Gastautor / 14.12.2013 / 15:48 / 3 / Seite ausdrucken

Mein Abschied von der „Süddeutschen“ (2)

Von Till Schneider

Wie schon in Folge 1 gesagt: Ich will keinen „Versöhnungsversuch” riskieren, der meine SZ-Kündigung scheidungsrechtlich gefährden könnte, und durchschweife deshalb nur noch kursorisch die eintrudelnden Restausgaben. Habe ich mir jedenfalls vorgenommen. Aber heute, am 12.12. – hei, da prangte auf der „Medien”-Seite das Konterfei von Roger Köppel. Man weiß Bescheid: der Chef der rechtsradikalen Schweizer „Weltwoche”, also jener Zeitung, die sogar schon mal was gegen Roma gesagt hat, zu schweigen von ihren sonstigen Brandbomben wider alle aufgeklärte Moral. Und um das Konterfei herum rankte sich ein – nein, nicht nur ein Artikel über, sondern ein Interview mit Köppel.

Die SZ ist ihm demnach in freier Wildbahn persönlich entgegengetreten! Wie hätte ich da widerstehen können! Leidenschaftlich flammte mein soziologisches respektive zoologisches Interesse auf: Was geschieht, wenn so unterschiedliche Tierarten wie der SZ-Journalist als solcher (hier: Wolfgang Koydl) und das rechtsdrehende Schweizer Alpen-Emu gegeneinanderrempeln? Kann es da Überlebende geben? Die Neugier walzte alle Bedenken nieder, die SZ-Abonnenten-Vergangenheitsbewältigung musste warten, und ich las. Natürlich zunächst nur die Fragen, um den Geschmack reiner Güte und linksliberaler Besorgtheit unverfälscht genießen zu können, aber dann auch den Rest.

So las ich etwa (Eingangsfrage!): „Es gibt Schweizer, die sagen, dass sie sich schämen, mit der ‘Weltwoche’ gesehen zu werden. Die Zeitung ist ihnen zu stramm rechts.” Nun, das ist zwar keine Frage, sondern eine semantische Parfümwolke mit Andockmöglichkeit für reuige Abtrünnige, aber Köppel verweigert eiskalt die ihm entgegengestreckte Hand, indem er versetzt: „Wäre es besser, wenn sie stramm links wäre?” Seine Zeitung sei „ein unkonventionelles Blatt, das Gegensteuer gibt und Mißstände aufdeckt”, erläutert er; dergleichen habe einst zur Verhaftung des „Spiegel”-Gründers geführt, ergänzt er inhaltlich korrekt. Um sogar noch hinterherzuschieben: „Es geht in unserem Beruf doch nicht um Sozialprestige.” Wow! Und was meint die SZ zu solch oberlehrerhafter Respektlosigkeit? Dies: „Dass Sie das sagen, haben wir erwartet.”

Hier würde ein SZ-untersuchender Tierarzt erleichtert ausrufen: „Ah, da haben wir’s ja schon!” – und der Tierarzt bin jetzt eben ich. Oder vielleicht Tierpsychologe. Muss man aber nicht sein, um den, sagen wir: „strammen” Subtext dieser SZ-Antwort mitzuhören, der da lauten könnte: „Pffff, die Rechtsradikalen! Nie um eine billige Ausrede verlegen! Und die tragen sie dann auch noch so auftrumpfend vor, als wüssten sie nicht ganz genau, dass wir ganz genau wissen, wie primitiv das ist!” Mit anderen Worten: Schon hat die SZ dasjenige erzeugt, worum es im Qualitätsjournalismus zu gehen hat: Stimmung. Nun fühlt der Leser klar und tief: Dieser Reporter durchschaut sein Gegenüber. Nichts Menschliches, Allzumenschliches ist ihm fremd. Sein Weltwissen enthält dasjenige des Interviewpartners wie der Mutterleib den Embryo.

Doch da dieser tief fühlende Leser SZ-Leser ist, kann davon ausgegangen werden, dass durch sein Gefühl, „... kaum bemerkbar, gewisse complicirte Gedankengruppen erregt werden, welche wir tief nennen” – so Friedrich Nietzsche in „Menschliches, Allzumenschliches”. Nietzsche fährt fort: „Ein Gefühl ist tief, weil wir den begleitenden Gedanken für tief halten.” Und der große zoologische Pionier schließt wie folgt: „Aber der tiefe Gedanke kann dennoch der Wahrheit sehr fern sein, wie zum Beispiel jeder metaphysische; rechnet man vom tiefen Gefühle die beigemischten Gedankenelemente ab, so bleibt das STARKE Gefühl übrig, und dieses verbürgt Nichts für die Erkenntniss, als sich selbst, ebenso wie der starke Glaube nur seine Stärke, nicht die Wahrheit des Geglaubten beweist.”

Das ist eigentlich beängstigend. Woher konnte Nietzsche das alles wissen, ohne den heutigen „homo bonissimus liberalis sinister” zu kennen? Sollte es auch damals schon Leute gegeben haben, die Erkenntnis mit Gefühl oder Glauben verwechseln? Muss wohl so gewesen sein – aber zurück zum SZ-Interview. Roger Köppel, dummdreist as usual: „Soll man nicht über die problematischen Aspekte von Zuwanderung und über Kriminaltourismus schreiben?” Antwort SZ: „Immerhin: Bei den Rechten wird das positiv gesehen.” Na, das fegt doch Köppels Einlassung locker vom Tisch! Dann etwas weiter unten die hardcore-investigative Frage, raffiniert getarnt durch unschuldigen Tonfall: „Ist die Meinungsfreiheit in der Schweiz denn in Gefahr?” Ich überspringe die Antwort und vieles Folgende (Köppel hat übrigens auf alles, aber auch alles eine patzige Antwort parat! Typisch für diese Tierart!), und ich zitiere die SZ-Abschlussfrage – ein Meisterstück, das noch mal richtig Stimmung aufkommen lässt: „Erinnern Sie sich an Ihre Bemerkung, Europa könne nicht alle Flüchtlinge Afrikas aufnehmen?”

Nota bene: Das war sie schon, die Frage. Es kommt nichts mehr hinterher. Dies eine Technik, die ich in neun Jahren SZ-Gefangenschaft höchst variationsreich erleben durfte. So geht’s: Man deute die Frage, die man eigentlich stellen möchte, nur ganz zart an (am besten nur eine Vorstufe davon) und erzeuge auf diese Weise ein so gewaltiges Vakuum, dass die üblichen Verdächtigen – Schuldige, Untaten etc. – mit Hochdruck in den Leerraum hineingesogen werden. Vorteile: Man hat ja gar nichts gesagt, sondern höchstens gemeint (wirkt prophylaktisch exkulpierend!); das Vakuum wird ungleich schneller und reichhaltiger gefüllt als durch konkrete Aussagen (Effektivität!); der Leser ergänzt das Fehlende selbst (macht Spaß und erfüllt mit Stolz, vgl. Kreuzworträtsel, Sudoku etc.!), und vor allem natürlich: Die Stimmung stimmt.

Denn wie könnte auch von Stimmung gesprochen werden, wenn die SZ im obigen Fall beispielsweise gefragt hätte: „Sind Sie eigentlich wahnsinnig geworden, zu behaupten, dass Europa nicht alle Flüchtlinge Afrikas, ja überhaupt alle Notleidenden dieser Welt aufnehmen kann, Sie ... Sie ... Sie menschenverachtendes Ungeheuer?!” Man sieht an diesem Kontrastbeispiel: So, wie’s die SZ macht, ist es einfach eleganter. Auch, wenn’s genau so gemeint war wie eben fantasiert. Oder gerade dann. Nur habe ich mich an der SZ-Rhetorik überfressen und sehe mich daher gezwungen, auf Rohkost umzusteigen. Warum erst jetzt, das vertraue ich demnächst meinem Tagebuch an. Wenn ich nicht wieder in die Falle tappe wie heute.

+++ Wird vermutlich fortgesetzt +++

Till Schneider, geboren 1960, ist Pianist und Autor. Er studierte Musik, Journalistik und Psychologie.

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Leserpost (3)
Till Schneider / 16.12.2013

@ Stephan Niese (Kommentator vom 15.12.): “... rechtsradikalen Schweizer ‘Weltwoche’...” war selbstverständlich blanke Ironie. Ich stehe total auf unbequeme Blätter. Und die können heute nicht mehr links sein, sonst wären sie ja bequem. Ist so, oder?

Stephan Niese / 15.12.2013

..... rechtsradikalen Schweizer „Weltwoche”... Sind wir nicht langsam zu alt für solche Bezeichnungen für Zeitungen die unbequem sind? In die “Naziecke” jedenfalls kann und darf man die Weltwoche jedenfalls nicht stellen, außer man hat keine Argumente.

jürg Rückert / 14.12.2013

Erstmals 1975 erlebte ich den von Schneider beschriebenen volkspädagogischen Journalismus. Nicht die Wahrheit ist gewollt, sondern das Ziel des “Zeitungskollektivs”, was immer es sei. Die Mainpost in Würzburg wurde ungeniert dafür gerügt, weil sie ein Foto veröffentlicht hatte, das Angreifer und Angegriffene aufzeigte. So konnte man sehen, dass Roma die Knüppel geschwungen hatten und nicht geknüppelt worden waren. So lange wir ein unzensiertes Internet haben, dürfen wir uns unserer Meinungsfreiheit erfreuen. Sollte sich hier eine Gesinnungspolizei durchsetzen, ein Geraune ist bereits zu hören,  dann würden auch unsere anderen Rechte illusorisch werden.

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