Thomas Rietzschel / 01.11.2016 / 16:46 / 3 / Seite ausdrucken

Mazyek hält Luther die Stange

Wie um alles in der Welt wollen die Protestanten das Luther-Jahr überstehen, wenn sie sich gleich zu seiner Eröffnung am gestrigen Reformationstag des Beistands von Aiman A. Mazyek versichern mussten? Haben sie selbst nichts mehr zu ihrem Glauben zu sagen? Sind sie nicht Manns oder Weibs genug, das Wort in eigener Sache zu ergreifen, sich rhetorisch auf ihren Reformator einzulassen? Oder weshalb sonst hielt der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime die Festrede zum 500. Jahrestag des Thesenanschlags, zwar nicht am historischen Ort in Wittenberg, aber doch im evangelisch geprägten Altdorf bei Nürnberg?

Ein Erlebnis der besonderen Art, ein tolles Event, muss das für viele, größtenteils getaufte, Christen gewesen sein. Die Kirche, so wurde nachher berichtet, war „voll besetzt“, es habe „viel Applaus“ gegeben. Hatte der Funktionär des Islam doch Mut bewiesen, der des Reformators würdig war, als er erklärte, dass „es so etwas wie eine deutsche Leitkultur“ gibt? Wann zuletzt hätte man das hierzulande außerhalb einer AfD-Versammlung gehört. Und wäre es dabei geblieben, würde sich der eine oder andere wohl überlegt haben, ob es angezeigt ist, dem Redner Beifall zu spenden. Doch Mazyek wäre nicht Mazyek, hätte er die Tassen nicht sofort wieder zurecht gerückt. „Die Werte des Grundgesetzes“, erläuterte er, „Goethe und Schiller, das Wirtschaftswunder, das ohne die Türken nicht zustande gekommen wäre“, würden für ihn ebenso zur Leitkultur gehören wie die "Erinnerung an die Shoah", „Halal-Würstchen und das Oktoberfest“.

Potzblitz, was für eine Geniestreiche: Halal auf dem Oktoberfest, und schon liegen wir uns alle in den Armen, vereint in der einen, der großen islamisch-deutschen Leitkultur. Welch ein Beitrag zur Eröffnung des Luther-Jahres. Das hätten die bestallten Vertreter der Amtskirche nicht besser ausdrücken können, weder Heinrich Bedford-Strom, dem wir die Erkenntnis verdanken, dass wie nur singen müssten, um uns gegen „Angst und Unsicherheit“ zu wappnen, noch Margot Kässmann, die uns bereits vor Monaten wissen ließ: „Auch Terroristen sind Gottes Ebenbild.“

Welch ein Glück aber auch für Luther, dass er bereits 1546 verstorben ist und dem eitlen Treiben seiner Ehrung nur noch von oben zuschauen muss. Er wäre wohl lieber in die Arme des Teufels geflohen, als dass er sich als theologisches Aushängeschild für die multikulturelle Konsumgesellschaft hätte missbrauchen lassen. Schließlich war er weder so lieb und tolerant, wie uns seine Exegeten heute glauben machen wollen; noch hat er dem Gaudi als Lebenszweck das Wort geredet. Zornig war er viel eher als duldsam.

Von den Andersgläubigen hat er sich allemal klar und bisweilen - wie im Fall der Juden - durchaus zweifelhaft abgegrenzt. Dass er unter der „Gnade“ eine Gnade verstanden habe, die der einzelne sich selbst gegenüber erweisen soll, mag ein origineller Einfall sein, mit dem sich Joachim Gauck, der einstige Pastor, in seiner Reformationsrede beim Publikum einschmeicheln wollte. Allein mit Luther hat das sowenig zu tun wie die Behauptung der flotten Margot Kässmann, der Reformator würde, lebte er noch, zwar nicht als Clown zu Halloween losziehen, uns aber fröhlich zurufen: „Ein bisschen Spaß haben dürft ihr auch.“

In Altdorf bei Nürnberg hat Aiman A. Mazyek jetzt schon das Seine dafür getan. Andere werden ihn in den kommenden Monaten zu übertreffen versuchen. Geht es doch darum, Luther endlich „modern zu denken“, als einem Mann, der gern aß und trank und seinem Weibe regelmäßig beiwohnte. Eben ein Hedonist wie Du und ich, der deutschen Leitkultur so zugehörig wie die Halalwürstchen auf dem Oktoberfest. 

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Leserpost

netiquette:

otto regesbacher / 02.11.2016

Solange wir Christen von den Muslimen und ihrem Koran als Ungläubige klassifiziert werde, solange “gehört auch der Islam nicht zu Deutschland”, auch wenn die Merkel immer wieder gebetsmühlenartig das Gegenteil behauptet!

Uwe Schramm / 02.11.2016

Der Autor macht es vielleicht doch ein wenig leicht mit seinem Spott. Ein gutes Verhältnis zu anderen Religionen und ihren Vertretern liegt zwar nicht unbedingt und überall auf der Linie Martin Luthers - siehe seine infame Judenkritik - aber es entspricht doch christlichen Grundsätzen und dem Interesse aller an einem vernünftigen und gesitteten Zusammenbleben. Deshalb ist es auch nicht falsch, wenn in Altdorf zum Reformationstag ein prominenter Muslim geredet hat. Mag sein, daß bei dem Drumherum der Veranstaltung nicht alles geglückt ist. Stilsicherheit und guter Geschmack sind manchmal Glückssache. Woher soll er aber auch kommen in einer Evangelischen Kirche, die eine ehemalige Bischöfin und jetzige Bestsellerautorin, Margot Käßmann, zur “Reformationsbotschafterin” bestellt hat, bei deren vielen schriftlichen Darbietungen und sonstigen Äusserungen man sich eher an Rosemarie Pilcher als an Martin Luther erinnert fühlt, und deren oberster Repräsentant, der EKD-Vorsitzende Bedford-Strohm, sich dem Kirchenvolk eher durch sein ewiges Lächeln als durch Führungskraft und frische Ideen eingeprägt hat ? Das Luther-Jahr mag dem evangelischen Kirchenvolk womöglich einen Ruck geben. Es mag sich wundern, wer es eigentlich repräsentiert und der fortschreitenden Käßmanisierung der EKD und ihrer Entwicklung zu einer grün-rosa Milieukirche ein Ende bereiten. Es wäre jedenfalls an der Zeit.

Wolfgang Koletzki / 02.11.2016

Ich habe einen großen Teil seiner Rede nachlesen können. Sehr betroffen hat mich seine Forderung, wir sollten alle -isten abschaffen. Jetzt grübele ich darüber, meinte er Chr-isten, Poliz-isten oder Islam-isten. Oder wen sonst, es gibt ja sehr viele von dieser Sorte, wie zB Lobby-isten, aber die sind ja notwendig um der Regierung zu zeigen, wo es langgeht. Und daraufhin, um evtl. eine Antwort zu finden, habe ich auf der homepage des von ihm vertretenen Bund der Muslime, nachgeschaut und das blanke Entsetzen überfiel mich. Was hat so einer in einer Kirche zu suchen? Wird es später in den Geschichtsbüchern mal heißen, der Siegeszug des Islam in Deutschland begann in Altdorf? Dann eben bei Wikipedia nachgeschaut, der hat also immerhin schon um die zehntausend Mitglieder in Deutschland. Damit kommt er schon an manchen Fußballverein ran.Toll, und so einen nehmen die Politiker noch für voll, zumal auch seine Aussage, die Türken hätten das deutsche Wirtschaftswunder geschaffen, Nonsens ist; denn vorher hatten wir fleißige Gastarbeiter aus Italien, Griechenland, Spanien, Portugal. Erst 1961!! wurde auf Druck der Amerikaner, die NATO-Interessen in der Türkei hatten, der Vertrag über die Anwerbung von Gastarbeitern aus der Türkei abgeschlossen. Und gleichzeit hatten wir uns verpflichtet, für die Gesundheitskosten der in der Türkei verbliebenen Verwandten aufzukommen, was bis heute Gültigkeit hat. Aber clever ist er ja: Da ja der Verfassungsschutz nach Angaben von Wikipedia einige seiner Mitglieder beobachtet, hat er die bislang vorhandene Auflistung seiner Mitglieder von der Seite runtergenommen. Und so einer, der meint, unsere Kultur wäre “halal-Wurst” erhält eine große Bühne in der Kirche.

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