Dirk Maxeiner / 20.02.2018 / 12:30 / 4 / Seite ausdrucken

Medif*ck – die Achse-Hymne der Woche

Die Sängerin Sonja James, 1986 im bosnischen Tuzla geboren, lebt seit Januar 2013 in Deutschland. Bei ihrem "The Workers Song – Medif*ck" hatte Sie wohl kaum den gegenwärtigen Zustand von Politik und Medien in diesem Land im Sinn, sondern eher die Bullshit-Rituale in Großkonzernen. Ähnlichkeiten sind also wirklich unbeabsichtigt und rein zufällig: "Just forget to have your own opinion...yes we are all medif*cked again..."

Sonja James: Bei vielen ist „human resources“ oder „Humankapital“ ein schlechter Witz. Da wird getrickst und gepowerpointet was das Zeug hält. Nichts als heiße Luft, gelogen, dargestellt und dokumentiert. Da wird ausgebeutet und als „Vertrauen“ dargestellt. Karrieren werden aufgezeigt, die niemals stattfinden, Menschen werden Unternehmensvisionen versprochen, nur um die nächsten Wochen zu schaffen. Der Planungshorizont der verantwortlichen Manager reicht aber maximal bis zur eigenen Vertragsverlängerung – und manchmal überraschend kürzer... Und wenn einer den Schlips ablegt, ist er nicht Dein Freund...

Doch wie das so ist: Anno 2018 kann man "Medif*ck" auch ganz allgemein als Allegorie auf Duckmäusertum, Konformität und Heuchelei wahrnehmen. Mir ging es jedenfalls so – und anderen wohl auch. Der Hinweis auf das Lied kam von einem Achse-Leser, der sich an Politnasen und Journos erinnert fühlte.

Aber mal ganz davon abgesehen: Sonja James macht wunderbare Musik. Über ihre neue Heimat Deutschland sagt sie:

Ich habe überall Freundschaft, Sympathie und Hilfe erfahren, spontan, nichts Aufgesetztes. Ich habe viel gelernt von dieser Nation, von ihren Menschen, die – für mich eigenartig – so wenig stolz auf ihr eigenes Land sind. Diesen Menschen wollte ich ein persönliches Dankeschön sagen, für das, was ich ohne Gegenleistung und Kalkül erhalten habe, daher: Thank you Germany!“

Und hier ist Ihre Geschichte, wie sie auf Ihrer Website steht:

Kriegskindheit in Bosnien, Zeitzeugin der jahrelangen Belagerung und des Massakers von Tuzla, bei dem es alleine durch eine Granate in eine Kinder- und Jugendgruppe zu 71 Toten und 173 Verletzten kam; unter den Toten auch die ältere Freundin der Sängerin. Die ersten Jahre, geprägt von Kriegs- und Nachkriegszeit in einem zerstörten Land, lernte Sonja James bereits mit fünf Jahren klassisches Klavier.

In der Zwei-Zimmer-Wohnung der vierköpfigen Familie lagen zuerst die Glassplitter der zerschossenen Fenster auf den Betten, später standen die Schränke vor den Fenstern, um die Kinder vor Bombensplittern und Gewehrfeuer zu schützen. In dem einen Zimmer lernte der Bruder klassische Gitarre, in dem anderen Sonja James auf ihrem Petrov-Klavier. Insoweit war der Krieg musikalisches Glück: Elektronische Klaviere waren wegen der vielen stromlosen Tage und Nächte keine Wahl. Zugleich gab die Zeit der Belagerung ohne viele Ablenkungen Zeit für eine profunde musikalische Ausbildung ohne die Ablenkungen sorglosen Kinderlebens.

In diesem Kriegschaos übte und spielte sich die junge Sonja James zu nationalen und internationalen Klavierkonzerten und ersten internationale Anerkennungen und Auszeichnungen, 1996 und noch einmal in 1998, in Stressa/Italien, im Alter von zehn Jahren. Später in Pianello (1997), in Maribor in Slowenien (1997). Mit 19 Jahren wechselte sie in ihr Herzfach des Singens. Zahlreiche Auftritte in ihrer Heimat mit Coversongs und eigenen Kompositionen und Texten noch unter anderem Namen führten zu nationaler Anerkennung. Darüber hinaus studierte Sonja James Unternehmensmanagement an einem amerikanischen College, um eine „sichere Zukunft“ für sich zu entwickeln. Sie war später in Sarajewo für eine europäische Förder-Agentur tätig.

Trotz alledem blieb ihr Herz immer in ihrer Musik. Anfang 2013 brach sie ohne ein Wort Deutsch alle ihre Zelte in ihrer Heimat ab und wanderte ohne Rückfahrtticket und gesicherte Kontakte nach Deutschland aus. Mit einer musikalischen Karriere hatte sie bereits abgeschlossen. Mit Kraft, Zähigkeit und größtem Engagement, ohne je einen Cent deutscher Sozialleistung gefordert zu haben, schlug sie sich durch. Nach ersten Praktika in einer Klinik leitete sie schon nach sechs Monaten das internationale Patientenmanagement und nach nur einem Jahr ist sie für das internationale Personalrecruiting eines großen Unternehmens zuständig. 

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost (4)
B.Klingemann / 20.02.2018

ESC meets sophistication. Allemagne, 10 points…

Hans-Jörg Jacobsen / 20.02.2018

Grandiose Dame-mehr davon und weniger von den anderen, Ihr wisst schon, die, die sich permanent selbst überschätzen und einen gewissen “God” on their side haben…

C. J. Schwede / 20.02.2018

Beeindruckende Person, Danke fürs Vorstellen.

armin wacker / 20.02.2018

Frauen, die mit viel Mühe und Arbeit etwas können, brauchen keine Quoten.  Gilt auch für Männer.

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Dirk Maxeiner / 09.05.2018 / 06:29 / 50

Verfassungsgericht entscheidet über Grenzöffnung!

Das Aktenzeichen 2 BvE 1/18 des Bundesverfassungsgerichts wird mit Sicherheit in die Rechtsgeschichte Deutschlands eingehen. Die Achse des Guten richtete gestern folgende Anfrage an die…/ mehr

Dirk Maxeiner / 22.04.2018 / 06:29 / 19

Der Sonntagsfahrer: Golfstrom mit Glatteis

Die Sonne kracht, die Biergärten sind rammelvoll, die Mädchen leicht bekleidet (außer in bereits Minirock-befreiten Zonen). Es besteht Grund zur Freude, die Erhitzung der Atmosphäre…/ mehr

Dirk Maxeiner / 20.04.2018 / 06:29 / 13

Auswärtiges Amt: Der Schimmelreiter erzählt vom Pferd

Die Achse des Guten hat am Mittwoch über dubiose Praktiken des Staatssekretärs im auswärtigen Amt Walter Lindner („Im Auswärtigen Amt brennt das Klavier“) berichtet. Nach einer…/ mehr

Dirk Maxeiner / 18.04.2018 / 06:29 / 22

Im Auswärtigen Amt brennt das Klavier

Beim Amtsantritt des neuen Außenministers Heiko Maas Mitte März im Auswärtigen Amt (AA) trat auch ein hochgewachsener Mann mit auffälligem Zopf ans Mikrofon. „Zähne zusammenbeißen…/ mehr

Dirk Maxeiner / 15.04.2018 / 06:25 / 8

Der Sonntagsfahrer: Die Integration der Weißwurst

In meiner bayrischen Heimat befinden sich drei Kirchen in unmittelbarer Hörweite meiner Bleibe. Eine davon schlägt nicht nur die Stunde, sondern auch die Viertelstunde. Ich bin…/ mehr

Dirk Maxeiner / 08.04.2018 / 06:27 / 7

Der Sonntagsfahrer: Hauptsache schlucken

Die Umweltbewussten unter Ihnen möchte ich an dieser Stelle beruhigen: Ich bin für diesen Sonntagsfahrer keinen Meter gefahren. Ein Umstand, der die bundesdeutsche Kohlendioxid-Bilanz erfreut…/ mehr

Dirk Maxeiner / 01.04.2018 / 06:25 / 6

Der Sonntagsfahrer: Welches Auto fährt der Osterhase?

Welches Auto würde der Osterhase fahren? Zunächst einmal, da bin ich mir ganz sicher: Ein gelbes. Schließlich ist das Gelbe vom Ei gelb. Und nicht…/ mehr

Dirk Maxeiner / 25.03.2018 / 06:25 / 26

Der Sonntagsfahrer: Zum Gottesdienst mit Svenja Schulze

Früher gehörte der Kirchgang noch zum festen Sonntags-Ritual, zumindest dort, wo ich aufgewachsen bin, in der stockkatholischen Eifel. Als früh vom Glauben abgefallener Protestant in…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com