Marvin Gaye ist unbestritten einer der ganz Großen des Soul. Vielen hierzulande wurde er erst durch seinen Kuschel-Hit „Sexual Healing“ aus dem Jahr 1982 so richtig bekannt. Dabei war er schon seit Ende der 50er Jahre musikalisch aktiv. 1960 heuerte Gaye – der eigentlich Gay hieß, aber durch die um ein „e“ erweiterte Schreibweise etwaiger Verunglimpfungen in den noch weitgehend homophoben 60er Jahren zuvorkommen wollte – als Songwriter und Sessionmusiker bei der Plattenfirma Tamla an, dem Schwester-Label der Detroiter Motown Records. Dort verdingte er sich unter anderem als Schlagzeuger bei Smokey Robinson & The Miracles und war als Komponist an der Hit-Single „Beechwood 4-5789“ der Girlgroup The Marvellettes beteiligt. Schon bald begann er, die von ihm mitkomponierten Songs selbst zu singen. Nach einer eher zähen Anlaufphase mit nur einigen kleineren Erfolgen konnte er schließlich 1963 mit „Pride And Joy“ seinen ersten eigenen Hit verbuchen, dem in den kommenden Jahren noch eine ganze Reihe weiterer folgen sollten. Seine Nummer 1-Hits „I'll Be Doggone“ und „Ain't That Peculiar“ aus dem Jahr 1965 und nicht zuletzt sein bekanntestes Lied „I Heard It Through The Grapevine“, das 1968 die Spitze der R&B-Charts erklommen hatte, machten Marvin Gaye zu einem der erfolgreichsten Soulsänger der Sechziger Jahre und brachten ihm den Titel „Prince of Soul“ ein
Unbedingt erwähnt werden müssen hier auch seine tollen Duette mit Mary Wells, Kim Weston, Diana Ross und allen voran mit der bezaubernden Tammi Terrell. Mit ihr verband ihn eine besonders enge und über mehrere Jahre andauernde Zusammenarbeit, aus der drei gemeinsame Alben und Soul-Klassiker wie „You're All I Need To Get By“, „Ain't Nothing Like The Real Thing“, „Your Precious Love“ oder „Ain't No Mountain High Enough“ hervorgingen. Letzteres wurde von Amy Winehouse als Backingtrack für ihr „Tears Dry On Their Own“ verwendet, wobei ihre neue Gesangsmelodie nicht in geringster Art und Weise auch nur annähernd an das Niveau des Originals herankommt (sorry Amy, aber das war nix!). Die Duette von Marvin Gaye und Tammi Terrell gehören für mich zu den allerschönsten in der gesamten Popmusik und sind bis heute unerreicht geblieben. Tragischerweise erkrankte Tammi Terrell bereits im Alter von zwanzig Jahren an einem bösartigen, letztlich inoperablen Gehirntumor, an dem sie im Jahr 1970 mit nur vierundzwanzig Jahren starb.
Der Tod seiner vertrauten Gesangspartnerin warf Marvin völlig aus der Bahn. Er igelte sich ein, nahm viele Drogen und wurde depressiv. Und er begann, sich und seine Rolle im Musikgeschäft, ja das ganze Musikbusiness an sich, kritisch zu hinterfragen. Auf einmal kam ihm alles total oberflächlich und belanglos vor. Die Songs, die er sang, rührten nicht an die wahren Dinge des Lebens; an das, was wirklich wichtig war. Außerdem fühlte er sich durch die Vorgaben seiner Plattenfirma und ihrer Produzenten zunehmend bevormundet und wähnte sich längst selbst in der Lage, seine Musik eigenständig zu produzieren. Die Rückkehr seines jüngeren Bruders aus Vietnam und dessen Erzählungen von den Gräueln des Krieges brachten ihn auf die Idee, das Ganze irgendwie in seine Musik einfließen zu lassen. Und als schließlich seine befreundeten Musikerkollegen Renaldo Benson von den Four Tops und Al Cleveland ihn darum baten, sie bei ihrer Idee für einen politischen Song mit dem Arbeitstitel „What's Going On“ zu unterstützen, wusste er plötzlich, was zu tun war. Ein Album, nein, ein ganzer Songzyklus, dessen inhaltliche Klammer darin bestehen sollte, aus der Perspektive eines farbigen Vietnam-Veterans geschrieben zu sein. Die Musik sollte aber nicht aggressiv oder depressiv wirken, sondern vielmehr die Macht der Liebe ausstrahlen.
Cooler, jazziger Sessioncharakter, der eine geradezu traumtänzerische Leichtigkeit versprüht
Was Gaye dann aus den Fingern floss, hat es in der Soulmusic, ja in der gesamten Popmusik so noch nicht gegeben. Die Texte, die er schrieb, behandelten nicht nur die heilsame Kraft der Liebe, sondern griffen auch die Probleme der modernen Zivilisation auf. „Mercy Mercy Me (The Ecology)“ dürfte einer der ersten Songs gewesen sein, die sich konkret mit der industriell bedingten Umweltzerstörung befassten. In der Version von Robert Palmer sollte das Stück im Jahr 1991 sogar noch zum internationalen Hit avancieren. Und bei „Inner City Blues (Make Me Wanna Holler)“ singt Gaye von der Machtlosigkeit und der Fremdbestimmtheit des Lebens in der modernen, verwalteten Welt. Auffällig ist auch seine ausdrückliche Bezugnahme auf die christliche Religion, die vor allem in den Songs „God Is Love“ und „Wholy Holy“ zum Ausdruck kommt und dem Album stellenweise einen gewissen Gospel-Touch verleiht. Aber mehr als das besitzt die Musik auf „What's Going On“ einen coolen, jazzigen Sessioncharakter, der eine geradezu traumtänzerische Leichtigkeit versprüht. Und über allem schwebt Marvin Gayes unvergleichliche Stimme, mit ihrem warmen, zuweilen angerauten Timbre, der nachgesagt wird, dass sie mehr als vier Oktaven umfasste und zu den wandlungsfähigsten in der gesamten populären Musik gehört.
Marvin Gaye hatte es zunächst nicht leicht, Motown-Chef Berry Gordy von dem Konzept von „What's Going On“ zu überzeugen. Gordy war der Ansicht, dass Politik in der Popmusik nichts verloren hätte und weigerte sich, die Single zu veröffentlichen. Als Gaye daraufhin damit drohte, Motown zu verlassen, willigte Berry schließlich doch noch ein. Der Rest ist Geschichte. „What's Going On“ wurde Nummer 1 in den US-amerikanischen R&B-Charts und Nummer 2 in den Pop-Charts. Das in Eigenproduktion aufgenommene Album wurde mit über zwei Millionen verkauften Exemplaren sowohl Marvin Gayes als auch Motowns bis dahin größter Erfolg. Auch die weiteren drei Singleauskoppelungen „Mercy Mercy Me (The Ecology)“, „Inner City Blues (Make Me Wanna Holler)“ und „Save The Children“ konnten sich in den amerikanischen Top 10 platzieren. Aufgrund seiner gesellschaftspolitischen Inhalte und der großteils ineinander übergehenden Songs gilt „What's Going On“ als das erste Konzeptalbum des Soul und zählte schon bald zu den berühmtesten und wichtigsten Werken der Black Music. Darüber hinaus belegt es bis heute regelmäßig Spitzenplätze in den einschlägigen Bestenlisten. Seit 1985 wurde es von verschiedenen Musikzeitschriften insgesamt fünfundzwanzig Mal in die Top 10 der besten Alben gewählt, davon sechsmal auf Platz 1. Zuletzt in der aktuellen Liste der besten 500 Alben aller Zeiten des Rolling Stone Magazines aus dem Jahr 2020. Damit stand es öfter auf dem ersten Platz als „Pet Sounds“ von den Beach Boys oder „Sgt. Pepper“ von den Beatles.
Zudem ist „What's Going On“ das erste Motown-Album, auf dem die mitwirkenden Musiker namentlich erwähnt wurden. Die ganzen Motown-Bands wie The Four Tops, The Temptations, The Marvelettes, The Supremes, Martha Reeves & The Vandellas und wie sie alle hießen waren ja reine Gesangsgruppen. Wer für die tolle Musik verantwortlich war, blieb lange Zeit unbekannt. Dabei haben diese Musiker mehr Nummer 1-Hits eingespielt als Elvis, die Beatles, die Rolling Stones und die Beach Boys zusammen! Erst durch die ausführlichen Credits auf dem „What's Going On“-Album und vor allem durch die tiefschürfende Recherchearbeit des Musikjournalisten Allan Slutsky alias Dr. Licks für sein Buch „Standing In The Shadows Of Motown“, das als Vorlage für den gleichnamigen Dokumentarfilm diente – den ich an dieser Stelle allen Interessierten ausdrücklich ans Herz legen möchte –, wurden die Namen der Motown-Backingband, die sich intern selbst The Funk Brothers nannten, öffentlich gemacht.
Vom eigenen Vater erschossen
Und wie immer und überall menschelte es auch bei Marvin Gaye und seinen Lieben nach wirklich allen Regeln der Kunst. Nach der Scheidung von seiner ersten Frau Anna, der Schwester des Motown-Gründers Berry Gordy, mit der er eine gemeinsame Tochter hatte, blieb er Unterhaltszahlungen schuldig und wurde von einem Gericht dazu verurteilt, die Tantiemen seines nächsten Albums an seine Verflossene zu überschreiben. Wohl nicht ganz ohne Ironie gab er der Scheibe den Titel „Here, My Dear“ und wurde darin so deutlich und persönlich, dass seine Ex-Frau eine erneute Klage erwog. Zusätzlich wurde er mit Steuernachforderungen in Millionenhöhe konfrontiert, denen er infolge seiner langjährigen Kokainsucht, gepaart mit einer zweiten gescheiterten Ehe und nachlassendem Erfolg im Musikgeschäft, nicht nachkommen konnte. Schließlich floh er vor der US-Steuerbehörde zuerst nach London und dann nach Ostende in Belgien, wo er von 1981 bis Anfang 1983 im Haus eines befreundeten Musikpromoters Unterschlupf fand. In dieser Zeit entstand auch sein Album „Midnight Love“ und die Hit-Single „Sexual Healing“, die zu einem seiner größten Erfolge wurde und ihm das langersehnte Comeback bescherte.
Im Frühjahr 1983 kehrte er für eine Konzerttournee in die USA zurück. Anhaltende Depressionen und Drogenprobleme, verbunden mit einem krankhaften Verfolgungswahn, bewogen ihn Anfang 1984, zu seinen Eltern nach Los Angeles zu ziehen. Die Beziehung zu seinem Vater, einem strenggläubigen evangelikalen Pastor, die schon seit seinen frühen Jahren unter erheblichen Spannungen stand, verschlechterte sich zusehends. Bei einem Streit zwischen seinen Eltern ergriff Marvin Partei für seine Mutter und ging auf den Vater los, woraufhin die Situation eskalierte. Dieser griff nach einem Revolver, den er erst zu Weihnachten von seinem paranoiden Sohn geschenkt bekommen hatte, um ihn vor fiktiven Verfolgern zu beschützen. Damit feuerte er zwei Schüsse auf Marvin ab. Gleich der erste Schuss traf ins Herz und war tödlich. Marvin Gaye wurde am 1. April 1984, einen Tag vor seinem 45. Geburtstag, von seinem eigenen Vater erschossen. In Anbetracht dessen erscheinen die Zeilen der zweiten Strophe des Songs „What's Going On“ wie eine geradezu seherische Vorahnung:
„Father, father, we don't need to escalate.
You see, war is not the answer, for only love can conquer hate.
You know we've got to find a way to bring some lovin' here today.“
(„Vater, Vater, wir müssen das hier nicht eskalieren lassen.
Verstehst du, Krieg ist keine Lösung, nur die Liebe kann den Hass bezwingen.
Weißt du, wir müssen einen Weg finden, um etwas Liebevolles in unser Hier und Jetzt zu bringen.“)
P.S.: Rev. Marvin Pentz Gay Sr. wurde von einem Gericht wegen Totschlags zu sechs Jahren auf Bewährung verurteilt. Seine Frau Alberta ließ sich anschließend nach 49 Jahren Ehe von ihm scheiden. Aus gesundheitlichen Gründen begab er sich schon bald in ein Pflegeheim, wo er 1998 im Alter von 84 Jahren verstarb. Seine letzten Worte vor Gericht waren gewesen: „I'm really sorry for everything that happened. I loved him. I wish he could step through this door right now. I'm paying the price now.“ („Es tut mir aufrichtig leid, was passiert ist. Ich habe ihn geliebt. Ich wünschte, er könnte jetzt durch diese Tür kommen. Ich muss nun den Preis dafür bezahlen.“)
YouTube-Link zum Opener und Titelstück „What's Going On“ in einer hinreißend gesungenen Live-Aufnahme aus dem Jahr 1972 mit dem legendären Motown-Bassisten und Funk Brother James Jamerson
YouTube-Link zu einem der ersten „Öko-Songs“ in der populären Musik „Mercy Mercy Me (The Ecology)“
YouTube-Link zum Abschlussstück des Albums „Inner City Blues (Make Me Wanna Holler)“
Beitragsbild: Jim Britt via Wikimedia Commons

@ klaus brand – sehr schön formuliert. Um nichts in der Welt möchte ich Ihre Sicht kritisieren. Versuchen Sie’s vielleicht mal so zu sehen: Marvin Gaye war einer von vielen tragischen Figuren der Welt (in seinem Fall der Musik-)geschichte, die als Mensch vollständig versagt haben und doch haben sie vielen anderen Menschen Glücksmomente beschert durch ihr Talent.
Hieß es damals nicht, der Vater hätte ihn erschossen, weil dieser als strenggläubiger Christ mit seinem Lebenswandel nicht einverstanden war?
@klaus brand Was für ein Gras müssen Sie geraucht haben, um so einen Kommentar abzugeben? @Sabine Schönfelder Sehr schöner Kommentar von Ihnen! Wir scheinen den gleichen Musik-Geschmack zu haben, das ist sehr erfreulich!
Sehr geehrter Herr Scheuerlein, erstmal vielen Dank für die ausgezeichnete Rezension über das Wirken von Marvin Gaye in der Soul-Musik-Szene! Auch Ihre Begeisterung für die Duette von Marvin Gaye mit Tammi Terrell teile ich voll und ganz! Ich erinnere an das wunderschöne „Love woke me up this morning“ aus dem phantastischen Album „Easy“
(auch der Song „Baby say yes“ im Duett mit Kim Weston ist sehr schön)!
Das ist für mich Soul-Musik in höchster Vollendung (in diesen irren Zeiten besonders
wertvoll und Balsam für die Seele)! Die US-amerikanische Rhythm & Blues und Soul-Musik Szene hat so viele hervorragende Vokalisten hervor gebracht (Ray Charles, Sam Cooke, Otis Rediing, Al Green usw.) sowie die immer wieder hörenswerten Gruppen wie die Temptations (Lead Sänger David Ruffin und Eddie Kendricks), Four Tops (Levi Stubbs) usw. und auch nicht zu vergessen das Gesangsduo Sam & Dave. Bitte weitere Rezensionen über die genannte Musik-Szene!
Herzlichen Dank Herr Scheuerlein für diese ergreifende Geschichte.
Null, nichts, nada, niente rien interessiert mich die Geschichte irgendeines durchgeknallten drogensüchtigen Musikers, der seinen Unterhalts- und Steuerverpflivhtungen nicht nachkommt, deswegen aus dem Land flieht, dann zurückkommt, und aus welchen Gründen auch immer von seinem Vater erschossen wird.
Ist Achgut.com auf dem Wege, mir irgendwelche Stories wie früher Bunte, Quick und Stern verkaufen zu wollen? Hallo, ihr habt ein gewisses Niveau zu verlieren. Wenn ich solchen Schrott lesen wollte, hätte mein Supermarkt ca. 10 Regalmeter bunter Blätter anzubieten. Die ignoriere ich aber nicht einmal!
Ich meine, dass sich Carole King von „Ain’t No Mountain High Enough“ dann zu „You’ve Got a Friend“ (1971) inspirieren ließ. Simon & Garfunkel bedienten auf ihre klebrige Art mit „Bridge over Troubled Water“ in 1970 das Thema ja auch, nur aber bei den beiden ohne Verständnis von Integrität, in individuelle Menschen gegossenes, durch sie verkörpertes Urvertrauen – Gottvertrauen.
Filmisch und vollständig durchkommerzialisiert wurde etwa das Motiv von unbedingter Verlässlichkeit mit „Die Hard“ (1988) aufgegriffen!
Es war schon faszinierend, wie Amerikas industrialisiertes Kulturschaffen immer und immer wieder das Beste in uns ansprach. Vor dem woken Tsunami.
„Führe ich gen Himmel, so bist du da. Bettete ich mir in die Hölle, siehe, so bist du auch da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde mich doch deine Hand daselbst führen und deine Rechte mich halten. Spräche ich: Finsternis möge mich decken! so muß die Nacht auch Licht um mich sein. Denn auch Finsternis ist nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtet wie der Tag, Finsternis ist wie das Licht.“