Till Schneider (Archiv) / 18.12.2013 / 11:19 / 1 / Seite ausdrucken

Mein Abschied von der „Süddeutschen“ (3)

Zunächst muss ich – ach was, müssen tun nur Gutmenschen: WILL ich hier einmal zum Ausdruck bringen, wie sehr mich die Kommentare der SZ-Abschiedsfreunde zum Weitermachen ermutigt haben. Es war mir, als riefen diese „achgut”-Leser im Chor: „Die SZ verabschieden? ACH! GUT!” Gleich der allererste Kommentar glich fast einem #aufschrei mit Pluszeichen vornedran, falls so was möglich ist: „Till Schneider, halt durch!!!”, schrieb am 10.12. Ronald M. Hahn. Ich bin dafür sehr dankbar. Ich empfinde es auch als Verpflichtung. Ich werde zusehen, dass ich nur meine schönsten, moralisch ergiebigsten SZ-Erlebnisse aus der Schublade zerre. Vielleicht ist es sogar mal zu etwas gut. Entmoralisierung der Republik etwa. Denn was zuviel ist, soll ja angeblich zuviel sein.

By the way: Nicht jeder weiß, dass die SZ seit 2009 einen exklusiv auf sie abgerichteten Wachhund hat. Er heißt http://www.suedwatch.de und führt den Untertitel: „Der unabhängige Watchblog zur Süddeutschen”. Dieser Wachhund passt genau auf, ob die SZ – na, zum Beispiel in „Prantl-ismus” verfällt, wie eine der dortigen Kategorien heißt. Oder ob „Denk(l)er”, so die Kategorie für SZ-Leitdenker Thorsten Denkler, wieder mal erbarmungslos danebengedacht hat. Und der Hund schnüffelt auch noch anderswo nach verwertbarem Belastungsmaterial, so dass man als „WatchShot#66” gar ein „achgut”-Zitat von Henryk M. Broder lesen kann, datierend vom 13. September 2013: „Erste Klasse ist der einzige Luxus, den ich mir konsequent leiste – wegen der breiteren Sitze, der Steckdosen, und weil es eine Möglichkeit ist, das Scheißblatt SZ zu lesen, ohne dafür zahlen zu müssen.” Ich denke, jeder „achgut”-Leser sollte von der Existenz des besagten Tieres wissen, und es sei hiermit offiziell eingeführt.

Gleichwohl pennt der Kläffer manchmal, und zwar leider auch in Momenten, in denen höchste Vigilanz angesagt wäre. So hat er einen absoluten Großhammer verschlafen, in meinen Augen der peinlichste SZ-Rohrkrepierer der letzten Jahre – Tatort: Feuilleton (Aufmacher!), Datum: 1. August 2013, Thema: Bücherprogramm des „Manuscriptum”-Verlags, Autorin: Hilal Sezgin. Die Peinlichkeit erreichte offenbar auch für SZ-ler derart einsame Höhen, dass man – völlig anders als sonst – nicht bereit war, mir eine pdf-Datei des Artikels zu übersenden; ich habe vier (!) Mal nachgehakt. Aber diese Geschichte spare ich mir für später auf, das ist jetzt noch zu starker Tobak. Ich erwäge sogar, den Artikel Wort für Wort abzutippen und zu posten. Hier darf Rache schon mal sein.

Doch wie sagte andererseits Marcus Tullius Cicero: „Keine Schuld ist dringender als die, Dank zu sagen.” Er hat recht. Also: Ich verdanke der SZ viel und sage hiermit Dank! Zum ersten Mal half sie mir, als ich auf einem Lehrgang für Zivildienstleistende, Abteilung Schwerbehindertenbetreuung, mit der SZ unterm Arm ankam. Ich war damals schon 28, da ich wegen meines Klaviersolistenstudiums vom Wehrdienst zurückgestellt gewesen war und erst verweigerte, als es wirklich nicht mehr anders ging. Folglich war ich beim Lehrgang Alterspräsident und fand mich unter lauter Sechzehn- bis Zwanzigjährigen, das Ganze in der tiefsten saarländischen Provinz und für volle zwei Wochen. Was mir Sorgen bereitete – aber dann: Man saß erstmals im Aufenthaltsraum, ich las in meiner SZ; plötzlich stand ein Zwanzigjähriger neben mir und sagte: „Ah, du liest ja ein ANSPRUCHSVOLLES BLATT!” Er stellte sich mir als Intellektueller vor, war auch einer, wie sich herausstellte, hatte entsprechend Heideggers „Sein und Zeit” unterm Arm, und wir wurden für die Zeit des Lehrgangs unzertrennlich. Somit hatte die SZ verwandte Geister zusammengeführt, indem sie mich kraft ihrer intellektuellen Ausstrahlung als „anspruchsvoll” outete. Das hätte sonst höchstens noch die FAZ zustandegebracht; bei der ZEIT wäre ich zweifellos unter Rentnerverdacht geraten (28!) und aussortiert worden.

Aber die FAZ hätte ich damals aus Prinzip nicht mitgenommen. Immerhin war sie es, hinter welcher der kluge Kopf meines Vaters steckte und schon immer gesteckt hatte, was insbesondere meine politischen Debatten mit ihm stets zum Spießrutenlauf werden ließ (beim Feuilleton war’s gottlob nicht so). Und auch seit 2004, als ich SZ-Abonnent geworden war, wäre ich niemals öffentlich mit der FAZ ... ach, bringen wir’s hinter uns: Ich hatte die SZ aus purer Überzeugung abonniert, denn ich war damals links. Nicht nur aus Trotz, sondern auch wegen etlicher „linker Ziele”, die ich einfach unabdingbar fand. Ist teilweise noch heute so – für wen auch nicht. (Kampf gegen die immer weiter sich öffnende Arm-Reich-Schere zum Beispiel! Bloß hat später ausgerechnet Gerhard Schröder ... ich muss nicht weiterreden!) Inzwischen sehe ich gewisse Dinge nicht mehr gar so eng, indem ich etwa erkannt habe, dass die „soziale Gerechtigkeit” nicht einfach „mit links” hinzubekommen ist. Wie ich überhaupt Bedenken hinsichtlich der (Noch-)Schlagkraft der Begriffe „links” und „rechts” bekommen habe, aber das führt jetzt natürlich zu weit.

Daher zurück zur Dankadresse: Zu danken habe ich der SZ erst recht deshalb, weil sie mich so oft gedruckt hat, ergo mein Selbstbewusstsein als Autor dramatisch befestigt hat. Es gibt schon ein tolles Gefühl, dort für würdig befunden zu werden, und dann auch noch in dieser Auflage! Schmeichelhaft gleich die Premiere: Im Juli 2005 machte die SZ-Leserbriefseite mit einen kapitalen Dreispalter aus meiner Produktion auf (für Kenner: 4.600 Zeichen!). Dass es passiert war, stellte ich nach der Rückkehr von einer Reise fest, indem erstens ein Extra-Belegexemplar im Kasten lag (heute gibt’s nur noch pdf-Dateien) und zweitens Anrufe auf meinem -beantworter waren, worin sich SZ-Leser nach dem Motto „Gottseidank sagt das mal einer!” für den Text bedankten. Thema war das Attentat am Erfurter Gutenberg-Gymnasium gewesen; ich hatte einen sehr dezenten SZ-Artikel über Schuldirektorin Christiane Alt ein wenig „konkretisiert” und weitergedacht. Oder in Klartext übersetzt, wenn man so will.

Wie nötig das bei der SZ ist, sollte ich in den folgenden Jahren noch viel gründlicher erleben. Denn es wurde immer schlimmer mit der „Dezenz”, vulgo Feigheit, welche sich heute “politische Korrektheit” nennen darf. Jedenfalls war und blieb dies der längste veröffentlichte Leserbrief aus meiner Feder, und schon bald auch begann die SZ, eher kürzere Auszüge aus ihren vielen Zuschriften zu drucken. Zensur? Ich will’s nicht behaupten – aber fest steht für mich, dass die Leserbriefseite dadurch verloren hat. Diese langen Zuschriften waren nämlich oft richtige Alternativ-Essays. Hier konnte man sehen, was der Bürger denkt, wenn man ihn mal am Stück denken lässt. Du liebe Güte, war das spannend! Ich schwöre, dass ich mich in jener goldenen Zeit immer als allererstes auf die Leserbriefe gestürzt habe, um neue, ungewöhnliche Gedankengänge kennenzulernen – also das, was die Redaktion so selten lieferte!

Nur haben aber gerade ungewöhnliche Gedankengänge oft eine gewisse Mindestlänge, und in aller Regel waren deren Urheber dazu in der Lage, genau so lang zu schreiben, bis der Gedankengang vollständig entwickelt vor einem lag. Das merkte man am lauten Klicken im Kopf, wenn man gelesen und verstanden hatte. Und die SZ, sie ermöglichte das eben. Heute jedoch – nun, ich will für die Leserbrief-Publizistik der SZ, wie sie heute ist, den neuen Begriff „debattenförmig” einführen. Den gibt’s bisher nur auf Schwedisch, ich hab’s gegoogelt, aber in dieser goldig klingenden Sprache sind es drei Wörter, zum Beispiel in dem Satz „... han kommer aldrig vinna debatten för mig ändå”, und „för mig” heißt dort „für mich”, also was anderes. Nein, mit „debattenförmig” meine ich, dass die SZ heutzutage nach aktuellen „Debatten” auswählt – etwa „NSU-Prozess”, „Drohnen”, „Gustl Mollath” usw. –, das heißt: der Löwenanteil der täglich gedruckten Zuschriften bedient eine dieser „Debatten”. Dies in einem breiten Mittelblock mit entsprechender Überschrift, und mit billig Photoshop-verfremdetem Symbolfoto für die „Debatte”, das oft riesig ist und einfach nur Platz wegnimmt.

Dort werden nun Tag für Tag Meinungsschnipsel zur jeweiligen „Debatte” gebracht, die zwar meinungsmäßig gemischt sein können, aber mit den früheren Alternativ-Essays nichts mehr zu tun haben – Folge für mich: keine Lust mehr, ich lese sie kaum noch. Dazu gibt es ein paar wenige Leserbriefe ohne Debattenaufkleber, die thematisch gemischt sind, aber nie mehr Alternativessay-Länge erreichen, und seit einiger Zeit eine ganz neue, aufregende Spalte namens „Debatte@SZ” – ja, „Debatte” hatten wir schon, aber man kann schließlich nie genug debattieren und wird daher per „Diskutieren Sie mit unter sz.de/...” in die „Internet-Foren der SZ” gelockt, wo man statt Schnipsel nur noch Meinungsatome loswird. Zumindest werden nur noch Atome abgedruckt. So dass das Ergebnis verdächtig nah an „Stammtisch” herankommt, welchen die SZ in anderem Zusammenhang sehr ungnädig geißelt (ich muss wohl noch davon berichten).

Das ist im Vergleich zu früher, um an Broder anzuknüpfen, scheiße. Doch fürchte ich, dass die SZ ihre neue Kurzatmigkeit unter „(Basis-)Demokratisierung” oder, klangvoller, unter „Vielfalt” abbucht. „Gerechtigkeit” wäre auch ein schönes Schlagwort, denn es kommen ja mehr Leser zu Wort als früher, und vor allem ist man nun vor jenen elitären Lang-Ergüssen sicher, die irrtümlicherweise als „komplexe Argumentationen” etc. interpretiert worden waren, und die auch nur selten zur knappen, handlichen Meinung durchdrangen. Somit scheint der SZ-Weg zum schlussendlichen „Daumen nach oben/Daumen nach unten” in seiner klassischen Variante vorgezeichnet. Ich sehe es an mir selbst: Komplexes wie den erwähnten Erfurt-Leserbrief schreibe ich denen schon lange nicht mehr. Weiß man ja, dass sie das sowieso nicht drucken. Und zwar weiß das nicht nur ich, wie man feststellen kann.

So fördert die SZ die Debattenförmigkeit der gesellschaftlichen Debatte, und es wird offenkundig: Der solistischen (Durch-)Denkleistung wird nicht mehr vertraut. Aber die ist ja auch irgendwie zu kompliziert, wenn man mal ehrlich ist. Und überhaupt ist es doch das Wir, das entscheidet.

+++ Wird vermutlich fortgesetzt +++

Till Schneider, geboren 1960, ist Pianist und Autor. Er studierte Musik, Journalistik und Psychologie.

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Jerzy Zylberg / 18.12.2013

Sowohl Nassim Taleb im “Schwarzen Schwann”, als auch Rolf Dobelli Im “Die Kunst des Klaren Denkens” - beide Bestseller - empfehlen überhaupt keine Zeitungen zu lesen. Anstattdessen sollte man die gewonnene Zeit (ca. 1 Std. täglich) für das Lesen von guten Büchern nutzen. Das summiert sich auf über 360 Stunden im Jahr. Die Weisheiten die man in den guten Büchern findet, bringen dem Leser viel Mehr als die Nachricht dass ein Minister wegen Plagiat zurückgetretten ist, oder das ein Militärputsch in Liberia stattgefunden hat. Wenn man seriös das aus dem Lesen von Zeitungen gewonnene Wissen betrachtet, muss man feststellen dass es größenteils wertlos ist. Welche Nutzen hat man persönlcih davon, dass man weiß wer die Wahl der Oberbürgermeister in Stuttgart oder in München gewonnen hat, wenn man in den Städten nicht wohnt? Und wenn man dort wohnt, dann erfährt man das so wie so irgendwann. Aber grundsätzlich hat man kein Nutzen aus diesem Wissen. Heute ist der DAX bei 9100 morgen wird bei 9050 und übermorgen wieder bei 9120. Und? Wieviele Menschen sind davon persönlich betroffen? Das ist doch nur das Wissen, das man braucht wenn man sich bei “Wer wird Millionär” bewirbt. Sonst ist das überfüssig. Ich habe das Abo für meine lokale Zeitung schon vor zwei Jahren abbestellt. Und spare ich mir das tägliche Ärger beim Frühstück. Und wenn was wichtiges passiert, dann kommt der Brief mit der Post. Ich habe nichts gegen die Fachzeitschriften, die wirklich Fachwissen vermitteln, aber die Lektüre von der Tageszeitung ist die gleiche Zeitverschwendung wie das Gucken vom “Fest der Volksmusik” oder “GZSZ” im Fernsehen. Mit freundlichen Grüßen Jerzy Zylberg aus Hannover

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