Robert von Loewenstern / 29.01.2019 / 11:45 / Foto: Udo Grimberg / 36 / Seite ausdrucken

Lieber Markus Lanz, reden wir über Narrative

Lieber Markus, ich sag jetzt einfach mal Du, denn Du duzt ja auch jeden, gefühlt zumindest. Gut, „jeden“ ist vielleicht ein bisschen übertrieben, real ist es wahrscheinlich höchstens ein Drittel Deiner Gäste, mit dem Du duzkumpelst. Vielleicht sogar nur ein Viertel. Und da sind wir auch schon mittig im Thema, dem Auseinanderklaffen von gefühlter Wirklichkeit und wirklicher Wirklichkeit. 

Es geht um „Narrative“, wie man auf Neudeutsch die Kurzfassungen von Ereignissen, Abläufen und Zusammenhängen nennt. Genauer um die Unterscheidung zwischen richtigen und falschen Narrativen. Die thematisierst Du regelmäßig in Deinen Sendungen, das liegt Dir am Herzen, wie Du immer wieder beteuerst. Und weißt Du, was? Ich nehme Dir das ab.

Du bist schließlich einer der hartnäckigsten Nachfrager im öffentlich-rechtlichen TV, auch wenn Deine Nachfragereien öfter mal zum Ritual verkommen und dann ziemlich nerven können. Trotzdem, Du hast Deine unbestrittenen Verdienste. Ich rechne Dir zum Beispiel hoch an, dass Du gegen den Medien-Mainstream frühzeitig und häufig explizite Kritiker des Merkelismus ausführlich zu Wort kommen ließt. Und wenn ich mich recht erinnere, bist Du sogar der Entdecker von Robin Alexander als TV-Star. 

Gut, Du stellst auch durchgeknallte Selbstdarsteller wie Hajo Schumacher als ernstzunehmende „Politikerklärer“ vor. Aber ich will da nicht überkritisch sein. Eine lobhudelnde Einleitung für jeden noch so irräugigen Gast gehört bei Dir zum Konzept. Das sorgt für gute Stimmung, Wohlwollen und Offenheit beim Teilnehmer. Aus dieser Grundhaltung kann sich was entwickeln, potenziell mehr als in so manch anderer Sprechstunde. 

Reden wir über Narrative

Kurz: Ich sehe Dich als journalistischen Kopf, der sich bei allem Entertainment ernsthaft um Aufklärung und Wahrheitsfindung bemüht. Das klappt so manches Mal. Und manches Mal leider gar nicht. Zum Beispiel letzte Woche. Da hast Du Dir nämlich gleich an zwei aufeinanderfolgenden Tagen ein paar heftige Klopper geleistet, narrativ-technisch gesehen.

Darüber können wir, bei aller Sympathie, nicht einfach so hinweggehen. Zu den USPs der Achse gehört schließlich, dass sie quasi ehrenamtlich das ausbügelt, was der bezahlte Journalismus an Kernaufgaben nicht mehr wahrnimmt. Also, lass uns mal ganz offen über falsche und richtige Narrative reden – und ich sag’s gleich vorab: Es wird etwas ausführlicher. So ist das nun mal, wenn man sich ernsthaft um die Wahrheitsfindung bemüht. Aber ich denke, das solltest Du eigentlich verstehen und gutheißen, Du nimmst Dir für Deine Gäste ja auch eher viel Zeit.

Fangen wir beim letzten Dienstag an. Dein Set-up für den bunten Teil war super: eine olympisch legitimierte Sport-Lesbe mit Drillingen und ein weltberühmter Musikproduzent. Besser geht kaum. Im vorderen Teil, dem politischen, haperte es. Da hattest Du einen längst vergessenen SPD-Problembären und einen farblosen „Stern“-Schreiber. Kann passieren, ohne Frage, die richtigen Leute haben zur richtigen Zeit halt nicht unbedingt die richtige Zeit. Ich will, wie gesagt, nicht überkritisch sein.

Vokuhila und der Weißmaler

So kam es, dass Kurt Beck, der letzte stolze deutsche Vokuhila-Träger, und Walter Wüllenweber, der … ja, was eigentlich? Stimmt, der hatte letztes Jahr ein Buch namens „Die frohe Botschaft“ veröffentlicht, für das er nun schon zum zweiten Mal bei Dir Werbung machen durfte. Das ist insofern bemerkenswert, weil Wüllenweber bereits beim Besuch im Oktober mit diversen Falscherzählungen aufgefallen war, die er ungehindert bei Dir verbreiten durfte. Die frohe Botschaft des Weißmalers: Alles ist gut und wird immer noch besser. Und alles, was nicht zur Botschaft passt, wird ignoriert oder passend gemacht.

Nach einigem Hin und Her mit Beck und Wüllenweber über Brexit, politische Systeme und durch Medien erzeugte Wahrnehmungsstörungen und Vertrauensverluste beim Volk zogst Du, lieber Markus, Deinen Trumpf aus dem Ärmel (hier ab 20:28): 

„Es gibt eine interessante Umfrage zur Wahrnehmung sozialer Realitäten. Herr Beck, der Anteil von Migranten an der Gesamtbevölkerung, wie groß ist der, was schätzen Sie?“

Nach den Ratereien der Gäste löst Du auf: „Die meisten Leute in Deutschland glauben, ungefähr bei 30 Prozent liegt dieser Anteil.“ Wüllenweber darf das vermeintliche statistische Faktum beisteuern: Danach liegt der Migrantenanteil in Deutschland nur bei der Hälfte, also 15 Prozent. Zum Beweis der generellen deutschen Wahrnehmungsstörung setzt Du nach mit einer zweiten Testfrage: „Wie viele Bundesbürger islamischen Glaubens gibt es? […] In der Umfrage sagen die meisten, es sind 20 Prozent.“ Auch hier darf Wüllenweber den Faktenhuber geben: Real sind’s nur vier Prozent (laut Studie).

Die Schichten der Wahrheit

Die „gigantische Diskrepanz“ zwischen tatsächlicher und gefühlter Realität liefert Weißmaler Wüllenweber die willkommene Vorlage, sich in Richtung seiner allumfassenden Frohbotschaft vorzuarbeiten: „Wenn wir permanent über Muslime in Deutschland berichten, dann haben die Menschen das Gefühl, davon gibt’s ne ganze Menge […] Die Unterscheidung zwischen der Medienwirklichkeit und der Wirklichkeit fällt den Menschen tatsächlich schwer und immer schwerer.“ Nicht der Muselmann ist also ein Problem, sondern die Berichterstattung über ihn.

Aber was ist denn nun falsch daran? Nähern wir uns, wie es ein Archäologe tut, von oben. Die oberste Schicht, lieber Markus, ist die „Medienwirklichkeit“, die Du mit Deiner Sendung selbst schaffst. Mit den kleineren Fehlern wollen wir uns nicht aufhalten (statt „Bundesbürger“ muss es natürlich „Einwohner“ islamischen Glaubens heißen). Die Wiedergabe der anderen Frage nach dem „Anteil von Migranten an der Gesamtbevölkerung“weist da schlimmere Defizite auf. 

Wie die deutschen Fragen an die Umfrageteilnehmer tatsächlich lauteten, verrät uns das Institut Ipsos, Urheber der internationalen Studie „Perils Of Perception“ (etwa: „Tücken der Wahrnehmung“), zwar nicht. In der untersten zugänglichen Wahrheitsschicht finden wir aber immerhin ein englischsprachiges PDF mit 34 Seiten.

Antwort ist reine Lotterie

Dort wird die Frage nach dem Migrantenanteil wie folgt wiedergegeben (Seite 24): „Q. Out of every 100 people in [COUNTRY] about how many do you think are immigrants (i.e. not born in [COUNTRY])?“ Eine korrekte Übersetzung ins Deutsche wäre zum Beispiel: „Frage: Was glauben Sie, wie viele von 100 Menschen in Deutschland sind Einwanderer (das heißt: nicht in Deutschland geboren)?“ 

An dieser Stelle wird deutlich, dass die Umfrage zwangsläufig eine hohe Abweichung zwischen „wahrgenommener“ und „echter“ Realität produziert. Mit der Definition von „immigrants“ als „nicht in Deutschland Geborene“ entfernt sich die Umfrage von einer Bestandsaufnahme erlebter Wahrnehmung. Sie wird zu einer reinen Wissensermittlung über ein „unsichtbares“ statistisches Merkmal. Wie soll jemand, der einer Gruppe „südländischer“ Jungmänner begegnet, abschätzen können, wie viele davon im Ausland geboren sind?

Antworten darauf sind schlicht nicht geeignet, ein Auseinanderklaffen zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit zu beweisen. Mit ähnlicher Relevanz könnte man fragen: Was glauben Sie, wie viele Ulmer essen gerne Milchreis? Wie viele Atheisten leben in Oberhausen? Wie groß ist der Bundeshaushalt? Entweder der Befragte kennt die jeweiligen statistischen Größenordnungen, oder die Antwort ist reine Lotterie.

Deutsche schätzen sehr gut

Kein Wunder also, dass die Frage nach dem Migrantenanteil unter diesen Umständen bei den hierzulande Befragten eine hohe Abweichung erbrachte: 30 geschätzte Prozent stehen gegen (Ipsos-)reale 15 Prozent. Aber möglicherweise haben die Deutschen gar nicht schlecht geschätzt. Es liegt nämlich ziemlich nahe, dass sie die Frage so verstanden haben, wie es bei uns nicht nur üblich, sondern sogar amtlich festgelegt ist. Nach der Definition des Statistischen Bundesamtes hat eine Person „Migrationshintergrund, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren wurde“.

Mit dieser Definition springt der Migrantenanteil plötzlich von 15 bei Ipsos auf amtliche 25 Prozent„In Deutschland hat knapp jede vierte Person einen Migrationshintergrund […] 59,9 Prozent aller Personen mit Migrationshintergrund lebten 2017 in städtischen, 13,0 Prozent in ländlichen Regionen. […] Mittelfristig wird sich der Anteil der Personen mit Migrationshintergrund weiter erhöhen: Im Jahr 2017 hatten in Deutschland 39,1 Prozent aller Kinder unter fünf Jahren einen Migrationshintergrund – in der Gruppe der 35- bis unter 45-Jährigen lag der entsprechende Anteil im selben Jahr bei 30,9 Prozent […]“

Klar, da sind immer noch 5 Prozentpunkte Abweichung zwischen gefühltem (30 Prozent) und realem (25 Prozent) Migrantenanteil. Diese Abweichung ist allerdings leicht erklärt mit der stark überproportionalen Migrantenpräsenz in Städten und bei jüngeren Bevölkerungsgruppen. Die Schätzung der Befragten in Deutschland war also alles in allem sehr präzise. Überraschend präzise sogar.

Der Ipsos-Spin zieht sich durch

Warum in der Öffentlichkeit das genaue Gegenteil gemeldet wurde, lässt sich bei Betrachtung der zwischen Ipsos-Umfrage und „Markus Lanz“ liegenden Wahrheitsschichten nachvollziehen. Da wären: 1. eine deutschsprachige Ipsos-Pressemitteilung zur Studie, 2. eine Agenturmeldung von AFP mit dem Inhalt der Pressemitteilung, 3. ein „Welt“-Artikel, der die AFP-Meldung wiedergibt.

Bereits in der ersten Stufe, der Pressemitteilung, lässt Ipsos das entscheidende Stück Wahrheit weg, nämlich die eigene Definition von „Migranten“. So generiert das Unternehmen den aufmerksamkeitsfördernden Spin: „Migrantenanteil in Deutschland zu hoch geschätzt – Der Anteil von Einwanderern an der Gesamtbevölkerung wird in Deutschland deutlich zu hoch eingeschätzt.“ In den nächsten beiden Stufen, über AFP zu „Welt“, entfallen auch noch die „Einwanderer“. Übrig bleiben die „Migranten“ und die irreführende Überschrift „Deutsche überschätzen Anteil von Migranten deutlich“

Diese Botschaft, lieber Markus, verkündest Du auch in Deiner Sendung, obwohl sogar das verlorene Stück Wahrheit kurz aufblitzt: „… die nicht in Deutschland geboren sind, das weiß ich zufällig“, wirft Wüllenweber auf Nachfrage von Kurt Beck ein. Die Anmerkung versendet sich, bleibt unkommentiert.

Studie nur zur Hälfte repräsentativ

Ein weiteres wesentliches Stück Wahrheit bleibt komplett außen vor. Man findet es im Kleingedruckten, auf der vorletzten Seite der Ipsos-Studie. Dort verstecken die Macher die Information, dass sie bei ihren globalen Online-Befragungen für fast die Hälfte der „untersuchten“ 37 Länder keine repräsentativen Stichproben erheben konnten. Das hält Ipsos aber nicht davon ab, die nicht-repräsentativen Antworten bei allen Themen munter mit den repräsentativen zu mischen, ohne dies kenntlich zu machen. 

Vollends zur Makulatur werden damit die Rangfolgen und Durchschnittswerte, die Ipsos über 37 Länder hinweg aufstellt – und Feststellungen wie diese in der Ipsos-Pressemitteilung: „Verglichen mit anderen Ländern irren sich die Deutschen sogar überdurchschnittlich oft.“

Sehen wir uns trotz der zweifelhaften Seriosität der Studie noch die zweite Frage an, die nach dem Moslem-Anteil in Deutschland. Nehmen wir sogar an, dass die Ipsos-Zahlen einigermaßen stimmen (20 Prozent Moslems geschätzt, 4 Prozent real). Stören wir uns auch nicht weiter daran, dass Ipsos vor zwei Jahren bei der gleichen Umfrage den Moslem-Anteil noch mit 5 Prozent angegeben hat und er seitdem mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht gesunken ist. Geschenkt.

Haben die Befragten doch recht?

Nehmen wir also an, dass die hiesige Bevölkerung den Anteil der Islam-Gläubigen in Deutschland tatsächlich etwa vierfach überschätzt. Was folgt daraus? Ist das der Beweis dafür, dass die Einheimischen aufgrund übermäßiger Moslem-Berichterstattung auch bestimmte Phänomene maßlos überschätzen? Parallelgesellschaften, kriminelle Familienclans, Polygamie, Zwangsheirat, Frauendiskriminierung, Kinderehen, Antisemitismus, Islamismus, unterdurchschnittliche Bildungserfolge, überdurchschnittliche Transferleistungsbezüge, abnehmende statt zunehmende Integration in der dritten Generation – völlig übertrieben dargestellte Probleme? So geht jedenfalls das Wüllenweber-Narrativ: Alles halb so wild. Beziehungsweise viertel oder fünftel so wild. 

Aber was ist „übermäßige“ Berichterstattung“? Seit wann ist Bevölkerungsproporz und nicht Nachrichtenwert der Maßstab fürs Pressewesen? Liegt nicht die Vermutung näher, dass die Vielzahl der Meldungen über Probleme mit Menschen aus islamisch geprägten Kulturkreisen weder Zufall noch Verschwörung ist, sondern sachliche Gründe hat? 

Die Ipsos-Studie behauptet, die „Fehlwahrnehmungen“ von „sozialen Realitäten“ zu messen. Nur, was gibt die „soziale Realität“ besser wieder: die Anzahl der Problemverursacher oder die Größe des Problems? In unserem Fall spricht einiges dafür, dass die Befragten mit ihrer Überschätzung des Moslem-Anteils die „soziale Realität“ so gesehen gar nicht falsch, sondern eher richtig wahrnehmen: Eine relativ kleine Bevölkerungsgruppe verursacht hierzulande ganz überproportional viele Schwierigkeiten.

Kriminalität? Alles gut.

Eine solche Schlussfolgerung aus den Ipsos-Zahlen fügt sich natürlich nicht ins Wüllenweber-Narrativ. Und so galoppiert er schnell weiter mit der These, das Bedrohungsgefühl decke sich überhaupt nirgendwo mit den Fakten:

„Für mich sind die wichtigsten Beispiele Kriminalität. 

Die meisten Menschen in Deutschland haben das Gefühl, die Kriminalität nimmt zu. In Wahrheit ist es so: Noch nie haben Menschen so sicher gelebt wie die Deutschen heute, auf der ganzen Welt, in der gesamten Menschheitsgeschichte. […] Und wir haben in diesem Sommer ja auch, da gab es ja Fälle, wo Flüchtlinge minderjährige Mädchen umgebracht haben, und wenn wir sehen, der Mord von minderjährigen Mädchen hat sich von den nuller Jahren, also Anfang der zweitausender Jahre zu heute, mehr als halbiert. Das heißt, auf der ganzen Strecke, […] in allen Bereichen finden Sie eine enorme Verbesserung – die Menschen haben das gegenteilige Gefühl.“

Um diese Behauptungen zu widerlegen, muss man nicht in die Frühzeit menschlicher Existenz zurückgehen. Es genügt der Blick ein paar Jahre zurück, als es um Gewaltkriminalität und öffentliche Sicherheit noch objektiv besser stand als heute. Und bei der von Wüllenweber heruntergespielten Kriminalität von „Flüchtlingen“ sieht es besonders übel aus: Bezogen auf alle Straftaten wiesen „schutzbegehrende“ Zuwanderer 2017 gegenüber der Gesamtbevölkerung einen vier- bis fünfmal so hohen Anteil an Tatverdächtigen auf. Bei Straftaten gegen das Leben ist ihr Anteil sogar etwa siebenmal so hoch. 

Bei so viel Wüllenweber-Schönfärberei wurdest Du dann zwar doch etwas unruhig auf Deinem Stuhl, lieber Markus, aber alles in allem konnte der Frohbotschafter vom „Stern“ seine steilen Thesen und selektiven Wahrnehmungen wieder einmal unwidersprochen verbreiten.

Dann noch Varoufakis und Merkel

Ganz ähnlich wie am nächsten Tag Yanis Varoufakis im Gespräch mit Dir und Wolfgang Bosbach. Mehrfach betonte der griechische Ex-Finanzminister, er als Vertreter des stolzen griechischen Volkes habe ja überhaupt gar nichts vom stolzen deutschen Volk haben wollen, ganz bestimmt keine Kredite. Da hätte man schon mal anmerken können: Stimmt, Herr Varoufakis, neue Kredite wollten Sie nicht – Kohle wollten Sie jedoch sehr wohl, und zwar nicht geliehen, sondern geschenkt, im Sinne von Schuldenschnitt. Aber das nur am Rande, zur Richtigstellung dieses speziellen Narrativs.

Dafür hast Du, lieber Markus, im Anschluss an das Varoufakis-Gespräch ein ganz anderes angeblich falsches Narrativ im Zusammenhang mit einer vielzitierten Merkel-Aussage „korrigiert“ (hier ab 37:40):

 „…es gibt so viele Dinge, die man heute so leicht manipulieren kann. Es gibt so viele Dinge, die einfach so halbgar im Raum stehen, und das Narrativ, wie man heute sagt, die Erzählung darüber, bleibt dann so. Gibt so ’n anderes berühmtes Beispiel: Angela Merkel, die, glaub ich, kurz nach der Bundestagswahl, nach der letzten, sagte: ,Ich hab mir da eigentlich nichts vorzuwerfen, ich würd’s genau so wieder machen.’

Bosbach wirft korrigierend ein: „Ich wüsste nicht, was ich heute anders machen sollte.“ Du: „… ,ich wüsste nicht, was ich falsch gemacht habe‘, oder ,anders machen sollte‘, genau. Und das ist so ’n Satz, der heute dafür steht, so nach dem Motto, ,Ich muss an meiner Politik eigentlich nichts ändern’, bezog sich aber tatsächlich nur auf den Wahlkampf. […] Das ist auch so 'ne Geschichte, die steht so halbgar im Raum, und die bleibt einfach so stehen […]“

Einmal Merkel komplett

So oder so ähnlich hast Du die Geschichte von der angeblich falsch zitierten Kanzlerin nun schon mehrfach in Deinen Sendungen dargestellt. Schauen wir uns also auch diese Erzählung einmal genauer an, damit sie nicht länger „so halbgar im Raum“ steht. Hier die komplette dreiminütige Frage-Antwort-Sequenz aus der Pressekonferenz einen Tag nach der Bundestagswahl 2017 (ab 23:44 bis 26:47):

Frage: [1] „Frau Bundeskanzlerin, ich möchte Sie auch bitten, noch einmal einen Blick zurückzuwerfen auf den Wahlkampf vor dem Hintergrund der Ergebnisse und der Wählerwanderung zur AfD. [2] Ganz konkret, was haben Sie, als Kanzlerkandidatin, und die CDU vielleicht auch falsch gemacht, was hätte man anders machen müssen?“

Antwort Merkel: [3] „Ich kann nicht erkennen, was wir jetzt anders machen müssten. [4] Ich habe diesen Wahlkampf gut durchdacht, ich hab ihn so gemacht, wie ich ihn gemacht habe, und bin jetzt auch am Tag danach nicht der Meinung, dass ich das anders sehe, als ich‘s gestern oder vorgestern oder vor zwei Wochen gesehen habe. Ich wusste aber – deshalb hab ich ja erst noch mal auf diesen Herbst 2016 Bezug genommen –, dass es ein schwieriger Wahlkampf werden wird, und das Wort Anfechtung hatte ich, glaub ich, bis dahin für mein politisches Leben noch gar nicht ausgesprochen, und genau so ist es gekommen.

[5] Und ich weiß doch auch, dass, ähm, nach der großen Herausforderung, die wir 2015, Anfang 2016 hatten, auch nach vielen Diskussionen, die wir jetzt immer noch über illegale Migration in Richtung Libyen haben, aber auch nach der Situation, die wir in bestimmten ländlichen Räumen oder in bestimmten sozialen Brennpunkten auch in den alten Bundesländern haben, dass diese Probleme nicht alle gelöst sind, und das hat eben dazu geführt, dass die AfD doch erhebliche Stimmen bekommen hat.

[6] Und ansonsten sag ich noch mal, ich werde auch in Zukunft versuchen, nicht immer über die anderen zu sprechen, sondern die eigenen Hausaufgaben, die wir sehr gut sehen, zu machen. Und da werden, wird uns die Globalisierung immer wieder Hausaufgaben aufgeben. Und es ist – ich halte nichts davon, so zu tun, als könnten wir uns eine ideale Welt basteln, in der der Euro eben stabil geblieben wäre, und in der es keine Finanzkrise gegeben hätte, und in der vielleicht auch kein Flüchtling gekommen wäre, sondern es können immer wieder Aufgaben auf uns zukommen, die gar nichts unmittelbar mit uns zu tun haben, sondern die durch die Globalisierung auch uns tangieren, und wir müssen offen sein, diese Aufgaben zu lösen, entsprechend unserem Kompass, entsprechend unserem Grundsatzprogramm, und nicht dauernd darüber klagen, dass nun wieder so ’ne Aufgabe auf uns zukommt. 

Politik ist dazu da, die Dinge zu regeln, und da muss man seine Entscheidungen gut überdenken, und wenn ich, ähm, wir haben jetzt ja in diesen Tagen wieder sehr häufig noch mal über den September 2015 gesprochen, wenn ich mir diese Entscheidung vorstelle und mir die Alternativen vorstelle, zum Beispiel Wasserwerfer an deutschen Genzen einzusetzen, dann komm ich zu der Überzeugung, dass es schwer war, aber dass es, unter dem Strich, immer noch die, ähm, beste und unserem Kompass entsprechendste Antwort war, so zu handeln, wie wir gehandelt haben. Und trotzdem bleibt es eine Aufgabe, von der wahrscheinlich viele sagen, schön wär’s gewesen, wenn wir so was gar nicht erlebt hätten und der syrische Bürgerkrieg gar nicht stattgefunden hätte.“ 

Und sie hat es doch gesagt

Nun zur Analyse: Wenn man die komplette Sequenz auf die Inhalte der (von mir eingefügten) Ziffern [2] und [3] reduziert, ist das eine unzulässige Verkürzung, klar, schon deshalb, weil nicht mehr erkennbar ist, dass sich die Frage auf den Wahlkampf bezieht. So macht es zum Beispiel die AfD hier. Die Manipulation geht in diesem Beispiel noch tiefer, weil sogar die Worte „und die CDU“ herausgeschnitten sind.

Wenn man die Sequenz von [1] bis [4] hört oder liest, dann spricht das für Deine Interpretation, lieber Markus: Marie von Mallinckrodt fragt nach dem Wahlkampf, Angela Merkel antwortet auf die Frage nach dem Wahlkampf.

Wenn man allerdings die komplette Antwort betrachtet, dann sieht die Sache wieder ganz anders aus. Ab [5] wendet sich Merkel von der Kommunikation ihrer Politik (Wahlkampf) den Inhalten und Folgen Ihrer Politik zu, mit [6] holt sie zu einer umfassenden Rechtfertigung ihrer politischen Entscheidungen aus, die dann sogar fast zwei Drittel der gesamten Antwort einnimmt.

Fazit: Die ARD-Korrespondentin fragt nach dem Wahlkampf, Merkel antwortet ausführlich, dass sie nichts falsch gemacht habe und deswegen keinen Änderungsbedarf sehe – weder in der Wahlkampfkommunikation noch in ihrer Politik. Deshalb ist es auch absolut zulässig und korrekt, Merkels ersten Satz stellvertretend für die Gesamtaussage zu zitieren. Dafür spricht nicht zuletzt ihre Formulierung „was wir jetzt anders machen sollten“ – ein Ausblick auf die Zukunft, kein Rückblick auf den beendeten Wahlkampf.

Nebenbei: Das sehe ja nicht nur ich Hansel so, sondern eine Menge gewichtigerer Beobachter, zum Beispiel auch „FAZ“-Herausgeber Berthold Kohler.

Bisschen viele falsche Narrative

Was bleibt? Wie gesagt, ich schätze Dich als Talk-Moderator, lieber Markus, und ich glaube, dass Du Dich ernsthaft um Wahrheit bemühst, ganz bestimmt mehr als viele andere in Deinem Business. Aber letzte Woche lief’s halt auch bei Dir mit der Wahrheitsfindung etwas suboptimal. 

Die halbgare Billo-Umfrage von Ipsos zum Migranten- und Moslem-Anteil, der „Stern“-Mann mit seiner notorischen Wahrnehmungsstörung und den beschönigenden Narrativen zu allem, was wehtun könnte, der Lautsprecher Varoufakis mit der Behauptung, er habe ja nie Kohle von den Deutschen gewollt, und dann noch zum x-ten Mal die Geschichte vom angeblich falsch zitierten Merkel-Spruch – das war einfach ein bisschen viel für zwei Sendungen, fand ich. 

Ich sag’s ja auch nur, weil ich mir vorstellen kann, dass Du Dir die Anmerkungen zu Herzen nimmst. Also, wir sind uns einig: nie wieder Wüllenweber und nie wieder die Story vom Merkel-Zitat, okay?

PS: Falls ich mit meiner Schätzung zum Umfang Deiner Duzereien falsch liege, sag bitte Bescheid. Nicht, dass wir hier auf der Achse auch noch anfangen, falsche Narrative zu verbreiten.

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Ilse Jüngling / 29.01.2019

@Detlef Rogge: Frau E. Herman wurde bei Kerner in konzertierter Aktion mit der Empörungskünstlerin Senta Berger aus der Sendung gemobt.

Susanne v. Belino / 29.01.2019

Seit längerem schon bezahle ich meine Rundfunkgebühren für die Katz’. Ich schaue nicht mehr fern. - Was die spätabendliche Lanz-Talkshow angeht (bei der ich über längere Zeit regelmäßig reinschaute), hatte ich oft den Eindruck, als lauere Lanz geradezu auf eine ganz bestimmte Reaktion seines Gegenübers, eine Reaktion, die einen bei ihm ohnehin schon vorhandenen Eindruck oder gar seine bereits gefasste Meinung nur noch bestätigen sollte. Dazu das sich ständig wiederholende, hektische und unsicher wirkende Hin- und Her-Gerücke mit den Beinen oder gar mit dem ganzen Körper. Dies alles zeugte für mich eher nicht von einer natürlichen Souveränität, die ein routinierter Moderator in jedem Falle ausstrahlen sollte. Wenn sich das hektische Gebaren des Moderators nach einer Weile dann auf mich zu übertragen begann, mich also echt nervte, hatte ich regelmäßig genug. Ich schaltete ab und begab mich mit einem guten Buch zu Bett. - Herrn von Loewensterns Lob für die Lanzsche Moderationsleistung nach zu urteilen, müsste sich inzwischen einiges verändert haben. Für mich war Lanz seinerzeit ein weiterer Vertreter des Mainstreams, der mit allen anderen auf dem Pfad der politischen Korrektheit wandelte.

gerold von wolff-mettersnich / 29.01.2019

Ich denke, dass nicht die Befragten dieser fake-studie falsch lagen, sondern schlicht die offiziellen Bevölkerungszahlen unzutreffend, geschönt oder gefälscht sind. Auf wann datiert die letzte Erhebung? Für den subjektiven Eindruck genügt bereits der Spaziergang durch innerstädtische Einkaufsstrassen von Hamburg über Essen und Köln bis Frankfurt a.M., Mannheim und Stuttgart: Deutsch ist tatsächlich zur Minderheitensprache geworden. Ein Blick auf die gefüllten Stuhlreihen deutscher Universitätshörsäle legt nahe, dass die Sprößlinge migrantischer Milieus den sozialen bzw.  den Bildungsaufstieg zu bewältigen scheinen. Sogar in den Rechtswissenschaften. Bi- oder Trilinlingualität zahlt sich aus, sofern die L2-Kompetenz hoch und Fleiß vorhanden ist. (Ups, wie neo-liberal.)

Martin Rühle / 29.01.2019

Verehrter Herr von Loewenstern, lange Rede, kurzer Sinn: Markus Lanz ist mit seiner naiv-uninformierten Form des Gefälligkeitsjournalismus ein bedeutendes Rädchen der täglichen, systemstabilisierenden Desinformationsfabrik der Mainstream Medien. Seine sympathische, “weltoffene” Art , die scheinbare, Verständnis und Empathie vorspielene, fehlende kritische Distanz zu seinen ” Gästen” sind das ideale Gebräu, die Stammwählerschaft der Altparteien in den verdienten Schlaf zu lullen. Bei “Wetten dass…” ist er krachend gescheitert, in seiner Talkshow erfüllt er seine Aufgabe perfekt ... “Mission accomplished” !!!

H. Volkmann / 29.01.2019

Was machen Leute wie Herr Lanz, Beck, Wüllenweber und Konsortinnen eigentlich, wenn sie im Bett vor dem Einschlafen untätig herumliegen? Denken die nicht einmal ein bißchen nach? Über die Welt, über die Regierung oder was sie so tagsüber gesagt und getan haben? Oder fallen diegleich in den Tiefschlaf, vom dauernden Geldzählen ermüdet bzw. nachdem sie von ihren Bettgenossinnen* ermattet heruntergesackt sind. Sonst ist das doch wirklich nicht zu begreifen, wie die mit leerem Kopf und ohne Hirn durch die Welt spazieren und ohne es zu wissen, die Mehreren der Konsumenten* belügen und verblöden. Wenn sie es bewußt täten, was man fast glauben kann, so muss man ihnen allerdings noch eine rudimentäre Intelligenz zugestehen. Wie Pferde, die mit Scheuklappen und eingeschränktem Blick - dank ihrer Dressur - ja auch dahin laufen, wohin ihr Führer* das will. Wenn man sie frei ließe, so erwiesen sie sich auf der Weide durchaus als lebenstüchtig. Müssten sich aber vielleicht vor den Wölfen in acht nehmen.

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