Ulrich Schödlbauer, Gastautor / 04.01.2021 / 10:00 / 6 / Seite ausdrucken

Medien: Habe die Ehre

Freier Journalismus, wie Generationen ihn kannten, funktioniert nach dem einfachen Prinzip: Jeder Mensch, jede Institution hat sein/ihr schmutziges Geheimnis. Finde es und lass die Kasse klingeln. Medien, die diesen Pfad verlassen haben, besitzen im Umkehrschluss selber eines. Rohe Mitmenschen, die Sprache verflossener Diktaturen im Ohr, nennen sie "gleichgeschaltet" und provozieren damit ein Getöse, wie man es aus eher traditionellen Gesellschaften kennt, wenn die sexuelle Unschuld der Tochter des Hauses in Zweifel gezogen wird.

Es gibt sie also doch, die Ehre, diesen archaischen Kodex, der verfügt, was draußen, außerhalb der Mauern des Hauses und des Bundes, gesagt werden darf und was nicht, bei Strafe der Hinrichtung, zumindest in effigie, wie der lateinische Ausdruck für symbolische Auslöschung lautet. Genauso gibt es sie, Netflix zum Trotz, noch immer, die Liebhaber der europäischen Romanwelt von Cervantes bis Proust, in der ein Erzähler den Spuren des Gerüchts folgt, den geheimen Geschichten, die über die Protagonisten im Umlauf sind und die meisten von ihnen irgendwann, jeden auf seine Weise, zur Strecke bringen. Warum? Weil Gesellschaft so funktioniert.

Wie Gesellschaft funktioniert, erfährt der Betrachter zweiter Ordnung gegenwärtig nicht mehr aus den Studien einer mauloffen ihre Bedeutungslosigkeit meditierenden Sozialwissenschaft, sondern dort, wo das glatte Informationskontinuum der Medien abreißt und den Blick auf … nun ja, die anderen Medien nicht freigibt, sondern auf jede erdenkliche Weise zu vernebeln versucht, teils durch Schweigen, teils durch privatisierte Zensur, sprich Löschung missliebiger Inhalte, teils durch – siehe oben – Getöse, was in der Sache zwar keinen sonderlichen Unterschied macht, aber eine gewisse Feinsteuerung des sozialen Klimas erlaubt.

Die Freiheit des Individuums, ein fortwährendes Ärgernis

Im Klartext: diese Gesellschaft geht ihren Alltagsgang, weil die archaische Technik des umflorten Blicks, deren Nichtanwendung allerlei exotische Varianten der Blutrache heraufbeschwört, sich der Aufklärungsinstrumente bemächtigt hat – übrigens nicht nur in den sogenannten Leit- und Folgemedien, sondern mehr und mehr auch im Spektrum der gesellschaftlich sensiblen Wissenschaften. Der Einzelne mag das für betrüblich halten. Aber als Einzelner verfügt er ohnehin über die schlechteren Karten, da Ehre nun einmal ein gruppenbezogenes, sprich kollektives Verhaltensmuster voraussetzt, dem die Freiheit des Individuums ein fortwährendes Ärgernis darstellt, das bei Gelegenheit beseitigt werden muss.

Zu den Sprüchen der Lateiner, die jahrtausendelang gern zitiert wurden, gehört der dem älteren Cato zugeschriebene Rat: rem tene verba sequentur. ("Behalte die Sache im Auge, die Worte werden folgen.") An ihn dürften sich auch die politischen Autoritäten des Westens, darunter die deutsche Kanzlerin, in ihren Neujahrsansprachen gehalten haben, diesen Blütenlesen des offenbar gerade noch Zumutbaren.

Bekanntlich ist es Sache der Politik, Verhältnisse im Lande herzustellen, die den Vorstellungen ihrer Gestalter entsprechen. An einzelnen Formulierungen gemessen, scheint die Ausgrenzung und, sagen wir’s ruhig, nirgendwo intendierte Verfolgung Andersdenkender im Westen auf neue historische Kennmarken zuzustreben. Da werden, neben allerlei "Leugnern" im ideologischen Kleinkrieg sowie ein paar versprengten Altliberalen, auch die Vertreter oppositioneller Parteien blass, falls sie nicht ohnehin im gleichen Boot sitzen. Wo die Ehre ihr furchtbares Haupt erhebt, pflegen die Rächer nicht weit zu sein – armselige Verführte eines Zeit- und Gruppengeistes, für den dort draußen das Böse umgeht, weil man im Herrenhaus die Schande, sich womöglich geirrt zu haben, einfach nicht ertragen kann.

Dieser Beitrag erschien auch auf Ulrich Schödlbauers Blog hier.

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Leserpost

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Bernhard Freiling / 04.01.2021

Das Jahr ist noch keine 4 Tage alt und ich habe ihn - den Gedankengang, den Satz des Jahres.  Dank Ihnen, Herr Schödlbauer, Sie Genie. Und das meine ich überhaupt nicht ironisch. ++ Vor einigen Monaten zitierte ich hier mal aus dem Film ” I Robot” den Satz: “Alles was jetzt folgt, ist das Resultat dessen, was Sie hier sehen”. Aber Ihr Satz gefällt mir erheblich besser, weil: er bringt die ganze Misere auf den absolut spitzen Punkt. Zitat: “Bekanntlich ist es Sache der Politik, Verhältnisse im Lande herzustellen, die den Vorstellungen ihrer Gestalter entsprechen.” ++ Mag sein, daß dies “bekanntlich” so ist. Meist wird es von den Außenstehenden aber vergessen oder einfach übersehen. Wo bekommen unsere “Politiker” denn den Input, aus dem sie dann die Verhältnisse, die ihren Vorstellungen entsprechen, entwickeln? Die treffen sich in Davos beim WEF und werden sich von Corona sicher nicht abhalten lassen, sich dieses Jahr in Singapur zu treffen. Die treffen sich bei den “Klimakonferenzen”, die in den schönsten Städten und exotischsten Plätzen dieser Welt jährlich stattfinden. Die lassen sich die Ergebnisse des “Event 201” erklären. Und? Genau in diesem Städten, an diesen Orten, anläßlich dieser Gelegenheiten,  entwickeln diese Pfeifen ihre Vorstellungen von einer schönen neuen Welt, die sie uns aufs Auge zu drücken gedenken. ++ In der Politik geschieht nichts zufällig, wie Roosevelt mal feststellte. Auch die Corona-Folgen und die Impfverzögerungen: Kein Zufall - das ist gewollt, das ist beabsichtigt, das entspricht deren Vorstellung. Das wird uns allen die Produktion des CO2-Giftes austreiben. ++ Versprochen! ;-)

Jürgen Fischer / 04.01.2021

Hm. Man könnte den Amtseid umformulieren: “Ich schwöre bei meiner Ganovenehre, …” Und das “so wahr mir Gott helfe” streichen, weil das den meisten eh nur als Feigenblatt dient, damit sie hinterher sagen können “er hat mir leider nicht geholfen” … Wie dichtete schon Hans Sachs? »Wer zucht vnd Erbarkeyt het lieb, Denselben man des Lands vertrieb. Wer vnnütz ist, wil nichts nit lehrn, Der kombt im Land zu grossen ehrn; Wann wer der faulest wirdt erkant, Derselb ist König inn dem Landt.« Das ist von 1530. Damals war von Deutschland noch kein Gedanke, deswegen hat er es “Das Schlauraffen Landt” genannt. Damals war der Begriff “Ehre” anscheinend noch ein anderer als heutzutage.

Donatus Kamps / 04.01.2021

Ich denke, daß die Schwierigkeit, einen Irrtum einzugestehen, nur ein Teil des Problems ist. Darüber hinaus ist es so, daß der Sozialismus psychotrop wirkt. Den Sozialismus aufzugeben, bedeutet, auf seine psychotrope Wirkung zu verzichten. Denn der Sozialismus enthält eine Systematik zum Verschleiern und Verschieben von Schuld und Verantwortung und zur moralischen Selbsterhöhung. Die Verantwortung für sein eigenes, gegebenenfalls durchwachsenes Leben und die eigene Schuld und das eigene Scheitern zu akzeptieren, ist schwierig. Der Sozialismus bietet da einen Ausweg, auf den viele nicht verzichten wollen.

Gabriele Kremmel / 04.01.2021

Weniger provokativ könnte man die Gleichschaltung der Presse auch Harmonisierung nennen. Das passt auch besser zum hohen Ziel großen Transformation. So können alle in ihrem wattierten Luftschloss bleiben und sich ihren Visionen hingeben, während in den niederen Gefilden die Transformation der Demokratie zum Totalitären stattfindet und entsprechende Tatsachen geschaffen werden. Vielleicht fällt jemandem auch noch ein hübscher, esoterisch klingender Begriff für das roh klingende Totalitäre ein und für das angestrebte Ziel der großen Transformation. Paradies wäre dann doch etwas zu optimistisch.

Heiko Stadler / 04.01.2021

“Finde das dunkle Geheimnis der Regierung und seiner Institutionen und lass die Kasse klingeln” ist das Geschäftsmodell der freien Presse. “Erfinde die dunkle Seite des Kritikers und lass dich vom Regime mit veruntreuten Steuergeld bezahlen” ist das Geschäftsmodell der Medien einer Diktatur.

Bernd Michalski / 04.01.2021

Sehr schön, besten Dank. Allerdings sind da nicht nur solche Entehrte zu erkennen, die “sich geirrt” haben. Obwohl vermutlich zu großen Teilen tatsächlich Mitläuferei, Ignoranz, gemischt mit Arroganz, und ganz alltägliche Dummheit dahinterstehen, wenn die – wie wir gelernt haben es zu nennen – “Narrative” gepflegt werden. Der harte Kern irrt sich zwar, objektiv, ebenfalls, aber er wäre selbst in einer offenen Debatte unter Gleichgesinnten weit davon entfernt, das auch nur zu erwägen, sondern wähnt sich im Besitz einer höheren Erkenntnis, ganz abgesehen von einer höheren Moral. Daher haben wir es mit Überzeugungstäterixen zu tun, die es sich in ihren ideologisierten Weltanschauungen sehr gemütlich eingerichtet haben und die für sachliche Argumente nicht mehr zugänglich sind, dank und kraft der selbst-immunisierenden Wirkung jeder Ideologie. Wer auch immer den eigenen Ansichten nicht folgt, beweist ja schließlich schon genau damit, dass er ein Nazi, Rassist oder mindestens übler Populist ist. Der Irrtum, wenn von einem solchen im Blick auf diesen harten Kern gesprochen werden kann, liegt in der grandiosen, grenzenlosen und grotesken Selbstüberschätzung, aber diesen Irrtum zu erkennen, das wäre vermutlich beinahe tödlich für diesen Teil der Protagonisten. +++ Und noch ein Detail zum Ehrbegriff: Die “Ehre” dieser Personen ist identisch mit der gerade genannten, größenwahnsinnigen Selbstüberschätzung. Nur insoweit ist für sie der Begriff “Ehre” überhaupt zugänglich. Ansonsten, in gesunden moralischen Maßstäben gesprochen, sind diese Personen m.E. nur sehr beschränkt noch als satisfaktionsfähig zu betrachten. Ich würde keinen Handschuh an sie vergeuden.

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