Gunnar Heinsohn
“In Wahrheit geht es [bei der 2008er Bankenrettung mit frischen Schulden der Bürger] darum, in einer ernsten Situation den Schaden für unsere gesamte Wirtschaft zu begrenzen und damit das Geld aller Bürger zu schützen” (Bundeskanzlerin Angela Merkel; Bild-Zeitung, 2. Oktober 2008).
Das 750 Milliarden-Paket für den Euro aus weiteren Schulden der Staatsbürger unterstützen wir “zum Zwecke der Stabilisierung unserer Währung” und um “das Geld der Bürger und Bürgerinnen in Deutschland zu schützen” (Bundeskanzlerin Angela Merkel, 10. Mai 2010; Regierungs-Statement).
Wir haben das “Problem an den Wurzeln angepackt” (Vizekanzler Guido Westerwelle, 10. Mai 2010; Regierungs-Statement).
Geld ist beschützt und gut, wenn es mit erstklassigem Eigentum besichert ist. Heutzutage ist es sogar doppelt geschützt, weil die Zentralbank Eigentum belastet, wenn sie Geld im Kreditkontrakt mit Geschäftsbanken schafft und diese es zusätzlich mit ihrem Eigenkapital unterlegen, wenn sie es an ihre Kunden weiter leihen. Für das Belasten ihres Eigentums (Eigenkapitals) - also für den zeitweiligen Verlust der Dispositionsfreiheit darüber - muss die Zentralbank von den Geschäftsbanken mit Zins entschädigt werden. Diese wiederum verlangen von ihren Kunden einen darüber hinausgehenden Zins, weil ja auch sie den Verlust der zeitweiligen Freiheit über ihr Eigenkapital während der Kreditfrist ersetzt bekommen müssen. Ihre Schuldner, die für die Besicherung des Kredits Eigentum im Preis von Schuldsumme und Zins verpfänden müssen, verlieren im Kreditzeitraum ebenfalls die Dispositionsfreiheit über dieses. Dafür aber gewinnen sie Geld, mit dem sie dann jede Art von Eigentum kaufen können, weil es selbst mit Eigentum besichert ist und eben dadurch wertvoll ist bzw. Kaufkraft hat.
Geld ist mithin ein Anspruch gegen das Eigentum des Geldschaffers. Es ist geschützt, bleibt also umlaufsfähig, (1) wenn Geldschaffer und Geldweiterverleiher besicherndes Eigentum auch wirklich haben und zu verteidigen vermögen, (2) wenn der Schuldner oder Nachschuldner des Geldschaffers tatsächlich Leistungen erbringt, mit denen er Tilgung und Zins verdienen kann und, (3) wenn der Schuldner für den Fall des Scheiterns der Kreditbedienung erstklassiges Eigentum verpfändet hat, in das selbst dann problemlos vollstreckt werden kann, wenn es mächtigen Mitgliedern der Gesellschaft gehört.
Geld wird schlecht, wenn die Geldschaffer ihr besicherndes Eigentum verlieren, vortäuschen oder schlicht zu wenig davon haben. Die Bürger müssen plötzlich mit einer Währung operieren, die ganz oder teilweise mit Luft besichert ist. Im Ausland will man ihnen dafür nicht mehr so viel verkaufen wie vorher. Und selbst daheim weigern sich immer mehr Geschäftsleute, es noch anzunehmen. Diese bedauernswerten Bürger wünschen sich dann einen Doktor, der die künstliche Schwellung ihres Geldes wieder zum Abklingen bringt. Wie macht so ein Arzt das? Er verschuldet sich in dem schlecht besicherten Geld - sagen wir in Höhe von einer Million Drachmen - und verkauft (wechselt) es umgehend gegen gutes Geld - sagen wird 100.000 Franken. Bei diesem Verkauf (Umtausch) fällt der Preis, also der Wechselkurs der Drachme. Andere merken das und wollen auf ihren Drachmen nicht sitzen bleiben, verkaufen sie also ebenfalls, wodurch deren Kurs weiter abrutscht. Wenn dann die für Drachmen zuständige Zentralbank kein Eigentum hat, das sie für den Rückkauf der Drachmen auf den Tresen legen kann, fallen die im Preis solange, bis für den Restwert die Besicherung als ausreichend angesehen wird. An diesem Tiefpunkt kauft der Doktor mit dem zuvor eingewechselten guten Geld das von ihm geliehene, jetzt aber abgewertete Geld zurück. Nun braucht er für die eine Million Drachmen - sagen wir - nicht mehr 100.000, sondern nur noch 50.000 Franken. Die Drachme wiegt jetzt zwar nur noch die Hälfte, kann dafür aber wieder munter umlaufen. Die verbleibenden 50.000 Franken bleiben dem Heiler als Honorar.
Oft müssen solche Ärzte ihre lebensrettende Arbeit unter Drohungen und Verwünschungen von Politikern, Zentralbankern und Ökonomienobelpreisträgern verrichten. Nicht selten versucht die Politklasse sogar, die Ärzte vom Krankenbett der verwundeten Währung wegzujagen und die Bürger gegen die Retter ihres Geldes aufzuhetzen. Die Politiker versprechen dann, für hohe Milliardengebühren selbst das Geld der Bürger zu bewahren. Die eigentlichen Könner aber werden als Spekulanten verhetzt. Daran ist durchaus richtig, dass diese Spezialisten tatsächlich spekulieren, also genau betrachten, nachdenken und dann erst handeln. Verklagen und sogar einsperren will man sie dafür. Schnell richtet sich der Hass wegen der schmerzhaften Schnitte für die Abschwellung des Geldes dann gegen die Ärzte statt gegen die Verantwortlichen, die dem Wundbrand durch schlechte Besicherung des Geldes immer wieder Zugang ins gesunde Fleisch verschaffen.
Selbst bei an sich guter Besicherung des Geldes kann die Politklasse es zum Siechtum verurteilen, wenn sie bei den Krediten pfuscht, die sie in diesem Gelde aufnimmt. Denn als Schuldner leistet sie ja nichts. Sie produziert und verkauft nichts, um aus dem Erlös die Schulden zu bezahlen. Obendrein hält sie meist keine Pfänder bereit, in die nach ausbleibender Tilgung vollstreckt werden könnte. Die Banken können dann das Verliehene nicht zurückholen. Sie müssen die Verluste aus ihrem Eigentum ausgleichen und können dabei ausgelöscht werden.
Doch wieder gibt es die barmherzigen Samariter. Sie wetten mit Kreditausfallversicherungen darauf, dass ein Kredit über 10.000 Drachmen an eine Regierung bald nur noch einen Preis von 5.000 Drachmen erzielen wird. Weil diese Regierung tatsächlich nichts leistet und auch keine handelbaren Pfänder hat, sind solche Wetten leicht zu gewinnen. Das wiederum spricht sich bei den Inhabern der betroffenen Staatstitel herum. Umgehend werden sie abgestoßen. So einer Regierung will niemand mehr etwas leihen. Das macht sie wütend, nimmt ihr aber die Kraft, das Geld ihres Einflussbereichs weiter ins Siechtum zu führen. Es fallen ihrerseits schlicht keine untilgbaren Schulden mehr an, bei deren Ausgleich das Geld besichernde Eigentum von Verleihern und Weiterverleihern ausgelöscht wird und die Zahl der unter schlechtem Geld Leidenden explosiv anwächst.
Wieder werden die Ärzte, die eine fiebernde Staatsschuld von 10.000 auf einen erträglichen Kurs von 5.000 herunter kühlen, von Regierungen und Zentralbankern angegriffen. Nur Minister, die ihre bereits extrem verschuldeten Staatsbürger in noch höhere Schulden geleiten, seien fähig, das Problem an der Wurzel zu packen. Nur wer die Geld schaffenden Zentralbanken zum Ankaufen der luftbesicherten Staatspapiere und damit zu Gefährdung ihres Eigenkapital zu zwingen vermöge, könne deren Preise wieder auf 10.000 hochtreiben, damit alles wie bisher weiter laufe. Hingegen seien die spekulierenden Preishalbierer der öffentlichen Schulden ruchloser als Wolfsrudel, obwohl die nur beim Fressen, aber niemals beim Heilen angetroffen werden.
Vor allem Zeitgenossen, deren für 10.000 gekauftes Papier gerade auf einen Kurs von 5.000 amputiert worden ist, vergessen dann gerne, dass sie einen Chirurgen, der Totes so sauber wegschneidet, dass der übrige Körper leben kann, ansonsten gerne fürstlich belohnen. Jetzt grollen sie, weil sie glauben, der Mann mit dem Skalpell habe ihnen die 5.000 genommen. Die aber waren ohnehin längst abgestorben. Er hat die Leerstelle nur messerscharf offen gelegt. Ohnehin gibt es Schlimmeres als solchen Verlust - nämlich den Totalverlust. Kunstvolle Eingriffe der Spekulation können ihn abwenden. Das geht allerdings nur, wenn die Staatsklasse daran gehindert wird, das barmherzige Wetten zu verbieten.