Quentin Quencher / 29.03.2020 / 16:00 / 6 / Seite ausdrucken

Masse, Meute, Familie, Sippe, Clan

Die Politik lebt davon, dass Massen sich gegenseitig abgrenzen und das Individuum Schutz in der eigenen Masse sucht. Das Virus kümmert sich nicht darum, es greift keine Massen an, sondern Individuen. Diese sind nun ihres üblichen Schutzes beraubt, dieser ist gar in sein Gegenteil verkehrt, was Schutz bot, ist nun Bedrohung. Die Rede von der Solidarität will dies verhindern, will die Massen zusammenhalten, aber die zerfallen in immer kleinere Einheiten, aus der Masse werden Meuten. Die Meute „ist die begrenzteste Form unter Menschen, sie war schon da, bevor es menschliche Massen in unserem modernen Sinne gab“ (Canetti in Masse und Macht). Urform der Meute ist die Familie, die Sippe, der Clan. Innerhalb dieser ist Solidarität vorhanden, und nur noch dort, denn die großen Massen können keinen Schutz mehr bieten.

Die politische Rede von der Solidarität will dem entgegenwirken, weil sonst eine Steuerung der Massen nicht mehr möglich ist. Manchmal gelingt ihr das, je nachdem wie stark die individuelle Bedrohung empfunden wird. Am Schluss aber, dann, wenn die Bedrohung des Individuums mit dem Tod alle anderen Interessen, Ängste und Hoffnungen in den Hintergrund gedrängt hat, gilt als allerletzter Befehl: Rette sich, wer kann!

Soweit wird es wohl nicht kommen, nicht wegen einer Pandemie, hoffe ich zumindest. Aber es fällt eben auf, dass nun Politiker viel von Solidarität reden, geradeso, als hätten sie verstanden, wie die Gemeinschaften durch das Virus bedroht werden.

Eine steuerungswillige Masse bewahren

Momentan versucht die Politik, dieses Sicherheitsversprechen durch Grenz-, Schul- und Ladenschließungen oder Quarantäneanordnungen zu geben. Mindestens aber die Illusion davon zu erzeugen oder die Hoffnung darauf. Ob und welche Sicherheit damit wirklich erreicht werden kann, dürfte im Einzelfall umstritten sein, aber darum geht es auch gar nicht, sondern darum, eine steuerungswillige Masse zu bewahren und zu verhindern, dass das Individuum seinen Schutz selbst in die Hand nimmt. Davor hat die Politik Angst, viel mehr noch als vorm Virus. Es würde bedeuten, die Masse, die Gesellschaft, zerfällt in Meuten des Selbstschutzes.

Letztlich wäre das dann mit Anarchie vergleichbar; und wie sich aus einem derartigen unkontrollierbaren Zustand wieder eine politische Masse bilden lässt, das steht in den Sternen. Sicher ist dann nur, alle Indoktrination, alle Erziehung der Bürger, wonach das Glück der Menschheit nur in größtmöglichen Gemeinschaften erreicht werden kann, ist hinfällig. Eine neue Gemeinschaft, die sich nach dem Ende der individuellen Bedrohungen bildet, würde eine andere als die vorherige sein.

Angst vor der Anarchie

Solidarität soll bei der Bekämpfung des Virus helfen, so ist in vielen Politikerreden zu hören – was natürlich Quatsch ist, das Virus kümmert unsere Solidarität herzlich wenig – doch gemeint ist damit nicht das Virus selbst, sondern seine Auswirkungen auf die Gesellschaft, es ist die Angst vor der Anarchie.

Es ist natürlich unwahrscheinlich, dass dieser Zustand tatsächlich eintritt, selbst wenn sich die Pandemie noch verstärken sollte und die Bedrohung für den Einzelnen noch größer wird. Eine Anarchie von unten, vom Bürger ausgehend, ist in Deutschland nicht so schnell zu befürchten. Allerdings schon, dass sich die politischen Anschauungen, Überzeugungen und Bewertungen ändern, und zwar in grundsätzlicher Natur. Die größtmögliche Masse, theoretisch also die ganze Menschheit oder mindestens Europa, hat sich als unfähig erwiesen, einen Schutz für das Individuum zu schaffen. Das Individuum hat die Erfahrung gemacht, in Zeiten existentieller Bedrohung – wie sie eben durch ein Virus und eine Pandemie entsteht – gibt es Schutz und Hilfe nur in kleinstmöglichen Gruppen: der Familie, der Meute, vielleicht noch der Nation.

Die Rede von der Solidarität über diese kleinstmöglichen Gruppen hinaus versucht nicht das Virus zu bekämpfen – auch wenn das immer wieder in diesen Kontext gestellt wird –, sondern appelliert an das Gemeinschaftsgefühl für die Menschheit, für Europa, um nicht die Erfahrungen des Einzelnen, dass Schutz nur in Kleingruppen zu bekommen ist, politisch wirksam werden zu lassen. Dies würde eine Umkehr bedeuten: weg von den idealistischen politischen Bildern, hin zu den existenziellen Bedürfnissen des Individuums.

 

Dieser Beitrag ist auch auf Quentin Quenchers Blog „Glitzerwasser“ erschienen.

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Leserpost

netiquette:

Wolfgang Kaufmann / 29.03.2020

Politisch völlig korrekt vermeiden Sie das Wort „Volk“. Aber wieso posten jetzt viele Italiener Videos, in denen sie die EU-Flagge verbrennen, und warum singen sie auf den Balkons die italienische Nationalhymne? “Ci salviamo da soli” – „Wir retten uns selbst.“ Der deutsche Weg des Verfassungspatriotismus hat noch nie Halt gegeben.

Gudrun Dietzel / 29.03.2020

Schon Lenin wußte, daß man sich die träge Masse zunutze machen muß, läuft sie doch wie Honig von ganz allein dorthin, wohin man sie haben will. Zur richtigen Richtungslenkung brauchte man dann nur noch die Klasse (Arbeiterklasse) und die Partei. Über 70 Jahre hat das im entsprechenden System ja auch einigermaßen funktioniert, bis zum Crash, als sich Teile der Masse ihre eigene Richtung suchten. Das Prinzip von Lenkung steuerungswilliger Masse ist auch heute das Mittel zur Machterhaltung, weil Masse in ihrer Bewegung nach dem Prinzip auslaufenden Honigs aus einem umgekippten Glas funktioniert. Nur deshalb muß man der Masse weis machen, Solidarität und der Staat sind dein Freund und Helfer. Es geht, wie Sie sagen, nur darum, die Meute zusammenzuhalten, weil sie so leichter zu beherrschen ist. Allerdings sind die rigiden Maßnahmen der Freiheitsbeschneidung, wie wir sie gerade erleben, nur noch im Moment so „freundlich“ vorgetragen (Bleiben Sie bitte zu Hause!). Wir können auch anders, hat die Kanzlerin vor ca. 14 Tagen sinngemäß gedroht. Im übrigen ist das auch das Prinzip der Kirchen und ihrer Gläubigen. Nur eben mit Sanftmut…

Bernhard Idler / 29.03.2020

Der Zusammenhalt in Familien und Clans resultiert nicht aus der Kleinheit dieser Gruppen, sondern aus der genetischen Verwandtschaft. Wir wollen unsere Gene weitergeben und schützen, auch die Gene die den unseren weitgehend entsprechen. Nationen sind der Versuch, solchen instinktiven Zusammenhalt auf eine Masse auszudehnen, deswegen wird gern eine Art von gemeinsamer genetischer Abstammung behauptet (ob berechtigt oder nicht). Die Vermassung durch die totalitären Ideologien ist etwas Unnatürliches, nicht verwurzelt im Menschen als biologisches Wesen. Daher ist diese Vermassung nur durch Repression zu erreichen, und deswegen zerstören diese Ideologien die Familien, wo sie nur können. Nur durch solche Zerstörung vereinzelte Individuum erwarten in anarchischen Zeiten ernsthaft Schutz vom Staat oder gar von der EU. Wer eine Familie hat, von einer kleinen bis hin zur eingewanderten “Großfamilie”, weiß wo er hingehört und mit wem zusammen man gegebenenfalls ums Überleben kämpft.

Frances Johnson / 29.03.2020

Fortsetzung: End of the world: Locust plague approaches Egypt sparking Bible apocalypse fears. Nicht wegen einer Pandemie, da haben Sie schon Recht. Inzwischen ist die Truppe weitergezogen nach Indien und: Chinese authorities have dispatched the 100,000 birds to its Xinjiang border in the far west of the country last month, where it meets Pakistan and India as the locusts continue to swarm eastwards. Beide Stellen aus dem britischen Express. Die gelbe Gefahr (nicht China) kann sich theoretisch noch um das 500fache vermehren, sagen Quellen. Es sieht nicht so schön aus im Moment.

Robert Korn / 29.03.2020

Daß in der Not “die Gesellschaft in Meuten des Selbstschutzes zerfällt”, mag den schon länger hier Lebenden ungehörig,  ja anstößig dünken. Denjenigen, um die wir “bereichert” wurden und werden, ist das völlig selbstverständlich. Das haben sie uns in jedem Fall voraus. Und sie werden diesen Vorsprung zu nutzen wissen.

Frances Johnson / 29.03.2020

Sicher, Herr Quencher?: Hundreds of billions of locusts swarm in East Africa. Ich sach nur mal: Arabischer Frühling 2010. Hannes Stein - das weiß ich noch - war der festen Überzeugung, es handelte sich um eine basisdemokratische Bewegung. Addieren den Rubelkurs. Bislang keine Exporteinschränkungen. Ich bin mir da mit manchem nicht so sicher.

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