Der 15. Juli 2016 war der Tag, an dem mein Leben kippen sollte. Dass dieser Tag eine brutale Zäsur für mich, meine Familie und die gesamte Türkei werden würde, konnte man am frühen Morgen noch nicht erahnen. Und doch lag seit Tagen etwas in der Luft. Ich pflege jedes Haar in der Suppe – und weit über den Suppentellerrand hinaus – zu registrieren, wenn etwas das Gesamtbild stört. Seit Tagen hatte ich mein Umfeld gefragt: „Habt ihr Erdoğan im Fernsehen gesehen?“ Er war wie vom Erdboden verschluckt.
Für einen Mann, der die totale mediale Dauerpräsenz zelebrierte, noch bevor er das Land in ein formelles Ein-Mann-Regime verwandelte, war das höchst ungewöhnlich. Wer in der Türkei einen Fernseher kaufte, glaubte damals ohnehin, Erdoğan sei ein eingebautes technisches Extra, das man automatisch mitlizensiert. Es gab keinen Tag, an dem er nicht auf den Bildschirmen auftauchte, um dem Volk zu diktieren, wo es bitteschön langzugehen habe. In jenen Tagen war es merkwürdig still um ihn. Heute wissen wir: Er hat sich seither nicht beruhigt, aber er wirkt wie ferngesteuert. Er ist nicht mehr ganz bei sich, gelenkt von Kräften im Hintergrund, die ihm die Reden schreiben und ihn Dinge sagen lassen, die das Land und die Welt im Wöchentlichen Rhythmus fassungslos anstarren lassen.
Damals, 2016, wog ich fünfzehn Kilo weniger und lebte gesund. Morgens joggte ich am Ufer entlang, einmal in die Stadt und zurück. Ein schöneres Leben konnte ich mir nicht vorstellen. Beruflich lief alles auf halber Kraft voraus – ich ließ es ruhig angehen. Der tägliche Kaffee in den Bistros mit meinen neuen Freunden in Alanya fühlte sich an wie ein ewiger Jahresurlaub. Ich betreute den deutschen Markt für zwei Auftraggeber aus der Schweiz; das machte mich zwar nicht reich, aber es reichte für ein gutes Auskommen. Meine gelegentlichen Reisen nach Deutschland und in die Schweiz waren willkommene Gelegenheiten, um zu beobachten, wie sich auch dort die Dinge fatal zu verändern begannen. Das Stadtbild meiner alten Heimat Köln war schon damals von Leerstand, Schmuddeligkeit und optischem Niedergang geprägt. Aber ich will hier nicht abschweifen zu Merkels fatalem „Wir schaffen das!“ und dem Startschuss zum westlichen Untergang. Bleiben wir beim 15. Juli 2016.
Nach dem Joggen, dem üblichen Smalltalk mit Touristen und dem Frühstück ging es ins Büro. Die Agentur war eine Initiative meines „Schweizer Bruders“ Memo, dessen Business ich ankurbeln sollte. Es war eine angenehme Routine: Kundenkontakte per Telefon und Mail, Anfragen von Deutschen beantworten, die in die Türkei auswandern oder dort Urlaub machen wollten. Es war ein guter Tag.
Am Abend waren meine Frau und mein Sohn zu meiner Mutter nach Antalya gefahren. Es war bereits dunkel – im Süden der Türkei nichts Ungewöhnliches, da die Sonne früh sinkt. Gegen 21:00 Uhr klingelte mein Telefon. Meine Frau war am Apparat: „Schalte sofort den Fernseher ein, es läuft ein Putsch!“
Ein live übetragenes Medienspektakel
Ich will ehrlich sein: Ich wusste in diesem Moment nicht, wer genau da putschte. Aber die Neuronen in meinem Gehirn feuerten sofort in Richtung Militär, und mich überkam ein unbeschreibliches Hochgefühl. Obwohl ich allein im Raum war, rief ich laut: „Endlich!“ Ohne mir zu überlegen, wohin das führen könnte. Mir ging es in diesem Moment nur um eines: Dass das Unheil für die Türkei namens Erdoğan am Weiterregieren gehindert wird. Endlich passierte etwas, nachdem die Gezi-Proteste von 2013 blutig zerschlagen worden waren und jede Hoffnung auf eine Rückkehr zu einer freien, säkularen Türkei verflogen war.
Doch was dann über den Äther ging, war wüst, chaotisch und ergab keinen Sinn. Nun bin ich kein Experte für Staatsstreiche, aber man weiß aus der Historie: So etwas passiert in der tiefsten Nacht, Richtung Morgengrauen. Und das Erste, was ein echter Putschist tut, ist, die staatlichen und privaten TV-Sender dunkelzuschalten. Hier jedoch lief das exakte Gegenteil ab. Ein live übertragenes Medienspektakel. Alles wirkte wie von einer anderen Welt.
In meinem Kopf setzten sich die Puzzleteile der vergangenen Tage zusammen. Erdoğan, der eine Woche lang wie abgetaucht war, erschien plötzlich via FaceTime auf dem Smartphone einer Nachrichtensprecherin des Staatssenders TRT. Er beschwor den Zusammenhalt, die „wahre Stärke“ des türkischen Staates und forderte das Volk auf, sich den Panzern entgegenzustellen. Es war Erdoğans ganz persönliche „Reichskristallnacht“ – jener Moment der inszenierten oder instrumentalisierten Eskalation, der einst Hitler half, seine Macht totalitär zu zementieren. Das konnte ich in dieser Nacht noch nicht in voller Tragweite ermessen; es wurde mir erst im Nachhinein klar.
Etwas Besseres hätte Erdoğan überhaupt nicht widerfahren können. Die Zahlen, die später offiziell verkündet wurden – rund 8.500 beteiligte Militärs, 35 Kampfflugzeuge, 37 Hubschrauber und etwa 250 Panzer –, lassen sich bis heute von unabhängiger Seite kaum verifizieren. Sie stammen aus den Archiven des türkischen Militärs und der Staatsanwaltschaft. Sie können stimmen, sie müssen es nicht. In der Türkei der Ära Erdoğan stimmt ohnehin kaum eine offizielle Statistik.
Was man jedoch mit Sicherheit weiß: Die allermeisten Soldaten, die in jener Nacht auf den Straßen standen, hatten nicht den blassesten Schimmer, was sie dort taten. Vielen von ihnen war ein Manöver oder eine Übung angekündigt worden. Und selbst wenn die Zahl von 8.500 Soldaten stimmt: Das entsprach gerade einmal 1,5 Prozent der gesamten türkischen Armee.
In einem Land mit der dreifachen Fläche Deutschlands und damals 80 Millionen Einwohnern gewinnt man mit so einer Handvoll unkoordinierter Truppen keinen Blumentopf – und erst recht besetzt man so nicht den Staat. Es war mathematisch und logistisch von vornherein unmöglich.
Das Auswechseln der Demagogen
Ich halte mich an die Analysen der EU-Berichterstatter, weil deren Version der Ereignisse am plausibelsten ist. Die türkische Armee war – wie der gesamte Staatsapparat – über Jahre hinweg von den Anhängern des Predigers Fethullah Gülen unterwandert worden. Eine große Säuberungswelle stand unmittelbar bevor; bereits Tage vor dem 15. Juli pfiffen es die Spatzen von den Dächern, dass Verhaftungen von Generälen anstanden. Beide Seiten wussten genau, was die Stunde geschlagen hatte. Der Plan der Regierung war offenbar, den Zugriff auf den gülenistischen Führungsstab so geschickt vorzuziehen, dass den Verschwörern gar nichts anderes übrig blieb, als völlig überhastet und verfrüht loszuschlagen. Das erklärt, warum dieses „Putschähnliche-Irgendwas“ an allen Ecken und Enden konzeptlos agierte und folgerichtig krachend scheitern musste.
Aus Erdoğans Sicht funktionierte das Drehbuch perfekt. Es verlieh ihm eine innenpolitische Macht und Legitimität, die davor gefährlich im Schwinden begriffen war. Vor allem lieferte es ihm das perfekte Instrument, um das Land final zu säubern. Wer dem Regime fortan nicht genehm war, wurde kurzerhand zum Mitglied der „FETÖ“ (Fethullahçı Terör Örgütü) erklärt. Hunderttausende verloren von heute auf morgen ihre Jobs, wurden sozial geächtet und mitsamt ihren Familien wie Aussätzige behandelt. Wer mit den Falschen telefoniert oder ein Konto bei der falschen Bank hatte, konnte direkt die Koffer packen. Eine Unterscheidung zwischen Mitläufern, echten Verschwörern und völlig Unschuldigen fand nicht statt. Dabei wird gerne vergessen: Erdoğan selbst war bis zum Bruch im Jahr 2013 ein glühender Bewunderer Gülens gewesen – genau wie fast die gesamte AKP-Führungselite und deren Wählerschaft. Der Prediger mit Grundschulausbildung hatte sie alle in seinen Bann gezogen. Erst der finale Kollisionskurs um die absolute Macht im Staate spaltete das islamische Lager in zwei Fraktionen, die sich fortan auf Leben und Tod bekämpften.
Die Türkei ist nach der Zerschlagung des Gülen-Netzwerks keinen Deut besser dran. Das Vakuum wurde postwendend von anderen islamischen Sekten, Bruderschaften und Tarikats besetzt. Das Land trägt das Krebsgeschwür des politischen Islams tief in sich, und es wird sich aus eigener Kraft wohl nie wieder davon befreien können. Es fehlt schlicht an der aufgeklärten, säkularen Masse – der nötigen Manpower –, die ein echtes demokratisches Gegengewicht erzeugen und das Land zum Besseren verändern könnte. Um etwas zu verändern, müsste man bei der Bildung ansetzen. Doch das exakte Gegenteil passiert: Der politische Islam instrumentalisiert die Schulen und Universitäten, um sich der Aufklärung in den Weg zu stellen. Das Ziel sind leicht lenkbare, bildungsferne und gefügige Massen, die jedem Demagogen hinterherlaufen, der ihnen unter dem Deckmantel der Religion das Blaue vom Himmel verspricht.
Erdoğan (72) ist alt geworden, optisch und geistig weitaus älter, als es sein biologischer Pass ausweist. Aber nach ihm wird keine Besserung eintreten. Ihm werden Figuren folgen, die in ganz ähnlicher Manier agieren werden – jenseits von Gut und Böse. Mir war bereits einen Tag nach dem vermeintlichen Putsch klar, dass ich in diesem Land kein freies Leben mehr führen kann. Die Menschen sind dort der puren Willkür ausgeliefert.
Erdoğan, den man im Westen um das Jahr 2004 herum noch naiv als den „großen europäischen Reformer“ feierte, hat mit europäischen Werten nichts gemein. Tragischerweise gilt das in Teilen allerdings auch für das heutige Europa selbst. Während die Türkei im Sumpf des Islamismus versinkt, schreitet im Westen die schleichende Islamisierung munter voran.

Solange der Islam nicht uns versaut … . Fernhalten.
„Wenn ich nicht herrsche, verschmachte ich“, sprach der griechische Tyrann Jason.
Man wundert sich immer wieder, wie ein Ein-Mann-Regime millionen Bürger unter Kontrolle kriegen kann.
Das wird in der Türkei wohl laufen wie hier, daß Erdogan den Amtsapparat immer weiter aufgebläht wird. Immer mehr Zuständigkeiten, immer mehr Gesetze, großzügige Verteilung von Fördergeldern und Privilegien, das unterdrückerische Element ist im Allgemeinen der Amtsschimmel.
Die Novemberrevolution in Rußland sollte das zaristische Russland wegreissen, vor allem seinen Apparat. Nach sieben Jahren Jahren Diktatur gab Lenin selbstkritisch zu, daß er genau das wieder aufgebaut hat, was er mit großen Tönen zerstört hatte.
Und Stalins erste Amtshandlungen waren, den Amtsapparat weiter auszubauen.
Eigentlich ist Netzwerk eine Tautologie, aber es paßt zu den unendlichen Verflechtungen, Verpflichtungen und Verstrickungen, die die Stütze der Macht sind.
Was ich hier beobachte, daß die korrumpierte Politik auf ein unbedarftes Publikum abfärbt. Ich meine, wie kann man so leben wollen? Die Deutschen mit ihren grünen Haaren, Piercings, Dutts, Mickeymäusen, Smartphones und Tätowierungen sind kulturlosse Trolle und ihre eigenen Karikaturen geworden.
Die Leute denken nicht über die Vergangenheit nach, die treiben einfach stromabwärts.
Ahoi Herr Dener, das kann man so sehen, wie Sie, muß man aber nicht. Bin überzeugt davon, dem Westen wäre eine kemalistische Türkei lieber, den Armeniern (mit dem dämlich großen Maul) sicherlich auch. Aber ansonsten weiß ich es nicht. Wer will schon in Aktionen des korrupten Türkischen Militärs durchblicken? In ein paar Punkten muß man Ihnen widersprechen. Der Brand des Reichstags, auf den Sie Sich beziehen, wurde nie aufgeklärt. Vor allem war es scheißegal, da alle politischen Kräfte paramilitärisch organisiert waren. Es hätte auch jede andere Kraft sein können, welche die anderen autoritär entwaffnet. Auch heute formuliert die Linke wieder Gewaltbereitschaft, wenn die Bürger nicht wählen, wie sie sollen. Seit der Staat im Corona-Faschismus Rentner, Behinderte prügelte & Kinder verfolgte, die Schlitten fuhren, sehen wir einen virtuellen Reichstagsbrand (Chatkontrolle), bei dem wir genau wissen, wer ihn legt, die Union. Ist die Union dann nicht heute die Fascho-Partei per se? LüFri reitet sich mit jedem TV-Auftritt, mit jeder Rede mehr in die Scheiße. Man könnte meinen, Erdo & LüFri besuchten dieselbe Klasse an einer Dummbatzen-Schule. Nochwas, es gibt keinen politischen Islam & auch keinen Islamismus. Es gibt nur den Islam. Wer seine Religion ernst nimmt, bringt die anderen um. Alle, die das nicht tun, sind nur Scheingläubige, Labertaschen, Kultur-Marxisten, Salon-Linke, Steuergeld-Schneider. Bei den schriftgläubigen Amis gibt es tatsächlich noch ein paar Christen, die meinen, man müssen mit Bomben das Wort Christi verteilen. Bei uns war es der am Ende ausweglose 30jährige Krieg, der in die Aufklärung hinein bis in die 1730er, informell das Christentum der Schrift aufgab. Die gepredigte Liebe des Jesus von Nazareth galt, wie bei Stalinisten üblich, nur den Followern. Ansonsten forderte dieser Wanderprediger alle Andersdenkenden umzubringen. Insofern nochmal, es gibt nur den Islam, sonst nichts & der muß bekämpft werden, wenn man nicht 5x am Tag Staub lutschen will.
Es fällt mir schwer, etwas dazu zu sagen, außer, dass der Westen nach Corona ohne Staatsstreich ebenfalls repressiv geworden ist. Ich denke, die freiheitlichen Ideale haben es momentan überall auf der Welt schwer.