Stefan Frank / 06.04.2021 / 15:00 / Foto: Pixabay / 5 / Seite ausdrucken

Marokko legalisiert Cannabis-Anbau

Die marokkanische Regierung hat am 11. März eine Gesetzesvorlage gebilligt, die Cannabis für den medizinischen, kosmetischen und industriellen Gebrauch legalisiert. Als Freizeitdroge bleibt die Pflanze allerdings weiter verboten. Nun muss noch das Parlament über das Gesetz abstimmen.

Über eine solche Teillegalisierung war seit Beginn des letzten Jahrzehnts diskutiert worden. Im Dezember 2020 war Marokko eines von 27 Ländern, die in der Drogenkommission der Vereinten Nationen dafür gestimmt hatten, Cannabis als eine „weniger gefährliche“ Droge einzustufen; 25 Staaten votierten dagegen.

Die jetzt von der Regierung gebilligte Gesetzesvorlage sieht die Schaffung einer „nationalen Regulierungsbehörde“ vor, die für die „Entwicklung eines landwirtschaftlichen und industriellen Kreislaufs“ zuständig sein soll. Es soll festgelegte Zonen geben, in denen der Anbau von „zertifizierten Pflanzen“ durch „zugelassene Bauerngenossenschaften“ gestattet sein soll. Erklärtes Ziel ist es, „illegale Pflanzen, die die Umwelt zerstören, in nachhaltige legale Aktivitäten umzuwandeln, die Wert und Arbeitsplätze schaffen“.

Als erstes arabisches Land hatte der Libanon im April vergangenen Jahres den Anbau von Cannabis für medizinische Zwecke erlaubt. In Israel ist dies seit 1992 gestattet; seither wurden die behördlichen Auflagen mehrmals vereinfacht und die Zahl der Zugangsberechtigten vergrößert. In der Folge wuchs die wirtschaftliche Bedeutung von Hanf in Israel immer weiter.

Wirtschaftsfaktor Cannabis

Marokko ist zusammen mit Afghanistan einer der beiden größten Hersteller von Cannabisharz, das, wenn es zu Platten gepresst ist, als Haschisch bezeichnet wird. Das Hauptanbaugebiet ist die Region um das Rif-Gebirge an der Mittelmeerküste, von dort wird das Haschisch über Spanien nach Europa geschmuggelt. Dafür, dass der Cannabisanbau in der Rif-Region zum wichtigsten – aber bislang illegalen – Wirtschaftszweig wurde, sind mehrere Faktoren verantwortlich:

  • Schon seit Jahrhunderten wird dort Cannabis angebaut – allerdings früher nicht in einem Maßstab, der mit dem heutigen vergleichbar wäre.
  • Die Region ist sehr arm und bietet wenige andere Einnahmequellen.
  • Ab den 1970er Jahren explodierte die Cannabis-Nachfrage aus Westeuropa.

Laut einer von der UNODC, der für Drogenbekämpfung zuständigen UN-Agentur, vorgenommenen Schätzung, die sich in einem Bericht aus dem Jahr 2003 findet, war damals die Hälfte der rund 800.000 Bewohner der Rif-Region vom Cannabisanbau abhängig. In den folgenden Jahren gingen die marokkanischen Behörden aber gegen den Anbau vor, ermunterten Landwirte zum Umstieg auf andere Kulturpflanzen und verkündeten im Jahr 2007 sogar den ehrgeizigen Plan, den Cannabisanbau bis zum Jahr 2008 vollständig zu beseitigen. Da in Marokko aber weiter regelmäßig große Mengen Haschisch beschlagnahmt werden – mal sind es zwei, mal vier, mal fünf Tonnen –, ist dies offenbar nicht gelungen.

Der französischen Nachrichtenagentur AFP zufolge schätzen Experten des unabhängigen Netzwerks Globale Initiative gegen die grenzüberschreitende organisierte Kriminalität den Wert des jährlich in Marokko produzierten Cannabis auf rund 19 Milliarden Euro.

Regierung hofft auf wachsenden Markt

Marokkos künftige „Regulierungsbehörde“ soll für die „Kontrolle aller Phasen der Produktionskette“ verantwortlich sein, vom Import des Saatguts bis zur Vermarktung. Außer für medizinische soll Cannabis auch für kosmetische und industrielle Zwecke (Bau, Textilien, Papier und so weiter) erlaubt werden. Wer eine Lizenz erhalten will, muss folgende Bedingungen erfüllen:

  • Der Antragsteller muss marokkanischer Staatsangehöriger sein.
  • Er muss volljährig sein (mindestens 18 Jahre).
  • Er muss in einer Region ansässig sein, in der die Produktion aufgrund eines bevorstehenden Dekrets zulässig ist.
  • Er muss einer Genossenschaft angehören.
  • Wenn ihm das Land nicht selbst gehört, benötigt der Antragsteller die schriftliche Genehmigung des Grundbesitzers, um Cannabis anzupflanzen und zu produzieren, bevor er die Genehmigung beantragt.
  • Wenn der Antragsteller selbst der Grundbesitzer ist, benötigt er vor Beantragung der Genehmigung einen schriftlichen Eigentumsnachweis durch die örtlichen Verwaltungsbehörden.

Laut AFP rechnet das marokkanische Innenministerium damit, dass der Markt für medizinisches Cannabis in den nächsten Jahren weltweit um jährlich 30 Prozent wachsen wird, in Europa sogar um jährlich 60 Prozent.

Streit in der Regierungspartei

Innerhalb von Marokkos regierender islamistischer Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (PJD) ist die Cannabis-Legalisierung umstritten. Der frühere PJD-Generalsekretär Abdelilah Benkirane, der von 2011 bis zu seiner Absetzung durch König Mohammed VI. im Jahr 2017 Ministerpräsident war, hat im Streit darüber in einem auf Facebook veröffentlichten handschriftlichen Brief verkündet, seine Parteimitgliedschaft ruhen zu lassen und die Beziehungen zu fünf führenden Parteimitgliedern abzubrechen. Aus seiner Sicht ist Cannabis eine Droge, die der Islam verbietet. Politiker, die sich für die Legalisierung des Anbaus einsetzen, nennt er „Drogenhändler“ und wirft ihnen vor, Marokko „in Kolumbien verwandeln“ zu wollen.

Das wirft er etwa dem Wissenschaftsminister und langjährigen Cannabis-Fürsprecher Lahcen Daoudi vor, der Mitglied des PJD-Parteivorstands und einer von denen ist, mit denen Benkirane nicht mehr sprechen will. Daoudi sagt:

„Ich stimme mit Benkirane nicht überein, obwohl es sein Recht ist, mir gegenüber zu schmollen, aber es ist auch mein Recht, eine gegenteilige Meinung zu Cannabis zu haben, der ein nationaler Reichtum für die Medizin ist. Es geht um die Frage, das Leben von Millionen von Menschen zu verbessern, die in völliger Armut leben.“ Zudem müsse man die Pflanze und deren Anwendung als Rauschmittel voneinander trennen. „Das ist wie mit der Rosine, dem Rebstock und dem Wein.“

Im September wählt Marokko ein neues Parlament. Nach den Wahlen von 2016 ist dies das zweite Mal, dass die seit 2011 (mit-)regierende PJD sich den Wählern stellen muss. Neben der Frage der Legalisierung des Cannabisanbaus war in der Partei auch die von der Parteiführung mitgetragene Normalisierung des Verhältnisses zu Israel umstritten.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Mena-Watch.

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Leserpost

netiquette:

Paul Siemons / 06.04.2021

Da wird man sich im Kif-Gebirge aber mächtig freuen. Take the train from Casablanca going south / Blowing smoke rings from the corners of my mouth, my mouth / Wouldn’t you know we’re riding on the Marrakesh Express / Wouldn’t you know we’re riding on the Marrakesh Express / They’re taking me to Marrakesh (CSNY)

Peter Fehlhaber / 06.04.2021

Ich würde marokkanisches Haschisch auf jeden Fall holländischem Gras vorziehen. Die Leute in den Anbauländern wissen schon, warum sie die Pflanze zu Hasch weiter verarbeiten. Kratzt nicht, schmeckt besser und geht nicht auf den Kreislauf. Wäre schön, wenn es das wieder gäbe und ich gönnte es auch dem Libanon und Marokko, wenn sie ihr traditionsreiches Produkt anbieten dürften.  Gelber Libanon mit der Halbmond-Prägung drauf - ich glaube, das habe ich zuletzt in den 70ern gesehen.

Jochen Lindt / 06.04.2021

Die Bedingungen der marokkanischen „Regulierungsbehörde“ kann sich die deutsche Presse schon mal kopieren, sie werden in Kürze auch hierzulande in Kraft treten, natürlich nur für arabische Goldstü . . . ääh . . .  Flüchtlinge.

giesemann gerhard / 06.04.2021

Ob sie Kat kauen oder Hasch rauchen, egal - die tun eh nix. Außer Kinder machen.

Volker Kleinophorst / 06.04.2021

Der ist gut. Wann war denn das? 1963?

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