X, ehemals Twitter, war früher, also bevor Elon Musk mit einer Küchenspüle durch das Headquarter von Twitter marschierte, ein gepflegter Hort der Meinungsfreiheit und Denunziation, solange es die richtige Meinung war und die Denunziation die Richtigen getroffen hatte. Aus, ´rum, vorbei.
Twitter war eine prima Social-Media-Plattform, über der die namhaftesten Meinungswächterdoppelpunktinnen wie Sperber kreisten und aufpassten, dass jeder die korrekte Sichtweise auf die Geschehnisse hatte, die ihm die Sperber vermittelten. Auf X erfuhr man als erster, was am nächsten Tag in Film, Funk und Fernsehen zurecht gelogen und gebogen wurde. Wie es eingeordnet wurde. Erledigt. Klappt nicht mehr.
Es herrscht seitdem „Chaos“ auf X: Irgendwelche Löffel und sogenannte „neuen Medien“ wagen es, in Dauerschleife alten Medien und neuen und alten Politikern und Parteien zu widersprechen, zweifeln Berichte an, lachen ernsthafte und seriöse alteingesessene Haltungsfabrikanten und neue Mädchen aus, haben Gegenargumente oder lassen sich nicht widerspruchslos als „Nazis“ titulieren. Ein Albtraum. Jeder sagt was, jeder weiß was, jeder redet von der Leber frei weg, und das auch noch meist unterhalb der Strafbarkeitsgrenze. Das, liebe Leser, war so als „Meinungsfreiheit“ natürlich nicht gedacht.
Nachdem die altunwürdige „Süddeutsche Zeitung“, kurz SZ (Sie wissen schon, das sind die, die in alten Bücherranzen herumschnüffeln, wenn ein pensionierter SPD-Lehrer Hitler verhindern will) bereits am 10. März dieses Jahres die süddeutschen Segel strich („Dies ist vorerst unser letzter Post auf X und wir stellen den Betrieb dieses Kanals ab sofort ein. Aus unserer Sicht macht die zunehmende Verrohung der Plattform einen konstruktiven öffentlichen Dialog nicht mehr möglich. Wir beobachten die Entwicklung weiterhin und behalten uns vor, diese Entscheidung bei veränderten Umständen zu überdenken.“), weil der „Dialog“, den sie so dringend nicht führen wollte, nicht möglich ist, ziehen die wichtigsten Haltungsvorzeiger jetzt nach.
Verlöschende Haltungsleuchtreklamen
Unter dem Hashtag #WirverlassenX kapitulieren nun auch andere schwer monologbereite und Widerspruch bis zur Blockierung ertragende Haltungsleuchtreklamen vor dem ungebändigten X, da sie es unerhört finden, wenn sie unerhört bleiben. In einer konzertierten Aktion verlassen folgende Akteure linke Flügeltüren schlagend Elon Musks Plattform (kein Anspruch auf Vollständigkeit): Die Linke, Franziska Brantner, die Grünen, Katharina Dröge, Felix Banaszak, Britta Haßelmann, Sebastian Walter (keine Ahnung, wer das ist), die SPD-Fraktion im Bundestag, der SPD-Parteivorstand, Ulle Schauws (keine Ahnung, wer oder was das sein soll) und Jan van Aaken geben ihren strategischen Rückzug und ihre linke Meinungsfrontbegradigung mit dem immer gleichen Text an: „X ist in den letzten Jahren im Chaos versunken. Politische Debatten leben vom Austausch, der Menschen erreicht & informiert. X hingegen fördert zunehmend Desinformation. Deswegen bespiele ich/wir diesen Account nicht mehr. #WirVerlassenX“
Im ersten Antwortposting gibt dann der verlassen-Wollende bekannt, in welcher Dispora seine neuesten Ergüsse künftig zu finden sind, falls und wenn man seine Art der „Debattenkultur“ dringend sucht, auffallend oft taucht da das linksblubberblasenschlagende Social-Media-Biotop „Bluesky“ auf. Man hat sich sehr offensichtlich auf der linken bis linksradikalen Seite des offiziellen Meinungsspektrums abgesprochen und alle sind zu dem gleichen Schluss gekommen: Es geht nicht mehr. So macht das keinen Spaß.
Konnte man vor der Übernahme durch Musk noch ungestört und unwidersprochen in Monologform vom Leder ziehen und dies dann frech „Austausch“ nennen, so sind die Leser auf X heute meist nicht nur besser informiert, sondern haben auch die besseren Argumente. Nicht einmal Beschimpfungen helfen mehr. Und weil das eben so ist, erfolgt diese kollektive Emigration in unbekannte Gewässer an unbekannte Gestade, in der Hoffnung auf wohlwollende Aufnahme und grenzenlose Zustimmung. Damit kennt man sich ja aus.
So ganz zufällig und nebenbei – solche Zufälle soll es ja geben – wird die EU die Social-Media-Plattform „W“ (einprägsam, nicht wahr?) aus der Taufe und in die Traufe heben, um, laut Eigenwerbung, „einen sozialer Kommunikationsraum zu bieten, der gezielt gegen Desinformation wirkt“, sowie „Nutzern eine Plattform zu bieten, bei der eine Identitätsverifikation verpflichtend ist“ (um Fake-Accounts und Bots zu reduzieren), außerdem „Daten gemäß der europäischen Datenschutzstandards dezentral zu hosten“ und, als Sahnehäubchen, „dabei eine transparente, vertrauenswürdige Alternative zu X bieten“. Oder, in einem Wort, die Deutungshoheit über das wiederzuerlangen, was die EU und deren angeschlossenen Regierungen unter „Wahrheit“ verstehen. Das ist ungefähr so, als würde die SPD einen Stammtisch initiieren, bei dem auch Linke und Grüne ihre Meinung ganz frei heraussagen dürfen. Kann man machen, wenn man eine unseredemokratische Republik oder eine Gemeinschaft von gegenseitig abhängigen Sowjetstaaten ist.
Jetzt sind sie nunmal weg.
Die User von X jedenfalls haben es einfach nicht verdient von neutralen und unvoreingenommenen linken und linksextremen Ideologen informiert zu werden, über 123 Geschlechter, die Schlechtigkeit von Immobilienbesitzern, „Zionisten“ und Atomkraftbefürwortern oder, noch schlimmer, „Impfgegnern“ und „Klimaleugnern“ . So! Das habt Ihr jetzt davon, Ihr rechtes Gewürm! Linke, SPD und Grüne werden mir auf X ungefähr so arg fehlen wie ein Sauerstoffschweißgerät auf dem Angelausflug. Oder, wie es der Satireaccount „QuarkDDR“ kundtat: „X ist in den letzten Jahren in Meinungsfreiheit versunken. Politische Debatten leben vom Haltung vorzeigen und Verboten und Anzeigen. X hingegen fördert zunehmend ungefilterte Meinungen. Deswegen bespielen wir diesen Account weiterhin und garantiert nicht in einer himmelblauen Echokammer voller Spacken. #wirbleibenhier“
Oder, wie es ein anderer Account formulierte: „X ist kein Flughafen. Man muss seinen Abflug nicht ankündigen.“ Ja, als Linker würde ich mich auch vor solchen Leuten fürchten. Egal. Jetzt sind sie nunmal weg. Ich bin gespannt, wie lange – und ob „W“ nicht so eine Art Comedy-Portal für die Xler wird. In jedem Fall dürfte es interessant werde, die Schreie aus der Echokammer zu hören!
Von Thilo Schneider ist in der Achgut-Edition erschienen: The Dark Side of the Mittelschicht, Achgut-Edition, 224 Seiten. (Weitere meinungsfreie Artikel des Autors unter www.politticker.de)
Beitragsbild: Joseph Ducreux - MQG0zXDvoSnYDg at Google Cultural Institute maximum zoom level, Gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Zunächst der Aufreger. Sie, Herr Schneider, lesen Leserekommentare, aber nicht richtig. Ich hatte nämlich gar nichts über die AfD gesagt. Ich hatte über Joschka Fischer gesprochen, der sich in der „Welt“ ziemlich vulgär über die Deutschen geäußert hat.
Das Mißverständnis war mir egal, ich habe die Gelegenheit ausgenutzt – wenn ich schon mal erwähnt werde.
Mein Vorschlag, statt sich über die Kommentare im eigenen Anhang aufzuregen, und dann alles falsch zu verstehen, lese sie doch die Kommentare der Mitautoren? Ich kenne das, zu ihrer Entschuldigung. Wenn ich Rot sehe, lese ich auch alles falsch. (demnächst gibt’s noch ein Gesetz gegen Hass-Leser)
Ich betrachte ihre Kolumnen trotzdem als Problem, weil sie das Narrativ des Mainstreams festigt. Sie lehnen die drei Parteien zwar ab, aber bezeichnen die genauso schematisch als „links“, wie diese Parteien die AfD als „rechts“ verhetzen. Das ist ein perfider Mechanismus, wie Krumbiegel im ZDF (s. Reitschuster) wohl gesagt hat, daß wer die Antifa kritisere, ein Faschist sei. Man sollte bei seiner Einordnung auch den Reflex berücksichtigen!
Der Mechanismus ist tödlich. Den hat die Linkspartei im ÖRR schon unter Schröder ausgerufen.
Dabei stimmt vieles. Man versteckt sich nur dahinter, auch, weil es nicht opportun ist, die Verbrechern der Kommunisten zu thematisieren.
Die sozialistischen Staaten hatten gar keine Agenda für Multikulti. DDR und Sowjetunion waren nicht multiethnisch. Und die Schulden der DDR waren mit 19 Mrd. Valutamark (DM) überschaubar. Die BRD hatte das 47fache angehäuft. Es gab dort keinen Aktienhandel und keinen Umweltschutz.
Es gab dort den Archipel Gulag.
Sie lassen ab jetzt nur noch ihre eigene Desinformation zu.
Sehr aufschlussreich!
Endlich muss ich die linksfaschistische Propaganda und Hetze auf X nicht mehr ertragen !
Es gibt ebend doch noch freudige Momente in diesem Leben …..
Siehe Trumps offizieller Tralala-TruthSocial. Sollen Sie alle aus Ihren selbsterwählten Höhlen Ihre Weisheiten funken.
Kann sich der normale „Xler“ eigentlich vorstellen, wie grausam und menschenverachtend seine Posts auf dieser ungezügelten Chaos-Plattform sind? Dass sie die niedrigsten menschlichen Instinkte wecken, wenn sie Politikern – den Spitzen und weniger Spitzen – oder Menschen aus den Irgendwas-mit-Medien-Zirkeln die Wahrheit ins sensible Öhrchen brüllen? Wie seelisch belastend es ist, Tag für Tag von allen Seiten heruntergemacht zu werden? Und das von einer unwissenden Meute, die die Haltung unserer Lichtgestalten zu Meinungsfreiheit und „unsere Demokratie“ nicht zu würdigen weiß. Die lieben uns doch alle! Und da kann man auch den Fritze verstehen, wenn er jammert, dass das, was ihm widerfährt, noch kein Bundeskanzler vor ihm erleiden musste!
„Die Öffentlichkeit mag glauben, dass es mehrere Zeitungen gibt, aber letztendlich gibt es nur eine Zeitung.(…) Ein Büro unter der Leitung von Herrn Havas.“ Honoré de Balzac
Neben Reuters hat C. L Havas seine Nachrichtenagentur mit Brieftauben gestartet, die täglich zwischen Paris, London und Brüssel verkehrten. Er baute ein weltweites Korrespondentennetz aus, nutzte die Telegrafie und wurde später Werbemonopolist. Die Flughafenmetapher trifft es gar nicht so schlecht, da X über ein Portalangebot wie etwa der Madsack-Verlagsgruppe hinausgeht, Havas und Reuters standen im Hintergrund, waren aber die ersten Anbieter von Nachrichten. Der Börsenteil war das Korsett jeder bürgerlichen Zeitung, aber man wusste erst mit Hearst und Pulitzer, was die Masse überhaupt lesen möchte. Im ersten WK wurden die Agenturen zu Schnittstellen, wie die TASS als Telegrafenagentur der Sowjetunion. Havas erwarb sich im 1. WK einen schlechten Ruf in der Schweiz, wo sein Name bis heute ein Synonym für eine Zeitungsente ist. X ist zusammen mit Starlink auch ein Akteur auf militärischem Gebiet. Seine Machtfülle und Monopolbildung zu kritisieren ist angebracht. Die Methode des Boykotts ist allerdings etwa so beindruckend, wie wenn sich Balcac und Maupassant geweigert hätten, für Zeitungen zu schreiben- es gäbe Sie einfach nicht, weil Ihr Stil sich zusammen mit den Blättern entwickelten, für die sie schrieben. Der Schritt der Linken, als Einordner den Exodus aus X zu verkünden, dürfte selbst mittelfristig unhaltbar sein, da eine Nachrichtenagentur wie der Kanal von Hormus ein gewisses Nadelöhr darstellt, das zu Sperren für den Akteur derart kostspielig ist, daß er irgendwann seine Boykotthaltung aufgeben muß.
Auf Instagram* hat die SPD eine Kachel (Plakat), auf der Elon Musk mit erhobenem rechten Arm gezeigt wird, darüber die Überschrift: „rechtseXtreme Plattformen verlassen“. Weiterer Text: „Demokratische Kräfte sollten eine Plattform, die gezielt rechtsextreme Inhalte stärkt, nicht durch ihre Präsenz aufwerten. Deshalb verlassen wir X.“ Mir war zwar nicht aufgefallen, dass X durch den SPD-Account aufgewertet wurde ;-), aber nun gut… Wie die SPD potentielle Wähler erreichen und von ihrem Programm überzeugen will, die nicht klassische SPDGrüneLinke-Stammwähler sind, wenn sie sich in ihre Bubble zurückzieht, bleibt rätselhaft. Wie ja eigentlich die gesamte politische Strategie der SPD in den letzten Jahren. * instagram[punkt]com/p/DX6FY2eDEn1/