Matthias Matussek, Gastautor / 12.06.2011 / 19:06 / 0 / Seite ausdrucken

Matthias Matussek: Der Kampf der deutschen Reformer gegen die Traditionalisten

Pfingsten ist das Fest des Heiligen Geistes. Der Tag der Flammenzungen, der Sprachen, der Bekenntnisse, der Geburtstag der Weltkirche. Der Tag sieht den ersten großen Auftritt von Petrus, der sich an die Jünger wendet und ihnen sagt, was sie zu tun haben, und sie aussendet.

Klare Sache damals, und viel Enthusiasmus und Entschlossenheit unter blauem Wüstenhimmel.

Der Nachfolger Petri hat es in Deutschland mit einer geänderten Gefechtslage zu tun. Vielleicht liegt es ja am beschissenen Wetter, vielleicht an diesem merkwürdigen Studienfach Theologie, das für die meisten Jünger ein sicheres Ticket zu Glaubenverlust und schlechter Laune zu bedeuten scheint. Bei uns reagieren die Jünger auf den Petrus-Nachfolger mit gereizter Ablehnung. „Am liebsten würde man auf mich einschlagen“, bekannte Papst Benedikt dem Journalisten Peter Seewald. Frohe Botschaft?

Heute würde Petrus eher so was hören: Können wir noch mal über die Sünden abstimmen? Was ist mit den Frauen? Wer sagt eigentlich, daß du Chef bist? (Rhytmisch klatschend) AB-STIMM-EN, AB-STIMM-EN!

Oder: Wir brauchen einen Gleichstellungsbeauftragten. Was ist mit der Rente? Kann mal jemand die albernen Flammenzungen abstellen? Können wir noch mal die anderen Religionen sehen?

Knapp drei Monate vor dem Deutschlandbesuch des Papstes ist eine Lageeinschätzung des Vatikans über dieses deutsche Tohuwabohu aufgetaucht. Eine brandheiße, und niederschmetternd zutreffende.

Über die entsprechenden Berichte von Focus und „La Stampa“ meinte ein Kardinal zwei Tage vor Pfingsten: „Vielleicht ist es eine Befreiung, daß die Dinge mal ausgesprochen wurden“. Was er meinte war: Die Lager sind nun kenntlich, die Schlachtreihen stehen, im Papier sind sie klar benennt. Es ist der Kampf der deutschen Reformer gegen die Traditionalisten. Das Papier belegt eine konkrete Sorge über eine Spaltung.

Denn: Gerade zu Pfingsten wird deutlich, daß in Deutschland im Sinne der Frohen Botschaft und des Bekenntnisses nur ein Teil der Kirche unterwegs ist - und der nervt die Theologen und die Chefs katholischer Akademie und die Funktionäre des Zentralrates deutscher Katholiken (ZdK) erheblich. Die nämlich bleiben lieber unter sich und beschäftigen sich mit Klarsichtmappen, Gremienbeschlüssen und Memoranden.

In denen ist dann relativ wenig von Gott die Rede, dafür aber um so mehr von Initiativen und Dialogoffensiven, auf denen so brennende Glaubensartikel wie das Frauenpriestertum, die Gleichstellung schwuler Lebensgemeinschaften, die Abschaffung des Zölibats diskutiert werden.

Andrea Tornielli von „La Stampa“ schreibt von einer „konspirativen Hierarchie“ in Deutschland, die in einer gezielten „Regie“ den Papst in verschiedenen Reformfragen „in die Ecke drängen“ möchte. Auch der Focus berichtet von einem „geheimen Netzwerk“ von Gesprächskreisen und Vereinigungen, die unter Verwendung üppiger Kirchensteuermittel an einer anderen, einer neuen Kirche arbeiteten.

Aktiv seien hier das Cusanuswerk, Gesprächszirkel der deutschen Bischofskonferenz, die Konrad-Adenauer-Stiftung, Teile des Jesuitenordens.

Tatsächlich roch einiges in der Vergangenheit nach einer, wie es im Dossier heißt, „professionell abgestimmten Kampagne“. Zunächst hatten CDU-Granden wie Lammert und Schavan die Zulasasung von verheirateten Laien (viri probati) zum Priesteramt gefordert. Eine Woche später tauchte überraschend eine bejahende Stellungnahme zu den „viri probati“ des jungen Ratzinger auf, die der längst modifiziert hatte.

Wieder eine Woche später liefen 144 Theologen in einem Memorandum für die Abschaffung des Zölibates Sturm und Einführung des Frauenpriestertums. Desweiteren: Kritik an der autoritären Führung durch Rom. Vorschlag synodaler, basisdemokratischer Strukturen.

Lauter Hammerschläge, lauter Abrißversuche päpstlicher Autorität. All das, so der Focus, soll orchestriert worden sein vom Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz Matthias Kopp. Da alle diese Forderungen von der 1,2 Milliarden Gläubige umfassenden Weltkirche selbstredend nicht unterstützt werden würde, läuft es, so Focus-Autor Alexander Kissler, „auf einen nationalkirchlichen Sonderweg hinaus.“

Stehen wir vor einer erneuten Kirchenspaltung? Eines ist unübersehbar: Die große Sympathie, die protestantische Theologen für Rebellen wie Hans Küng und romkritische Zirkel innerhalb der katholischen Kirche äußern, wird von denen durchaus erwidert. Der „Bund der deutschen katholischen Jugend“ (BdkJ) warb für seine Hauptversammlung nicht von ungefähr mit einem Reformthesen-Anschlag wie weiland Luther.

Offenbar wirkt der evangelische Kirchentags-Enthusiasmus stilbildend auch für den Reformkatholizismus. Auch hier gibt es das Interesse an Bauklötzen und selbstgebastelten multikulturellen Hobbykeller-Religionen. Das Wirken des heiligen Geistes etwa, so das katholische Hilfswerk „Renovabis“ in seiner Pfingst-Vorbereitung, könne auch im „stummen Dasein Buddhas“, im „bewegten Tanz der Derwische“ und „im ehrfürchtigen Kniefall der Muslime“ studiert werden.
Dazu jetzt mal ein ganz verwegener Vorschlag aus der Mitte: Sollte man es als Katholik nicht mal wieder mit so exotischen Sachen wie dem Kreuzzeichen oder dem Credo, mit Eucharistie oder Marienandacht versuchen?

Fest steht, daß die katholische Kirche seit den nachkonziliaren Unruhen zusehends verödet und trivialisiert und protestantisiert, und auf vulgär-politische Kampagnen reduziert wird, alles mit dem Ziel, die aus den kahlen Kirchenräumen davonlaufende Klientel mit theologischen Billigangeboten und weltanschaulichen Sonderaktionen zurückzuholen.

Vergeblich. Und das ist auch durchaus verständlich. Wer einmal die zum Teil trostlosen Minderheitenprogramme der katholischen Akademien durchforstet - es gibt durchaus auch Lichtblicke - erkennt unschwer, daß hier inb erster Linie missgünstige Denksportler doch eher unter sich bleiben wollen. Von Gott zu reden, ist denen einfach zu naiv, zu un-verschämt.

Doch hier ein Vorschlag an den Vatikan, und an die Kirche: Wäre es nicht prima, für eine Weile auf Strategiepapiere zur Ökumene verzichten, und statt dessen, jetzt kommt’s - einfach das Personal austauschen?

Also: Jene Teile der deutschen Katholiken, denen der Glaube zu schwer geworden ist, könnten doch unter herzlichem Beifall und Dank für ihr Engagement auf ihrem Weg nach draußen verabschiedet werden, hinaus auf den bunten evangelischen Kichentags-„Markt der Möglichkeiten“. Wo sie sich austoben können mit Tantra-Feminismus und Sandkastenspielen für ältere Männer und, wenn sie Glück haben, gemeinsamen Gebeten mit Margot Käßmann und den Taliban.

Dafür könnten wir Traditions-Katholiken doch den lutherischen Traditionalisten, die sich dort drüben nach mehr Ernst sehnen und denen das Abendmahl und die Liturgie wichtig ist, Asyl anbieten. Den Papst verehren sie heimlich ohnehin schon längst.

Fazit: Die Kirchenspaltung wäre vermieden, wir Katholiken könnten wieder, gemeinsam mit unserem Papst, lachen und uns auf den Besuch des Heiligen Vaters freuen, auch wenn er hier bereits jetzt mit massiven Protestaktionen der Schwul-lesbisch-grün-alternativ-atheistischen Szene zu rechnen hat.

Aber Benedikt hat schließlich auch die ähnlich ausgerichteten Aktivisten auf der britischen Insel schachmatt gesetzt, und zwar durch nichts als sein freundliches Auftreten und seine glasklare Botschaft – die Queen und die englischen Boulevard-Blätter waren von ihm, dem „fizzy pope“ entzückt.

(Errötend gemurmelter, verlegener Nachsatz) Ich möchte nicht behaupten, daß ich die obige genialer Idee ganz alleine gehabt habe. Auch einfache SPIEGEL-Redakteure können im Sinne Pfingstens vom Heiligen Geist heimgesucht werden, ausschließen kann man gar nichts!

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