Männer können Kinder gebären, Frauen einen Penis haben. Kinder im Mutterleib ohne Strafe zu töten und auf den medizinischen Sondermüll kippen zu können, ist ein Ausdruck von Humanität und Fortschritt, weil man damit gegen das allgegenwärtige Patriarchat agiert, dessen Keimzelle in der bürgerlichen Kleinfamilie liegt. Muslime sind per se gut, und sie passen sich sofort an den westlichen Lebensstil an, wenn sie in Massen in den Westen einwandern, wo sie dann friedlich mit Juden und LGBTQIA+-Menschen zusammenleben. Wenn arme Menschen aus armen Ländern ohne ökonomisch verwertbare Qualifikationen in wohlhabende Gesellschaften strömen, dann ist es die Schuld eben jener Nationen, wenn Migranten nicht sofort in die Mittelschicht aufsteigen. Auch an der Ausübung von öffentlichem Messerfechtsport durch so manch rundumversorgte Migranten trägt der Rassismus der Aufnahmegesellschaft die Schuld. Im Übrigen ist die überproportionale Kriminalität von Schutzsuchenden bloß eine Einbildung böser Rechter oder das Resultat von rassifizierender Polizeiarbeit. So bestätigen es immer wieder neutrale Experten aus Universitäten und Think Tanks. Ebenso wissenschaftlich fundiert ist die Einschätzung, dass es sich bei westlichen Gesellschaften um heuchlerische Konstrukte handelt, die von strukturellem Rassismus, Queerfeindlichkeit sowie Patriarchat und Androzentrismus durchzogen sind. Sogar das Weltklima macht der weiße, westliche Mann kaputt, erneut auf Kosten der „Verdammten dieser Erde“ (F. Fanon).
Der Westen kann im Lichte seiner unermesslichen Verkommenheit Buße nur dadurch leisten, dass die in ihm eingewachsenen Völker als Abstammungs- und Traditionsgemeinschaften ausradiert, die Industrie zerstört, die bürgerliche Kleinfamilie an den Rand gedrängt sowie Leistungsstreben, Ordnungssinn und individuelle Verantwortung durch einen öko-sozialistisch angehauchten Betreuungsstaat abgelöst werden. Wer gegen den Buntheitskult opponiert, dem wird sogleich aus den Schaltstellen der woken Infiltration attestiert, dass er Desinformation verbreite und ein Faschist sei. Bezahlen darf man solche Urteile als Steuerzahler selbst, und das nennt sich dann „Öffentlich-rechtlicher Rundfunk“ und „Demokratie leben!“ Wer immer noch nicht pariert, dem wird das Bankkonto gekündigt und er bekommt Einträge in den Meldestellen „Antifeminismus“ und „Antimuslimischer Rassismus“.
Soweit zum politischen Elend der Gegenwart. Der Komponist und Publizist Tom Sora hat mit seinem höchst aktuellen Werk „Linke Intellektuelle im Dienst des Totalitarismus“ (2024), das sich auf das Weltbild des Künstlers John Cage fokussiert, eine bestechende Vorgeschichte dieser links-woken Horrorstory vorgelegt. In seinem Werk, das auf einem bürgerlich-liberalen Wertefundament mit konservativem Einschlag aufruht, geht Sora wesentlich weiter zurück als zu der Neuen Linken und den Wegbereitern des postmodernen Denkens in den 1960er und 1970er Jahren. Darin liegt die Innovativität des Buches: Neue Linke und Postmoderne stellen zwar den Ausgangspunkt der heutigen Woke-Bewegung dar, indem seit sechzig Jahren zunehmend die Weltsicht ehemaliger Hippies, Steine-Schleuderer, Barrikaden-Bauer und Pädophilie-Verharmloser sowie die antiaufklärerischen und freiheitsfeindlichen Thesen von Foucault- und Derrida-Adepten zentrale Institutionen wie Medien, Staatsapparat, Parteien und Kulturbetrieb infiltriert. Sora zeigt jedoch anhand von Schriften künstlerischer Bewegungen seit dem 19. Jahrhundert, dass der Wokeismus unserer Gegenwart auf einer regelrechten Tradition der Zerstörung der bürgerlichen Gesellschaft, der Sprache, der Familie, der Marktwirtschaft aufruht. Inspiriert durch Sozialisten und Kommunisten, von Saint Simon über Lenin bis hin zu Gramsci, verstanden sich bedeutende linke künstlerische und intellektuelle Strömungen zumeist als Avantgarde, der es aufgegeben ist, das Volk von kapitalistischen Verblendungen zu befreien und zur richtigen Gesinnung zu erziehen. Ziel war, gut marxistisch, der „kollektive Mensch“ sowie die Auslöschung von Individualität, Subjektivität, bürgerlicher Tatkraft und Verantwortung.
Denkschemata sprengen
Sora hat in seinen frühen Lebensjahren selbst die drückende Gewalt des rumänischen Kommunismus erlebt – diese biographische Erfahrung mag den Blick für dessen bis in die Gegenwart hineinreichende Folgen stark geschärft haben. Die Lehre des Kommunismus laufe dabei, so Sora, auf jenen totalitären Kollektivismus hinaus, der auch für Faschismus und Nationalsozialismus kennzeichnend ist. Der Umstand, dass Faschismus und Kommunismus „Zwillinge“ seien, legt Sora unter anderem an der Wandlung Mussolinis vom Sozialisten zum Faschisten dar. Wie sehr als „links“ geltende Kunstprogrammatiken von faschistoidem Gedankengut beeinflusst wurden, zeigt Sora anhand des Manifests des Futuristen Tomasso Marinetti auf. Dessen Verherrlichung von anti-bürgerlicher Zerstörungswut, Gewalt, Krieg und „Welt-Hygiene“ beeinflusste Dadaismus, Performancekunst und Konstruktivismus. Der einflussreiche Surrealismus André Bretons baut, so zeigt uns Sora, auf der morbiden Faszination für die stalinistische Gewaltherrschaft auf. Nationalsozialismus und Kommunismus hätten im Sozialismus ihre gemeinsame Wurzel: Der eine ist ein nationaler, der andere ein internationaler Sozialismus.
Immer wieder sprengt Sora in seinem Buch das allzu simple, zeitgeistige Denkschema aus „links = gut“ und „rechts = böse“. Das ist ungemein wohltuend in der vermieften, auf eingefahrenen intellektuellen Schienen laufenden Diskurslandschaft unserer Gegenwart. Die Figur „John Cage“ dient Sora schließlich dazu, die Totalitarismen, die Widersprüche, die Doppelmoral des links-totalitären Denkens in seiner Gesamtheit offenzulegen – eine hermeneutische Operation, die an manchen Stellen der Figur John Cage vielleicht zu viel der Verantwortung, möglicherweise auch zu viel der Ehre aufbürdet.
Werfen wir zunächst – einen von Soras Darstellung unabhängigen – Blick auf den Künstler John Cage. John Cage, 1912 in Los Angeles geboren, 1992 in New York gestorben und spätestens seit den 1950er Jahren bestens vernetzt mit der Kunstszene seiner Zeit – etwa mit Robert Rauschenberg, Jasper Johns, Merce Cunninghan – ist mit Komponisten wie Arnold Schönberg, Alban Berg oder György Ligeti als Vertreter der Neuen Musik in die Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts eingegangen. Bei allen Differenzen liegt dem Wirken der Neuen Musik, wie auch anderen Kunstformen des 20. Jahrhunderts, ein gemeinsames Motiv zugrunde: das Sprengen von Grenzen und die Auflösung bislang geltender künstlerischer Maßstäbe.
John Cage trieb dies bekanntlich besonders weit: So geht es in seinem Werk um die Auflösung von harmonischer Tonalität, um das Schleifen der Grenzen zwischen Kunstwerk und Publikum, zwischen Komposition und Umgebungsgeräuschen, der Einsatz von Aleatorik beim Komponieren, die Ausdehnung der Instrumente hin zu Alltagsobjekten wie Gummi, Holz, Schrauben, Kisten, Radiosendungen, Badewannen. Auf Partituren wird mitunter verzichtet, ebenso wie auf feste Tonhöhen, und die tonale, personale und kompositorische Entgrenzung wird folgerichtig mit einer beliebigen Freiheit für den Interpreten kombiniert, über den der Komponist als genialischer Schöpfer keine Macht mehr ausüben können soll. Während es das herkömmliche Konzept von Musik beinhaltet, den Zuhörer durch die Gestaltung einer Klangfolge in Stimmungszustände wie Trauer, Erstaunen, Freude, Angst, Aufregung oder inneren Frieden zu versetzen, setzt Cage in seinem Werk auf die radikale Präsenz der jeweiligen tonalen Folge oder besser: des „Geräuschs“, das er seit den 1950er Jahren in das Zentrum seines akustischen Schaffens stellte.
An seinem Werk „Water Walk“, aufgeführt für eine US-amerikanischen TV-Show im Jahr 1960, lässt sich dies gut verdeutlichen. Cage malträtiert die Seiten eines Klaviers mit einem Plastikfisch, lässt dampfende Kochtöpfe zischen, produziert Klänge mit Eiswürfeln, Gummienten und Gießkannen. Im Hintergrund ist zu hören wie das Publikum immer wieder überrascht, mitunter leicht abfällig lacht – als handele es sich bei der Performance um einen misslungenen Sketch. Genau dieses pejorative Lachen wird zu einem Bestandteil der flüchtigen akustischen Präsenz, die sich in der Darbietung spontan einstellt und ebenso spontan vergeht. Dem Wirken von John Cage liegt damit eine Vorstellung zugrunde wie sie in den religiösen Weltanschauungen des fernen Asiens verkörpert ist. Das, was Cage als „Geräusche“ ausweist, soll das Subjekt nicht mehr an seine Affekte binden, sondern vielmehr die Subjektivität und seine, wie es im Buddhismus heißt, „Anhaftungen“ auflösen: Denken wir an Siddartha Gaudamas Lehre vom Nirvana, das den Kreislauf aus Leiden, Krankheit, Alter und Tod beseitigen soll.
Ins Extrem getrieben wird das Konzept der akustischen Präsenz in Cages berühmtestem Werk „4‘33“. Es besteht aus 4:33 Minuten Stille und wird nur durch das Öffnen und Schließen des Klavierdeckels in drei Sätze unterteilt. In „4‘33“ werden Komponist und Interpret in ihrer subjektiven Schöpfungskraft irrelevant und begeben sich in die Unmittelbarkeit des akustischen Augenblicks: Das ‚Stück‘ wird ununterscheidbar vom Publikum und der physikalischen Umwelt, die mit jedem Hüsteln, jedem Scharren, jedem Rutschen, jedem Lufthauch zu einem Bestandteil der Aufführung wird. So betrachtet steht die Figur John Cage für die Übersetzung des Weltbildes der Meditation – der Verankerung des Leibes und des Geistes in der sinnlichen Präsenz des Hier und Jetzt – in eine künstlerische Praxis. Sie weist damit voraus auf die Indien-Besessenheit, die für die Neue Linke in den 1960er Jahren charakteristisch werden sollte: Von Donovan über Mike Love bis hin zu den Beatles ließen sich westliche Popstars von Yogi-Meistern in transzendentaler Meditation schulen. Viele Kommunarden aus wohlhabenden Industriegesellschaften, deren höchstes geistiges und soziales Streben darin bestand, befreit ohne Klotür zu leben, taten es ihnen nach.
Zerstörungswut, Entgrenzung, Doppelmoral
Man könnte es Soras Buch ankreiden, auf eine wohlwollende Rekonstruktion dieses wesentlichen inneren Motivs des Werkes von John Cage, das sicherlich eine eigene künstlerisch-spirituelle Dignität aufweist, verzichtet zu haben und sogleich zur Kritik am politischen Weltbild des Komponisten übergegangen zu sein. Genau dies ist aber auch dringend notwendig, wie die Summe an Material, die Sora vor dem Leser ausbreitet, eindrucksvoll zeigt. Was in der Sphäre spirituell angehauchten Künstlertums in einer freien Gesellschaft seine vollkommene Berechtigung hat, wird brandgefährlich, wenn man es unbesehens auf die Sphäre der Politik überträgt. In größter, manchmal überreicher Detailschärfe zeigt Sora anhand einer Fülle von Schriften und Stellungnahmen wie Cage den Massenmörder Mao verehrte, die Familie als identitätsstiftende Keimzelle und Völker als nationale Beziehungsgefüge auflösen, konsistente Kommunikation und Sprache zerstören sowie das bürgerliche Leistungsprinzip und individuelle Verantwortung abschaffen wollte. Dass Cage dafür eintrat, das Geld abzuschaffen, aber mit Auftritten und Lehraufträgen zum Millionär wurde; dass er Familien empfahl, in Wohngemeinschaften in Schichten zu schlafen, aber in seinen späteren Jahren in einem großzügigen New Yorker Loft wohnte, weist voraus auf die Herrschaft der Doppelmoral, die der links-woken Diskurshegemonie unserer Gegenwart so penetrant zu eigen ist.
Cage trachtete gleichsam danach seine zentralen künstlerischen Impulse in die Sphäre der Politik zu übertragen – die Entgrenzung der Musik bis hin zu ihrem Aufgehen im Lärm, das Fortschreiten des Lebens in einer Folge unverknüpfter, situativer Präsenzen, die radikale Abstraktion von schöpferischer Subjektivität, die Entbindung der Sprache von syntaktischer und semantischer Kohärenz. Ein solches Programm muss freilich in der Zerstörung der bürgerlichen Gesellschaft münden – und so auch die Vorbedingung einer freien Kunstszene, von der Cage Teil war, unterminieren. Demokratie funktioniert nur mit verantwortlichen Subjekten, mit garantierten Grundrechten im Rahmen konsistenter juristischer Systematiken, mit marktwirtschaftlich erzeugtem Wohlstand, der den ökonomischen Spielraum für bisweilen abseitig wirkende Künstlergruppen zuallererst entstehen lässt. Der freie künstlerische Ausdruck, die Verwegenheit des Denkens und Gestaltens, das so manchem Künstler zu eigen ist, hat die bürgerliche Liberalität zur Grundlage. Wer der Demokratie den verantwortlichen Bürger, der Marktwirtschaft den tatkräftigen Unternehmer, der Wissenschaft und dem Bildungswesen die logische Kohärenz nimmt, wer in Gefolgschaft des Dadaismus die Sprache zerstören will, der produziert, so zeigt uns Sora, nur eines: eine beliebig formbare Menschenmasse.
Nur unter der Bedingung einer grundsätzlich freien Gesellschaft konnte sich das Weltbild von Cage und seiner Künstlerfreunde folgenreich in unserer Gegenwart niederschlagen – konzentriert und angereichert durch den Missbrauch der Universitäten im Gefolge des Siegeszugs der Postmoderne, deren Propheten Derrida und Foucault rund 20 Jahre nach Cage geboren wurden und die seit den 1950er und 1960er Jahren ihre höchst einflussreichen, radikal relativistischen, symbolfixierten und realitätsbefreiten Theorien ausarbeiteten. Das späte Erbe von Cages künstlerischer Vision der Entgrenzung ist denn auch die Auflösung der Geschlechtergrenzen, wie sie in der totalitären Trans-Agenda, die mittlerweile auch die Allerjüngsten in ihre Fänge nimmt, zum Ausdruck kommt; es ist aber auch die extremistische Migrationsagenda, die auf die Auflösung nationaler Grenzen abzielt und den angeblich dominanten Kulturen und Völkern des Westens ihre schützenswerte Distinktheit rauben möchte; es ist zudem die anti-bürgerliche Leistungsfeindlichkeit, die für ein Milieu, in dem Kunst nicht mehr zwingend von Können kommt, psychisch funktional ist: Wer sich mit anderen nicht misst, weil „Leistungsdruck“ böse ist, muss sich nie mit dem Empfinden eigenen Unvermögens oder Lernpotentials auseinandersetzen, das möglicherweise einsetzt, wenn man mit den eigenen Kompositionen an der Meisterschaft von Bach, Beethoven, Mozart Maß nimmt.
Eines ist sicher: Eine freie Gesellschaft findet sich nicht auf dem Pfad
Wer alle Maßstäbe der Kunstbewertung hinter sich lässt, kann sich stets ungehemmt Spitzenklasse attestieren, wie Sora im Schlusskapitel seines Buches zeigt. Der Weltsicht von Cage und viele seiner Künstlerkollegen scheint denn auch das Ressentiment eingeschrieben, das sich in der Gegenwart in semi-kriminellen Pädagogik-Konzepten wie dem „Schreiben nach Gehör“ bei wehrlosen, ihren erwachsenen Bezugspersonen bedingungslos vertrauenden Grundschulkindern manifestiert. Angesichts der Banalität von manchen Kunstwerken Cages, scheint die Abwertung des Leistungsstrebens geradezu die psychische Vorbedingung für die Pflege des eigenen Dilettantismus, den auch Cages Bekannter Cy Twombly mit seinen infantilen Plastiken kultivierte.
So viele politische Gefahren sich an dem Werk von John Cage auch zeigen lassen, so kann Soras Fixierung auf Cage doch dazu führen, Cages persönlichen Einfluss auf die Gegenwart überzubewerten. Vieles was Cage im Bauchladen seiner Überzeugungen mit sich herumtrug, gehörte in linksrevolutionären Künstler- wie Studentenkreisen zur gemeinsam geteilten geistigen Folklore: Die Mao-Anhimmelei, die Kritik an autoritären Verhältnissen in Politik, Familie und Bildungssystem, die Kritik an Konsum und Entfremdung in der Arbeitswelt.
Zum ganzen Bild, das in Soras Darstellung des linken Künstlertums nicht aufscheint, gehört auch, dass westliche Gesellschaften in maßvollen Spuren von den Folgen der Künstlerkritik profitieren konnten: von einem größeren Maß an Bewusstsein für unsere natürlichen Lebensgrundlagen, von freieren und spontaneren zwischenmenschlichen Beziehungen, von einem größeren Gespür für nationale und globale Ungerechtigkeiten. Cage war gewiss kein Dämon, sondern ein Kind seiner Zeit und seines Milieus – womit die destruktiven Übertreibungen und die selbst verschuldete Naivität mit Blick auf totalitäre Systeme, die als gerechtfertigt galten, solange sie nur eine ‚gute Sache‘ vertraten, nicht zu entschuldigen sind.
Eines ist sicher: Eine freie Gesellschaft findet sich nicht auf dem Pfad, den die sozialistischen Avantgarde-Bewegungen sowie John Cage und seine Künstlerfreunde vorgezeichnet haben. Das Künstler-Ressentiment beraubt den Einzelnen wertvoller Erfahrungen der Selbstwirksamkeit: Jene mitunter existenzielle Krise zu durchleben, die es bedeutet, durch das wiederholte Scheitern schrittweise Fortschritte zu machen. Die entgrenzte Gleichmacherei, wie sie in Künstlervisionen à la John Cage zum Ausdruck kommt, hat dramatische Konsequenzen, wenn sie sich einseitig und mit Absolutheitsanspruch geltend macht: Für die Integrität der Demokratie, die auf Bürger angewiesen ist, die, auch im politischen Streit, nachvollziehbar und verlässlich miteinander kommunizieren, für den Wohlstand breiter Bevölkerungsschichten, für das Lebensglück der Einzelnen, die als Freie und Rechtsgleiche ihre Geschicke individuell und kollektiv selbst bestimmen.
Mit Soras tiefenscharfer Analyse des Falles John Cage und seines Milieus ist ein weiterer Hebel geschaffen, um durch einen Blick in die Vergangenheit den woken Irrsinn der Gegenwart als das zu entlarven, was er ist: der Versuch, westliche Gesellschaften zu destabilisieren, ihre Bürger durch das Einpflanzen von Selbsthass und Realitätsentrückung geistig und affektiv zu zersetzen, mit Hilfe Orwellscher Sprachzerstörung eine Politik zu betreiben, die ein skurriles Weltbild mit autoritären Mitteln durchsetzt und die Demokratie ausgerechnet im Namen ihres Schutzes zerstört.
Tom Sora: „Linke Intellektuelle im Dienst des Totalitarismus. Wie die Kunstavantgarde den Weg für die Woke-Bewegung bereitete ‒ das Beispiel John Cage“, 424 Seiten, Solibro Verlag, hier bestellbar.
Foto: Zu sehen ist eine Zeichnung des französischen Philosophen Michel Foucault
Eine weitere Präzisierung scheint mir notwendig: Die hier kritisierten postmodernen Denkfiguren lassen sich vollständig erklären, ohne auf Kunstavantgarden oder künstlerische Bewegungen zurückzugreifen. Die entscheidende Fehlentwicklung ist kein ästhetisches, sondern ein innerakademisches Problem. Der ursprüngliche Konstruktivismus war keine Wirklichkeitsleugnung. Er ging davon aus, dass Menschen ihre Wahrnehmung der Realität konstruieren – in Abhängigkeit von einer real existierenden Welt. Konstruktion bedeutete Deutung, nicht Erfindung. Der Bruch entstand erst dort, wo diese erkenntnistheoretische Einsicht in den Literatur- und Kulturwissenschaften auf Sprache verengt wurde. Aus der korrekten Beobachtung, dass wir Wirklichkeit sprachlich vermitteln, wurde die falsche Behauptung, Sprache erschaffe Wirklichkeit. Damit wurde eine methodische Perspektive unzulässig zu einer ontologischen Aussage verabsolutiert. Der daraus hervorgegangene Satz „alles ist konstruiert, es gibt keine Wirklichkeit“ ist kein intellektueller Fortschritt, sondern ein performativer Selbstwiderspruch: Er beansprucht Wahrheit über eine Wirklichkeit, deren Existenz er zugleich negiert. Dass dieser Widerspruch dauerhaft ausgehalten wird, verweist nicht auf intellektuelle Tiefe, sondern auf funktionale Inkohärenztoleranz. Die heutigen Zustände sind daher weniger das Erbe künstlerischer Entgrenzung als das Resultat eines akademischen Kurzschlusses, der nie korrigiert wurde und sich institutionell verfestigt hat. Die Ursache liegt nicht in der Kunst, sondern in Disziplinen, die Methode und Wirklichkeit nicht mehr sauber unterscheiden.
Links und intellektuell – beides passt mit Blick auf das historisch immer wieder bewiesene Ende linker (= sozialistischer) Politik nicht zusammen. Links ist asozial und geisteskrank, weil gesellschaftszersetzend und – zerstörend.
Ich habe hier einfach ein sehr großes Problem mit dem Begriff „Intellektuelle“, denn das würde für mich Intelligenz voraussetzen. Und diese kann schon nicht wirklich gegeben sein, wenn jemand den radikalen Konstruktivismus bejaht. Es ist kognitive Dissonanz vom Feinsten, wenn man behauptet, es gäbe keine Wirklichkeit, alles sei konstruiert, während einem gerade die eigenen Bücher, die man offensichtlich ohne nennenswerte Folgen für das Gehirn gelesen hat, schmerzhaft auf den Zeh fallen. Die ganze Aufzählung von Unsinn oben beweist schon, dass sie keine Intellektuellen sein können. Sonst würden sie die logische Inkohärenz nicht ertragen, die für sie aber offensichtlich problemlos ist. Wären sie wirklich Intellektuelle, würden sie den Schmerz spüren und die Bruchstellen für sich aufdecken. Allein – dass sie das nicht tun, ist ein Beweis. Möglicherweise können sie gut auswendig lernen, aber der Begriff „intellektuell“ verzieht sich bei ihrem Anblick beleidigt in den Keller und weigert sich, in absehbarer Zeit wieder heraus zu kommen.
@ janblank : Und was aus der Langeweile wird wissen wir….
„Die Mao-Anhimmelei, die Kritik an autoritären Verhältnissen in Politik…“ Wie man den Massenmörder Mao anhimmeln konnte, wenn man angeblich gegen alles Autoritäre war, wird für immer das Geheimnis seiner Jünger bleiben. Wes Geistes Kind diese tatsächlich waren, konnte man sehr gut in der Corona-Zeit bei einem gewissen süddeutschen Ministerpräsidenten und „Ex-Mao-Anhänger“ erleben, der seiner Phantasie freien Lauf ließ Richtung Autoritarismus. Ich habe früher das mit der Mao-Verehrung nie so ernst genommen, was jedoch ein Fehler war. Die entsprechenden Denkstrukturen sind bei solchen Leuten fest eingebrannt wie es scheint, und sorgen noch nach Jahrzehnten für antidemokratische Ausfälle.
Vierzig Jahre hier, siebzig andernorts haben es bewiesen, Gleichschalterei und Sozialismus funktionieren nicht. Das heißt aber nicht das jetzige System hätte einen Vorteil. Es ist nur damals übrig gebleiben, und siecht nun daher.
Die politische Topologie ist ein Doughnut, sprich Torus. Die rechten Putin-Liebchen klingen wie westdeutsche Linke vor dem Mauerfall. Die Grünen haben ihr Herz für Waffen, Pharma, Waldrodung und billige importierte Arbeitskräfte entdeckt. Und von der politischen Mitte will ich gar nicht reden. Wir können uns nur selbst retten, wenn wir das Arbeitspferd der zuvor genannten politischen Lager zerstören, den Sozialstaat.