Monika Bittl (Archiv) / 25.09.2014 / 11:20 / 7 / Seite ausdrucken

Mein politischer Kleiderschrank (1): Gewalt im Mund

Mein Sohn ist ein Totalversager. Hätte er mal besser auf Paul Watzlawick gehört, der sagte: „In der Wahl seiner Eltern kann man nicht vorsichtig genug sein!“ Aber nein, jetzt hat er eine Rabenmutter erster Güte und auch noch einen Vater, der Gewalt zulässt! Seit dem Gespräch mit Ines-Maria wundere ich mich eigentlich nur noch darüber, warum das Jugendamt uns nicht schon längst das Sorgerecht entzogen hat.

Ines-Maria ist unsere Nachbarin, die kürzlich neben uns eingezogen ist, und sich schon bei der ersten Begegnung sicher war: „Mensch bin ich froh, dass ich hier so lockere Nachbarn wie dich habe! Alle links hier, alle nicht so spießig. Das sieht man ja schon gleich auf den ersten Blick!“ Nach diesem ersten Treffen habe ich mich vertrauensvoll an meinen Kleiderschrank gewendet und ihn gefragt, ob ich nicht meinen Kleidungsstil grundlegend ändern sollte. Aber mein sprechender Kleiderschrank hat nur laut gelacht und gelästert, dass ich einfach nicht zu einem Kostüm oder gar zu einem Dirndl außerhalb der Wiesenzeit passe. Mein Kleiderschrank, das sollten Sie noch wissen, hat übrigens auch sehr dezidiert politische Meinungen.

Ines-Maria hat sich bald auch mal als „durch und durch grün“ bezeichnet und geht völlig selbstverständlich davon aus, dass wir alle im Haus ihre Ansicht teilen, also: die USA sind böse Imperialisten, der Kapitalismus hat uns nichts als Konsumscheiße beschert, die Erde muss vor dem Menschen gerettet werden, Gentechnik ist Teufelszeug, Waffenlieferungen ausnahmslos nicht diskutabel, etc. p. p. Dabei weiß sich Ines-Maria einer winzigen Minderheit zugehörig, einem kleinen auserwählten Kreis, der dieses ganze System durchblickt und sich nicht einlullen lässt. Dass diese Minderheit ausgerechnet in unserem Haus eine absolute Mehrheit von hundert Prozent haben soll, erschließt sich mir zwar nicht, aber gut, ich war auch noch nie ein Mathegenie. Oder vielleicht liegt es an meiner anderen Wahrnehmung – die Ines-Marias & Co stellen längst die Mehrheit in unseren Medien und verteidigen aggressiv ihre Deutungshoheit.

Dabei missioniert unsere Ines-Maria noch nicht mal so richtig politisch und sagt schon mal, dass sie außenpolitisch eigentlich wenig Ahnung habe. Dafür aber läuft sie zu Höchstformen auf, wenn es um die unmittelbare Umgebung geht (Wanderbäume organisieren) oder vor allem auch um das Wichtigste im Leben: Die Kinder. Denn in diesem Bereich ist Ines-Maria der Superprofiextremexperte und weiß alles. Wirklich alles. Stellen Sie sich vor, neulich hat sie im Treppenhaus erklärt: „Fast Food ist ganz, ganz schädlich! Cola wird als Gifttransport geliefert. Nur über meine Leiche kriegen das die Kinder! Vegan wär natürlich das Beste. Aber ich schaffe einfach bloß vegetarisch.“ Ines-Maria weiß natürlich auch, dass die Regelschule hier die Kinder nur verbilde und kämpfte wie ein Löwe um einen Platz für ihre Kinder in der Steinerschule (Sie bekam ihn, das wurde mit einem mondgerecht gerührten Saft gefeiert). Und Ines-Maria weiß natürlich auch, was sonst alles gut und schlecht für die Kinder ist. Besser als jeder konventionelle Arzt oder Zahnarzt, denn hinter denen stecke doch auch nur – seien wir mal ehrlich – die Pharmalobby. Und so weiß sich Ines-Maria entschieden dagegen zu wehren, wenn doch jetzt so ein Kinderzahnarzt der Tochter eine Zahnspange verpassen will. Das wird sie nie und nimmer zulassen! Denn, so Ines-Maria wörtlich: „Ich lasse es nicht zu, dass meinem Kind Gewalt angetan wird. Gewalt im Mund!“

Mir fiel darauf nichts mehr ein. Aber neben mir stand mein Sohn, der plötzlich breit grinste. Dabei zeigte sich seine Zahnspange. Ines-Maria errötete und verabschiedete sich schnell. In der Wohnung riet mir mein Kleiderschrank, doch zu einer politisch unkorrekten Feier über Ines-Marias Fettnäpfchen, und ich stellte Cola und Chips auf den Tisch. Und jetzt lassen wir es uns einfach lustig gut gehen ... tja, bis wohl das Jugendamt kommt, wegen der Gewalt im Mund und so vielen anderen Dingen, Sie wissen schon ...

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Leserpost (7)
Eva Venner / 27.09.2014

Sehr geehrte Frau Bittl, wenn eines Abends Ihr Sohn sich aus Angst in seinem Zimmer eingeschlossen hat, Ihr Mann wie so oft nicht reden will, der Kleiderschrank seit Stunden schon gemeine Dinge zu Ihnen sagt, das Jugendamt in Person von Frau Schneider-Hagerbäumer bedenklichen Blickes, der weitere behördliche Aktivitäten erahnen lässt, just die Wohnungstür hinter sich zugezogen hat und Sie sich nun seelisch völlig verlassen vorkommen und zu allem Überfluss auch grad nichts zu schreiben haben, vielleicht entscheiden Sie sich in solch einem traurigen Moment, nachbarschaftliche Kontakte zu verbessern und laden Ines-Maria einfach mal auf einen netten Plausch ein. Man kann sich in Menschen täuschen, wer weiß, vielleicht verfügt sie ja doch über klaren Menschenverstand!? Und falls sich keine Basis für eine mögliche Beste-Freundinnen-Freundschaft zeigen sollte und Ines-Maria einfach nur nervt und nicht von allein drauf kommt, dass sie eigentlich mal wieder gehen könnte, eine Literflasche Cola auf den Tisch und was Leckeres vom Lieferschnellimbiss anbieten.

Cora Stephan / 26.09.2014

Großartig. Liebe Monika, alles, was du schreibst, ist 150 %ig lesenswert! (Für Mathegenies.)

George Urbanski / 26.09.2014

Nein, wirklich kein Klischee bei der Beschreibung Ihrer “Nachbarin” ausgelassen, Frau Bittl. Und dass Sie sich trauen, Chips und Cola auf den Tisch zu stellen! In Ihren elitären Kreisen gilt das wohl schon als mutig! Schade nur, dass Ihr Text so arg konstruiert und damit alles andere als komisch wirkt. Beste Grüße George Urbanski

Reimund Weismar / 26.09.2014

“...die Ines-Marias & Co stellen längst die Mehrheit in unseren Medien und verteidigen aggressiv ihre Deutungshoheit.” So eine schöne Geschichte. Sie beschreibt so liebevoll die heile Welt, in der diese Menschen leben und wie sie diese Illusion blind eifernd herbeireden möchten. Da reicht dann schon die Zahnspange des Nachbarkindes, um das Hirngespinst von Gewaltlosigkeit zerplatzen zu lassen, so wie eine winzige Nadelspitze den großen Luftballon….PENG! Und deshalb ist diese schöne Geschichte auch eine erschreckende Geschichte. Denn die Ines-Marias & Co werden nicht nur “ihre Deutungshoheit aggressiv verteidigen”. Nein, sie werden gegen jede Bedrohung ihrer Lebenslügen mit aller Gewalt vorgehen und die betreffenden Personen ächten, diffamieren, verfolgen und liquidieren. Und wer nun meint, dazu wären die Gutmenschen gar nicht in der Lage, dazu seien sie ja viel zu gut, der hat das Prinzip ‘Ideologie’ noch nicht verstanden. So werden zu den unzähligen Opfern solcher Ideologien wie Kommunismus und Nationalsozialismus, christlicher Inquisition und Islamisten noch diejenigen hinzukommen, welche die heile Welt der Ines-Maria & Co bedrohen. Denn Nichts fürchtet der Wahn mehr als seine Entlarvung!

Thomas Schlosser / 25.09.2014

Und der Beruf von Ines-Maria…? Doch nicht etwa Redakteurin beim Spiegel, der FR, oder vielleicht sogar bei ARD und ZDF…? In diesen Redaktionen scheint es nämlich von Ines-Marias nur so zu wimmeln….

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