Gastautor / 26.03.2016 / 10:00 / Foto: Friedrich Haag / 9 / Seite ausdrucken

Mein Leben als Neger – Teil 2

Von Lars Neger.

Wer heutzutage keine E-Mail-Adresse hat, verweigert sich entweder der Gegenwart oder hockt weit weg von allen neumodischen Scherereien auf einer einsamen Insel im Südpazifik. Leider zähle ich nicht zur zweitgenannten Gruppe, was unterm Strich bedeutet, dass mein E-Mail-Posteingang vor Werbemails und Benachrichtigungen über einen Millionengewinn durch den Tod eines entfernten Verwandten überquillt. Ich verliere dabei langsam den Überblick. Um Ordnung in dieses Chaos zu bringen, habe ich beschlossen, mir eine neue E-Mail-Adresse einzurichten, mit der ich nur noch den privaten Kram regle, während die andere weiter fürs Berufsleben benutzt wird und gleichzeitig den Werbemüll abfängt. So weit jedenfalls die Theorie.

Nach einer kurzen Sondierung der möglichen E-Mail-Dienste, entscheide ich mich für einen Anbieter, der mit dem Slogan »E-Mail made in Germany« wirbt. Fein, denke ich mir, das klingt zum einen nach buy local und zum anderen nach deutscher Gründlichkeit und Ordnungssinn. Da ich selbst mit beiden Tugenden herzlich wenig zu tun habe, kann es nicht schaden, wenn zumindest der E-Mail-Anbieter dafür einsteht.

Nachdem ich mich ein wenig auf der Homepage umgesehen habe und mir eine schnelle und sichere Registrierung versprochen wurde, mache ich mich daran, meine persönlichen Daten, die Adresse und das Geburtsdatum einzugeben, bevor ich meinen E-Mail-Wunschnamen sowie das Passwort festlege. Geht, wie versprochen, tatsächlich in Rekordzeit. Doch am Ende kommt eine Fehlermeldung: »Wunschname kann nicht vergeben werden: Bitte anderen Wunschnamen wählen.«

Ich starre auf den Bildschirm. Ganz so schnell wird das wohl doch nicht ablaufen. Ich halte es zwar für unwahrscheinlich, dass sich bei diesem Anbieter bereits ein mir nicht bekannter Ludwig oder Lennard Neger registriert und mir dadurch das L.NEGER (so mein gewünschter Benutzername) gestohlen hat, versuche aber trotzdem die Registrierung in LARS.NEGER zu ändern. Wieder nichts. Obwohl mir bereits der Grund für die Fehlermeldung dämmert, ersetze ich sicherheitshalber den Punkt zwischen Vor- und Nachname durch einen Unterstrich, kürze meinen Vornamen ab, streiche ihn schließlich ganz und komme doch am Ende immer zum selben Ergebnis. »Wunschname kann nicht vergeben werden: Bitte anderen Wunschnamen wählen.«

Ein Name wie ein Fingerzeig des Himmels

Wunderbar. Natürlich kann ich mir den Grund für die Widerspenstigkeit längst denken, aber ich halte mich an einen Leitsatz, den mein Vater zu immer dann zusagen pflegte,  wenn er etwas nicht verstand: „Frag noch einmal nach.“ Ich beginne also auf der Seite des Mail-Hosters nach einem Ansprechpartner zu suchen, der mir erklären könnte, wieso mir eine E-Mail-Adresse mit meinem Namen verwehrt bleibt. Nach wenigen Minuten werde ich fündig, und zwar so richtig! Da steht ein Name wie ein Fingerzeig des Himmels; Frau A. Merkl, zuständig für den Jugendschutz. Ganz passt ihr Arbeitsfeld zwar nicht zu meinem Fall, aber wer, wenn nicht Frau A. Merkl, soll mir sonst helfen?

Ich schreibe ihr folgende Zeilen:

Sehr geehrte Frau Merkl,

etwas erstaunt musste ich heute feststellen, dass es mir nicht möglich ist, bei Ihnen eine E-Mail-Adresse mit meinem Klarnamen anzulegen. Dies liegt offensichtlich nicht daran, dass       sich einer der vielen Lars Negers bereits registriert und so meinen Wunschname belegt hat, sondern, wie mir Ihr System mitteilte, "der Name nicht vergeben werden kann".

Mit der Bitte um Aufklärung verbleibe ich mit irritierten Grüßen

Lars Neger

Ich finde das alles sehr unverbindlich und freundlich, und warte ab. Nach dem vierten Espresso beginne ich mich zu langweilen, frage mich, wie weit die Service-Wüste Deutschland schon ausgeprägt ist.

Stalin ja, Neger nein

Um die Wartezeit bis zur Antwort von Frau Merkl zu überbrücken, fange ich vor lauter Ich-weiß-nicht-wohin-mit-mir an, andere E-Mail-Nutzernamen durchzugehen. Je grotesker, desto besser. Ich teste Namen der Sorte, die man zumindest kontrovers nennen kann. Ich beginne ganz harmlos mit DSCHIHADI-JOHN. Meine Überraschung hält sich in Grenzen – der Name wäre frei und laut Anbieter nicht zu beanstanden. Was ist auch schon ein Neger gegen einen waschechten Gottesdiener, denke ich mir, und versuche es eine Nummer größer. Ich weiß nicht, wie vielen armen Schweinen Johnny den Kopf abgeschnitten hat, bevor ihn ein amerikanischer Drohnenangriff für immer von seinem Tagewerk befreite, aber Josef Stalin hat definitiv mehr auf dem Kerbholz. Leider scheint der Nutzername JOSEF.STALIN schon vergeben, aber wenn man den Josef zum im Rheinland üblichen JUPP.STALIN macht, belohnt einen die Seite mit einem zustimmend-grünen Häkchen über dem Eingabefeld. Das würde Sahra Wagenknecht bestimmt auch gefallen. Und wenn ich eh schon bei Massenmördern und Diktatoren angekommen bin, versuche ich es dann auch gleich mit ein paar anderen großen Menschenfreunden. Gegen MAO_ZEDONG  (zwischen 40 und 70 Millionen Tote) hat der freundliche E-Mail-Dienst made in Deutschland ebenso wenig etwas einzuwenden wie gegen ROTE.KHMER (um die zwei Millionen Tote).  

Als ich anfange, mich durch die Nazi-Diktatur zu testen, fallen die Ergebnisse anders aus. Von ein paar NS B-Promis wie dem furchtbaren Juristen ROLAND_FREISLER  oder SEPP_DIETRICH (immerhin Kommandeur der SS-Leibwache Adolf Hitlers) abgesehen, sind die üblichen Verdächtigen natürlich gesperrt. Adolf Hitler, Joseph Goebbels, Hermann Göring und Rudolf Heß führen in allen Kombinationsmöglichkeiten zu »Wunschname kann nicht vergeben werden: Bitte anderen Wunschnamen wählen.« Das finde ich verständlich und richtig. Würde ich jederzeit unterschreiben.

Zweiklassengesellschaft der Tyrannen

Wenn man mit seinem eigenen Namen allerdings in dieselbe Zensurliste gedrückt wird, man sich von jetzt auf gleich in Gesellschaft irrer Völkermörder befindet, kratzt man sich schon einmal am Kopf und fragt sich, was bei Betrachtung aller Tatsachen denn jetzt schlimmer ist. Dabei geht es gar nicht darum, dass für den Anbieter offensichtlich eine Zweiklassengesellschaft der Tyrannen existiert; anders ist es jedenfalls nicht zu erklären, dass man zwar berechtigterweise keine E-Mail-Adressen mit A.HITLER anlegen kann, aber gleichzeitig keine Probleme mit kommunistischen Despoten, Massenmördern und Terrorbanden hat.

Wer gerne Schreckensherrschaften gegeneinander aufwiegt, kann sich in jedem gut sortierten Spielwarenladen das „Tyrannen-Quartett“ kaufen (sehr amüsantes Spiel übrigens). Mir geht es vielmehr darum, mich mit meinem Nachnamen in einer  extrem fragwürdigen Gesellschaft wiederzufinden. Ist das Wort »Neger«  tatsächlich in einem solchen Maße anstößig  wie Hitler oder Heß?

Ich bin etwas ratlos. Eigentlich wollte ich nur eine neue E-Mail-Adresse,  jetzt habe ich jede Menge Fragen und bekomme keine Antwort. Frau A. Merkl hat nämlich bis heute nicht auf meine Mail reagiert. Vielleicht schreibe ich ihr heute Abend noch einmal.

Teil 1 dieser Serie finden Sie hier

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Leserpost

netiquette:

Anton Gruber / 27.03.2016

Ich hab’ ja echte Tränen gelacht bei dem 1. Teil ihres literarischen “Tagwerks”! Der zweite ist ebenfalls in dem höchst gelungenen, einmaligen Stil verfasst, gemahnt jedoch, weniger witzig als vielmehr tragisch, an die tiefsitzende Realität (sic) des ubiquitären Wirkens der Gedankenpolizei. Weiß Gott, wie weit die Dekadenz in der Gesellschaft der einstmaligen Dichter und Denker hinabreicht. Wie weit sind “wir” schon auf der, nach unten offenen, linksgedrehten Skala angelangt? Geht’s noch tiefer? Wer weiß das?

August Klose / 27.03.2016

Ich befürchte, Herr Neger, Sie werden wegen Ihres Namens nochmal eine langjährige Gefängnisstrafe absitzen müsse.

Rolf Krahmer / 27.03.2016

Ja wie politisch unkorrekt wollen Sie denn noch sein, Herr Neger. Seien Sie froh, dass die gelbe Post noch zu Ihnen kommt. Die Zwangsumbenennung Ihrer Person kommt schon bald.

Erich Dollansky / 27.03.2016

Tag Neger, Deutschland und seine Sprachnazis mal wieder. Ich komme ja aus einer Gegend, da war - als ich noch in Deutschland wohnte - Neger ein ganz normales Wort. Ein Schulfreund bekam den Spitznamen Neger weil er eine dunkle Hautfarbe hatte. Woher er die dunkle Hautfarbe hatte interessierte niemanden. Dies scheint sich in Deutschland in den letzten Jahren ja grundlegend geaendert zu haben. Was wuerde wohl passieren, wenn ich meinen alten Kumpel auf der anderen Strassenseite sehen wuerde und ihm zurufen wuerde ‘hey, Neger”? Erlaubt das Standesamt eine Namensaenderung in Lars Schwarz? Erich

Karl Müller / 26.03.2016

Es gibt aber auch Menschen die Rudolf Hess heissen Herr Neger,und der Name war sogar in der Sowjetunion erlaubt…

Reinhard Lichti / 26.03.2016

Wenn damit bei Facebook nicht eine schlappe Million wegen Diskriminierung aufgrund des Namens rasuzuschlagen ist! Ein Rechtsanwalt in den USA müsste doch dafür zu finden sein. Einerseits schätze ich Herrn Neger schon auf ein intellektuelles Niveau, dass er um einen Account bei Facebook (Klarnamenpflicht!) einen Bogen macht. Aber was tut man nicht alles gegen seine Überzeugung, wenn dafür die Aussicht auf ein fettes Schmerzensgeld winkt?

Waldemar Undig / 26.03.2016

So ist das halt, Neger werden diskriminiert. Das einzige Gegenmittel ist, kein Neger zu sein. Aber die Idee ist gut. Ich werde auch mal ein paar Email-Namen testen, wenn ich Langeweile habe.

Heiner Bargel / 26.03.2016

Irgendwie scheint Herr Neger noch tiefer in die Neusprechfalle der politisch Korrekten getappt zu sein, als er denkt. Beim Aufrufen seiner Facebook-Seite musste ich amüsiert zur Kenntnis nehmen, daß er “SchriftstellerIn” sei. Vielleicht klappt ja beim Email-Dienstleister Lars.NegerIn@....  :-)

Michael Lorenz / 26.03.2016

Ich nehme einmal an, Frau M. Merkl ahnt, worauf das Ganze hinausläuft und hat sich entschlossen, ganz so wie ihre Fast-Namensverwandtin, das Problem einfach auszumerkeln. Warum sollte sie auch bewusst in ein Messer laufen, das gar nicht auf sie gerichtet wurde. Ist auch ohnehin das Schlaueste, denn innerhalb eines Landes, wo große Teile der Nationalhymne ausschließlich zum Schämen freigegeben sind, ist ein solches Problem unlösbar. Also, Herr Neger: das Problem ist nicht Ihr Name. Es ist Ihre und meine Heimat. Jetzt hätte ich fast gesagt: wir sollten dran arbeiten. Aber das machen Sie ja bereits, und dafür: danke!

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