Ein gutes Vierteljahrhundert nach Napoleons gescheitertem Russlandfeldzug bereiste ein französischer Adeliger das russische Reich. Er hieß Astolphe de Custine und war Enkel jenes Revolutionsgenerals, der im Ersten Koalitionskrieg die Stadt Mainz besetzt hatte und als „General moustache“ in die Geschichte einging. Astolphe de Custine war zunächst im diplomatischen Dienst tätig und begleitet 1815 den französischen Außenminister Talleyrand beim Wiener Kongress zur Neuordnung Europas.
Seine diplomatische Karriere nahm Schaden, als man ihn 1824 angeblich kahlrasiert, entblößt und ausgeraubt außerhalb von Paris auffand. Eine Gruppe von Soldaten soll ihn attackiert und gedemütigt haben – einem der Männer hatte sich Custine offenbar sexuell angenähert. Die peinliche Affäre machte schnell die Runde in den Pariser Salons.
Im Jahre 1839 reiste der Frei- und Feingeist Custine nach Sankt Petersburg und von dort über Moskau nach Jaroslawl, Kostroma, Nischni-Nowgorod, Wladimir und zum Abschluss nochmals nach Moskau und Petersburg. Anschließend schrieb er einen Reisebericht, der 1843 unter dem Titel „La Russie en 1839“ (deutsch: „Russland im Jahre 1839“ oder „Russische Schatten“) erschien. In 36 Briefen schildert er darin seine Begegnungen und Beobachtungen im Zarenreich, die wenig schmeichelhaft für seine Gastgeber ausfielen, gleichwohl (oder gerade deshalb) das Russlandbild der damaligen Zeit prägten mit Nachwirkungen bis heute.
Obwohl in geistreichem Plauderton geschrieben, ist Custines Buch ein reißerisches, wohl auch auf gute Verkäuflichkeit hin geschriebene Werk, das in Sätzen gipfelt wie der Feststellung; „Die Russen würden besser sein, wenn sie roher blieben“, denn „der Mensch muss eine gewisse Tugend besitzen, um die Bildung ertragen zu können.“ Oder jenem Diktum, wonach es für die Menschen in Russland „zwei Särge“ gebe: die Wiege und das Grab. Hier haben die Mütter die Geburt ihrer Kinder mehr zu beweinen als das Grab.“ Russland – ein Reich des Todes. Und in jedem Russen eine grausame Tatarenseele – da trifft es sich gut, dass Wladimir Putin auffallend mongolische Züge trägt.
Ich bin ein Kind der Gorbatschow-Ära
Bundeskanzler Friedrich Merz ließ es sich im Februar dieses Jahres nicht nehmen, im Vorfeld eines CDU-Bundesparteitages aus Custines Schriften zu zitieren. Frage eines Journalisten: Kann es mit jemandem wie Putin, der den Oppositionellen Alexej Nawalny in einem Straflager vergiften ließ, je wieder normale Beziehungen geben? Antwort Merz: „Ich halte das für nahezu ausgeschlossen. Wenn ich mir dieses Regime anschaue und diesen blindwütigen Terror, habe ich wenig Hoffnung. Es gibt ein interessantes Zitat des amerikanisch-französischen Historikers Astolphe de Custine aus dem 19. Jahrhundert, der nach langen Reisen durch Russland gesagt hat: ,Russland ist in unseren Tagen für den Beobachter das merkwürdigste Land, weil man in ihm die tiefste Barbarei neben der höchsten Civilisation findet.‘ Das Zitat ist 200 Jahre alt und gilt eben leider auch heute noch. Wir erleben im Augenblick dieses Land in einem Zustand tiefster Barbarei. Das wird sich in absehbarer Zeit auch nicht ändern, und damit müssen wir uns abfinden.“ Randnotiz: Custine war weder Historiker noch amerikanischer Abstammung.
Doch der Satz gefiel Merz offenbar so gut, dass er ihn am vierten Jahrestag des russischen Einmarsches in der Ukraine bei einer Rede in Berlin noch einmal wiederholte. „Künstlerisch, musikalisch, in der Literatur, die höchste Zivilisation“, sagte er, Custine zustimmend. Aber: „Dieses Land befindet sich zurzeit unter dieser Führung auf dem Tiefpunkt der tiefsten Barbarei“. Und es solle „niemand einen Zweifel daran haben, mit welchem Regime und mit welcher Barbarei wir es in diesen Jahren aus Russland heraus zu tun haben.“
Es waren genau diese Äußerungen aus dem Munde des Bundeskanzlers, die mich dazu animierten, eine Reise ins „Land der Barbaren“ anzutreten. Ich bin ein Kind der Gorbatschow-Ära, habe an der Münchner Universität wie viele andere junge Leute seinerzeit russisch und osteuropäische Geschichte studiert, als sich das Sowjetreich im Zeichen von „Glasnost“ und „Perestroika“ zu öffnen begann. Ich besuchte Mitte der achtziger Jahren erstmals Leningrad, die später wieder in Sankt Petersburg umbenannte, damals arg zerschlissene Schönheit an der Newa, wo mich vor allem der klare, nordische Himmel faszinierte und die Bonbonfarben, in denen die Stadt mit ihren Kirchen, Palästen und Kontorhäusern angemalt ist.
Ein Jahr nach dem Mauerfall weilte ich dann für mehrere Monate in Moskau. Der Herbst und Winter 1990/91 war eine harte Zeit, für mich persönlich, aber natürlich viel mehr noch für die Einheimischen, die ja nicht einfach wieder zurück konnten ins (bundesrepublikanische) Paradies. Damals kollabierte die Wirtschaft in der UdSSR, die Nationalitäten am Rande des Imperiums begehrten auf.
Aus dem Niedergang wurde das reine Chaos
Hungergerüchte schwirrten durch Moskau, die Stimmung war auf dem Nullpunkt, die Läden waren leer, nur auf privaten Märkten und an fliegenden Ständen gab es noch etwas zu kaufen – unerschwinglich für russische Durchschnittsbürger. Übrigens hörte ich auch in dieser so bedrückenden, aber natürlich auch faszinierenden Zeit nie ein schlechtes Wort über die Deutschen, die in der Sowjetunion so großes Unheil angerichtet hatte. Allein die Belagerung Leningrads durch die deutsche Wehrmacht war ein Kriegsverbrechen historischer Dimension. Das war damals gerade einmal vierzig Jahre her. Und wie denken die Russen heute über Deutschland, das ihnen ja mehr oder weniger offen den Krieg erklärt hat?
Kurz nachdem ich Moskau wieder verlassen hatte, begann mit dem Putsch reaktionärer Kräfte aus dem Apparat der KPdSU, des Militärs und des Geheimdienstes die Endphase der Regentschaft Gorbatschows und der Sowjetunion. Unter seinem Nachfolger Jelzin wurde aus dem Niedergang das reine Chaos. Es waren die schlimmsten Jahre seit der Oktoberrevolution 1917 und dem damit verbundenen Bürgerkrieg. Viel hätte nicht gefehlt und Russland wäre wieder in einen blutigen Kampf aller gegen alle geschlittert. Wenn man sich dies vor Augen führt, kann man nachvollziehen, dass Gorbatschow in Russland, ganz anders als im Westen, zu den am meisten verachteten Politikern der Geschichte gehört.
Es war kein anderer als Wladimir Putin, der mit harter Hand und sicher ohne allzu viel demokratische Skrupel die Zentralgewalt wiederherstellte, die Oligarchen in die Schranken wies und dem Chaos die Stirn bot. In den 2000er Jahren setzte ein Wirtschaftsboom ein, der das verarmte Land (die Lebenserwartung lag damals bei Männern bei 59, bei Frauen bei 72 Jahren!) völlig veränderte. Genau deshalb genießt Putin, auch wenn das hierzulande befremdet, bis heute bei einer großen Mehrheit der Russen hohes Ansehen. Die Russische Föderation ist mittlerweile ein moderner Staat mit einer wachsenden Mittelschicht. Zum letzten Mal zur Fußball-WM in Russland im Jahre 2018 konnten sich viele Menschen aus aller Welt davon überzeugen.
Der Graben ist tiefer und unüberwindlicher als zu den gefährlichsten Zeiten des Kalten Krieges
Doch seit der russischen Inbesitznahme der Krim 2014 und – weit mehr – seit Beginn des Ukrainekrieges ist das größte Land der Welt zum „Pariastaat“ geworden, mit dem man keinen Handel mehr treibt, den man nicht mehr bereist, über den man nicht mehr spricht, sei es im Ton der Empörung und Verachtung, jenem Ton, den auch Friedrich Merz angeschlagen hatte. Das Land wurde mit härtesten Wirtschaftssanktionen überzogen, unter anderem der völligen Abkoppelung vom internationalen Zahlungsverkehr. Damals war in diesem Kontext die Rede von einer „wirtschaftlichen Atombombe“. Man zündete sie bedenkenlos, ohne dass man Russland bis heute ökonomisch in die Knie hätte zwingen können.
Der Graben zwischen Russland und dem, was man den kollektiven Westen nennt, scheint tiefer und unüberwindlicher als zu den gefährlichsten Zeiten des Kalten Krieges, als es immer noch Kanäle der Kommunikation und Konfliktlösung und einen gewissen Austausch gab. „Wandel durch Annäherung“ hieß das damals und bedeutete, dass es vielleicht möglich sei, ein System mit entgegengesetzten Werten durch Kontakte, Gespräche, Handel von innen her langsam zu verändern und auf diese Weise aufeinander zuzugehen, was durchaus auch einen Wandel der eigenen Sichtweisen beinhaltet.
Der Konflikt zwischen der Ukraine und Russland ist eine Tragödie, bei der nur alle verlieren können, selbst wenn es nicht zu dem befürchteten finalen Schlagabtausch zwischen der NATO und Russland kommen sollte. Um das Schlimmste zu verhindern, bräuchte es mehr denn je direkte Kontakte zwischen den Menschen, keine hasserfüllte Abschottung, keine Zementierung von Feindbildern, die womöglich Jahrzehnte oder Jahrhunderte existieren wie die nach dem Zweiten Weltkrieg endlich und mit großen Mühen überwundene deutsch-französische „Erbfeindschaft“. Wie sagt doch der frühere Bundeswehr-Generalinspekteur Harald Kujat, der sich unermüdlich für Verhandlungen zwischen den verfeindeten Parteien, darunter auch Europa, stark macht: „Russland wird nicht von der Landkarte verschwinden.“
Lesen Sie morgen in der zweiten Folge: Ankunft in Moskau
Beitragsbild: Mos.ru, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons

F. Auerbacher
: „Gegen die größte Atommacht der Welt ist kein Krieg zu gewinnen“,
Sie haben recht. Die Aussage ist zu pauschal.
Ich würde es so ausdrücken : unter gewissen Umständen und Vorraussetzungen sind militärische Erfolge gegen Atommächte möglich.
Diese Vorraussetzungen waren in Afghanistan und Vietnam gegeben. Bei der Ukraine ist das nicht der Fall, deshalb ist dieser Krieg für die Ukraine nicht zu gewinnen.
Allein schon aufgrund der Nähe zum russischen Kernland, hat sie für Russland ganz andere, existenzielle, Bedeutung.
Daher, bevor die Russen da abziehen wie aus Afghanistan, ist eher damit zu rechnen, dass sie die letzten Mittel rausholen.
F. Auerbacher
: „Gegen die größte Atommacht der Welt ist kein Krieg zu gewinnen“,
Sie haben recht. Die Aussage ist zu pauschal.
Ich würde es so ausdrücken : unter gewissen Umständen und Vorraussetzungen sind militärische Erfolge gegen Atommächte möglich.
Diese Vorraussetzungen waren in Afghanistan und Vietnam gegeben. Bei der Ukraine ist das nicht der Fall, deshalb ist dieser Krieg für die Ukraine nicht zu gewinnen.
Allein schon aufgrund der Nähe zum russischen Kernland, hat sie für Russland ganz andere, existenzielle, Bedeutung.
Daher, bevor die Russen da abziehen wie aus Afghanistan, ist eher damit zu rechnen, dass sie die letzten Mittel rausholen.
@Thomas Baader … was faseln Sie da? Kujat war mal ranghöchster Offizier der Bundeswehr & Vorsitzender des NATO-Militärausschusses. Mit wem wollen Sie denn da dagegen anstinken? Mit dem Niedersächsischen Gefreiten auf der Hardthöhe? Sie machen Sich & uns Achse-Leser ja völlig lächerlich.
In Kiew scheint man sich dem endgame zu nähern. Nach der Entlassung von Fjodorow, gab es eine Schießerei zwischen Angehörigen des militärischen (GUR) und allgemeinen (SBU) Geheimdienstes. Der Anführer beider zeigt sich unterdessen nur noch per Bluescreen „an der Front“.
Herrschaft Hr.Breit, kann man durch unterschiedliche Strukturen ausüben. Der US-Petrodollar ist so eines, die Kontrolle über den Öl-Markt.
Das Swift System im internationalen Banksystem ist auch so ein Herrschaftsinstrument, die Kontrolle über den Waren- und Geldverkehr.
Das sind alles Türsteher- und Zuhälterfunktionen.
Die „Herrschaft über russische Rohstoffe“ liegt sowohl im Pertrodollar als auch im Swift-System. Darüber hinaus möchten die USA auch gerne Share-Holder an den russischen Explorationen der Rohstoffe werden.
Wer das nicht sehen, erkennen will, dem kann man es auch nicht erklären.
Was ist nur aus meiner Achse geworden?
Kujat als positive Bezugsperson?
Ernsthaft?
Folgen jetzt Kreml-Propagandanarrative?
Die „nach dem Zweiten Weltkrieg endlich und mit großen Mühen überwundene deutsch-französische Erbfeindschaft“ ist nur deshalb beigelegt worden, weil die USA als Siegermacht den ewigen imperialistischen Bestrebungen Frankreichs einen Riegel vorschoben. Erst die NATO unter Führung der USA hat Westeuropa nachhaltig befriedet. Das verstehen in Deutschland aber nur wenige, denn Deutschland war schon immer das Land der naiven Träumer. Im Westen hält man immer noch „Gorbi“ für einen Friedensengel statt des Totengräbers der SU, wie die Russen es realistisch sehen. Im Osten ist eine antiamerikanisch schwärmerische Zuneigung zu Russland tief verwurzelt, wie sie schon der alte Dessauer Philosoph Didi Hallervorden beschrieb: „Russland steht mir vom seelischen viel näher als die USA“.