Wolfgang Röhl / 15.08.2016 / 06:25 / Foto: Tim Maxeiner / 16 / Seite ausdrucken

Rettet die Demokratie, kauft mehr Zeitungen!

In der „Zeit“, dem unentbehrlichen Vademecum für die betreute Weltbetrachtung, erschien neulich ein Appell mit der Überschrift: „Was ich tun kann, um die Demokratie zu stärken, in der ich lebe.“ Das 10-Gebote-Programm rührte ein Hamburger Allerlei aus staatstragendem Ideengut zusammen, an dem sich der in seinen Ohrensessel versackte Pantoffelträger hochziehen konnte. Sich engagieren, vielleicht in einer Partei? Warum nicht? Für etwas Positives eintreten, eventuell sogar dafür demonstrieren? Auf geht’s! Mit den Nachbarn was Nettes veranstalten? Bombenidee! Die Demokratie dankt!

Allein, Punkt 10 erbaute denn doch nicht jedermensch. Er lautete: „Ich trete in die Kirche ein oder in eine aufgeklärte Glaubensgemeinschaft anderer Religionen, auch als Agnostiker. Diese Gemeinschaften halten die Gesellschaft zusammen, sie lehren die Tugenden des Umgangs: Höflichkeit, Freundlichkeit, Herzlichkeit. Sie bewahren mich vor dem Irrweg, alles besser zu wissen.“

Mal abgesehen davon, dass Letzteres sowieso ein Privileg von Zeit-Redakteuren bleiben sollte: Seit wann haben ausgerechnet Glaubensgemeinschaften irgendetwas mit Aufklärung oder Demokratie am Hut? Fragten irritierten Leser in Briefen an die Redaktion. Ob die Autorin der 10 Zeit-Gebote mit Karin-Göring-Eckardt verwandt oder verschwägert sei, wollte eine Dame wissen. Einer anderen fiel zu diesem Punkt nur das Verdikt „Schwachsinn“ ein - für die in aller Regel artige Leserschaft der gedruckten Zeit starker Tobak.

Der ulkige Höhepunkt einer käßmannesken Ethiksülze

Beim Geschnatter um die Kircheneintrittsverordnung fiel ein anderes Zeit-Gebot fast durch den Diskursrost – das vierte nämlich. Dabei liest es sich noch ulkiger als der Rest der käßmannesken Ethiksülze. O-Ton: „Ich informiere mich. Ich höre, lese oder sehe Nachrichten, kaufe gute Zeitungen (zahle für sie auch im Internet), damit erhalte ich die selbstbewusste und kritische Presse, die unsere Demokratie vor autoritären Einflüssen schützt (...)“.

Könnte Punkt 10 aus einem Stoßgebet der durch Mitgliederschwund schwer entbeutelten Amtskirchen stammen, so las sich Punkt 4 tendenziell wie eine Forderung des Bundesverbandes deutscher Zeitungverleger, denen bekanntlich seit Längerem massenhaft Leser abhanden kommen, siehe hier und hier.

Noch einen drauf setzte die Zeit mit ihrer Nummer von den „guten“ Zeitungen, welche „unsere Demokratie“ vor bösen Buben schützen soll. Das Blatt stellte sich treudoof; gerade so, als habe es keine Diskussion über die tendenziöse Rolle vieler Medien im Ukraine-Konflikt gegeben, als habe die furiose Silvestersause in Köln und die mediale Kopf-in-den-Sand-Taktik darüber niemals stattgefunden. Als sei die gesamte Debatte um die von allen „guten“ Zeitungen verordnete Willkommenskultur (welche mitunter Züge einer totalitären Kampagne annahm), auf einem anderen Planeten geführt worden. Und als hätten diese und andere formidable Lückenpresseleistungen nicht dafür gesorgt, dass viele Mainstream-Medien inzwischen ein dickes Glaubwürdigkeitsproblem haben.

Bildungshubernde Überheblichkeit, Belehrungseifer und Gouvernantengehabe

Nun ist die Wochenschrift von der Elbe, dank ihres bärenstarken Abonnenten-Anteils, im Gegensatz zu anderen Werbeträgern gut im Geschäft, wenn auch ihr langjähriges Auflagenwachstum gestoppt zu sein scheint. Die Zeit kann sich bildungshubernde Überheblichkeit, Belehrungseifer und Gouvernantengehabe, seit Dönhoff’schen Tagen seine Markenkerne, wohl noch ein Weilchen leisten. Die meisten Leser goutieren das sogar. „Haltung“ ist für sie ganz wichtig, Fakten spielen die dritte Geige. Der typische Zeit-Konsument möchte vor allem wissen, wo genau auf der selbstredend guten Seite er sich zu positionieren hat.

Die Autorin des Demokratiestärkungsprogramms heißt Sabine Rückert. Sie ist seit 2012 Mitglied der Zeit-Chefredaktion. Ihre publizistische Begleitung der Causa Kachelmann grenzte seinerzeit an versuchte Prozess-Intervention. Für den „FAZ“-Medienkritiker Michael Hanfeld setzten Rückerts Artikel „in puncto Parteilichkeit der Presse bei diesem Prozess neue Maßstäbe“. Was eine wie Frau Rückert unter „guten“ Zeitungen versteht, kann man sich ausmalen. Wenn das als Journalismus durchgeht, dann gehört die „taz“ in die Hall of Fame der Qualitätspresse. Und Franz Josef Wagner ins Literarische Quartett.

Foto: Tim Maxeiner

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Andreas Hartig-Tauber / 16.08.2016

“... ulkige Höhepunkt einer käßmannesken Ethiksülze” schon diese Formulierung zeigt treffend, wie authentisch dieses moralapostolische Geseier ist: Zero-Point-Zero ... Käßmann hat immerhin ihre verantwortungslose 1-2 Promille-Irrfahrt damit zur allseitigen Gefälligkeit zukleistern dürfen.

Michael Scheffler / 15.08.2016

Kleiner Kritikpunkt: sollte es nicht “ihre Markenkerne” heißen?

Hermann Lopes / 15.08.2016

Das Gegenteil ist der Fall. Bürger wenden sich von der Einheitspresse ab, sie gehen wie in Polen zur Solidarnosc-Zeit lieber spazieren, während die Staatsnachrichten über die Schirme flimmern. Der Bildzeitungs-Absturz in der Auflage mit bis zu 15 Prozent ist ein Beleg dafür, dass sich Andersdenkende nicht länger Umerziehen lassen wollen und den Kauf des Pro-Flüchtlingsblatts verweigern. Böser Deutscher, guter Flüchtling - diese Presse ala DDR ist dem Untergang geweiht. Es kommt noch eins hinzu: Böse deutsche Industrie! Die letzten Anzeigenkunden sollen ja auch den Bach runtergehen bevor die linksintellektuelle Mainstreampresse stirbt. In Deutschland gibt es leider keinen ausgewogenen Journalismus mehr. Deswegen ist die vierte Gewalt nicht mehr existent. Sie ist Teil des Staatssystems und nicht mehr sein Kritiker. Willkommen in der Post-DDR oder Sowjetunion.

B.Kröger / 15.08.2016

Unfassbar, auf welche Weise sich heute Menschen eine Stelle sichern können. Es ist alles noch zu toppen….

Rainer Boldom / 15.08.2016

Bei all dem träume ich schon seit Jahren einen Novalis-Traum: “... dann fliegt vor Einem geheimen Wort das ganze verkehrte Wesen fort.” Unter Geburtsfehlern leidet ‘unsere’ freiheitlich demokratische Grundordnung eher nicht. Aber die Degenerationsgeschwindigkeit der ‘vierten’ Gewalt ist unglaublich. Mein Vorschlag: Format c:\ - und dann die ‘vierte’ Gewalt mit komplett neuem Personal neu aufsetzen. Nicht daß ich mir da große Illusionen mache, aber ein paar Jahrzehnte Zeit könnte man damit schon gewinnen - bis der jetzige Zustand wieder erreicht ist.

Anne Cejp / 15.08.2016

Nett, wieder einmal etwas über die „Zeit“ zu erfahren. Seit diese sich dahin entwickelt hat, dass Beilage und Werbung aus „Zeitgeist in Häppchen“ und Accessoires für reiche Leute besteht und auf der letzten Seite nette Menschen über „das wirklich Gute im Leben“ wie herzige Erlebnisse mit den Enkelkindern u.ä. erzählen, rühre ich sie nicht mehr an, und ich werde durch Ihren Beitrag darin bestätigt.

Karl-Friedrich Hörnlein / 15.08.2016

Es steht ZEIT drauf, es ist aber leider keine Zeit mehr darin. Ich lese das Blatt nicht mehr.

Karla Kuhn / 15.08.2016

10 Punkte Programm, herrlich. Punkt 10 entspringt wohl dem Mittelalter. Wer verzapft denn so einen Mist?  Punkt 4 kann ich nur unterschreiben. Ich informiere mich aber auf den richtigen Blogs, z. B. auf der Achse. Bis eben wußte ich nicht, dass es nicht nur Gutmenschen gibt, sondern auch Gutzeitungen.  Einen Effekt hat das Ganze, ich habe herzlich gelacht, danke Herr Röhl.

Dirk Verwiebe / 15.08.2016

Well, aus eigener Erfahrung weiß ich, dass der Umgang der Verlage mit den Zustellern knapp an Sklaverei und Leibeigenschaft vorbeischrammt (nix Mindestlohn). Von daher kann ich bei diesen Forderungen noch nicht einmal lachen.

Rupert Drachtmann / 15.08.2016

Vielen Dank Herr Röhl für diesen wunderbaren Artikel. Exakt das ist ein großes Problem unserer Zeit. Die “Realität” wird in einer Art “Second Life” herbeigeschrieben, herbeigedichtet. Sei der Inhalt noch so schräg. Solange dies nicht wirksam entlarvt wird, wird ein großer Teil der “Realität” weiterhin durch unsere Staatsmedien bestimmt. Da sind wir zwischenzeitlich näher an türkischen Verhältnissen als wir es je zugeben würden. Schade ist nur, dass die “Zeit” aktuell wahrscheinlich noch einen größeren Wirkungskreis hat als die “Achse”

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