Rainer Bonhorst / 21.05.2021 / 10:00 / Foto: Martin Kraft / 79 / Seite ausdrucken

Mein Leben ohne Doktortitel

Another one bites the dust, sang Freddy Mercury, dachte dabei allerdings kaum an das typisch deutsche Politiker-Schicksal, als Doktortitel-Schummler enttarnt zu werden. Aber die Folgen sind passend. Die Erwischten beißen politisch ganz oder beinahe ins Gras oder, um näher an Freddy Mercury zu bleiben: Sie müssen Staub schlucken. Wie kann es zu diesen menschlichen Tragödien kommen? Hier aus aktuellem Anlass die Gedanken eines Schreibers, der über Jahrzehnte hinweg ein Leben ohne Doktortitel geführt hat.

Dass dies möglich ist, wissen Millionen Menschen, die das gleiche tun. Und es kann sogar sinnvoll sein. Also anders, als Loriot über ein Leben ohne Mops gesagt hat: möglich aber sinnlos. Warum es ausgerechnet ein Mops sein muss, ist eine Frage, die in einem anderen Zusammenhang geklärt werden sollte. Hierher gehört die Feststellung, dass ein Leben ohne Doktortitel sowohl möglich ist als auch sinnvoll sein kann. 

Draum drängt sich die Frage auf: Was treibt gerade Politiker dazu, sich auf Teufel komm raus mit einem Doktortitel zu schmücken, auch wenn er erschummelt ist? Wieso diese Häufung in dieser Branche?

Der Stolz, aus eigener Kraft eine solide Doktorarbeit hinbekommen zu haben, ist ja gut nachzuvollziehen. Man hat sich und der Welt bewiesen, dass man in der Lage ist, eine beträchtliche intellektuelle Hürde zu nehmen. Aber das ist ein Stolz, den der Schummler oder die Schummlerin eben nicht genießen kann. Man mag andere beeindrucken, aber zugleich hat man sich selbst betrogen. Man mag sich etwas vormachen. Aber abends vor dem Einschlafen beschleicht einen ja doch die Erkenntnis, dass man sich mit einer Fälschung geschmückt hat.

Wie zwingend ist der Doktortitel in der Politik?

Eine andere Frage ist: Wie karrierefördernd ist der Doktortitel? Die einfache Antwort: Er ist es. Und das ist völlig in Ordnung. Er ist ein Beleg für Leistung und Leistungsbereitschaft. Wer eine akademische Laufbahn einschlägt, kommt am Doktor nicht vorbei. In der Jurisprudenz ist er stellenweise unverzichtbar, und wo nicht, doch sehr förderlich. Der Doktor der Medizin ist sprichwörtlich, obwohl es inzwischen immer mehr gute Ärzte gibt, die auch ohne den Titel ihre Patienten souverän heilen. 

Übrigens ist in England und Amerika der medizinische Doktor der einzige, der sicht- und hörbar vor dem Namen getragen wird. Alle anderen Doktoren führen ihren Ph. D. oder Sc. D., ihren Doktor der Philosophie oder der Naturwissenschaften diskret und unausgesprochen hinter ihrem Namen. Der „Herr Doktor“ ohne ärztliche Tätigkeit ist für die Angelsachsen ein so typisch mitteleuropäisches Phänomen, dass er gerne auch in Komödien verwendet wird, in dem Personen vom Kontinent auftreten.

Die entscheidende Frage ist: Wie zwingend ist der Doktortitel in der Politik? Ist er so zwingend, dass sich das Schummeln unterm Strich und bei Abwägung aller Risiken vielleicht lohnt? Hier soll ja nicht moralisiert, sondern kühl betrachtet werden. 

Also, ich habe in all den Jahren noch nie einen Politiker wegen seines Doktortitels gewählt. Und ich vermute, dass es Millionen ebenso geht. Und die Geschichte beweist: Man kann es auch ohne den Titel bis zum Bundespräsidenten bringen. Was also bleibt, ist Eitelkeit. Der Drang, sich mit einer akademischen Ehre zu schmücken, die man sich gar nicht verdient hat. Das ist ein bisschen blöd, aber es gibt Schlimmeres. Und wer konnte ahnen, dass eines Tages Schummeldoktor-Jäger sich einen Genuss daraus machen, die Schummler zu „outen“. Was ja nicht gerade sympathisch ist. 

Schummlerin ist sympathischer als der Petzer

Wenn mich einer fragt, mit wem ich lieber ein Bier trinken möchte, mit einem Schummeldoktor oder mit einem Schummeldoktor-Denunzianten, ist die Antwort sonnenklar: Natürlich mit einem Schummeldoktor, der ist im Zweifel menschlich doppelt so angenehm. Darum sei es Franziska Giffey, die ja der aktuelle Anlass dieser Zeilen ist, unbenommen, nun in Berlin ohne Doktortitel ihr politisches Glück zu versuchen, nachdem sie als Bundesministerin mit Doktor Staub schlucken musste.

Dass mir die Schummlerin sympathischer ist als der Petzer, liegt vielleicht daran, dass ich nach Jahrzehnten ohne Doktortitel die ganze Sache nicht so ernst nehmen kann. Und im Übrigen bedeutet so ein offiziell titelloses Leben keineswegs, dass man ganz ohne die Ehre des Betitelten leben muss. 

Meine italienischen Gastwirte (es gibt nicht nur einen) tun mir zum Beispiel regelmäßig die Ehre an, mich als „dottore“ anzureden. Und ich lasse mir diese unverdiente Ehre gerne gefallen. Ich habe mir auch gefallen lassen, als mich ein Hotelier in Amerika als „good doctor“ bezeichnete. Er hat mein hingeschludertes „Mr.“ als „Dr.“ gelesen und hielt mich für einen Arzt, was in den USA gelegentlich zum Titel „good doctor“ führen kann. Zum Glück wurde niemand krank, und ich musste nicht gerufen werden. Sonst hätte mich womöglich ein Giffey-Kataströphchen ereilt.

Nur einmal habe ich mich als treudeutscher Mensch gewehrt, als mich ein führender Herr der österreichischen Botschaft in London mit „Herr Doktor“ angesprochen hat. Meinem Einwand, dass ich kein Doktor sei, begegnete er mit den Worten: „Jo mei“. 

Ich neige nicht nur in meinem Fall oder im Fall Giffey, sondern generell zur Haltung des Österreichers, der übrigens einen – hoffe ich – echten Doktortitel trug. Sein „Jo mei“ scheint mir ein philosophisches Konzept zu enthalten, dessen wohltuende Wirkkraft weit über unser gelegentliches deutsches Doktorgate hinausweist.  

Foto: Martin Kraft CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

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Leserpost

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Elias Schwarz / 21.05.2021

So wie Wissenschaft zu Klima-Gender-Kampf-gegen-Rechts degradiert, so ist auch der Doktortitel als Auszeichnung für einen bedeutenten Beitrag.

Volker Kleinophorst / 21.05.2021

@ I. Grimm Einer ist zu wenig. Natürlich ist das überspitzt. Ich versteh sogar, was sie nervt. Allein als gelernter Bruder muss ich inhaltlich leider bei meiner Ansicht bleiben. A la “Luisa”: Sie Frau Grimm wissen es doch selber. Sie sind doch nun selbst eine Frau, sie wollen das ernsthaft bestreiten, dass Anschwärzen, üble Nachrede einfach zu den Waffen der Frau gehört. Dass können sie ja jeder griechischen Tragödie entnehmen. Und zu Einzelfällen: Mein Großvater hat wegen “Anschwärzens” einer Nachbarin in den 20ern eingesessen. Wenn wir jetzt hier eigene “Erlebnisse” als Maßstab nehmen würden. Und nun zu ihrem Petzer: Solche Jungs hatten es meiner Erfahrung nach nicht leicht und waren auch ganz schnell keine Petzer mehr. Die Mädchen blieben dabei, denn die durften wir nicht vermöbeln. Sie kamen damit also durch. Wieso sollten sie damit aufhören? Und wenn sie nicht gestorben sind… Wer das misogyn findet, dem muss ich sagen, leider scheint die Wirklichkeit auch misogyn zu sein. Es ist, wie es ist.

Thomas Roth / 21.05.2021

Man kann eine schöne Anekdote bei Roda Rida nachlesen: ein älterer Herr stellt einen jungen Mann, der ihn standhaft mit “Meister” anspricht, zur Rede. Der denkt kurz nach und rechtfertigt sich: Wenn einer kein Baron ist, kein Doktor ist und kein Oberst, wie soll man einen solchen Trottel anreden, Meister?”

S.Niemeyer / 21.05.2021

Die Dame sollte nicht unterschätzt werden. Hinter der Camouflage von Freundlichkeit, Piepsigkeit, dem Anschein menschlicher Harmlosigkeit verbirgt sich knallharter Machtwille und strategischer Opportunismus. Vorbild die 16-Jahre-Skrupellose.

Karla Kuhn / 21.05.2021

Ich finde die ganze Doktortitelei absurd. Für mich ist eine DOKTOR generell NUR ein ARZT, der auch eine Doktorarbeit geschrieben hat.  Wenn ich wähle, wähle ich eine KOMPETENTE; INTELLIGENTE PERSON und keinen Doktortitel. Helmut Schmidt hatte KEINEN und war für mich der BESTE KANZLER aller Zeiten, ihn konnte keiner das Wasser reichen, die allermeisten heutigen Politiker gleich gar nicht. Rainer Mewes, “Mich irritiert allerdings, wieso dies Land bei so viel geballter Intelligenz in einem so desolaten Zustand vor sich hin dümpelt,....”  Hervorragend, das gleiche frage ich mich täglich ! Claudius Pappe,  “Merkel arbeitet an einer zweiter Doktorarbeit: ”Die Waffenlose Zerstörung einer führenden Industrienation in nur 16 Jahren unter Missachtung des Grundgesetzes und Aufhebung der Demokratie” Der Person traue ich sogar das noch zu, auch daß sie sich stolz den Titel als Orden noch selber an die Brust heftet. “Der Stolz, aus eigener Kraft eine solide Doktorarbeit hinbekommen zu haben, ist ja gut nachzuvollziehen. Man hat sich und der Welt bewiesen, dass man in der Lage ist, eine beträchtliche intellektuelle Hürde zu nehmen.”  Erstens,  “Dummheit und Stolz wachsen auf einem Holz”,  zweitens, WAS bitteschön soll daran eine “beträchtliche intellektuelle Hürde” sein ??” Was den “dottore” in Italien angeht, das ist das gleiche wie der “Herr Doktor” oder “Geheimrat “, die “gnädige Frau” oder ebenfalls “Frau Doktor” in Österreich. Diesen wienerischen Schmäh bezahlen offenbar viele gerne mit einem extra Trinkgeld.

Gerhard Döring / 21.05.2021

Ich mag sie auch ohne Doktortitel und könnte sie mir gut vorstellen als Nachfolgerin von Jonny Depp in einer weiteren Folge in “Fluch der Karibik (auf pro7) und den Jack Sparrow zu geben entspräche ihrem Naturell.

Olaf Hüffner / 21.05.2021

Ich kann mich noch an ein Buch aus den 80er Jahren mit dem Titel “Die Dünnbrettbohrer” erinnern. Darin wurde nicht nach Plagiatsmomenten gesucht, sondern der Autor setzte sich mit den wissenschaftlichen Inhalten der Doktorarbeiten von Kohl, Weigel, Hausmann etc. auseinander. Er kam hinsichtlich der wissenschaftlichen Qualitäten dieser Promotionen zu den Erkenntnissen, die zu dem Buchtitel führten.

Christian Feider / 21.05.2021

es geht nicht um den Vergleich von Lügner und Lügner-Enttarner… es geht darum,das diese “Blase” sich eben vollkommen wissensfrei dazu berufen fühlt,anderen Menschen zu erklären,wie Sie zu leben haben. “Gutes-Kita-Gesetz”?,Finanzierung der Antifa????? diese Frau ist gefährlich,wenn Sie das nicht sehen(wollen),seien Sie wenigstens so nett,zu diesem Irrlicht zu schweigen

D. Preuß / 21.05.2021

Ich glaube kaum, dass Menschen wie Frau Giffey “vor dem Einschlafen” ... “die Erkenntnis, dass man sich mit einer Fälschung geschmückt hat” beschleicht. Solche Leute, und die Zahl ihrer Vorgänger ist in deutschen Politikerkreisen nicht gering - Dunkelziffer mal nicht betrachte. Ist nicht gerade auch Helge Braun dran? - haben keine Probleme damit, solange sie meinen die richtige Haltung zu verkörpern und es ihrer Karriere dient. Und selbstverständlich ist das österreichische “Jo mei” charmant, wenn jemand einem anderen aus Versehen einen Titel verleiht. Aber wohl kaum, wenn solchen Titel sich eine(r) betrugsweise zulegt und darauf die politische Karriere aufbaut. Auch fällt auf, dass es zumeist die Geschwurbelfächer betrifft. Als die Sache mit Karl-Theodor zu Guttenberg vor Jahren hochkam, sagt ein Ex-Kommilitone und Professor (Thermodynamik), dass es in akademischen Kreisen einigen Trouble gab, als Frau Merkel den Betrug als Bagatelle abtun wollte, sie hätte ihn ja nicht als wissenschaftlichen Mitarbeiter eingestellt. Heute ist da nichts mehr zu vernehmen. Ein Schwein, das ständig geschlagen wird, quieckt nicht mehr.

Wolf Eislich / 21.05.2021

Die im Artikel deutlich gewordene Sympathie mit Schummlern (jedenfalls im Gegensatz zu Denunzianten) läßt vermuten, daß ein größerer Teil der Bevölkerung ähnlich denkt—und diesen Politikertypus damit fördert. Generell scheint in der Politik Täuschen und Lügen derart eng zum Geschäft zu gehören, daß Poltitiker/innen dieses Verhalten vermutlich schon ganz unbewußt auf das Verfassen einer Doktorarbeit übertragen.

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