatte. Auf dem Nowodewitschi-Friedhof neben dem zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörenden Neujungfrauenkloster wurde Gorbatschow zusammen mit seiner Frau Raissa bestattet, die erstmals so etwas wie eine richtige, sowjetische First Lady darstellte. Ein paar Blumen liegen auf dem Grabstein, allerdings weitaus weniger als auf dem Grab des populären russischen Schauspielers und Clowns Juri Nikulin ganz in der Nähe. In Russland ist das Wirken Gorbatschows bis heute, gelinde gesagt, umstritten. Viele sehen ihn als Verräter, der in westlichem Auftrag die Sowjetunion zerstörte. Menschen, die ihn wohlwollender beurteilen, attestieren ihm zumindest eine Unentschlossenheit und Planlosigkeit, die schließlich ins wirtschaftliche und politische Chaos führte. Nicht weit von Gorbatschow entfernt das Grab von Boris Jelzin in Form einer riesigen russischen Flagge. Jelzin beerbte Gorbatschow und war der erste Präsident der Russischen Föderation nach dem Zerfall der Sowjetunion. Auch über ihn denken die meisten Russen wenig schmeichelhaft, wenngleich er während des August-Putsches 1991 möglicherweise ein Blutbad der Armee unter Demonstranten vor dem „Weißen Haus“, damals Sitz des Obersten Sowjets der Russischen Föderativen Sowjetrepublik, verhindert hatte.
Russischer Reichsbürger?
Auf einer Bühne vor dem Historischen Museum präsentieren sich die Vereinigten Arabischen Emirate mit einem Konzert traditioneller, islamischer Musik. Der Platz, den der Westen geräumt hat, wird in Russland jetzt von anderen Ländern ausgefüllt.
Vor dem Eingang zum Roten Platz demonstriert ein Mann mit Flagge und umgehängtem Plakat. Darauf Putin in schneidiger Uniform mit entschlossenem Blick. Erst denke ich, dass sich hier vielleicht ein mutiger Oppositioneller gegen „Putins Angriffskrieg“ stellt. Doch weit gefehlt: Der Mann fordert Sondervollmachten für Putin, um den Krieg endlich siegreich zu Ende zu führen. Die Anerkennung der Unabhängigkeit der Ukraine müsse widerrufen werden, da die Sowjetunion rechtlich niemals zu existieren aufgehört habe. Ein russischer Reichsbürger?
In der gut sortierten Käseabteilung des Moskauer Luxuskaufhauses GUM gibt es französischen Käse aus russischer Produktion: Brie, Camembert, Roquefort, sogar Fourme d’Ambert, ein Blauschimmelkäse aus der Auvergne. Alles hergestellt in einer Molkerei in der Oblast Tula westlich von Moskau. Um Markenschutz kümmern sich die Russen, ich erwähnte es schon, wenig, es gibt ja auch niemanden, der ihn hinter dem neuen Eisernen Vorhang noch durchsetzen könnte. So wird plagiiert, was das Zeug hält. Gewiss, auch die Originale finden über verschlungene Wege noch ihren Weg nach Russland, nur zu exorbitanten Preisen. Heimischen Produkte sind um ein Vielfaches billiger und müssen nicht unbedingt schlechter sein.
23.08.2026
Auf den Straßen Moskaus wird überall gewerkelt, gemalert, ausgebessert. Hier eine Straßenlaterne, da ein Stück Mauer, dort eine Sitzbank. Statt teure Gerüste aufzustellen, seilen sich die meist mittelasiatischen Bauarbeiter vom Dach per Seil an Hauswänden herunter, um mit dicken Pinseln dicke Farbe aufzutragen. Arbeitsschutz? Eher unbekannt. Und das Ergebnis der Renovierungsarbeiten wirkt manchmal etwas unprofessionell. Potemkinsche Dörfer? Eher das russische Talent zur Improvisation. Die Redewendung der „Potemkinschen Dörfer“ geht auf den Fürsten Potemkin zurück, einen Günstling Katharinas der Großen. Auf einer Inspektionsreise Katharinas durch neu eroberte Gebiete Südrusslands soll Potemkin, Gouverneur „Neurusslands“, am Reiseweg der Herrscherin Kulissen von Dörfern haben aufstellen lassen, um der Zarin die Erfolge der Neubesiedlung vorzutäuschen. An der Geschichte ist aber wohl nie etwas dran gewesen. Sie wurde wahrscheinlich von Gegnern Potemkins am Zarenhof lanciert, die ihm seine Nähe zu Katharina neideten.
Das Phänomen der Datschen
Am Morgen höre ich Kirchenglocken. Kein russisches Glockenspiel, sondern deutsches Sonntagsläuten. Es kommt vom Turm der evangelisch-lutherischen Hauptkirche in Moskau, die meinem Hotel in Kitaigorod schräg gegenüberliegt. Die Kirche St. Peter und Paul, 1905 im Stil des Historismus erbaut, war von den Bolschewiken enteignet, unter Stalin geschlossen und in ein Kino verwandelt worden. Nach langjähriger Restaurierung finden seit 2010 hier wieder Gottesdienste statt. Das Kirchenschiff ist an diesem Sonntag gut besucht, darunter auffallend viele junge Leute. Zelebriert wird auf Russisch, nur das Glaubensbekenntnis wird vom jungen Pastor auch auf Deutsch gesprochen, mit russischem Akzent. Der Unterschied zur Orthodoxie könnte nicht augenfälliger sein. Dort ein schwer durchschaubarer, mystischer Ritus und ein für Außenstehende etwas chaotisches Kommen und Gehen der Gläubigen während des Gottesdienstes. Hier die rationale Dominanz des Wortes und der getragenen Gemeindegesänge, die Schar der Gläubigen ordentlich organisiert auf Kirchenbänken. Es war schön, mal wieder eine Orgel zu hören. Man kann doch nicht aus seiner Haut.
Moskau ist nicht Russland, heißt es immer wieder. Das stimmt und es stimmt auch wieder nicht. Moskau ist genauso viel oder wenig Russland wie Berlin Deutschland ist. Dafür ist dieses Land einfach viel zu groß, die Unterschiede innerhalb des Riesenlandes gewaltig, kulturell, sozial, wirtschaftlich. Ohne eigenes Auto war es mir leider nicht möglich, auch das „platte Land“ kennenzulernen. Ich werde versuchen, das bei einem weiteren Besuch nachzuholen. Nur soviel: Natürlich gibt es außerhalb der großen und mittleren Städte noch Armut in Russland, vielleicht keine absolute Armut, aber eine relative. Denn auch russische Dörfer in abgelegenen Regionen sind, wie ich mir habe sagen lassen, keine von Gott und der Welt verlassenen Orte, wo man ums nackte Überleben kämpft. Doch es fehlt oft an Arbeitsmöglichkeiten, was viele Menschen zur Abwanderung zwingt und nur Alte und Kinder zurücklässt. Und es fehlt an Geld, um alles so proper herzurichten wie im Museumsdorf Susdal. Auf dem Land sind viele Menschen noch Selbstversorger und beziehen vieles, was sie zum Leben brauchen, aus ihrem Garten. Dieser Umstand hatte Russland in den neunziger Jahren, als die Wirtschaft zusammenbrach, wohl vor einer Hungersnot bewahrt.
Um Russland zu kennen, muss man das Phänomen der Datschen verstehen. Neben ihrer eigenen Stadtwohnung besitzen die meisten Russen einen Zweitwohnsitz auf dem Land, eben jene „Datscha“. Das ist kein Schrebergartenhäuschen, sondern oft ein zweistöckiger, nicht selten hölzerner Bau, in dem locker eine Familie wohnen kann. Oft handelt es sich um jene Häuser, in denen die Eltern oder Großeltern wohnten, bevor es sie in die Stadt zog. Viele Russen nehmen am Wochenende weite Strecken in Kauf, um mit Zug oder Auto dorthin und wieder zurück zu gelangen. In Notzeiten dienen diese Datschen als Rückzugsort, was der russischen Gesellschaft eine besondere Widerstandsfähigkeit, neudeutsch Resilienz verleiht.
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Ich habe mir lange abgewöhnt, alles sehen und verstehen zu müssen. Sonst muss ich am Ende auch noch die Kannibalen, Serienkiller, die Hamas, die Mullahs und auch die Nazis noch irgendwie verstehen. Sicher hatte der ein oder andere von denen, auch eine Datsche, einen beliebten Volkstanz und irgendwo fliessend Wasser.
Vielen, lieben Dank an den Autor. Er bestätigt die Erfahrungen, die ein Freund letztes Jahr machte, der im August einen Monat Sprachurlaub machte. Ich selber war mehrfach im Land und werde es gerne „zeitnah“ wieder besuchen.
Danke, Herr Etscheid für diese O-Töne! Es ist jetzt 21 Uhr und noch kein einziger Kommentar zum Artikel. Der Chor des halben Dutzends permanenter Russenhasser hier ist noch nicht zu hören und scheint angesichts Ihrer warmherzigen, neutralen Berichterstattung in den Keller zum Schämen gegangen zu sein.