Wolfgang Röhl / 20.12.2007 / 14:54 / 0 / Seite ausdrucken

Lob der Kommerzscheiße

Spätestens am vierten Advent pflegte mein Vater sel. seinen Lieblingsspruch zu klopfen: „Süßer die Kassen nie klingeln…“ So geißelte er die Schrecken des Konsumterrors; lange,  bevor dieses Wort Karriere machte. Sein Lamento bündelte die Abscheu des Bildungsbürgers vor der Kommerzscheiße (ein ebenfalls erst viel später aufkommender Modebegriff) mit der Trauer über den Verlust vorweihnachtlicher Besinnlichkeit, die „das Fest“ nach treudeutscher Ansicht umwabern sollte wie der Geruch von Muttis selbstgebackenen Plätzchen. Dass Handel und Gewerbe sich erdreisteten, mit der heiligen Geburtstagsparty ihren Jahresend-Reibach machen zu wollen – Jesusmariaundjosef!
Mitten im Wirtschaftswunder war diese Haltung orginell. Heutzutage wirkt sie nur mehr blöde. Was mich alle Jahresenden wieder nervt, ist nicht so sehr das Werbe- und Verkaufsgedöns. Einen Bart, länger als der des dienstältesten Weihnachtsmanns, hat für mich vielmehr das Jammern über die „Pervertierung des Festes“ durch nimmersatte Profitgeier; die ewige, öde Jeremiade von Kirchenfunktionären, Familienpolitikern, linken Soziologen, Feuilletonisten und anderen Volksverbesserern. Auch für den gehobenen Citoyen, Typ „Zeit“-Leser mit Tendenz zum Drittbuch, scheint ausgemacht: Weihnachten ist voll der GAU. Ein Gedränge in den Kaufhäusern, furchtbar! Kein Parkplatz in der Stadt zu kriegen, schlimm! Diese Weihnachtsmärkte, nichts als Nepp und Glühweinbesäufnisse! Und die Lichterorgien, was die an CO2 erzeugen!
Letztlich reihen sich natürlich auch die Weihnachtsverächter ins Heer der Konsumtrottel ein. Sie müssen ja, leiderleider. Schon wegen der Kinder. Wie soll man sich denn wehren gegen den brutalen Schenkzwang? Arme, wehrlose Opfer der Konsumgesellschaft.
Einem aus, sagen wir, dem Sudan muss das wie Satire vorkommen. Das Volk der Deutschen, das es mit vergleichsweise bescheidener Arbeitsleistung zu einem Lebensstandard gebracht hat, um den es vom größten Teil der Welt beneidet wird; dieses Volk findet den Geschenkerummel zum Reihern. Ach ja? Was ist denn so furchtbar daran, dass vier oder sechs Wochen im Jahr der Konsumbär tobt, auf dass der Laden namens Volkswirtschaft mal richtig brumme? Letztlich doch wohl nicht zum Schaden des Volkes. Irgendwann muss es sein verdammtes Geld ja mal raus tun, will es nicht schnurstracks in die nächste Rezession marschieren. Zuviel Geiz ist ungeil.
Vorschlag: wer dem Lichterkerzenterror und der Shoppinghölle entkommen will, möge zum Beispiel nach Nordkorea düsen. Glühweindüfte werden ihn dort garantiert nicht belästigen. Erfrischend ungestresste Menschen flanieren dort an leeren Regalen entlang. Kein „White Christmas“-Gedudel, nirgends. Aber die Taschenlampe nicht vergessen! Bei den Kims fällt ziemlich oft der Strom aus.

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Wolfgang Röhl / 02.02.2020 / 06:13 / 90

Die Leichtigkeit des alter weißer Mann-Seins

Und wer alt war, galt als weise, und wer dick war, galt als stark. Und den fetten Greisen glaubte man aufs Wort und ohne Arg.…/ mehr

Wolfgang Röhl / 17.01.2020 / 06:00 / 95

Grimme-Preis: Klatschvieh für die Öffis

Gute Nachricht: Auch in diesem Jahr findet in Marl die Verleihung des Grimme-Preises statt. Dazu reist wieder viel Klatschvieh an. Da vielleicht nicht jeder Leser mit den Gegebenheiten vertraut ist, hier…/ mehr

Wolfgang Röhl / 30.06.2019 / 06:25 / 38

Fünf-Sterne-Journalismus. Die FAZ auf den Malediven

Konferenz im Ressort Freizeit und Reise einer großen deutschen Qualitätszeitung. Ressortleiter: „Ich hab hier das Angebot für eine Pressereise auf die Malediven. Wollen Sie da…/ mehr

Wolfgang Röhl / 23.06.2019 / 06:10 / 25

Sie sind Viele. Nur nicht in der Kunsthalle

Wer im Frühjahr die ehrwürdige Hamburger Kunsthalle besuchte, stieß hinter dem Eingang auf eine Stelltafel mit der „Hamburger Erklärung der Vielen“. Dabei handelt es sich…/ mehr

Wolfgang Röhl / 08.06.2019 / 06:13 / 45

Besuchen Sie Europa, solange es noch geht!

Frühsommers, wenn wir mindestens mental auf gepackten Koffern sitzen, vollzieht sich ein erstaunlicher Wandel. Nicht länger plagt uns der Gewissenswurm ob der tausende von Kilometern,…/ mehr

Wolfgang Röhl / 11.04.2019 / 06:12 / 82

Dr. med. Schmunzel. Karriere eines deutschen Medizinmanns 

Wer in gewissen Berufen Erfolg haben will, tut gut daran, sich nicht in deren Alltagsniederungen zu verzetteln. Gipfelstürmer begeben sich gleich auf die Metaebene. „Medienwissenschaftler“…/ mehr

Wolfgang Röhl / 02.03.2019 / 06:00 / 70

Dein Star erzählt Blödsinn? Sein Werk kann nix dafür!

Lange war ich kein Fan der britischen Psychedelic-Combo Pink Floyd. Das änderte sich Mitte der 1970er. Da entdeckte ich in einem Bangkoker Hotel eine hübsche…/ mehr

Wolfgang Röhl / 11.12.2018 / 06:20 / 69

Keinen Fußbreit dem Sexismus

Neulich habe ich es mal wieder im Autoradio gehört, das alte, schlimme Stück. Sie spielen es nicht mehr sehr oft, zugegeben. Aber ab und zu…/ mehr

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com