Paris – Montag, 10. Dezember 2018. Rede des französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron an die Nation. Die französische Originalfassung findet sich hier.
Gebt dieser Wut eine Chance
Französinnen und Franzosen, wir versammeln uns zum Gespräch um unser Land und unserer Zukunft. Die Ereignisse der letzten Wochen in Frankreich und Übersee haben die Nation tief erschüttert. Sie haben legitime Forderungen mit einer Reihe inakzeptabler Gewalttaten vermischt, und ich möchte Ihnen sofort sagen, dass diese Gewalttaten nicht von Nachsicht profitieren werden.
Wir alle haben das Spiel der Opportunisten gesehen, die versucht haben, den aufrichtigen Zorn zu nutzen, um sie in die Irre zu führen. Wir alle haben die unverantwortlichen Politiker gesehen, deren einziger Plan darin bestand, die Republik zu erschüttern und Unordnung und Anarchie zu suchen. Es gibt keinen Zorn, um den Angriff auf einen Polizisten, einen Gendarm, ein Unternehmen oder öffentliche Gebäude zu rechtfertigen. Unsere Freiheit besteht nur, weil jeder seine Meinung äußern kann, andere können sie nicht teilen, ohne dass jemand Angst vor diesen Meinungsverschiedenheiten haben muss.
Wenn Gewalt ausbricht, hört die Freiheit auf. Deshalb ist es jetzt an der Zeit, dass sich eine ruhige und republikanische Ordnung durchsetzt. Wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, um dies zu erreichen, denn nichts wird auf nachhaltige Weise aufgebaut werden, solange es Ängste um den zivilen Frieden gibt. Ich habe der Regierung in dieser Hinsicht die strengsten Anweisungen gegeben.
Aber zu Beginn all dessen vergesse ich nicht, dass es Wut und Empörung gibt, eine Empörung die viele von uns, viele Franzosen teilen, und ich will sie nicht auf das unannehmbare Verhalten reduzieren, das ich gerade angeprangert habe.
Es war zunächst der Zorn gegen eine Steuer, und der Premierminister reagierte, indem er alle für Anfang nächsten Jahres geplanten Erhöhungen annullierte und strich, aber dieser Zorn sitzt tiefer, ich glaube, er ist in vielerlei Hinsicht berechtigt. Er kann unsere Chance sein.
Er ist der eines Paares, dessen Gehalt nicht bis zum Monatsende reicht, das aber jeden Tag früh aufsteht und spät abends zurückkommt, um weit entfernt zu arbeiten.
Es ist der einer alleinerziehenden Mutter, verwitwet oder geschieden, die sich keine Kinderbetreuung leisten und ihre Situation verbessern kann und keine Hoffnung mehr hat. Ich habe sie gesehen, diese mutigen Frauen, die an den vielen Kreisverkehren zum ersten Mal dieser Not Ausdruck gaben
Er ist der der bescheidenen Rentner, die ihr ganzes Leben lang eingezahlt haben und oft sowohl Eltern als auch Kindern helfen und nicht mehr auskommen.
Es ist der der Schwächsten, der Menschen mit Behinderungen, deren Platz in der Gesellschaft noch nicht ausreichend anerkannt ist. Ihre Not war nicht neu, aber man hatte sich daran gewöhnt und tief im Inneren geschah alles, als ob sie vergessen, ausradiert worden wären.
Vierzig Jahre des Unbehagens sind jetzt aufgetaucht: das Unbehagen der Arbeitnehmer, die sich nicht mehr zurechtfinden; das Unbehagen der Gebiete, Dörfer und Viertel, in denen die öffentlichen Dienstleistungen reduziert werden und die Lebensumwelt verschwindet; das demokratische Unbehagen, in dem sich das Gefühl entwickelt, nicht gehört zu werden; das Unbehagen der Veränderungen in unserer Gesellschaft, des erschütterten Säkularismus und der Lebensweisen, die Barrieren und Distanz schaffen.
Es kommt aus weiter Ferne, aber es ist jetzt da.
Wir waren in anderthalb Jahren zweifellos nicht in der Lage, eine ausreichend schnelle und starke Antwort zu geben. Ich übernehme meinen Teil dieser Verantwortung. Ich habe Ihnen vielleicht das Gefühl gegeben, dass es mir nichts ausmacht, dass ich andere Prioritäten habe. Ich weiß auch, dass ich einige von euch mit meinen Worten verletzt habe. Ich möchte heute Abend ganz eindeutig sein. Wenn ich gekämpft habe, um das politische System, die Gewohnheiten, die Heucheleien zu erschüttern, dann gerade, weil ich mehr als alles andere an unser Land glaube und es liebe und weil meine Legitimität, nicht von einem Titel, einer Partei, oder einer Clique beziehe, ich beziehe sie nur von Ihnen und von niemand anderem.
Viele andere Länder durchleben diese schlechte Phase, aber ich glaube fest daran, dass wir gemeinsam einen Ausweg finden können. Ich möchte dies für Frankreich, denn es ist unsere Berufung im Laufe der Geschichte, Wege zu eröffnen, die von uns und der Welt zuvor nicht gegangen wurden.
Ich möchte das für alle uns Franzosen, denn ein Volk, das so gespalten ist, das seine Gesetze und die Freundschaft, die es vereinen muss, nicht mehr respektiert, ist ein Volk, das verloren ist.
Ich will es auch, weil ich mich in Antizipation dieser Krise um ihre Stimme beworben habe und weil ich diese Verpflichtung und diese Notwendigkeit nicht vergessen habe.
Zunächst möchte ich heute den wirtschaftlichen und sozialen Notstand ausrufen. Wir wollen ein Frankreich des Verdienstes, der Arbeit, eines Frankreichs aufbauen, in dem unsere Kinder besser leben werden als wir. Dies kann nur durch bessere Schulen, Universitäten, Lehrstellen und Ausbildungen erreicht werden, die den Jüngsten und Ältesten beibringen, was es braucht, um frei zu leben und zu arbeiten.
Die Investitionen in die Nation, in die Schule und Ausbildung sind beispiellos, das bestätige ich.
Wir wollen ein Frankreich, in dem die Menschen von ihrer Arbeit in Würde leben können. In diesem Punkt sind wir zu langsam vorgegangen. Ich möchte zu diesem Thema schnell und konkret eingreifen. Ich fordere die Regierung und das Parlament auf, das Notwendige zu tun, um sicherzustellen, dass wir von unserer Arbeit Anfang nächsten Jahres besser leben können. Das Gehalt eines Arbeiters im SMIC wird ab 2019 um 100 Euro pro Monat steigen, ohne dass der Arbeitgeber einen zusätzlichen Euro kostet.
Ich möchte auf die richtige Idee zurückkommen: dass die angenommene Mehrarbeit ein zusätzliches Einkommen darstellt; Überstunden werden ab 2019 ohne Steuern und Gebühren bezahlt. Und ich möchte, dass eine echte Verbesserung sofort spürbar wird; deshalb werde ich alle Arbeitgeber, die es können, bitten, ihren Arbeitnehmern einen Jahresabschlussbonus zu zahlen, und dieser Bonus wird keine Steuern oder Gebühren zahlen müssen.
Rentner sind ein wertvoller Teil unserer Nation. Für diejenigen, die weniger als 2.000 Euro pro Monat erhalten, werden wir 2019 den Anstieg der CSG (Red. Anmerkung: Sozialversicherung), der in diesem Jahr zu verzeichnen war, absagen; der Beitrag, um den sie gebeten wurden, war zu groß und es war nicht fair. Ab morgen wird der Premierminister alle diese Entscheidungen den Parlamentariern vorstellen.
Aber wir dürfen es damit nichtbewenden lassen. Ich brauche unsere großen Unternehmen, unsere wohlhabendsten Bürger, um der Nation zum Erfolg zu verhelfen; ich werde sie zusammenbringen und zu diesem Zweck diese Woche Entscheidungen treffen. Ich weiß, dass einige wünschen, dass ich in diesem Zusammenhang auf die Reform der Vermögenssteuer zurückkomme, aber seit fast 40 Jahren gibt es sie; haben wir in diesem Zeitraum besser gelebt? Die reichsten Menschen verließen das Land und unser Land wurde schwächer. Gemäß den Ihnen gegenüber eingegangenen Verpflichtungen wurde diese Steuer für diejenigen abgeschafft, die in unsere Wirtschaft investieren und damit zur Schaffung von Arbeitsplätzen beitragen; im Gegenteil, sie wurde für diejenigen beibehalten, die über Immobilienvermögen verfügen.
Ein Rückschritt würde uns in einer Zeit schwächen, in der wir Arbeitsplätze in allen Bereichen schaffen. Die Regierung und das Parlament müssen jedoch noch weiter gehen, um ungerechtfertigte Vorteile und Steuerhinterziehung zu beenden. Der Manager eines französischen Unternehmens muss seine Steuern in Frankreich zahlen, und die großen Unternehmen, die dort Gewinne erzielen, müssen Steuern zahlen, das ist einfache Gerechtigkeit.
Wie Sie sehen können, werden wir auf die wirtschaftliche und soziale Notlage mit starken Maßnahmen, schnelleren Steuersenkungen, einer besseren Kontrolle der Ausgaben und nicht mit Rückschlägen reagieren.
Ich beabsichtige, dass die Regierung das Ziel der Transformation unseres Landes verfolgt, die das Volk vor 18 Monaten gewählt hat; wir haben eine tiefgreifende Reform des Staates, der Arbeitslosenunterstützung und der Renten vor uns. Sie sind unerlässlich. Wir wollen gerechtere, einfachere, klarere Regeln, die diejenigen belohnen, die arbeiten.
Aber heute geht es auch um unser gemeinsames Projekt, das wir erneuern müssen. Für Frankreich und für Europa. Deshalb muss die angekündigte nationale Debatte viel umfassender sein. Dazu müssen wir zunächst alle unsere Aufgaben gemeinsam erfüllen. Dazu gehört die Pflicht zu produzieren, um umverteilen zu können, die Pflicht zu lernen, um ein freier Bürger zu sein, die Pflicht zur Veränderung, um der Dringlichkeit unserer Klima- und Haushaltsschulden Rechnung zu tragen.
Um erfolgreich zu sein, müssen wir zusammenkommen und alle für die Nation wesentlichen Fragen angehen. Ich möchte, dass die Fragen, die die Repräsentation betreffen, gestellt werden; die Möglichkeit eines besseren Verständnisses der Meinungsvielfalt, ein faireres Wahlrecht, die Berücksichtigung der Vote Blanc (Red. Anmerkung: die Tatsache, dass man nicht für einen der Kandidaten oder einen der Vorschläge im Falle eines Referendums stimmt) und sogar die Zulassung von nicht parteigebundenen Bürgern. Ich möchte die Frage nach dem Gleichgewicht unserer Steuern stellen, damit sie sowohl Gerechtigkeit als auch Effizienz im Land ermöglichen. Ich möchte, dass die Frage nach unserem täglichen Leben gestellt wird, um dem Klimawandel zu begegnen: Wohnen, Reisen und Heizen. Und auch aus der täglichen Praxis werden richtige Lösungen hervorgehen.
Ich möchte die Frage nach der Organisation des Staates stellen, nach der Art und Weise, wie er von Paris aus regiert und verwaltet wird, wahrscheinlich zu zentralisiert seit Jahrzehnten. Und die Frage des öffentlichen Dienstes in allen unseren Gebieten.
Ich möchte auch, dass wir uns mit der Nation selbst darüber einig sind, was ihre tiefe Identität ist, um das Problem der Einwanderung anzugehen. Wir müssen uns dem stellen.
Diese grundlegenden Veränderungen, die eine tiefgreifende und gemeinsame Reflexion erfordern, erfordern eine beispiellose Debatte. Sie muss auf nationaler Ebene in unseren Institutionen stattfinden, jeder wird seinen Teil dazu beitragen können: Regierung, Versammlungen, Sozialpartner und Verbände; Sie werden Ihren Teil dazu beitragen. Ich möchte es selbst koordinieren, erhalten.
Aber eine solche Debatte ist nicht nur Sache der institutionellen Vertreter; sie muss auch überall vor Ort stattfinden, und es gibt natürliche Gesprächspartner, Bürger, die Anfragen entgegennehmen und als Relais fungieren müssen: Sie sind die Bürgermeister; sie bringen die Republik vor Ort. Deshalb werde ich mich mit den Bürgermeistern Frankreichs Region für Region treffen, um den Grundstein für unseren neuen Vertrag für die Nation zu legen.
Wir werden nicht zum normalen Verlauf unseres Lebens zurückkehren, wie in der Vergangenheit allzu oft in ähnlichen Krisen, ohne dass etwas wirklich verstanden wird und sich nichts ändert. Wir befinden uns in einem historischen Moment für unser Land: Durch Dialog, Respekt und Engagement werden wir erfolgreich sein.
Wir sind bei der Arbeit und ich werde auf Sie zurückkommen, um Ihnen Bericht zu erstatten.
Meine einzige Sorge gilt dir, mein einziger Kampf ist für dich.
Unsere einzige Schlacht ist für Frankreich.
Es lebe die Republik, es lebe Frankreich.
Beitragsbild: Remi Jouan CC-BY 4.0 via Wikimedia Commons

Die Halbanalphabeten im Kommunismus reagierten ähnlich, um die Massen ruhig zu halten, mit Bonbons, die sie auf Pump kauften, bis das Defizit ihnen über den Kopf wuchs. Das tat den Herrschenden im Kommunismus weh, denn sie waren lebenslang an der Macht. Dem französischen Macrönchen ist es aber wurscht, er wird ja nicht mehr lange da sein (in demokratischen Ländern läuft es nun einmal anders als in Deutschland, wo man selbst das Handtuch schmeißen muss). Nach ihm die Sintflut. Er ist schon der dritte Schwächling, der sich in Frankreich Präsident schimpft. Zumindest landet er nicht unter der Guillotine wie einst ein schwacher Herrscher. Dass auch in Deutschland Elend herrscht, ist kein Trost.
Kürzlich schrieb ich, dass das deutsche BIP mit 44 Tsd. € p.a. und p.p. bei nur 67 % Staatsverschuldung, ökonomisch gesehen, um Lichtjahre vor den Werten Frankreichs liegt. La Franze hat ein BIP von 39 Tsd. p.a. und p.p. bei einer Staatsverschuldung von nahe 100%. Das heisst, die 66 Mio. Franzosen arbeiten und erwirtschaften weniger. Sie tragen zur Staatsveschuldung mehr bei. Wer nach Ursachen fragt, erkennt, dass die franz. Einkommen höher sich sind und die Fami-lienvermögen sehr viel höher. In jeder Hinsicht geht es den Franzosen besser. Lediglich ein paar Superreiche hat Deutschland mehr. Frankreich ist ein schlaff organisierter Beamtenstaat, mit zu wenigen Ingenieuren und Kaufleuten. Es läuft weniger und das immer schlechter. Die Franzosen sind mindestens seit der Ära des Presidenten Sarkozi enorm reformfeindlich. Niemand hat eine Agenda 2010 versucht.. Die nun beginnenden "Spar- und Reformjahre" stoßen auf den Widerstand der Straße. Macron braucht die direkte Ankoppelung an deutsche Geldquellen !!! Man umschreibt das mit "Gemeinsames Budget". Und will einen gemeinsamen Finanzminister. Wir sollten uns die "Hosen zubinden". Weil das sonst Ausbeutung bei Stagnation mitsich bringt -- und sogar Feindschaft fördert.
Wir sind auf der Arbeit und ich komme zurück um Ihnen (dem Volk?) Bericht zu erstatten? Da kann der Bürger gespannt sein wie dieser Bericht ausfallen wird. Großartig Herr Macron, mehr davon.
Danke für Ihre Mühen um uns Originalquellen zu liefern. Aber um ehrlich zu sein: aus meiner Sicht gibt es keine sinnlosere Zeitverschwendung als sich Politiker-Sprechblasen anzutun. Das ist doch spätestens seit Merkel unerträglich. Dafür zahle ich doch schließlich meine Achsen-Patenschaft, damit seriöse Journalisten das bisschen Substanz aus der Grube politischen Dünnschisses fischen. Ist wirklich eine Drecksarbeit, aber auch die will erledigt sein.
Das übliche Gelaber. Aber so ganz nebenbei: "...die weniger als 2000 € Rente haben..." - mein lieber Mann, am Hungertuch nagen die Franzosen offensichtlich nicht, denke ich an unsere Durchschnitts- renten.
Dieser Präsident will etwas haben, was alle Politiker in dieser Welt haben wollen: ein braves Volk. Wie glaubt eigentlich dieser Mann, wie glauben eigentlich nahezu alle Politiker weltweit, wie GRUNDHAFTE Veränderungen in ihren Ländern zustande kommen können? Dadurch, dass niemandem weh getan wird, alle Institutionen der Macht unberührt bleiben? Hat dieser Mann begriffen, auf wessen Schultern er eigentlich steht? Er steht auf den Schultern derjenigen von 1789. Und die haben sich mit dem dargebotenen Kuchen der Marie Antoniette nicht zufriedebn gegeben. Mein sehnlichster Wunsch ist, dass wir hier in D uns von dem Kuchen der AM nicht länger korrumpieren lassen.
Bla Bla. Ich möchte, ich beabsichtige, wir wollen, wir dürfen nicht... Blabla im Quadrat. Macron ist das beste Beispiel dafür, dass man nicht jemand wählt, weil man jemand anders verhindern will. Die Franzosen haben die Lungenetzündung bekommen, weil sie Schnupfen verhindern wollten. Wir in Deutschland haben die Pest bekommen, weil wir Pubertätspickel verhindern wollten (in diesem Falle zähle ich nicht zum wir!!)