Markus Somm, Gastautor / 11.03.2018 / 06:29 / Foto: U.S.N.A / 19 / Seite ausdrucken

Löhne: Benachteiligen Computer die Frauen?

In einem Interview mit der Sonntagszeitung wurde Simonetta Sommaruga, eine Schweizer sozialdemokratische Bundesrätin, die sich wie keine andere zuvor um die Lohngleichheit zwischen Mann und Frau bemüht, auch nach ihren eigenen Erfahrungen in dieser Hinsicht gefragt:

„Frau Bundesrätin, wurden Sie bei Ihrem ersten Job lohnmäßig diskriminiert?"

„Ja, das war tatsächlich so."

„Wie groß war die Differenz?"

„Fast 50 Prozent, also sehr groß."

Leider haben die beiden Journalisten nicht nachgefragt, um welche Stelle es sich gehandelt und in welchem Jahr sich diese Geschichte zugetragen hatte. Denn sicher ist: Ein solcher Lohnunterschied ist unzumutbar, allerdings ist ebenso sicher, dass sich solch eklatante Differenzen heutzutage kaum noch irgendwo feststellen lassen. Im Gegenteil, in den vergangenen Jahrzehnten haben sich die Lohnunterschiede zwischen den Geschlechtern Jahr für Jahr mehr eingeebnet, genauso wie die Frauen insgesamt in der Arbeitswelt unendlich viel besser dastehen als vor dreißig Jahren. Gewiss, in Chefpositionen kommen sie noch seltener vor, ab und zu mag es noch Arbeitgeber geben, die Frauen systematisch unterschätzen, und ohne Frage behindern allfällige Familienpflichten die Frauen nach wie vor mehr, als dies bei Männern der Fall ist. Dennoch dürfte kaum jemand die großen Fortschritte bestreiten, wenn er es nüchtern betrachtet – und nicht politisch getrieben ist.

Die Statistiker weisen gegenwärtig in der Schweiz einen Lohnunterschied zwischen den Geschlechtern von 20 Prozent im Privatsektor und 17 Prozent im öffentlichen Sektor aus (Anmerkung der Redaktion: in Deutschland laut Eurostat 21,5 Prozent): Dabei stellten sie fest, dass rund zehn Prozent dieser Differenz nicht erklärbar sind durch Dinge wie unterschiedliche Ausbildung, berufliche Position oder Branche. Nach wie vor gilt nämlich, dass es manche Frauen in Branchen zieht, die weniger hohe Löhne bezahlen, ebenso wählen sie vermehrt Ausbildungen, die weniger Einkommen versprechen. Diesen Entscheid fällen die Frauen in der Regel freiwillig; dass sie weniger verdienen, hat somit nichts damit zu tun, dass sie Frauen sind. Sollte ein Mann sich für den gleichen Job interessieren, erhält auch er einen tieferen Lohn als jene Männer, die bewusst in Branchen oder Stellen streben, die gut entlohnt sind.

Zehn Prozent unerklärbar: Wenn dies auch ein Prozentsatz ist, der klein erscheint, er wirkt stoßend – und manche Beobachter, Betroffene oder Politiker sind deshalb umso mehr davon überzeugt, dass Frauen eben doch diskriminiert werden. Konkret stellen sich diese Kritiker das vermutlich so vor: Wenn sich eine Frau bei einem männlichen Chef vorstellt und man auf den Lohn zu sprechen kommt, nimmt dieser bewusst oder unbewusst sogleich einen Abzug vor. Stünde ein Mann vor ihm, so die verbreitete Meinung, würde der Chef das nicht tun. Aber stimmt das?

Eine männliche Weltverschwörung gegen die Frauen?

Ich habe dieses Szenario schon immer für unrealistisch gehalten. Gewiss, solche Männer mag es noch geben, vielleicht sogar viele, dass aber sämtliche männlichen Chefs oder immerhin die ganz überwiegende, statistisch relevante Mehrheit – ja sogar die weiblichen Chefinnen – dies so handhaben: Es ist kaum denkbar. Es wird eine männliche Weltverschwörung gegen die Frauen unterstellt, die zu organisieren nicht allzu einfach ist und die trotzdem in der Lage sein soll, mit einer phänomenalen Geschlossenheit großflächig die Hälfte der Bevölkerung zu diskriminieren.

Warum schert kein einziger Chef aus? Die Verlockung dazu müsste gewaltig sein: Denn wenn die Männer durchschnittlich nur deshalb mehr Lohn erhalten, weil sie Männer sind, dann würde das doch bedeuten, dass sie überbezahlt sind. Wer als Arbeitgeber das erkennt, würde gut daran tun, nur noch Frauen anzustellen, er schlüge die Konkurrenz sogleich, weil er für die gleiche Arbeitsleistung weniger bezahlt als die anderen männlichen, etwas dummen, aber sexistischen Chefs. Obwohl dieser Effekt indessen zwingend wäre, stellen wir ihn nie fest. Vielleicht ist die Diskriminierung eben doch viel weniger verbreitet, als dies insbesondere Politiker vermeinen.

Eine neue Studie der Stanford University in Kalifornien in Kooperation mit dem Taxi-Unternehmen Uber stützt diese Vermutung. Zum ersten Mal, so führen die fünf Autoren aus, sei es ihnen gelungen, den Lohnunterschied zwischen den Geschlechtern, den sogenannten Gender Pay Gap, zu hundert Prozent zu erklären. Hundert Prozent. Wäre dies der Fall, handelte es sich um eine sensationelle Leistung, denn selbst die neuesten amerikanischen Untersuchungen kamen immer wieder zum Schluss, dass rund sieben Prozent der Lohndifferenz zwischen Mann und Frau unerklärbar sind. Meistens, ich wiederhole mich, schrieb man dies einer versteckten oder offenen Diskriminierung zu.

Die fünf Forscher arbeiten zum Teil an der Stanford University, zum Teil bei Uber selber – und daher erhielten sie Zugang zu einem einzigartigen Datenschatz: Sie überprüften die Einkommen von gegen zwei Millionen Uber-Fahrern in den USA, ein Drittel davon Frauen. Eine so große Stichprobe wurde noch nie erhoben, was einen Wert an sich darstellt. Immerhin entspricht diese Zahl fast einem Prozent der gesamten Beschäftigten Amerikas, eine formidable Stichprobe mithin – was diesen Untersuchungsgegenstand aber noch viel aufschlussreicher und wertvoller macht: All das, was bisher die unerklärbare Lohndifferenz zwischen den Geschlechtern etwas verständlicher erscheinen ließ, trifft hier nicht zu.

Wie sexistisch ist ein Computer?

Bei Uber verteilt ein anonymer Computer, besser ein Algorithmus, die Aufträge, und das Einkommen eines Uber-Fahrers richtet sich (in den USA) einerseits nach der Distanz, die er mit seinem Kunden zurücklegt, andererseits nach der Zeit, die ihn das kostet. Fährt er zur Stoßzeit, verdient er etwas mehr, doch auch dieser Zuschlag, der mittels eines Multiplikators festgelegt wird, berechnet ein anonymer, also geschlechtsloser Computer. Ebenso wird bei Uber über keinen Lohn verhandelt, so dass es schlechterdings nie vorkommen kann, dass eine Uber-Fahrerin aus sexistischen Gründen schlechter behandelt würde oder dass sie gegenüber einem Mann den kürzeren zöge, weil sie sich im Gespräch nicht durchzusetzen vermochte. Solche Lohngespräche finden schlicht nicht statt.

Schließlich kommen die Arbeitszeitmodelle von Uber den Frauen entgegen. Jeder Fahrer entscheidet selber, wann und wie oft er fährt. Dabei verdient niemand überproportional mehr, wenn er etwa 100 Prozent arbeitet. Teilzeit wird mit anderen Worten nicht bestraft, niemand erhält einen tieferen Lohn, weil er als Teilzeitangestellter als weniger produktiv gälte. 100 Prozent, 10 Prozent, 42 Prozent: Das Pensum ist irrelevant, abgerechnet wird strikt nach Fahrleistung und Fahrstrecke.

Aus diesem Grund erwarteten die Forscher eigentlich, dass sich keine allzu großen Differenzen herausstellen würden, ja sie gingen gar davon aus, dass sich ein allfälliger Unterschied eher zugunsten der Frauen auswirken würde, da die Teilzeitstrafe ja wegfiel. Tatsächlich entdeckten die Wissenschaftler auch bei diesem riesigen Sample, wo kein einziger Lohn von einem Menschen bestimmt wird, eine Lohndifferenz zwischen den Geschlechtern: Männliche Uber-Fahrer verdienten im Durchschnitt sieben Prozent mehr – pro Woche, pro Stunde. Warum?

Im Wesentlichen sind es drei Faktoren, die zu diesem je nach Standpunkt deprimierenden oder überraschenden Ergebnis führten: Erstens spielt es eine Rolle, wie viel Erfahrung ein Uber-Fahrer angesammelt hat. Wenn er schon lange in diesem Job tätig ist, verdient er mehr, weil er weiss, wann es sich lohnt, einen Auftrag anzunehmen oder abzulehnen: Ist der Kunde zu weit entfernt? Ist die Route zu kurz?

Männer fahren schneller als Frauen 

Weil Männer tendenziell deutlich länger bei Uber unter Vertrag bleiben als Frauen, wirkt sich das auf das Einkommen aus: Statistisch erklärt dies einen Drittel der Lohndifferenz zwischen den Geschlechtern bei Uber. Der zweite Faktor hängt eng mit dem ersten zusammen: Männer neigen dazu, an lukrativeren Zeiten und in einträglicheren Quartieren zu fahren. Wenn Stoßzeit herrscht, wenn die Nachfrage nach Uber-Taxis zunimmt, nimmt ein Uber-Fahrer mehr ein. Eigenartigerweise achten Männer viel mehr darauf als Frauen, was nicht zuletzt auf die größere Erfahrung zurückzuführen ist, aber wohl nicht allein.

Rund zwanzig Prozent des Lohnunterschieds können damit begreiflich gemacht werden. Kein Faktor allerdings beeinflusst das unterschiedliche Einkommen mehr als der dritte – der auf den ersten Blick wie ein sexistisches Stereotyp wirkt: Männer fahren schneller als Frauen. Deshalb sind sie produktiver, in weniger Zeit vermögen sie mehr Kunden abzufertigen. Dieser Grund ist für rund die Hälfte des Lohnunterschieds verantwortlich.

Um auf Bundesrätin Sommarugas Anliegen zurückzukommen: Bei Uber ergeben sich Lohnunterschiede zwischen den Geschlechtern, an denen im Grunde genommen nichts auszusetzen ist – oder wie es Rebecca Diamond, eine der Autorinnen, formulierte: „Wir haben keinerlei Anhaltspunkte für eine Diskriminierung feststellen können, stattdessen aber für eine freie Wahl." Frauen entscheiden sich selber für ein Arbeitspensum, das ihnen etwas weniger Lohn einbringt. Wenn man den Menschen ernst nimmt als eigenverantwortliches, vernünftiges Wesen, dann dürfte dies die freie Wahl von hunderttausenden von Frauen sein – und diese gilt es zu respektieren.

Das heisst nicht, dass es in Sachen Gleichstellung nichts mehr zu tun gäbe. So ist es offensichtlich, dass die Uber-Fahrerinnen auch Zeiten zum Arbeiten wählen, die sich besser mit ihren Kinderbetreuungspflichten vereinbaren lassen, was Männer weniger zu beschäftigen scheint. Gewiss würden hier Tagesschulen, Horte oder Blockzeiten helfen. Das würde aber im Fall von Uber dennoch nichts daran ändern, dass Männer schneller fahren und deshalb mehr verdienen.

Die Diskussion um den geschlechtlichen Lohnunterschied dreht sich allzu häufig um ein einziges großes Missverständnis: Wenn ein Ergebnis nicht gleich ist, dann bedeutet das noch lange nicht, dass daran etwas faul ist. Unterschiedliche Menschen wählen unterschiedliche Dinge. Am Ende handelt es sich um die Folgen von privaten Präferenzen von freien Menschen, die niemand dazu gezwungen hat. Mit Diskriminierung hat das nichts zu tun. Noch weniger lässt sich das per Gesetz ändern, wie das Sommaruga vorzuschweben scheint. Vor allem ist es nicht Sache des Staats, uns, ob Frauen oder Männern, vorzuschreiben, zu Stoßzeiten zu arbeiten oder schneller zu fahren. 

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Basler-Zeitung

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Leserpost

netiquette:

Werner Müller / 11.03.2018

Eine Einsicht in die Realität ist von der genannten Klientel nicht zu erwarten. Eher kommen verbindliche Richtgeschwindigkeiten für alle oder selbstfahrende Autos. Was nicht gleich ist, wird gleich gemacht, bätschi.

Werner Arning / 11.03.2018

Frauen und Männer verhalten sich nicht in gleicher Art und Weise und das ist gut so. Denn sonst könnten sie sich ja nicht ergänzen und das bieten, was dem Anderen fehlt und umgekehrt. Dieses mag auch in Bezug auf das „Geld verdienen“ so sein. Männer messen dieser Beschäftigung möglicherweise eine etwas (vielleicht 7%-tig?) größere Wichtigkeit bei, als Frauen es tun. Immerhin mussten sie, vor nicht langer Zeit noch, ganze Familien allein ernähren. Es galt einmal das Vorurteil, dass Schwule gerne Friseur werden. Friseure verdienen in der Regel relativ wenig. Aber ein schwuler Friseur brauchte auch wahrscheinlich keine Familie ernähren. Besteht da also vielleicht ein Zusammenhang? Sind Männer aus gesellschaftlichen Gründen stärker daran gewöhnt, viel Geld verdienen zu wollen und stellen sie sich deshalb dabei etwas geschickter an (Fahren zu Stoßzeiten, schneller fahren)? Legen Frauen vielleicht etwas mehr wert auf andere erstrebenswerte Ziele, die nicht minder wichtig sind? Und tun sie dieses nicht vielleicht aus freien Stücken? Sie fahren vielleicht langsamer, weil ihnen das Geld verdienen nicht so wichtig wie ihre Gesundheit ist? Sicher gibt es Ungerechtigkeiten, aber eventuell nicht in dem Maße, wie es bestimmte Gruppen wohl gerne hätten. Auch bei diesem Thema sollte man beizeiten die Kirche im Dorf lassen.

N. Müller / 11.03.2018

Ein sehr interessanter Artikel, dakeschön. Nach meiner pers. Ansicht halte ich es so: Ich verabscheuen die derzeitige Vermännlichung der Frauen und Verweiblichung der Männer. Ich bin fest von Unterschieden der Geschlechter überzeugt und sehe da die Bereicherung, da Mann und Frau sich prima ergänzen können. MfG

Rudolf George / 11.03.2018

Dass Präferenzen der Beteiligten zu Einkommensunterschieden führen, lässt sich auch in Skandinavien feststellen. Dort wird schon länger Diskriminierung nach allen Regeln der Kunst bekämpft, und dennoch gibt es weiterhin einen sogenannten Gender-Pay-Gap. Erklärt wird dies durch die Neigung von Frauen, eher in sozialen Berufen zu arbeiten, in welchen die Einkommen im Mittel niedriger sind als in anderen Feldern. Ergo: keine Diskriminierung, sondern freie Wahl.

Hans-Peter Dollhopf / 11.03.2018

Was bedeutet schneller/langsamer außer mehr/weniger Einkommen konkret noch? Ob der unterschiedliche Fahrstil die Unfallhäufigkeit beeinflusst (Folgen für Fahrer, Fahrgast, andere Verkehrsteilnehmer und die Versicherungsprämie)? Ob er sich auf die Zufriedenheit des Gastes (schneller am Ziel) auswirkt? Wird schneller sein durch aggressivere Fahrweise erzielt? Was hat dann die Allgemeinheit (die restlichen Männer, Frauen und Kinder) davon? Was ist “besser”? Was ist vernünftiger? Ist der Fahrstil Resultat einer unterschiedlichen Erziehung der Geschlechter? Kann also ein männlicher Fahrer buchstäblich profitieren, wenn er in einer Machokultur sozialisiert wurde? Wie unterscheidet sich Einkommen dann vor unterschiedlichem kulturellen Hintergrund bei Männern?

beat schaller / 11.03.2018

Danke Herr Somm, das sitzt! Ich glaube, dass Frau Somaruga einfach zu langsam Klavier gespielt hat, dass sie vielleicht auch die falschen Töne erwischt hat,? das lassen wir doch einfach mal offen. Besten Dank für diesen “Einblick. b.schaller

Stefan Bley / 11.03.2018

Hinzu kommt, dass Frauen in Unternehmen in denen nicht nach Tarif bezahlt wird, sondern man das Gehalt regelmässig neu aushandeln muss, oft die Situation der Gehaltsverhandlung meiden. Das liegt daran, dass Frauen ein inniges Harmoniebedürfnis haben das sie daran hindert sich in eine solche Situation zu begeben bzw. sich selbst auch nur schlecht verkaufen können. Das darin auch ein Beitrag zu einem Gender-Pay-Gap begründet ist, liegt auf der Hand. Sollen Männer daran nun auch noch schuld sein?!

Thomas Weidner / 11.03.2018

Was ich wirklich schlecht finde: Die Werbeanzeige verdeckt den Artikel-Text. Um den Artikel lesen zu können, muss ich also in der Basler-Zeitung nachschlagen. Warum soll ich dann noch einen “Paten” machen?

Heiko Stadler / 11.03.2018

Weitere wichtige Unterschiede gibt es zwischen den Geschlechtern: Bei den deutschen Patantanmeldungen beträgt der Frauenanteil etwa 7% und bei der Gründung von Technologie-Unternehmen liegt der Frauenanteil ähnlich niedrig. Als ich mein Ingenieurstudium begann, lag der Frauenanteil bei etwa 7%, am Ende meines Studiums sogar nur noch bei 5%. In all diesen Fällen kann man die “Schuld” am niedrigen Frauenanteil nicht auf einen frauenfeindlichen Chef schieben. Wenn die SPD Ergebnisgleichheit der Frauen im Arbeitsleben fordert, dann fordere ich Ergebnisgleichheit der Männer im Privaten: 50% der Männen sollten auch mal schwanger werden dürfen!

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