Vera Lengsfeld / 25.05.2020 / 15:42 / 6 / Seite ausdrucken

„Margos Töchter“ oder die Abgründe deutsch-deutscher Geschichte

Vor wenigen Tagen schockierte der Stellvertretende Bundestagsfraktionsvorsitzende der Union, Arnold Vaatz, Bürgerrechtler und politischer Gefangener in der DDR mit der Feststellung, die Friedliche Revolution von 1989, die erfolgreich die SED-Diktatur zu Fall gebracht hat, solle „kleingehackt“ werden. 

Ausgerechnet in dem Jahr, da sich die deutsch-deutsche Vereinigung zum dreißigsten Mal jährt, wurde mit Hilfe der Kanzlerin ein Ministerpräsident der SED-Linken in Thüringen installiert, obwohl dessen Koalition keine Mehrheit hat. Die wird ihm jetzt von der CDU verschafft, die damit wieder ihre Rolle als Wasserträgerin der SED eingenommen hat. Damit hat sich eine Voraussage des MfS-Führungsoffiziers Hans Stahl aus Cora Stephans Roman „Margos Töchter“ erfüllt. Er sagte schon zu DDR-Zeiten die Möglichkeit einer Vereinigung der beiden deutschen Teilstaaten voraus. Darauf müsse man sich vorbereiten. Eines Tages würde man im vereinigten Deutschland Ministerpräsidenten oder sogar den Kanzler stellen. Das stellt die bange Frage, wer wen übernommen hat und wie das passieren konnte, immer wieder neu.

In Cora Stephans Roman findet man Antworten darauf.

„Margos Töchter“ ist die Fortsetzung ihrer fulminanten Familiengeschichte „Ab heute heiße ich Margo“, die an Hand zweier Frauenschicksale, die von Margo und Helene, zwei deutsche Diktaturen beschreibt. Nun sind es die Töchter von Margo, die eine in der DDR, die andere in der BRD, deren Entwicklung bis in die Zeit nach der Vereinigung nachgezeichnet wird. Stephan schreibt auch Kriminalromane, daher ist der Plot spannend wie ein Krimi, wenn auch manchmal etwas gewagt. Tatsächlich geht es in der Realität unter der Oberfläche genauso kriminell zu.

Gleiche Erfahrungen mit der Beatmusik

Clara und Leonore können unterschiedlicher nicht sein. Hier die linientreue Funktionärstochter, die sich schon mit 15 Jahren aus vollster Überzeugung dem MfS zur Verfügung stellt, da das „Schlüsselkind“ Leonore aus der Wirtschaftswunderprovinz, die sich einsam und unverstanden fühlt.

Sie begegnen sich erstmals in der „Pionierrepublik Wilhelm Pieck“, einem internationalen Sommerlager für Kinder kommunistischer Funktionäre aus aller Welt, in das Leonore auf Vorschlag eines linken Jugendpfarrers geschickt wird. Leonore schließt sich an die etwas ältere Clara an, es entsteht ein Briefwechsel, den Leonore fortsetzt, als Clara nicht mehr antwortet. Schreiben ist Leonores Rettung.

Interessant war, wie sehr sich Leonores Erfahrungen bei der Entdeckung der Beatmusik mit denen gleichen, die ich in der DDR gemacht habe. Der neue Sound wurde im Westen ebenso abgelehnt wie bei uns. Man hörte die Platten in verräucherten Räumen leerstehender Abrisshäuser. Westdeutsche Provinzler wurden vorzugsweise von englischen Soldaten mit den neuesten Scheiben versorgt, bei uns liefen die illegal hergestellten Tonbandmitschnitte oder aus dem Westen oder aus Polen heimlich importierte Platten.

Das Milieu war schon links

Das Milieu, in das Leonore in Osnabrück geriet, war schon links. Britische oder amerikanische Soldaten wurden als Musikbeschaffer geduldet, aber verachtet.

Noch linker war das Milieu in der studentischen Wohngemeinschaft in Münster. Leonore studierte in der Zeit, in der die 1. Generation der RAF aktiv war. Ihr erster Liebhaber gehörte, ohne dass sie das wusste, dem Unterstützerkreis der RAF an. Eines Tages war er verschwunden und mit ihm Leonores Pass, Führerschein, Ausweis und Geld. Ihre Mitbewohner drängten sie, „den Genossen eine Chance“ zu geben und keine Anzeige zu erstatten. Das tat sie erst zehn Tage später, als ihr Führerschein schon in Westberlin benutzt wurde, um ein Fluchtauto zu mieten. Zum Glück war sie an diesem Tag bei ihren Eltern zu Besuch, so dass der Verdacht, sie könnte aktiv an der RAF-Aktion beteiligt gewesen sein, schnell vom Tisch war. Aber sie blieb unter Beobachtung.

Leonore heiratet einen DDR-Flüchtling, Alexander, inzwischen Akademiker. Sie gibt ihre eigene Berufskarriere auf, als bei ihren Eltern eine Gisela mit einem zweijährigen Mädchen auftaucht. Gisela kommt direkt aus dem Frauenknast der DDR Hoheneck. In welcher Beziehung sie zu ihren Eltern steht, wird Leonore nicht mitgeteilt: „Frag nicht“. Diese Gisela erinnert Leonore sehr an die Clara von vor 15 Jahren, aber Gisela lenkt mit Anekdoten aus dem Knast von der heiklen Frage ab. Am anderen Morgen ist sie verschwunden. Auf dem Zettel, den sie hinterlässt, steht, dass sie in die DDR zurückgegangen sei. Die Tochter ließe sie da. Die solle es „besser haben“. Leonore adoptiert das Mädchen.

Geschichte der Angstindustrie

Clara hatte in der DDR endlich einen Mann kennengelernt, der nicht aus ihrem Milieu stammte, den sie aber lieben konnte. Da bekommt sie den Auftrag, als „Einflussagentin“ in den Westen zu gehen. Sie gehorcht, auch als das bedeutet, dass sie sich um der Legende willen als Volksverhetzerin verurteilen und in den Frauenknast Hoheneck einweisen lassen muss. Dort bringt sie ihr Kind zur Welt. Der Plan, sie mit Hilfe von Leonores Mutter Margo in einer Computerfirme unterbringen zu lassen, scheitert daran, dass sie von Leonore erkannt wurde. Deshalb trennt sie sich von ihrer Tochter und taucht im Drogenmilieu von Frankfurt unter. Von dort arbeitet sie sich heraus, erst als Mitarbeiterin einer linken Milieuzeitung, dann wird sie bei einer renommierten linken Tageszeitung aufgenommen, wo sie als richtige Journalistin arbeiten kann. Die Redaktion ist nicht nur links, sondern der Meinung, dass die DDR der bessere deutsche Staat sei. Clara eckt recht bald an, weil sie unabhängig denkt und keine Zeitgeist-Artikel schreibt.

Stephan beschreibt sehr genau das geistige Milieu der Bundesrepublik Deutschland der Zeit nach 1968. Clara muss feststellen, dass hier keineswegs die „Kalten Krieger“, sondern die Salonlinken den Ton angeben. Machtmittel dieser Linken ist das systematische Schüren von Angst: vor dem Waldsterben, dem sauren Regen, dem Atomtod durch Waffen oder Reaktoren. In diesen Jahren entwickelt sich die sprichwörtliche „German Angst“, die inzwischen die ganze Welt angesteckt zu haben scheint. Auch Leonores Mann surft auf der Angstwelle, indem er mehrere Bestseller schreibt, die vor den verschiedenen zu erwartenden Katastrophen warnen. Später erfährt man, dass auch er Einflussagent der Stasi war, der sich ab und zu auch als Informant betätigte.

Wenn man von dieser Geschichte der Angstindustrie liest, versteht man besser, wie die Bevölkerung 2020 fast widerstandslos aus Angst vor einem Virus ihre Freiheit und ihre sozialen Kontakte opfert.

Stasi-Agenten im Westen werden kaum thematisiert

Aus Stephans Buch habe ich gelernt, was ich vorher nur geahnt habe: Die wahren, gläubigen Marxisten-Leninisten gab es im Westen. In der DDR absolvierte man den Politunterricht, weil man es musste. Im Westen studierte die Intelligenzija die kommunistischen Pamphlete aus eigenem Verlangen.

Clara ist als Einflussagentin nicht besonders erfolgreich. Sie hört jahrelang nichts von ihrem Führungsoffizier. Erst nach dem Mauerfall meldet er sich wieder bei ihr und spannt sie für die Rettung des SED-Vermögens ein. Es ist ein Verdienst des Romans, noch einmal dieses fast vergessene Kapitel aufzuschlagen. Es handelt sich um 24 Milliarden DM, also 12 Milliarden Euro, die unter der politischen Verantwortung des letzten SED-Chefs Gregor Gysi erfolgreich verschoben wurden und nach denen heute niemand mehr fragt, obwohl viele Akteure von damals, wie der Bundesschatzmeister der SED-PDS Dietmar Bartsch, immer noch politisch aktiv sind. Bartsch ist heute Fraktionsvorsitzender der Bundestagsfraktion der Linken.

Auch das Thema Einflussagenten der Staatssicherheit im Westen ist fast unbearbeitet, obwohl es derer tausende gegeben hat. Sie haben, wie Leonores Mann Alexander, mit allen ihnen zustehenden Mitteln Einfluss auf die öffentliche Meinung genommen, mit Büchern, Vorträgen, Artikeln und als Netzwerker. Leonores Mann berichtet noch an die Stasi, als die schon offiziell aufgelöst ist und verursacht ihren Tod. Warum Leonore von einem Stasi-Spezialisten für „nasse Sachen“ mittels Autounfall aus dem Weg geräumt wird, wird hier nicht verraten, auch nicht, wie Leonores und Claras Tochter Jana erfährt, in welcher Beziehung die beiden wirklich standen.

Dafür sollte man zum Buch greifen. Die Lektüre lohnt sich in jeder Hinsicht.

Hinweis: Ein Video-Interview, geführt von Ulrike Stockmann mit Cora Stephan über ihren Roman „Margos Töchter“, finden Sie hier.

„Margos Töchter“ von Cora Stephan, 2020, Kiepenheuer & Witsch: Köln. Hier bestellbar.

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Leserpost

netiquette:

Dr. Hartmut Bredereck / 25.05.2020

Cora Stephan ist nicht nur eine blendende Erzählerin, sondern hat mit ihrem Geschichtswissen und eigenen Jugenderlebnissen in der Frakfurter Spontiszene viel zur Geschichte der Deutschen in Ost und West zu sagen. Nach dem zweiten Margo-Roman ist mir klarer geworden, warum es auch heute noch unter den westdeutschen Wohlstandsbürgern so viele links-grün orientierte Wähler gibt, die die verhängnisvolle Politik der Bundesregierung nicht erkennen wollen.

Patricia Steinkirchner / 25.05.2020

Ja,das ist ein großartiges Buch. Ich habe es verschlungen. Ich kann mich sehr gut an meine Kindheit und Jugend in den 60er und 70er Jahren erinnern und natürlich an meine Studentenzeit in den 80ern. Damals, als es los ging mit dem Terror, dem “Waldsterben”, der “Friedensbewegung”, dem Drama um Tschernobyl usw., wurde jeder geächtet, der eine andere Auffassung hatte. Wer für Amerika, die NATO, die Bundeswehr war, wer sich dazu bekannte, gerne Auto zu fahren , der wurde als faschistoid bezeichnet. Ich wurde oft so tituliert. Deutschland wurde lächerlich gemacht, wo es nur ging. Präsident Reagan und der leider nicht zum Kanzler gewählte F. J. Strauß galten vielen als Verbrecher. Leider gibt es immer noch zuviel Kulturmarxismus, und was damals für viele Leute Reagan war, ist heute Präsident Trump.

Jörg Themlitz / 25.05.2020

Max Brod führt in “Heidentum Christentum Judentum” aus (´kaukasiche Völker, meint Moslems, haben in keiner Richtung irgendeine Bedeutung), das ein Amalgam aus Christentum und Heidentum die größte Dynamik entwickeln und die größte Macht entfalten wird. Selbst meine manchmal galoppierende Fantasie kann sich nicht ausmalen, dass für Max Brod ein Amalgan aus sozialistischer Kirche der Merkellinie in der CDU und dem Heidentum linker Westdeutscher auch nur ansatzweise vorstellbar gewesen ist. Sollte dieses schwarz, rot, grüne Gemisch zur Machtentfaltung gelangen und der Stimmzettel nur noch einen Kreis haben, in den jeder sein Kreuz machen muss! , wird es zum wiederholten Male schwierig, den nachfolgenden Generationen das zu erklären.

Marcel Seiler / 25.05.2020

Die linke und DDR-hörige Atmosphäre erlebte ich in den 70er Jahren in Westdeutschland. Diese Auffassungen konnte ich nie nachvollziehen können. Es war bedrückend. Jetzt sind wir In einer ähnlichen Situation: Deutschland, was die Menschenrechte angeht eines der erfolgreichsten Länder der Welt, wird von der tonangebenden Linken als minderwertiger und Verbrecherstaat denunziert. Warum?

Rainer Niersberger / 25.05.2020

Aus Fusionen anderer Art und Güte weiss man, und der Kommentator durfte es selbst erfahren, dass keineswegs der “groessere” oder finanziell “potentere” Partner mit deutlich mehr eingebrachtem “Material” derjenige ist oder sein muss, der danach den Ton oder die Musik bestimmt. Abgesehen von der schon immer im Westen, in einem bestimmten Teil der “Elite” (nicht unbedingt im technisch/naturwissenschaftlichen Teil) bestehenden grossen Sympathie fuer die linke Ideologie bis hin zu sozialistischen Massenmördern (fuer eine “gute Sache”) trafen 1989 zwei Gebilde aufeinander, die unterschiedlich gefestigt waren. Die einen hatten in Teilen immer noch, wenn auch zu Recht sehr umstrittene, Werte und Ueberzeugungen, die anderen, von der genannten” Elite “abgesehen, hatten hedonistischen Konsum, aber wenig Werte, von denen sie überzeugt waren. Da gab und gibt es immer noch weder Einstands - noch Verteidigungsintentionen fuer sogen.” westliche Werte”.  Damit ist der spätere, langfristige “Sieger” aehnlich vorhersehbar wie bei zwei aufeinandertreffenden Mannschaften, die unterschiedlich motiviert sind, die eine intrinsich ideologisch, die andere extrensich finanziell oder gar nicht.  Selbst ohne numerische Mehrheit bestimmen nun die (auch kadergeschulten) medial/politischen Damen des Ostens die Musik und die “leeren” Wessis lassen es mangels eigener “musikalischer” Alternative zu.

giesemann gerhard / 25.05.2020

Wer sich an die DDR-Diktatur anbiedert, der hat auch kein Problem mit dem Islamofaschismus. Wir beobachten das tagtäglich.

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