Nach den Ausflügen der letzten Monate in die 60er und sogar 50er Jahre, gibt es jetzt im Mai mit „Fly Like an Eagle“ von der Steve Miller Band endlich wieder eine fünfzigjährige Schallplatte aus den Siebzigern. Viele verbinden mit Steve Miller den Song „The Joker“. Als er damit 1974 den Durchbruch schaffte, blickte er jedoch bereits auf eine zehnjährige Laufbahn als professioneller Musiker und ganze acht Alben zurück. Aber von vorne.
Steve Miller wurde 1943 in Milwaukee, Wisconsin geboren und kam durch seine Eltern schon früh zur Musik. Zu ihren engsten Freunden gehörten der legendäre Gitarrist Les Paul und seine Ehefrau und Musikpartnerin Mary Ford, die sich die Millers auch als Trauzeugen ausgesucht hatten. Als der kleine Steve auf die Welt kam, wurde Les Paul sein Taufpate. Als Kind lernte er von dem Virtuoso, nach dem eine der berühmtesten E-Gitarren benannt ist, seine ersten Gitarrengriffe.
1950 zogen die Millers nach Dallas, Texas. Dort gingen bei ihnen Leute wie Charles Mingus, T-Bone Walker oder der Jazz-Gitarrist Tal „Octopus“ Farlow ein und aus. In einem Interview erzählte Steve Miller, dass er von T-Bone Walker höchstselbst darin angeleitet wurde, wie man die Gitarre mit den Zähnen oder hinter dem Kopf spielt. Spätestens nach dieser Lektion konnte es dann endlich losgehen, und der junge Steve gründete Mitte der 50er Jahre seine erste Schulband.
Anfänge in Chicago
Anfang der 60er Jahre kehrte Steve Miller nach Wisconsin zurück, um ein Studium der vergleichenden Literaturwissenschaft aufzunehmen. Während eines Auslandssemesters in Kopenhagen fasste er den Entschluss, sein Leben der Musik zu widmen und verließ die Universität kurz vor seinem Studienabschluss. Nach seiner Rückkehr in die USA ging er schnurstracks nach Chicago, um sich der dortigen Blues-Szene anzuschließen.
Zunächst betätigte sich Miller als Sessionmusiker für den Mundharmonika-Virtuosen Paul Butterfield und jammte mit Blues-Legenden wie Muddy Waters, Howlin' Wolf, James Cotton und Buddy Guy. Nach einer Weile zog es ihn wieder nach Texas, wo er mit dem Gedanken spielte, sein Studium doch noch zu beenden. Aber als ihm sein Vater einen VW-Bus schenkte, packte ihn das Reisefieber, und er machte sich auf den Weg nach San Francisco.
Schnell fand er Anschluss an die dortige Musikszene und gründete schon bald die Steve Miller Blues Band, mit der er extensiv in und um San Francisco auftrat. 1967 nahmen sie sowohl beim Magic Mountain Festival als auch beim Monterey Pop Festival teil. Noch im selben Jahr unterschrieben Miller und seine Band einen Plattenvertrag bei Capitol Records und reisten Anfang 1968 über den großen Teich nach England, um ihr erstes Album aufzunehmen.
Später Durchbruch mit „The Joker“
In London arbeiteten sie mit dem Toningenieur und Produzenten Glyn Johns zusammen, der bereits bei The Who und den Kinks am Mischpult saß und etwas später die Rolling Stones und die Beatles aufnahmetechnisch betreuen sollte. Das Debütalbum „Children of the Future“ erschien noch im Frühsommer 1968 unter dem gekürzten Namen Steve Miller Band. Das Wort „Blues“ hatten sie auf Anraten des Beatles-Produzenten George Martin weggelassen.
Mit echtem Blues hatte das Ganze ohnehin nicht mehr viel zu tun; eher eine Art psychedelischer Rock mit Anleihen bei Pop, Folk und Blues. Mit dabei war damals übrigens auch der Gitarrist und Sänger Boz Scaggs, der die Band nach dem zweiten Album verließ und eine erfolgreiche Solokarriere startete. Es folgte Album auf Album unter wechselnden Besetzungen, aber erst der Song „The Joker“ vom gleichnamigen achten Album von 1973 sollte den Durchbruch bringen.
Im Frühjahr 1974 erreichte die Single von „The Joker“ den ersten Platz der US-amerikanischen Billboard-Charts. Sechzehn Jahre später sollte das Lied durch eine Levi's-Werbung ein noch erfolgreicheres Comeback erfahren. So stand „The Joker“ im Jahr 1990 an der Spitze gleich mehrerer europäischer Hitlisten. Im Übrigen werden in seinem Text mit „Space Cowboy“, „Gangster of Love“ und „Maurice“ einige Titel früherer Songs der Steve Miller Band zitiert.
Höhenflug in der zweiten Hälfte der 70er
Einige Selbstzitate musikalischer Art sollten sich auch in späteren Songs der Band wiederfinden. So erinnert etwa das Gitarren-Riff von „Fly Like an Eagle“ von 1976 schon sehr an jenes von „My Dark Hour“, das bereits sieben Jahre zuvor erschienen war. Nichtsdestoweniger gehört „Fly Like an Eagle“ zu den absoluten Highlights im Portfolio des Amerikaners mit der sympathischen Stimme, die zu den angenehmsten in der gesamten Rockmusik zählt.
Der Song war dann auch Namensgeber für das neunte Album, auf dem Miller seine Musik erstmals mit futuristischen Synthesizer-Klängen anreicherte. Dementsprechend beginnt die Scheibe auch gleich mit dem sphärischen „Space Intro“, welches dann nahtlos in den Titelsong übergeht, in dem immer wieder spaciges Synthie-Gewaber durchschimmert. So wie auch bei der darauffolgenden indisch-angehauchten Ballade „Wild Mountain Honey“ oder dem bluesigen „Sweet Maree“.
Die weiteren Highlights des Albums sind für mich dann noch die beiden Singleauskoppelungen „Take the Money and Run“ und „Rock'n Me“. Letzteres sollte Miller seinen zweiten Nummer-eins-Hit in den USA und seinen ersten in Kanada bescheren. Das Anfangsriff des Stücks klingt entfernt nach dem von „All Right Now“ von der britischen Rockband Free und ist, laut Miller, eine Reverenz vor deren Gitarristen Paul Kossoff, der im Frühjahr 1976 verstorben war.
Der Absturz
Der Höhenflug der Steve Miller Band sollte sich auch noch mit dem nachfolgenden Longplayer „Book of Dreams“ aus dem Jahr 1977 weiter fortsetzen. Darin enthaltene Songs wie „Jet Airliner“, „Swingtown“ oder „Jungle Love“ zählen zu den bekanntesten Liedern und größten Hits der Gruppe. Im Jahr darauf erschien dann das blaue Kompilationsalbum „Greatest-Hits 1974-78“ mit dem ikonischen Pferdekopf-Logo.
Mit fünfzehn Millionen Exemplaren avancierte die Scheibe zu einer der meistverkauften Schallplatten in den USA. Die Steve Miller Band war nun ganz oben angekommen. Aber wer hoch fliegt, kann auch wieder tief fallen. Und so folgte mit Beginn der Achtzigerjahre der jähe Absturz. Darüber kann auch nicht hinwegtäuschen, dass Miller 1982 mit „Abracadabra“ noch den größten Hit seiner Karriere landen konnte.
Doch weder das gleichnamige Album noch alles, was danach kam, reichte auch nur im Mindesten an das heran, was die Steve Miller Band während ihrer großen Zeit in der zweiten Hälfte der 70er Jahre vollbracht hatte. Eben noch auf dem Höhepunkt, wurde es sehr schnell sehr still um Miller und seine Band. Was war passiert? Wie konnte das geschehen? Oftmals wird als Erklärung Millers Enttäuschung über das Musikbusiness angeführt.
Rückzug aus der Öffentlichkeit
In der Tat hatte sich Miller in den Achtzigern immer mehr aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Er gab nur noch sporadisch Konzerte. Manchmal nur eines im Jahr. War er nach seiner Hochphase, die ja relativ spät in seiner Karriere einsetzte, kreativ ausgeblutet? Oder war es vielleicht eine Mischung aus Desillusionierung und Erschöpfung? Es hieß, Miller habe es auch genervt, dass das Publikum immer nach denselben Songs verlangte.
Aber so ist das halt nun mal im Showbusiness! Wer will vom guten alten Ralph McTell schon etwas anderes als seinen Klassiker „Streets of London“ hören? Jedenfalls erschien nach zwei weiteren, eher belanglosen Platten und einem Soloalbum 1993 das vorläufig letzte Album der Steve Miller Band. Erst in den Jahren 2010 und 2011 konnte sich der müde gewordene Altstar wieder zu zwei neuen Alben aufraffen.
Im Jahr 2016 wurde Miller als Solokünstler in die Rock and Roll Hall of Fameaufgenommen. Die Pressekonferenz im Umfeld der Ehrung nutzte er jedoch dazu, der Foundation ans Bein zu pinkeln. Er bezeichnete die Verantwortlichen als Geizhälse, weil sie nur ihn und nicht die ganze Band kürten, und warf ihnen vor, sich vor den Ausgaben für die Spesen drücken zu wollen. Steve Miller ist heute zweiundachtzig Jahre alt und lebt mit seiner vierten Frau in Sun Valley, Idaho.
Beitragsbild: Capitol Records - eBay itemphoto frontphoto backumwatermarked copy of photo, Public Domain, via Wikimedia Commons

Lieber Herr Scheuerlein,
Sie haben Schuld daran, dass ich die LP „Fly like an eagle“ nach Jahrzehnten wieder aus meiner Plattensammlung herausgeholt und aufgelegt habe.
WAHNSINN!
Um es ganz plump – aber begeistert – auszudrücken!
Danke!
Die Platte kostete damals 12.80 DM.
Ich werde heute von einigen Menschen belächelt, weil ich meine recht umfangreiche Platten- und CD- Sammlung – nicht wie viele meiner Mitmenschen – nicht in den Keller oder gar den Müll verbannt habe und dadurch Platz für anderes schaffe.
Ich könnte das doch alles viel einfacher haben.
Will ich aber nicht!
Ich brauche das Haptische!
Auch die LP von Phil Ochs (All the news that’s fit to sing) habe ich neulich auf Grund Ihres Beitrags wieder nach Jahrzehnten aufgelegt.
Erworben im August 1977 für 8.90DM.
Ich freue mich auf weitere Ihrer Rückschritte in die Vergangenheit!
SH aus S-H
Klasse Musik, die mich über mehr als 50 Jahre meines Lebens begleitet hat. „i really love your peaches, wanne shake your tree (the jocker) . Mehr Matcho geht nicht.
„The Joker“ war damals ein Knaller
und ist es auch heute noch.
Ich hatte mir 1977 das Album
„Book of Dreams“ gekauft.
Unbedingt mal reinhören:
„Wish Upon a Star“.
Da stimme ich uneingeschränkt zu. Das gesamte Album Fly like an Eagle ist ein Meisterwerk. Was mir heute noch besonders gefällt, das das durchläuft in einander übergeht wie ein Mixtape. Keine einzige Note zu viel und keine zu wenig.