Henryk M. Broder / 12.04.2010 / 23:47 / 0 / Seite ausdrucken

Majdal Shams - Humus am Fuße des Hermon

Wenn in Metulla um zehn Uhr morgens die Sirenen heulen, dann hat das in der Regel damit zu tun, dass die Hisbollah die Reichweite ihrer “selbst gebastelten” Raketen ausprobiert. Heute aber war Jom ha’Shoah, Holocaustgedenktag, in Israel, und überall im Lande, von Metulla im Norgen bis Eilat im Süden, heulten die Sirenen, blieben die Autos mitten auf der Straße stehen, standen die Menschen zur Erinnerung an die sechs Millionen ermordeter Juden eine Minute lang still.

Von Dortmund, Duisburg und aus der Sicht jüdischer Antisemiten wie Gilad Atzmon betrachtet, ist das natürlich nur ein zionistisches Propagandamanöver, um von den Untaten der Zionisten an den Palästinensern abzulenken, “Missbrauch des Holocaust”, würde Norman Finkelstein sagen und damit seinen Freunden bei der “jungen Welt” und der “National-Zeitung” aus dem Herzen sprechen.

Wir standen natürlich auch auf, stellten uns ans Fenster und sahen: nichts. Denn um zehn Uhr morgens liegt Metulla noch im Tiefschlaf. Dann frühstückten wir in Ruhe zu Ende und machten uns auf den Weg über Kiryat Shmona auf die Golanhöhen. Irgendwo bei Banias verläuft die alte Demarkationslinie zwischen Israel und Syrien, aber man sieht nirgendwo einen Hinweis, dass man eine Grenze überquert. Man sieht übrigens auch keine Soldaten und keine Panzer, es ist, als würde man von Bayern nach Österreich fahren. Nur ist die Landschaft noch spektakulärer, und wenn irgendwo das abgenutzte Wort “atemberaubend” angemessen wäre, dann hier, auf der Road 99.

Besonders irre ist der Panorama-Blick von der Burg Nimrod, die im 13. Jahrhundert erbaut wurde, entweder von den Kreuzfahrern oder von einem Verwandten des großen Saladin. Unumstritten ist nur, dass sie an der alten Strasse von Tyros nach Damaskus liegt. Wir aber wollen nur nach Majdal Shams, eine drusische Stadt am Fuße des Hermon, um dort im Hashalom Oriental Restaurant zu essen. Der Wirt, ein dicker Druse namens Hamad, sieht wie ein Bruder von Ali Baba aus. Er ist freilich nicht mehr da, sein Sohn Jamal hat das Geschäft übernommen, aber das Essen ist das gleiche geblieben. Während wir tafeln, schläft Jamal im Sitzen am Nebentisch ein.

Dann gehen wir gegenüber ins “Cafe & Condetoria Mareia”, und ehe wir mit dem Tee, dem Kaffe und den Süßspeisen durch sind, ist es sechs Uhr, die Sonne geht unter und ein kühler Wind kommt auf. Wir machen uns auf den Heimweg. In einem Cafe in Mas’adah fällt uns ein Poster auf, das in der Tür hängt. Es zeigt die Landkarte von Syrien in den syrischen Nationalfarben Rot, Weiss und Schwarz. Wir wollen wissen, was auf dem Poster geschrieben steht. “Nichts Besonderes”, sagt der Wirt, “es geht um eine Feier zum syrischen Unabhängigkeitstag am 17. April”.

Die Drusen auf dem Golan haben israelische Personalausweise, betrachten sich aber noch immer als Syrer. Es ist ja nicht ganz ausgeschlossen, dass Israel eines Tages die 1981 annektierten Golanhöhen an Syrien zurückgeben wird, und dann möchten die Drusen nicht als Kollaborateure begrüsst werden. Also halten sie Distanz zu Israel, ohne über die Besatzung zu klagen, von der man auf dem Golan, anders als in der Westbank, nichts merkt. Es gibt keine Straßensperren, keine No-Go-Areas und keine auffällige Präsenz der Armee. Dafür Busse voller Touristen, die genug Geld da lassen, um Ruhe und Wohlstand zu garantieren.
Nach einer Dreiviertelstunde sind wir wieder in Metulla. Der Jom ha’Shoah ist vorbei. Über dem Golan hängen dunkle Wolken. Morgen könnte es regnen. In dieser Region muss man immer mit dem Schlimmsten rechnen.

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