Stefan Frank / 05.06.2020 / 16:30 / 5 / Seite ausdrucken

Marokko: Inspirierende Frauen statt Islamisten als Vorbilder?

In der marokkanischen Stadt Temara waren jahrelang Straßen nach ausländischen salafistischen Scheichs, vor allem aus den Golfstaaten, benannt – jetzt aber nicht mehr.

Nachdem Nutzer der sozialen Netzwerke im Internet mit Fotos der entsprechenden Straßenschilder darauf aufmerksam gemacht hatten, gab es eine öffentliche Debatte. Am 17. Mai ließ Temaras Stadtverwaltung die besagten Straßenschilder abhängen. Jetzt wird darüber debattiert, wie die Straßen neu zu benennen sind.

Temara ist eine 14 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Rabat gelegene Stadt an der Atlantikküste mit rund 360.000 Einwohnern. Bei den Kommunalwahlen 2003 erlangte dort erstmals die 1997 gegründete islamistische Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (PJD) die Macht im Rathaus.

Die PJD steht treu zur Monarchie, anderenfalls dürfte sie bei Wahlen nicht antreten. Trotz ihrer königstreuen Haltung kam sie 2003 unter Verfolgungsdruck, nachdem dschihadistische Terroristen am 16. Mai 2003 in Casablanca zahlreiche Bombenanschläge verübt hatten, darunter auf ein Hotel, einen jüdischen Friedhof, ein jüdisches Zentrum und ein von einem Juden betriebenes Restaurant. Der PJD, die als Stichwortgeber von Extremisten galt, drohte das Verbot, ihre Führer durften in der Folge nicht mehr an öffentlichen politischen Veranstaltungen teilnehmen.

Die Partei legte sich bei den folgenden Wahlen Selbstbeschränkung auf: Sie kandidierte nur in einem kleinen Teil der Wahlkreise, damit ihr Wahlerfolg nicht zu groß würde und womöglich die Behörden beunruhigen könnte. Trotzdem stellte die PJD nach der Wahl im September 2003 in etlichen Kommunen die Bürgermeister, darunter in Temara.

Nach dem Vorbild der türkischen AKP trachtete sie danach, sich auf kommunaler Ebene als Kraft der Modernisierung darzustellen und sich so auf Größeres vorzubereiten, was auch gelang: seit November 2011 stellt die PJD den Ministerpräsidenten.

Internetpetition gegen Islamisten

In Temara machte sie sich daran, mehr Wohnraum zu schaffen, indem auf bestehende Gebäude zusätzliche Geschosse aufgesetzt wurden und neues Bauland erschlossen wurde.

Dabei entstanden wohl viele neue Straßen, die Namen brauchten. Zu denen, die man auswählte, gehörten Presseberichten zufolge unter anderem die saudischen Scheichs Ahmed Addahlouss und Khalid Saoud Lhalib, der Ägypter Ahmed Anaqib sowie die Kuwaitis Khalid Assoltan und Khalid Alhomodi. „Sie alle“, so die marokkanische Website Yabiladi, „sind für ihre Radikalität bekannt“ (in Marokko zumindest; im Westen dürften sie nur wenigen Leuten überhaupt bekannt sein).

Nachdem Fotos der Straßenschilder mit den Namen der Scheichs über Marokkos soziale Netzwerke verbreitet worden waren, wurde die Benennung der Straßen erstmals Gegenstand der Debatte.

Der Präsident der marokkanischen Vereinigung zum Schutz öffentlicher Gelder, Mohammed El Ghalloussi, schrieb in einem sozialen Netzwerk, der Fall zeige „den Grad der Verbreitung extremistischer Ideen in öffentlichen Institutionen“. Er verlangte eine Untersuchung durch das Innenministerium.

Die sozialistische Parlamentsabgeordnete Hanane Rihhab fragte: „Welche Verbindungen haben diese Namen zur Stadt Temara?“ Eine Internetpetition forderte die Umbenennung der Straßen.

Nun zeigt sich der der PJD angehörende Präsident von Temaras Stadtrat, Moh Rejdali, reumütig. Am 17. Mai ließ er die Straßenschilder entfernen und wandte sich in einer siebenminütigen Videoansprache an die Bürger der Stadt. Dabei hob er hervor, dass der Stadtrat 2016 die Entscheidung für diese Namen „einstimmig“ getroffen habe. Bei der Benennung von „Hunderten von Straßen“ könne es schon mal zu „Fehlern“ kommen; diese könnten aber „korrigiert“ werden. Auf die Internetpetition ging er nicht ein.

Nach marokkanischen Frauen benennen

In einem Video sieht man Gebäude, auf denen die Konturen der abgehängten Straßenschilder zu sehen sind, wo die Schilder hingen, ist die Fassade nicht gestrichen. Neue Schilder sind offenbar noch nicht angebracht.

Die bekannte belgische Politikerin und Publizistin Fatiha Saïdi, die einer marokkanischen Familie entstammt, schlug in einem Internetbeitrag vor, die Straßen nach „inspirierenden Frauen“ zu benennen:

„Marokko ist voll von inspirierenden Frauen, die Gutes für die Seele und das Herz getan haben, indem sie sich für Werte wie Gleichheit, Freiheit, Toleranz, Respekt, Aufklärung einsetzten, wie etwa, um nur ein paar ganz wenige Beispiele zu nennen:

– Chamsi az-Ziwawiya [eine Königin im Gebiet des heutigen Rif im frühen 14. Jahrhundert. Sie versuchte, letztlich vergeblich, die Autonomie ihres Stamms gegenüber dem Sultan und den Nachbarstämmen zu bewahren; S.F.];

– Kharboucha [eine als Heldin verehrte Volkssängerin aus dem Stamm der Ouled Zaid: Nachdem, so die Legende, der mit den Franzosen verbündete Aïssa Ben Omar 1895 ihr Dorf zerstört und ihre ganze Familie getötet hatte, verhöhnte sie ihn in ihren Liedern und inspirierte eine Rebellion gegen Ben Omar, ehe dieser sie gefangen nehmen ließ; S.F.];

– Touria Chaoui [die erste Frau Marokkos, die 1951, im Alter von 15 Jahren, Pilotin wurde, und so den Hass von Teilen der Gesellschaft auf sich zog; 1956 wurde sie im Alter von 19 Jahren von Unbekannten ermordet; S.F.];

– Fatima Mernissi [weltbekannte Soziologin und Frauenrechtlerin; S.F.].“

„Diese Frauen“, so Fatiha Saïdi, „würden Passanten den Wunsch geben, mehr über sie zu erfahren, sie bei der Hand nehmen, sie entlang der Alleen, Boulevards, Straßen, Gassen und Sackgassen führen, um die Geschichte zu entdecken, zu der sie gehören.“

Das sei besser als

„sich zur Schnecke machen zu lassen – auf eine sterile, aber vor dem Hintergrund der Ideologie nicht weniger gefährliche Art –, von den Namen von Personen mit engen Ideen, die die Gesellschaft nach unten ziehen und sie in den Abgrund des Obskurantismus und der Intoleranz reißen. Angefangen mit der Vorherrschaft eines Geschlechts über das andere.“

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Mena-Watch.

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Leserpost

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Rolf Mainz / 05.06.2020

Von Belgien aus kann frau sicher derart “mutige” Vorschläge machen. In Marokko vor Ort dürfte ihr Mütchen hingegen schnell gekühlt werden. Seien wir gespannt. Das Gute immerhin: in Marokko reagiert die Regierung noch - wenigstens ansatzweise - auf Proteste der eigenen Bevölkerung. Über dieses Stadium ist Deutschland längst hinaus.

Volker Kleinophorst / 05.06.2020

@ F. Stricker Sehr richtig. :) Aber Frauen müssen eben sichtbar werden, der Drogenhandel nicht. Marokko (Grün) gehört seit den 60ern zu den frühen Exportnationen wie Libanon (Gelb und Rot) und Afghanistan (Schwarz). So ging es los. Gras wurde damals kaum gehandelt. Damals wuchsen in Holland im Gewächshaus noch Gurken und Tomaten. Via Amsterdam waren diese Länder die wesentlichen Anbieter und Marokkaner (aka Libanesen und Afghanen, wie wir heute wissen) bauten erste Kartelle auf. (Die es heute noch gibt.)Tipp: Die französische Serie „Cannabis“. Sechs Folgen über den Drogenhandel und den Schmuggel zwischen Frankreich, Spanien und Marokko. Fiction, doch ein sehr realistischer, spannender, teilweise brutaler Einblick in die Welt der Kleindealer, der großen Bosse und der Produzenten. Es sind nicht nur die südamerikanischen Drogenkartelle. Ich bin gerade bei Marokko immer sehr erstaunt, dass die so selten genannt werden, da Professionalität und Qualität schon früh hoch war und damit Unsummen verdient wurden und werden. Immer noch ein Big Player. Marokko mag in Teilen arm sein. Aber nicht jeder Marrokaner.

Wilfried Cremer / 05.06.2020

@ Herrn Stricker, zur Ergänzung des Sortiments (an Straßen): Roter Maroc, Grüner Türke, Gelber Libanese und als Schlossallee der legendäre ominöse Weiße Tempelshit aus Nepal.

Petra Wilhelmi / 05.06.2020

Na und? Hat man Straßen nun nach den Vorschlägen einer Auslandsmarokkanerin benannt? Nur DAS wäre berichtenswert. Aus Belgien heraus kann man das sehr gut fordern.

Frank Stricker / 05.06.2020

Da Marokko ca. 25% seines Bruttosozialproduktes durch den illegalen Rauschgifthandel genereriert, sollte man die Straßen eher “schwarzer Afghane”, “Speed”  oder einfach “Hanf” benennen. Der Trick, Cannabis wird als “medizinisch” deklariert und wird entsprechend vermarktet, legal wie illegal ;

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