Gastautor / 16.04.2011 / 09:25 / 0 / Seite ausdrucken

Mein Japan Tagebuch

Von Matthias von Stegmann
(Der Autor ist Opernregisseur und wird 2012 in Tokio den Lohengrin inszenieren)

Dienstag, 5. April
Zehn Zentimeter entfernt von Fukushima
Warum ausgerechnet nach Tokio fliegen? Und warum ausgerechnet jetzt? Sachlich ist die Frage schnell beantwortet: Ich inszeniere 2012 am New National Theatre Tokyo den „Lohengrin“ (Bühnenbild und Kostüm: rosalie). Wir müssen die Produktion jetzt im Opernhaus präsentieren und technische Besprechungen abhalten, außerdem wollen wir uns in einer Bauprobe bereits Dekorationsteile auf der Bühne ansehen. Das war alles von langer Hand geplant, dann kamen das Erdbeben, der Tsunami und die Atomkatastrophe. Und die Sorge. Ich habe mich trotzdem entschieden zu fliegen. Als Halbjapaner fühle ich gerade jetzt eine Verpflichtung hierherzukommen. Alle in Japan haben nur einen Wunsch: die Rückkehr zur Normalität und das heißt business as usual. Also auf nach Tokio. Zum Glück habe ich eine Familie, die das versteht. Luftsprünge werden zu Hause deswegen zwar keine gemacht, aber ich hab eine ziemlich coole Frau.
Im Flugzeug ab Frankfurt verhallen die reißerischen Schlagzeilen der letzten Wochen „Todeswolke über Tokio“, „Trinkwasser in Tokio verseucht“, „35 Millionen Menschen in Tokio in Angst“, „Regale in Supermärkten leergekauft“, „Dunkelheit in Japans Megametropole“, „Tausende fliehen Richtung Süden“  in meinem Kopf wie die Abschiedsrufe der Winkenden im Hafen, wenn das Schiff ausläuft. Sie verhallen schnell, kurz vor Moskau schlafe ich tief und fest. Mir ist erstaunlich unmulmig, falls es dieses Wort überhaupt gibt. Kurz vor der Landung wache ich auf und auf dem Bordmonitor ist eine Landkarte eingeblendet. Verdammt, Fukushima ist auf dem Bildschirm gerade mal zehn cm weit weg von dem Ort, den das kleine Flugzeugsymbol da ansteuert. Hmm, immerhin verstoße ich gegen eine offizielle Reisewarnung des Auswärtigen Amtes, das von Reisen nach Japan abrät und Deutschen im Großraum Tokyo/Yokohama empfiehlt, das Gebiet vorübergehend zu verlassen. Von wem wird das Auswärtige Amt nochmal geleitet? Ach ja, Westerwelle. Na dann…
Der Flughafen Narita wirkt ruhiger als sonst. Die Gänge sind dunkler, es wird Strom gespart. Ist die Stimmung wirklich bedrückter als bei all meinen anderen Besuchen bisher oder liegt es nur an meiner eigenen Befindlichkeit? Schwer auszumachen. Die Nichtjapaner, liebevoll „Langnasen“ genannt, die nicht sofort in den Süden weiterfliegen, sondern tatsächlich hier aussteigen sind rar gesät. Ich zähle 3 außer uns. Auf dem gesamten Flughafen. Das ist aber auch schon alles, der Betrieb läuft ganz normal, der Shuttle-Bus in die Stadt fährt planmäßig. An Busterminal 8 fährt ein Bus nach Fukushima und da steigen sogar Leute ein. Die Stadt liegt ja auch etwa 50 km vom AKW entfernt. Mit dem würde ich trotzdem ungern fahren und nehme mal lieber den Bus gen Tokio. Auf der Fahrt ertappe ich mich dabei, das Unglück irgendwie „wahrnehmen“ zu wollen. Natürlich ohne Erfolg, die Naturkatastrophe hat Tokyo verschont und die von Menschen geschaffene Katastrophe hinterlässt nur unsichtbare Spuren. Wenn die Megalopolis in der prachtvollen Nachmittagssonne flimmert liegt es wohl eher an meiner Übermüdung als an tanzenden Mikro- oder Millisievert in der Luft.
Im Hotel (einer der großen Luxuskästen mit 1000 Betten) werde ich über den höflichen Formalismus hinaus sehr freundlich und persönlich begrüßt. Man freut sich, dass überhaupt noch jemand kommt, die Auslastung beträgt zur Zeit 27%, normalerweise sind es immer zwischen 60% und 70%. Langsam frage ich mich, ob die Angst vieler Menschen, hierher zu reisen auf lange Sicht nicht mehr Schaden anrichtet als alles, was in den letzten 3 Wochen passiert ist.

Mittwoch, 6. April
Der Wels im Speckmantel
Am Frühstücksbuffet stehe ich neben einem lauten Amerikaner, der sich tonnenweise Bacon und getrockneten Seetang auf den Teller häuft. Eine Kombination, die mir in diesem Augenblick bedrohlicher erscheint als jede Kernschmelze. Der beleibte Greg zwinkert mir zu und sagt fröhlich „We are heroes for coming to Tokyo, aren’t we.“ Meine Antwort, ich würde hier nicht den Ring inszenieren und demzufolge weniger mit Helden als mit Schwanenrittern zu tun haben, versteht er verständlicherweise nicht, er hat auch gar nicht zugehört. Fröhlich schwadroniert er weiter über seinen Stolz in Tokio zu sein. Mein Fluchtversuch misslingt, ich lande an einem Tisch mit ihm. Wenn die Erde in Tokio bebt, erzählt man in Japan, dass sich ein riesiger Wels in der Bucht von Tokio umgedreht hat. Greg wäre die Idealbesetzung für den Wels. Er erzählt mir blubbernd, dass er Vertreter einer amerikanischen Firma für Solaranlagen sei, nach Tokio entsandt, um dort jetzt sofort die Deals klarzumachen. Die Chance auf dem ehemals atomgläubigen japanischen Markt sei so groß wie nie, sagt er. Skurriler Tagesbeginn. Jede Krise hat ihre Profiteure.
Auf dem Weg zur Oper hat mich die Normalität eingeholt, ich denke deutlich weniger an Radioaktivität als noch in Deutschland. Auch das erste Lohengrin-Meeting verläuft so als gäbe es kein havariertes AKW. Die westliche Erwartungshaltung, man müsse doch jetzt erst mal die Ereignisse der letzten Wochen und die aktuelle Bedrohung bereden, wird nicht erfüllt. Es geht gleich in medias res und an das heikelste Thema ran: Das Budget. Natürlich sind unsere Ideen eigentlich zu teuer, natürlich will man aber alles möglich machen und natürlich wollen wir auch das Unmögliche haben. Der technische Leiter wirkt wie man wagnerisch alliterieren könnte: wie ein stets stoischer Störrischer. Das würde ihm aber nicht gerecht werden, ich nenne ihn den Samurai. Ich versuche einen lahmen Witz zu machen, dass man doch TEPCO fragen könnte, ob die uns nicht wenigstens den Strom sponsern. Der Samurai verzieht keine Miene. Aber er spricht das erste Mal über das Unglück. Und darüber, dass TEPCO dem Ansehen Japans sehr geschadet hätte. Es sei wichtig, dass gerade jetzt im Ausland kein schlechtes Bild von Japan entstehe. Und vor allem kein falsches. Er bittet auch uns, dass wir zu Hause erzählen, dass in Tokio alles ok sei. Ich erzähle ihm von meinem Tagebuch und der Samurai von Tokio kennt seit heute den Nordbayerischen Kurier.
Einen kleinen Aufreger gibt es dann doch noch. Von besorgten Freunden werde ich auf facebook vor dem tödlichen Flussfieber gewarnt, das laut allen deutschen Medien von der BILD bis zum SPIEGEL seit gestern in den Katastrophengebieten grassieren soll. Das finden meine japanischen Freunde sehr lustig. Die „Tsutsugamushi“-Krankheit wird erstmal unter großem Hallo im Büro gegoogelt, die Schreckensmeldung hatte es nicht bis in die japanischen Schlagzeilen geschafft. Bald stellt sich heraus, dass es sich bisher nur um einen bestätigten Fall handelt, der zwar in einer untypischen Region aufgetaucht ist, aber die Krankheit ist bekannt, tritt saisonal im Frühling und im Herbst jedes Jahr sehr häufig auf und ist eigentlich gut behandelbar. Die Schweinegrippe lässt grüßen. Auf meinen Einwand, dass dies in den betroffenen Regionen auf Grund mangelnder medizinischer Versorgung trotzdem ein Problem werden könnte, weicht die Heiterkeit einer nachdenklichen Ruhe. Nicht wegen der Phantomseuche sondern wegen des schweren Leids, dass den Nordosten getroffen hat. Die Katastrophe ist in den Köpfen präsent.
Mit dem festen Entschluss, dem Wels morgen zum Frühstück auszuweichen sinke ich nach einem Blick aus dem 29. Stock über das friedlich nächtlich leuchtende Tokio ins Bett.


Donnerstag, 07. 04.

Und sie wackelt doch

Die guten Vorsätze sind dahin. Nicht mit Leitungswasser Zähne putzen, frische Luft meiden und sich in Gebäuden aufhalten, kein frisches Gemüse oder gar rohen Fisch essen. Das alles erscheint mir auf einmal absurd. Es ist mir lästig geworden, Volvic de France in mein Zahnputzglas zu füllen. Nachdem ich neben meinem Kulturbeutel noch eine ordentliche Portion Paranoia in den Koffer gepackt hatte, habe ich am ersten Abend flaschenweise Wasser gekauft. Womit übrigens auch der Mythos der leergekauften Wasserregale in Tokios Supermärkten widerlegt wäre. Das war laut meinen Freunden nur einen halben Tag lang so. Ich bin vorgestern mit so viel abgefülltem Mineralwasser ins Hotel gekommen, dass ich mein eigenes Abklingbecken (der Topkandidat für das Unwort des Jahres) füllen könnte.
Die Werte für das Leitungswasser sind hier annähernd normal, ebenso die Strahlungswerte in der Luft und steigen auch nicht, wenn der Wind dreht. Woher bezieht man diese Informationen, wenn man den offiziellen Messungen misstraut? Zum Beispiel aus einer Facebook-Gruppe, die ein amerikanischer Kernphysikstudent gegründet hat. Er stellt hier in Tokio mit dem Geigerzähler eigene Messungen an. Im Netz gibt es auch jede Menge unabhängiger Blogs, die alle unbedenkliche Werte für die Hauptstadt vermelden, zum Teil sogar von überzeugten japanischen Anti-Atomkraft-Aktivisten. Ich stelle mir einen jungen, schwarzhaarigen Trittin mit Mandelaugen vor, der mit Meßgeräten im Strickpullover auf seinem Garagendach in Yokohama sitzt und muss schmunzeln. Vor allem will ich ihm und seiner zumindest temporären Entwarnung glauben.
Als ob die Natur nun doch den Zeigefinger erheben wolle, bebt in der Sekunde, in der ich diesen Eintrag abschicken will (Ortszeit 23:32) die Erde. Das Zimmer wackelt erheblich. Ich lösche meine letzten Absätze und schreibe diese neuen Zeilen nieder. Es ist nicht das erste Erdbeben, das ich in Tokio erlebe und auch nicht das heftigste. Deswegen bleibe ich im 29. Stock relativ ruhig, schön ist trotzdem was anderes. Es dauert gut 30 Sekunden, die mir deutlich länger vorkommen. Das Gebäude schwankt auf Grund seiner erdbebensicheren Bauweise noch etwa 5 Minuten hin und her, langsam und träge, wie ein großer Kutter und die Wände knarzen unzufrieden. Ich schalte den Fernseher an. Auf allen Kanälen wird live informiert: es war wieder im Norden, eine Stärke von 7,4 im Epizentrum im Meer und etwa 6 an der Küste. Eine Tsunamiwarnung gibt es auch, man geht aber nur von einer Wellenhöhe von 50cm bis zu einem Meter aus. Leute von TEPCO werden live interviewt, in Fukushima haben die Arbeiter kurz das Gelände verlassen, arbeiten jetzt aber schon wieder weiter, sagt man, offiziell gibt es dort keine neuen Schäden. In deutschen Livetickern lese ich online „es wird vor einer zwei Meter hohen Flutwelle gewarnt, Arbeiter aus AKW evakuiert, Stärke 7,4“ Dass die Arbeiter schon längst wieder zurück sind, wird erst mal nicht gemeldet, ist ja auch unspektakulär. Und warum die Flutwelle mehr als doppelt so hoch sein soll als hier auf meinem japanischen Fernseher gemeldet wird, verstehe ich auch nicht. Muss wohl an der Zeitverschiebung liegen. In Japan wird in erster Linie von einem Beben Stärke 6 berichtet, denn das war der Wert an Land. 7,4 klingt natürlich schicker. Ich glaube das Beben hätte mich mehr beunruhigt, wenn ich in Deutschland gewesen wäre. Trotzdem hoffe ich sehr, dass da oben nicht allzu viel passiert ist. Mein Telefon klingelt, japanische Kollegen rufen an. Nicht weil sie Angst hätten, mir sei etwas zugestoßen, dazu war das Beben hier zu schwach. Man will nur wissen, wie es meinem Nervenkostüm geht. Erstaunlich gut, antworte ich und lüge zum Glück nicht mal. 

Freitag, 08. 04.
Plötzlich geht das Licht aus
In fernem Land, unnahbar Euren Schritten basteln wir am New National Theatre Tokyo fleißig an unserem Lohengrin. So gut arbeiten wie hier kann man nur in wenigen Häusern auf der Welt. Die ganze Truppe ist extrem motiviert, es macht unglaublich Spaß. Rosalie hat mit ihrem Erfindungsreichtum alle angesteckt, es herrscht Aufbruchsstimmung nach den letzten schweren Wochen. Die Oper musste die Produktion von „Manon Lescaut“, die vier Tage nach dem großen Beben Premiere gehabt hätte, absagen. Aus Pietätsgründen und weil alle ausländischen Künstler das Land so schnell wie möglich verlassen wollten. Jetzt läuft „Rosenkavalier“, übermorgen ist Premiere. Von der ursprünglichen Besetzung ist nur Franz Hawlata (den Bayreuthern als Sachs bekannt) angereist, alle anderen haben um die Auflösung der Verträge gebeten. Oder haben „sich für Benefizkonzerte in der Heimat entschieden, dabei hätten sie hier viel mehr helfen können, wenn sie gekommen wären“ wie Hawlata es formuliert. „Kannst mich ruhig zitieren“ ruft er mir hinterher. Selbst als Ochs im Leutnant Gustl Kostüm mit einer rot geschminkten Nase merkt man ihm seinen Ärger an. Und seine Frustration, dass nicht mehr Kollegen so denken wie er. Oder wie Anna-Katharina Behnke als Marschallin und der Dirigent Manfred Mayrhofer, die genau einen halben Tag Zeit hatten sich zu entscheiden, ob sie einspringen und dem Notruf nach Japan ohne Zögern gefolgt sind. Sie alle verleihen der Vorstellung besonderen Glanz schon in der Generalprobe. Während ich mich der Magie von Richard Strauss ergebe, bin ich sehr froh, dass wir auch hier sind.
Die wieder einmal überzogene Berichterstattung in der Heimat über das „schwere Beben“ gestern führt übrigens heute zur nächsten Absage eines Künstlers, der in einem Monat hätte kommen sollen. Dabei hat ein Techniker gerade das kleine gestrige Wackeln in Tokio so schön als „leichtes Achselzucken der Erde“ bezeichnet, während er sich um unseren Schwan kümmert. Ich wundere mich, dass Menschen auf der anderen Seite des Planeten ihre Emotionen weniger unter Kontrolle haben, als die, die hier sind. Ich verharmlose nicht. Keiner in Tokio tut das. Die Lage im Nordosten ist katastrophal, viele Menschen sind gestorben oder leiden wie die Hunde und Fukushima ist noch nicht unter Kontrolle. Das wissen wir alle. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Panikmache und realistischem Umgang mit der Sorge.
Abends gehen wir mit meinem besten japanischen Freund essen. Es gibt Spezialitäten der Jahreszeit. Junge Bambusschößlinge, rohen Katsuo (eine Thunfischart) und frischen Seidentofu. Für die Tofu-Herstellung am Wichtigsten ist die Qualität des Wassers. Es kommt aus dem Norden des Landes. Natürlich zögert man kurz. Ungefähr so, wie wenn der Gastgeber einem sagt „Ich habe die Pilze selbst gesammelt, aber ich kenne mich aus…“. Doch es schmeckt köstlich. Plötzlich geht das Licht aus. Kurze Stille. Ich versuche mich in der Dunkelheit an den Notausgang zu erinnern. Außerdem formuliere ich im Kopf bereits meinen Tagebucheintrag über die heldenhafte Rettung meines Teams durch mich erfahrenen Japan- und Krisenscout. Aber 15 Sekunden später geht das Licht wieder an. Ein übereifriger Reiskocher in der Küche hat die Sicherung rausfliegen lassen. Nicht mehr und nicht weniger. In die Erleichterung hinein kommt ein Kellner an den Tisch, der uns einen Gutschein für ein kleines Gericht überreicht. Als Entschuldigung für die Unannehmlichkeit des kurzen Blackouts. Das gibt es nur in Japan. Wie kann man nur nicht hier sein wollen?

Samstag, 9.4. und Sonntag 10.4.

Sakura – der Abschied

Kirschblüte. Für Japan ist das wie Weihnachten, Ostern, Geburtstag und Oktoberfest in einem. Wir fahren in einer Pause in den größten Park von Tokio. So voll habe ich es hier noch nie erlebt und ich bin mit allen Kirschwassern gewaschen. Man steht fast eine halbe Stunde an, um überhaupt reinzukommen. Im Park Zehntausende von Menschen. Auf den Wiesen liegt Picknickdecke an Picknickdecke. Selbst mein Facebookfreund, der strahlenmessende Kernphysikstudent hat heute ein Foto von seinem Geigerzähler unter einem Kirschbaum gepostet. Die Werte sind trotz Regen und Nordwind gestern weiter gesunken, im Moment hat Tokio eine geringere Hintergrundstrahlung als die meisten Metropolen dieser Welt. Vielleicht sollte man hier „Atomangst – Nein Danke!“ – Aufkleber verteilen, mit einer fetten Kirschblüte statt der roten Sonne in der Mitte. Übrigens bin ich Kernkraftgegner, die Atomlobby hat dieses Tagebuch nicht finanziert.
Eine junge Frau plärrt in ihr Handy: „Wo bist du? Ich warte unter dem großen Kirschbaum!“ Angesichts der etwa fünfzehnhundert anderen Kirschbäume in diesem Park kann man ihrem Date nur viel Glück wünschen. Egal, alles freut sich, die Natur möchte den Menschen einen besonderen Frühling schenken. In Korea wurden gestern Grundschulen geschlossen aus Angst vor radioaktivem Regen. Die größte Tageszeitung Australiens hat den Großraum Tokio als „Ground Zero“ bezeichnet. „Die haben im Ausland doch den A… offen!“ sage ich laut vor mich hin und bin froh, dass die Deutschkenntnisse der vergnügten Picknicker limitiert sind. Obwohl sie mir recht geben würden. Nur höflicher formulieren würden sie es.
Wir kommen ins Gespräch und fragen noch einmal nach, ob hier denn wirklich niemand Angst hätte. Eine ältere Japanerin mit den lebendigen Augen einer Zwanzigjährigen blickt einem herabfallenden Blütenblatt nach und sagt trocken: “Wir haben Hiroshima und Nagasaki überstanden, was sollen wir uns jetzt Sorgen machen?” Als Kind habe sie in der Nähe von Nagasaki gelebt, als die Bombe fiel. Die Amerikaner haben am Tag davor Zettel vom Himmel geworfen mit der Warnung: “Ihr wisst ja, was in Hiroshima passiert ist, das Gleiche blüht Euch hier, noch könnt Ihr abhauen.” Da sie damals keinen n-tv Liveticker hatten, wussten sie es nicht und sind geblieben. Die Dame versichert uns schmunzelnd, dass weder ihre Kinder noch ihre Enkelkinder mit zwei Köpfen auf die Welt gekommen sind. Starker Tobak. Der Hauch der Geschichte weht mich mit dem unverstrahlten Nordwind an. Da ich an historischen Ereignissen nur zu bieten habe, den Mauerfall und 9/11 am Fernseher verfolgt zu haben, schweige ich. Und verstehe die heitere Gelassenheit und Würde der Japaner in dieser Krise.
Abschließend präsentieren wir unseren „Lohengrin“ am Bühnenbildmodell vor dem gesamten Team des Opernhauses. Etwa vierzig Leute sind gekommen. Am Ende hält der Intendant, ein hochkultivierter feingliedriger Herr mit leiser, bestimmter Stimme eine Ansprache. Unsere Produktion gefällt ihm. Noch mehr berührt uns aber, dass er in unserem Besuch in dieser Zeit ein Zeichen für den Aufbruch in eine positive Zukunft sieht. Vierzig japanische Gesichter, in denen sich Emotionen sonst so schwer ablesen lassen, sehen uns offen und mit großer Dankbarkeit an. Einer von ihnen wird später sagen: “Ihr seid wie wir.” Obwohl ich weiß Gott nicht so nah am Wasser gebaut bin wie das AKW von Fukushima, kommen mir beinahe die Tränen.
Der letzte Regisseur, der in diesem Opernhaus den „Lohengrin“ inszeniert hat, war Wolfgang Wagner. Als sein Assistent durfte ich ihn 1997 nach Tokio begleiten. Eine Teambesprechung in seinem Hotelzimmer im dreißigsten Stock ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Plötzlich bebte die Erde. Ungerührt und unter völliger Missachtung der erbleichenden Gesichter der umsitzenden Langnasen fuhr der große Mann des Theaters mit seiner Analyse der Gralserzählung fort. Sie war wichtiger als das Beben. So wie vieles. Er wäre jetzt auch nach Japan gekommen. Garantiert.
Die Premiere des „Rosenkavalier“ am Sonntagabend im New National Theatre wird zu einem Riesenerfolg. Das Haus ist ausverkauft, der Beifall will kein Ende nehmen. Die drei ausländischen Gäste Behnke, Hawlata und Mayrhofer werden mit standing ovations gefeiert. Das ist mehr als nur der Respekt vor einer großen künstlerischen Leitung, knapp zweitausend klatschende Handpaare rufen „Danke, dass ihr gekommen seid!“
Morgen früh fliege ich nach Hause und es ist Zeit, dieses Tagebuch zuzuklappen. Danke, dass Sie mich begleitet haben, liebe Leser. Sehen Sie mir es nach, wenn ich zeitweise in ironische Flapsigkeit abgerutscht bin, ich wollte die Katastrophe nicht schönreden. Auch gedenke ich mit Trauer der Opfer und derjenigen, die immer noch leiden. Aber es war mir wichtig, ein authentisches Lebensgefühl aus Tokio in diesen Tagen zu vermitteln, eine kleine, bescheidene zweite Meinung. Glauben Sie nicht immer alles, was geschrieben wird. Außer meinem Tagebuch natürlich. Geben Sie Japan nicht auf. Und sollten Sie mir in den nächsten Tagen zufällig auf der Straße begegnen, schütteln Sie mir ruhig die Hand. Ich habe mich nicht in einen Brennstab verwandelt.
Tief in der Nacht stehe ich vor dem Hotel und sehe etwas, das mir sechs Tage lang nicht aufgefallen ist. Einen großer Kirschbaum in voller Blüte, dessen Äste einen Fahnenmast umranken, an dem die japanische Flagge auf Halbmast weht. Ein Coverfoto für mein Tagebuch. Mögen die schönen Bilder aus Japan die schrecklichen bald wieder überlagern. Und wenn ich das ein wenig bei Ihnen geschafft habe, würde es mich freuen.

Erschienen im Nordbayerischen Kurier vom 6.4. bis zum 11.4. 2011

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