Erik Lommatzsch, Gastautor / 14.08.2018 / 16:30 / Foto: Tim Maxeiner / 11 / Seite ausdrucken

Mein Fragebogen der Woche

Das mit dem Fragebogen ist nicht erst seit Max Frisch in Mode. Der hat es allerdings besonders schön gemacht. Bei ihm geht es… um einen selbst, das Leben, dessen verflixte Tücken und Widersprüche. Falls unbekannt: Frischs „Fragebogen“ ist kurz und kurzweilig (obwohl eine Liste), eigentlich Bestandteil(e) des „Tagebuch 1966-1971“, und er bietet für den eigenen Denkapparat deutlich mehr als die peinliche Politbotschaftsdampfwalze „Herr Biedermann und die Brandstifter“ – ein intellektueller Ausrutscher des großen Schweizers, der leider noch immer schul-zelebriert wird.

Derartige Fragen-Fragen (zu unterscheiden von den auf schlagfertige Antworten erpichten Fragen im Sinne eines Marcel Proust) drängen sich immer wieder auf, wenn man das aktuelle Geschehen verfolgt. Schon ein ganz spezieller Aspekt kann eine Fundgrube sein, wie etwa hier nachzulesen ist. Neben tagesaktuellen Bezügen und dem mittelbaren Ewigkeitsanspruch eines Max Frisch ist allerdings noch sehr viel Platz.

Aus dem täglichen Nachrichten- und Informationserleben, aus der gegenwartsbezogenen Lektüre und aus dem persönlichen Informationszufluss sei hier ein Dutzend Unklares aus meinem stetig anwachsenden Zettelkasten verschüttet:

1. Wenn so oft von „unschuldigen Opfern“ die Rede ist – gibt es auch „schuldige Opfer“? Was unterscheidet die? Was macht man mit denen? Halbopferstatus?

2. Wie sieht eine „bewältigte“ (nicht: „zu bewältigende“!) Vergangenheit genau aus? Gibt es dafür Beispiele?

3. Wenn es soziale Medien gibt – gibt es auch unsoziale?

4. Verschiedenen Gruppierungen wird vorgeworfen, sie seien „selbsternannte“ Patrioten. Wer ist normalerweise für Patriotenernennung zuständig?

5. Wie lange entwickelt sich ein Entwicklungsland, bis es sich nicht mehr entwickelt?

6. Der Text der „Europahymne“, den der gute alte Klassiker Friedrich Schiller als Ode „An die Freude“ verfasst hat, enthält die Strophe: Wem der große Wurf gelungen / eines Freundes Freund zu sein; / wer ein holdes Weib errungen, / mische seinen Jubel ein! / Ja –  wer auch nur eine Seele / sein nennt auf dem Erdenrund! / Und wer’s nie gekonnt, der stehle / weinend sich aus diesem Bund! Wer also keinen Kumpel und keine Frau gefunden hat, muss heulend allein nach Hause gehen? Wie passt das ins Zeitalter der Menschenrechte, Willkommenskultur et cetera?

7. Warum ist der „Nationalsozialist“ fast sprech- und textflächendeckend zum „Nazi“ mutiert? Nicht genug Zeit für das lange Wort? Liegt es an etwas anderem? Und: Ohne Nennung von (alt)bekannten Namen, Institutionen oder Äußerlichkeiten, einfach mal abstrakt: Was versteht man, vor allem hinsichtlich der Gegebenheiten des Jahres 2018, in Deutschland eigentlich unter einem „Nazi“?

8. Wo gibt es einen Kiosk (notfalls auch einen „Presseshop“), der mir zwischen den ganzen „unabhängigen“ Druckerzeugnissen auch mal eine „abhängige Tageszeitung“ verkauft?

9. Seit wann heißt es: „Das muss/kann nur auf europäischer Ebene gelöst werden“, wenn gemeint ist: „Alles bleibt, wie es ist. Geschehen wird frühestens ad Kalendas Graecas etwas, und fragt bis dahin am besten nicht weiter so blöd“?

10. Wenn „Europa scheitert“ oder gar „zerbricht“ – wie hat man sich das vorzustellen? Muss es dann zur Nachprüfung? Lehre statt Studium? Macht das Lärm?

11. Wenn es demnächst kein Volk mehr gibt – müsste es dann nicht „Bevölkerungsverhetzung“ heißen?

12. Wenn es einen „ARD-Faktenfinder“ gibt – was macht dann eigentlich die „Tagesschau“?

Auch wenn es Fragen-Fragen sind: Man sollte nicht von vornherein jeglichen Ehrgeiz tottreten, der sich an Antworten versuchen mag.

Foto: Tim Maxeiner

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

U. Langer / 14.08.2018

1) Schuldige Opfer sind z.B. AFD-Politiker im Wahlkampf oder ein schon länger hier Lebender, der seinen Blick nicht senkt oder Frauen im Minirock, die nachts allein unterwegs sind. Unterschied: die sind schuld. Verhauen etc. 2) (Z.B. ein Land, dass nach 2 durchlittenen Diktaturen eine Dritte aufbaut.) 3) gucksttutagesglück 4) Wenn es keine Patrioten geben darf, kann man sie auch nicht ernennen! 5) Ja! Siehe Deutschland vor 50 Jahren und heute. 6) Menschenrechte = Willkommenskultur! Wenn du keine Teddys verteilst, musst du halt heulend nach Hause gehen. 7) Damit keiner merkt, dass es neben nationalen auch reale und grüne Sozialisten gibt. 8) Wo gibt es einen Kiosk, wo ich eine unabhängige Zeitung kaufen kann? 9) Seit es (so gut wie) keine Journalisten mehr gibt. 10) Deutschland 1945 / DDR 1989 11) Wenn es Deutschland nicht mehr gibt, gibt es auch keine deutsche Bevölkerung mehr. 12) Fakten verdrehen (Lüge), wichtige Teile weglassen (Lücke) und die Überbringer diffamieren (Lump). Fakten verdrehen (Lüge), wichtige Teile weglassen (Lücke) und die Überbringer diffamieren (Lump).

Bernhard Maxara / 14.08.2018

Nichts gegen “Herrn Biedermann und die Brandstifter”, es ist nach wie vor von schulbuchmäßiger Relevanz: Man muß nur die zwei Brandstifter als grün-schwarz-rote Willkommensstrategen kenntlich machen und Herrn Biedermann als deutschen Michel mit Schlafmütze!

Frank Holdergrün / 14.08.2018

Sehr gut, danke! Die europäische Ebene ist heute als Standardabwehrargument für die Regierenden alternativlos - und so sie sind alle dummen Nachfragen los und auch die Schuld, während sich in Brüssel nicht mal mehr ein Arbeitskreis um deutsche Sorgen dreht. Wer Religionskritik als Feindschaft auslegt, der wird über kurz oder lang auch Kritik an den Regierenden als Feindschaft umpolen, erste Schritte laufen längst.

Sabine Schönfelder / 14.08.2018

Soll das eine kleine Geistesanregung im Sinne der Mäeutik eines Sokrates sein? Sicherlich gut gemeint, aber für den allgemeinen Hausgebrauch fast schon zu abstrakt. Auf jeden Fall ein intelligenter Hinweis, Menschen überhaupt zum Nachfragen zu ermutigen und nicht jedwedes einstudiertes oft sinnentleertes Geschwafel unserer Umgebung u n g e f r a g t zu akzeptieren. Warum soll etwas alternativlos sein, könnte ich als Anregung in die Runde werfen. Wozu hat der Mensch ein Großhirn ( zum Toilettengang wäre nur das Stammhirn notwendig). Fragen über Fragen…..

Andreas Markowitz / 14.08.2018

Ein Beitrag, der nachdenklich macht. A la recherche du temps perdu (Proust). Hierzu darf ich zu den letzten beiden Fragen, die Proust gestellt wurden, aus meiner Sicht, wie folgt antworten: Letzte Dinge. Was ist ein Mensch, was ist des Lebens Form und Inhalt? Ein Versuch der Erklärung. Musik, Literatur, Epik, Lyrik, Kunst und Malerei sind Füllhörner, die, begleitet von Wissenschaft und Forschung (F und E), unser SoSein schmücken. Erst wenn das nicht mehr bewusst wahrgenommen wird, hören wir auf, Mensch zu sein. Dann gelte: „Süßer Schlaf, du kommst wie ein reines Glück ungebeten, unerfleht am willigsten. Du lösest die Knoten der strengen Gedanken, vermischest alle Bilder der Freude und des Schmerzes. Ungehindert fließt der Kreis innerer Harmonien, und eingehüllt in gefälligen Wahnsinn versinken wir und hören auf zu sein.“(Goethe, Egmont).

Gabriele Schulze / 14.08.2018

Berechtigte Fragen! @ 1:  eben. Bei jeder Nachricht über ein Unglück! @ 7: “Nationalsozialist” - damit würden sich die Verleumder entlarven: als solche und als Nicht-Denker! @ 12: klasse! Stimmt natürlich!

Weitere anzeigen Leserbrief schreiben:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Erik Lommatzsch, Gastautor / 17.07.2019 / 12:00 / 35

20.000 neue Zuwanderer für jede Stadt?

„Der Postillon“ steckt dahinter? Die „Titanic“? Der lustige Herr Böhmermann? Handelt es sich um postpostpostpubertäres Austesten von Grenzen? Um präpensionables Ich-muss-mich-mal-wieder-in-Erinnerung-rufen? Roland Methling, Oberbürgermeister von…/ mehr

Erik Lommatzsch, Gastautor / 22.06.2019 / 06:26 / 41

Demokratielehrer Gauck und seine Zöglinge

Das ausführliche Interview, welches der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck kürzlich dem „Spiegel“ gegeben hat, kann man so lesen, wie es hier getan wurde. Als Werbung…/ mehr

Erik Lommatzsch, Gastautor / 11.06.2019 / 16:00 / 24

Gabriels Grenzen der Öffnung

Vor einiger Zeit fand hier eine Abrechnung mit „Spät- und Klemmkonservativen“ statt. Das Phänomen der Alterserkenntnis („-weisheit“ wäre etwas zu hoch gegriffen) im sicheren Ruhestandsbunker,…/ mehr

Erik Lommatzsch, Gastautor / 29.05.2019 / 06:02 / 39

Das Agoniepersonal der SPD

Das gerade vor aller Augen stattfindende Sterben der SPD schmerzt auch denjenigen, der dieser Partei, die gern für sich in Anspruch nimmt, über die längste…/ mehr

Erik Lommatzsch, Gastautor / 06.05.2019 / 11:00 / 17

Der CDU-Kandidat und die Sakralisierung der Kanzlerin

Dem einen oder anderen imponiert der „Soft-Rocker der CDU“ mit dem fluffigen Quereinsteiger-Lebenslauf („Krawatten kennt er gar nicht“), der äußert respektable unternehmerische Erfolge vorzuweisen hat.…/ mehr

Erik Lommatzsch, Gastautor / 03.05.2019 / 06:21 / 13

Ein Prosecco auf Machiavelli

„Du sollst den Namen des Machiavelli nicht unnütz im Munde führen“ – wäre ein Vorschlag für das erste Gebot der Politikwissenschaft resp. für diejenigen, die…/ mehr

Erik Lommatzsch, Gastautor / 27.04.2019 / 12:00 / 32

Merkel & Biden: Rette sich, wer kann

Alles kann gut werden. Zumindest für die Kanzlerin. Aber das reicht ja auch – für sie. Ausgerechnet das russische Nachrichtenportal Sputnik schickt sich an, das…/ mehr

Erik Lommatzsch, Gastautor / 16.04.2019 / 06:02 / 88

Die Prophetin beim Papst

Gott muss eine gute Portion Humor haben. Wie man weiß, wäre sonst die Existenz des Schnabeltiers nicht zu erklären. Die große konfessionelle Spaltung, die meist…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com