Volker Seitz / 02.03.2019 / 10:00 / Foto: Pixabay / 5 / Seite ausdrucken

Malaria-Anstieg: Afrikaner schützen sich halbherzig

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat ihren Welt-Malaria-Bericht veröffentlicht. Die Infektionszahlen für Malaria haben sich zuletzt wieder erhöht. Die Zahl der erfassten Malaria-Erkrankungen stieg 2017 im Vergleich zum Vorjahr um gut zwei Millionen auf 219 Millionen Fälle. Etwa 90 Prozent aller Erkrankungen werden aus Afrika gemeldet. 435.000 Menschen, darunter rund 266.000 Kleinkinder, fielen der Krankheit zum Opfer. Rund 70 Prozent aller Malaria-Fälle betreffen elf Länder: Nigeria, Demokratische Republik Kongo, Mosambik, Burkina Faso, Kamerun, Ghana, Mali, Niger, Uganda, Tansania und Indien (hier allerdings die weniger gefährliche Art Plasmodium vivax). 2017 waren in Nigeria rund 59 Millionen Menschen an Malaria erkrankt. Der Report lässt durchblicken, dass das Engagement dieser Länder als zu gering eingeschätzt wird. Richtige Prioritäten haben einmal mehr Äthiopien und Ruanda gesetzt. Dort ist die Zahl der Erkrankungen deutlich zurückgegangen. 

Die Hoffnungen auf die Einführung eines Impfschutzes sind aber immer wieder enttäuscht worden. Malaria wird von Plasmodien ausgelöst. Diese Parasiten sind vom Differenzierungsgrad her viel weiter entwickelt als Bakterien. Sie entwickeln schneller Resistenzen, das heißt, ein Impfstoff, der tatsächlich Erfolge zeigt, kann bereits sehr schnell wieder untauglich sein. Neu entwickelte Mittel werden rasch unwirksam, zumal wenn sie schon massenhaft zur Vorbeugung eingesetzt wurden. Ein Impfstoff mit dem sperrigen Namen RTS,S/AS01 wurde an der New York Universität entdeckt und von dem britischen Pharmaunternehmen Glaxo SmithKline (GSK) entwickelt. Der Impfstoff ist im Herbst 2013 von der Firma GSK zur begrenzten Anwendung und für Studien in sieben afrikanischen Ländern ausgeliefert worden. Nach insgesamt drei Teilimpfungen konnte mindestens ein Drittel der Geimpften für vier Jahre vor einer Erkrankung bewahrt werden. Dies könnte bedeuten, dass jährlich bis zu 200.000 Todesfälle verhindert würden. Es bleibt abzuwarten, wie lange ein Impfschutz überhaupt anhält, weil der Spiegel der schützenden Antikörper mit der Zeit deutlich absinkt. Die Staatengemeinschaft, vor allem die USA und die britische Regierung, investierte laut WHO insgesamt rund 3,1 Milliarden US-Dollar. 

Keine Luft unterm Moskitonetz

Hauptursache für die weite Verbreitung sind schlechte hygienische Bedingungen, vor allem in ländlichen Regionen. Die Anopheles-Mücke (Anopheles ist das griechische Wort für „schädlich“) sticht meist in der Dämmerung zu. Die Überträger der Malariaparasiten sind tagsüber weniger aktiv. Aus medizinischen und epidemiologischen Gründen lohnt es sich, immer wieder moskitofreundliche Pfützen und andere Stellen mit stehendem Wasser trocken zu legen. In Seen, Pfützen, Sümpfen legen sie ihre Eier ab, die sich innerhalb von wenigen Tagen zu neuen Mücken entwickeln. Brackwasser mit Müll vermischt bildet den besten Nährboden auch für Aedesmücken, die Gelbfieber, Dengue oder Zika übertragen. Um ihre Eier zu ernähren, benötigen die weiblichen Mücken Blut. Nur die Weibchen ernähren sich vom Blut der Menschen und deshalb sind auch nur sie gefährlich.

Moskitonetze sind, gemeinsam mit langer heller, mückenfester Kleidung ein guter Schutz gegen die gefährlichen Stiche. Zusätzlich müssen unbedeckte Körperteile (Nacken, Knöchel, Gesicht etc.) mit Repellents eingerieben werden. Es gelten vor allem mit Insektiziden imprägnierte Netze über den Betten als wirksame, billige und praktikable Bekämpfungsmethode. Bislang mit nur mäßigem Erfolg. In 88 Ländern, davon 39 in Afrika, werden die Moskitonetze kostenlos verteilt. Nur leider nehmen nach meinen Erfahrungen selbst gebildete Afrikaner das Angebot nicht ausreichend an. Viele der Empfänger zweckentfremden die robusten Netze (zum Beispiel für die Landwirtschaft, als Fischernetze, Vorhänge oder Siebe), weil es ihnen angeblich unter den Netzen zu heiß ist. Auch William Easterly hat von unsachgemäßer Verwendung der Netze berichtet. Nicht selten nutzen sogar die gebildeten afrikanischen Projektleiter von Wohltätigkeitsorganisationen – etwa vom Global Fund zur Bekämpfung unter anderem von Malaria (die die Netze kostenlos verteilen und der Bevölkerung den Nutzen dieser Netze zur Verhinderung der Malaria nahebringen sollen) – die Netze selbst nicht. Sie gaben mir gegenüber ganz offen zu, dass sie es lästig fanden, darunter zu schlafen. Sie bekämen darunter keine Luft. Die Lerneffekte der Bevölkerung zur sachgerechten Anwendung der Netze waren entsprechend gering.

Gerade ist mir aus dem Sahel ein Bericht zugegangen: „In den Familien werden die Netze nicht schonend behandelt, selten repariert, die Imprägnierung nicht erneuert. Für viele Familien ist es auf Dauer finanziell nicht möglich, alle 5 Jahre neue Netze [ca. 3 Euro] zu kaufen. Unrat und Unordnung sind Brutstätten für die Mücken. Die Menschen werden vor allem in der Dämmerung gestochen, nicht in der Nacht. Kinder sind dem in der Regel ungeschützt ausgesetzt. Die Netze bestehen aus engmaschigem Kunststoff und sind in den schlecht belüfteten Räumen und der Enge sicherlich unangenehm. Während der Erntezeiten bleiben die Familien auf den Feldern – ohne Netze. Wird dann jemand krank, wird er oft falsch behandelt. Unqualifizierte „Mediziner“ verordnen ohne jede Voruntersuchung oft gefälschte und falsche Medikamente oder man geht zum Guérisseur [Heiler] oder zur Straßenapotheke und nimmt irgendetwas. Der falsche Einsatz der Medikamente beschleunigt die Resistenzbildung. Die Kinder sterben meist an Dehydration und Erschöpfung, weil sich nicht ausreichend, adäquat und vor allem nicht zeitig um sie gekümmert wird. Eigentlich ist es unverständlich, warum sich dieser Zustand nach so vielen Jahren der Intervention nicht gebessert hat. Man hinterfragt die Todesursachen nicht ausreichend und sieht im Verlust Allahs Wille. Die Mediziner kommen daher kaum in die Verlegenheit, dafür verantwortlich gemacht zu werden.“

Der WHO zufolge leben in Afrika immer noch rund 280 Millionen Menschen ohne adäquates Moskitonetz in ihrem Zuhause.

 

Volker Seitz war von 1965 bis 2008 in verschiedenen Funktionen für das deutsche Auswärtige Amt tätig, zuletzt als Botschafter in Kamerun, der Zentralafrikanischen Republik und Äquatorialguinea mit Sitz in Jaunde. Er gehört zum Initiativ-Kreis des Bonner Aufrufs zur Reform der Entwicklungshilfe und ist Autor des Buches „Afrika wird armregiert“. Die aktualisierte und erweiterte Taschenbuchausgabe erschien im September 2018. Volker Seitz publiziert regelmäßig zum Thema Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika und hält Vorträge.

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Wolfgang Kaufmann / 02.03.2019

Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Wenn es den Afrikanern zu viel Mühe macht, Brunnen zu reparieren, Pfützen trockenzulegen oder Netze zu aufspannen, dann ist es ihre eigene Entscheidung. Nur sollten sich unsere kirchlichen Gutmenschen dort auch heraushalten. – So wie es keinen Sinn macht, die Folgen sinnloser Fertilität für europäische Augen schönzuspenden. Sie wollen es, sie kriegen es. Ihre Art zu leben.

Reinhard Lichti / 02.03.2019

Wie ist das Verhältnis von Menschen die durch DDT-Rückstände geschädigt wurden zu den Menschen, die durch das DDT-Verbot an Malaria gestorben sind? Wieviel Aufwand wird in Deutschland an die Chimären Feinstaub, Stickoxide und CO2-Wahn verschwendet anstatt reale Probleme wie eine wirksame Malariabekämpfung anzugehen?

Peter Wachter / 02.03.2019

Ach das ist doch in D-Land so ähnlich, Impfmüdigkeit und/oder Impfgegner, deshalb gibt es z.B. in den letzten Jahren, jedes Jahr eine Masernausbruch. Ich habe gerade erfahren, das man sich gegen Gürtelrose impfen lassen kann und es sogar meine Gesundheitskasse bezahlt, klar das ich da mitmache, möchte meine Rente dann möglichst lange gesund genießen.  Meine Kollegen meinen, das wird ihnen schon nicht passieren, so ist es auch mit den Vorsorgeuntersuchungen. Allen Lesern ein gesundes und glückliches WE und Leben. Passt uff euch uff!

Herbert Plum / 02.03.2019

Da dürfen sich die Afrikaner bei Rachel Carson bedanken, die vor ca. einem halben Jahrhundert behauptet hat, der Frühling bliebe stumm.

Dr. Gerhard Giesemann / 02.03.2019

Na, wenn es doch Allahs Will ist. Ruanda scheint erfolgreich zu sein in diesem Punkt, immer noch hoffnungslos überbevölkert, auch nach dem Völkermord - aber stockkatholisch. Ist eben Gottes Wille.

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