Gastautor / 06.08.2013 / 17:43 / 3 / Seite ausdrucken

Lyssenko lässt grüßen

Hans-Jörg Jacobsen

Am Ende der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts entwickelte sich – vor der Machtergreifung der Nazis, aber durchaus mit deren Ideologie mitschwingend- ein dunkles Kapitel der deutschen Wissenschaftsgeschichte, die sogenannte „Deutsche Physik“. Verkürzt dargestellt, wurde die „jüdische“ Relativitätstheorie verteufelt, stattdessen entwickelte man Theorien zu „Ätherkräften“. Heute wissen wir, dass Einstein Recht hatte und Ätherkräfte nur noch bei Handystrahlen-Paranoikern oder baubiologischen Quacksalbern Konjunktur haben.

Es ist daher nicht verwunderlich, dass es im Deutschland des heraufziehenden braunen Mainstreams zu einem Exodus vieler exzellenter, vor allem jüdischer Physiker kam. Die meisten gingen in das angelsächsische Ausland. Ihre Positionen wurden nach der Machtergreifung der Nazis häufig (aber nicht immer) von Physikern besetzt, die sich aus Karrieregründen diesem Mainstream anschlossen. Die Physik in Deutschland hat diese unselige Periode nach dem Krieg zum Glück schnell überwunden. 

Aber auch in der anderen ideologisch begründeten Mega-Diktatur des letzten Jahrhunderts kamen Wissenschaftler unter die ideologischen Räder: Genetiker in der damaligen Sowjet-Union, die von den Ergebnissen Gregor Mendels überzeugt waren und diese weiter entwickelt hatten trafen auf die Lehren eines Herrn Lyssenko, der, getreu der Marx´schen Maxime „Das Sein prägt das Bewusstsein“ den Weizen davon überzeugen wollte, dass er auch in Sibirien wachsen würde, wenn man ihn nur entsprechend behandle. Dies hatte zwar Millionen Hungertote in der Sowjetunion zur Folge, weil das Saatgut diesen Versuchen ausgesetzt wurde und nicht für die Produktion von Brotgetreide in den Kornkammern zur Verfügung stand, nur: Leider hatten in der SU die wissenschaftlich argumentierenden Genetiker nicht die Möglichkeit auszuwandern, viele endeten, wie der Begründer der Genzentren-Theorie, Wavilov, im GULAG.

Zu weit hergeholt? Dann schaue man sich mal die Theorien mancher Bio-Anbauverbände wie DEMETER an, die auch vom Gedanken des Wirkens kosmischer Kräfte beseelt sind und diese „Ätherkräfte“ mit Hornkiesel-gefüllten Kuhhörnern in ihren Acker zwingen wollen, um die Pflanzen widerstandsfähiger zu machen. Man betrachte die merkwürdigen Ansichten zur Pflanzenzüchtung dieser Kreise („Unsere Landsorten passen sich schon an den Klimawandel an!“). Heute muss man zwar nicht mehr um sein Leben fürchten, wenn man sich derartigen Spinnern widersetzt (es sei denn, man ist Wachmann bei einem gentechnischen Freisetzungsversuch in Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern und wird von selbst-ernannten „Feldbefreiern“ gefoltert), man muss nicht in den GULAG und man kann auswandern.

Im Bereich der „grünen Gentechnik“ ist somit nun wieder ein Exodus von Forschung und Forschern zu beobachten: Die Verkündung der BASF von 2012, die gesamte Forschung in diesem Bereich in die USA zu verlagern, markiert den vorläufigen Endpunkt einer Entwicklung, die schleichend schon vor einigen Jahren eingesetzt hat. Die forschende Industrie ist schon zu einem großen Teil abgewandert, der BASF folgen nun auch die Forscher von Universitäten. Dies ist nur zu gut nachvollziehbar, wenn in deutschen Landen Koalitionsverträge zwischen roten und grünen Politikern geschlossen werden, die vereinbaren: „Auf Landesebene werden wir keine Forschung der grünen Gentechnik fördern“.

Wie weit geht das? Darf ein Wissenschaftler, der aus Landesmitteln bezahlt wird, mit Drittmitteln Forschung auf diesem mit dem ideologischen Bann belegten Gebiet betreiben? Darf er eine aus Landesmitteln finanzierte Klimakammer oder ein Gewächshaus nutzen, um dort seine gentechnisch veränderten Pflanzen zu untersuchen? Darf er während seiner vom Land Baden-Württemberg oder Niedersachsen oder Nordrhein-Westfalen oder Rheinland-Pfalz bezahlten Dienstzeit über Projekte zur grünen Gentechnik nachdenken oder muss er „Deutsche Physik“ betreiben, sorry, da habe ich mich jetzt aber verschrieben (aber nicht gelöscht…), ähh, muss er jetzt Biolandbaumethoden beforschen?

Eines muss man denen, die entweder kein Hochdeutsch können oder auch sonst keinen Respekt vor dem Grundgesetz haben, aber lassen: Sie haben elegant eine Verletzung des §5 GG („Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.“) umschifft. Hätte ich den Holzköppen gar nicht zugetraut.

Hans-Jörg Jacobsen ist Professor für Genetik an der Leibniz Universität Hannover und hat seine Freiland-Forschung mit transgenen Pflanzen seit 2012 nach Nordamerika verlagert.

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Leserpost

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Theo Bicking / 07.08.2013

Der “Lange Marsch” in die Bedeutungslosigkeit nimmt Geschwindigkeit auf. Schon sind Tierversuche abgeschafft, Menschinnenversuche etabliert. Ideologien ersetzen Wissenschaft. Deutsches Wachstum an Dummheit dient global als warnendes Beispiel wie man den Abstieg in die Bedeutungslosigkeit zu organisieren vermag. Nehmen wir das als Trost.

Frank Höhnisch / 06.08.2013

Hi hi, unter dem Artikel bekomme ich dafür eine Anzeige für Bio Eau de Toilette serviert. Ob bei dessen Produktion auch die giftige Gene im Spiel waren? Ein nicht geringer Anteil der Bevölkerung glaubt nämlich laut Umfragen, dass “genmanipulierte” Lebensmittel Gene enthalten, während das bei den anderen nicht so sei. :-)

Maria-Anna Konietzko / 06.08.2013

Lyssenko läßt auch auf anderem Gebiet grüßen und hat sich in Deutschland inzwischen erfolgreich ausgebreitet! Damals sollte der Weizen davon überzeugt werden, durch richtige Behandlung in Sibirien zu wachsen, heute können all die lieben Kinderlein angeblich durch entsprechende Beschulung zu Geistesriesen mit Nobelpreispotential heranwachsen, Vererbung und IQ gibt es nicht und sind sowieso verboten.  Da die Ergebnisse leider jämmerlich sind, versucht man es nun anders herum und hindert die wenigen Geistesriesen an ihrer Entfaltung (Hausaufgaben und Hilfe von engagierten Eltern werden sicher demnächst verboten)- eine Hungersnot der Schulbildung - auch das dem Geschehen um Lyssenko und Stalin abgeschaut. Da aber die Universitäten nach dem Exodus der Genforschung und verwandten Wissenschaften mit irgendetwas, am besten Weiblichem oder Migrantischem, aufgefüllt werden müssen, gibt es in Deutschland inzwischen ca. 250 Genderlehrstühle (Lehrstühlinnen?) und auch die Islam"wissenschaft” richtet sich in deutschen Universitäten gemütlich ein! Die Industrie wird es freuen, erhält sie doch haufenweise “Akademiker”! Mathematik und Naturwissenschaften sind für unsere Spaßjugend auch viel zu anstrengend, wer sich auf diesen Gebieten dennoch versucht, sollte immer schön darauf achten, Ergebnisse im Einklang mit den politischen Vorgaben zu fabrizieren (sonst ist die wissenschaftliche Karriere ganz schnell beendet, oder gibt es z. Bsp. noch “Klimaleugner” von professoralem Rang?). Nicht nur unsere persönliche Feiheit geht ihrem Ende entgegen, auch die Freiheit von Forschung und Wissenschaft war einmal!

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