Von Manfred Knake.
Alle Jahre wieder im ewigen Rhythmus der Klimagipfel steigt der Meeresspiegel dramatisch an. Eine aktuelle FAZ-Meldung („Das Wasser steigt, und wie!") behauptet, dass nun auch die Insel Langeoog durch den Meeresspiegelanstieg "langfristig gefährdet" sei. Dies ist eine durch nichts zu belegende Alarmistenmeldung. Der Meeresspiegel der Nordsee steigt seit dem Ende der Weichselkaltzeit vor etwa 12.000 Jahren beständig an. Damals lag der Meeresspiegel bis zu 120 m tiefer als heute, der heutige Meeresgrund war von Jägern und Sammlern der Steinzeit besiedelt (Doggerland) und steigt bis heute mal mehr oder weniger an (Transgression, Regression). Das lernten früher auch schon Grundschulkinder. Ohne den nacheiszeitlichen Meeresspiegelanstieg gäbe es die heutigen Düneninseln gar nicht.
Die Insel Langeoog – wie alle anderen Ostfriesischen Inseln auch – wäre längst (!) in ihrer heutigen Form verschwunden, wäre "gewandert", hätte ihre Form verändert, ganz natürlich durch Wind, Windrisse in den Dünen und durch nagende Sturmfluten. Anfang des 19. Jahrhunderts war die Insel in drei Teile zerbrochen. Heute werden die Inseln regelmäßig durch Küstenschutzmaßnahmen (Sandaufspülungen) zur Sicherung der Infrastruktur vor Lageveränderungen und Durchbrüchen gesichert, mit enormen Mitteln des Steuerzahlers.
Der Meeresspiegel der Nordsee steigt derzeit mit etwa 1,7 mm pro Jahr oder 17 cm im Jahrhundert, das ergaben Messungen der Universität Siegen vor einigen Jahren. Die Pegel Norderney und Cuxhaven lassen keinen dramatischen Anstieg erkennen. Beim "säkularen Meeresspiegelanstieg" gingen die Küstenschutzbehörden bisher für die Nordsee von etwa 2,5 mm Anstieg im Jahr aus. Der säkulare Anstieg wird in die Deichbemessungshöhen mit eingerechnet. Der Anstieg hat sich daher wohl verlangsamt.
Eine Zunahme von Sturmfluten gibt es laut Darstellung der Küstenschutzbehörde Niedersächsischer Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) ebenfalls nicht. Bei steigendem Meeresspiegel wachsen das Watt und die vorgelagerten Salzwiesen an der Küste durch höheren Schlickeintrag zudem mit.
Einige Satellitenmessungen gehen von 3,3 mm Anstieg im Jahr aus, sollen aber ungenauer als die terrestischen Pegelmessungen sein. Satelliten mussten für Messungen schon nachkalibriert werden. Immerhin gibt es auf diesem Planeten durch die unterschiedliche Schwerefelder keine einheitliche Höhe des Meeresspiegels. Die FAZ und die Langeooger müssen also noch lange nicht in die Boote, und ich auch nicht, der nur 4 km hinter dem Seedeich wohnt.
Manfred Knake koordiniert die kleine und unabhängige Naturschutzgruppe Wattenrat Ostfriesland und ist verantwortlich für das Weblog wattenrat.de.
Zur weiteren Information: Ein anerkannter Fachmann für den nacheiszeitlichen Meeresspiegelanstieg ist Karl-Ernst Behre, ehemals Niedersächsisches Institut für Historische Küstenforschung (NIHK), auf den der Meterorologe Klaus-Eckart Puls (ehemaliger Leiter eines Wetteramtes) in seinem Aufsatz bei "Die Kalte Sonne" verweist: Wie verlässlich sind Satellitenmessungen des Meeresspiegels? Küstenpegel zeigen einen viel geringeren Anstieg als Messungen aus dem All.
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Danke für die Faktenlage am Morgen. Tragisch, dass die FAZ inzwischen genauso undifferenziert und tendenziös titelt wie ihre einstigen Mitbewerber. Redaktionsnetzwerk Deutschland und Konsorten betreiben Hofberichterstattung von der Klimaretterfront und die Auflagen ihrer Gazetten schmelzen schneller als sie über die seit über 150 Jahren schmelzenden Gletscher berichten können.
So ist es. Im IPCC Bericht von 1990 wurde ein Anstieg des Meeresspiegels bis ins Jahr 2100 von ("Best estimate") rd. 6 mm/Jahr "postuliert" . Im ungünstigsten Fall von 1 m, d.h., 10 mm/Jahr und im "Low estimate" von rd. 2,7 mm/Jahr. Im letzten IPCC-Bericht 2013/14 hat sich daran im Prinzip nichts geändert mit der Ausnahme, das man RCP-Szenarien eingeführt hat. Eine weitere Änderung im Diagramm (Figure 12, IPCC 1990) ist der Anstieg an sich, der im "neuen Diagramm" im mittleren erwarteten Wert erst ab 2030 beginnt (erweitert das vielleicht den Spekulationszeitraum in die unmittelbare Zukunft ?). Wie tagesschau online, tagesspiegel und focus berichten, liegt der aktuelle Anstieg bei 3,6 bzw. 3,66 mm/Jahr also gerade oberhalb der unteren erwarteten Toleranzgrenze bzw. in der unteren Hälfte von RCP2,6. Das wird aber zum Beispiel vom DLF im Gespräch mit Mojib Latif nicht erwähnt und die von ihm wieder in den Raum gestellte Marke von 1 m nicht hinterfragt. So geht das mit "Information", die nach der Defintion der bpb doch nur Propaganda ist.